Andreas H. Drescher

Robinson

Und mitten im Stein begegnet dir diese Silhouette

Ein Kind das sich vorbeugt
Um deine Maserungen
Noch einmal zu sehen

Den Marmor
Nun als F
Unkenflug

Sieben Wochen wartet es nun schon auf seinen Geburtstag

Über den Stein hinweg sehr nah
Und fried
fertiger denn je

Die Versöhnung gleich nach Mittag
Ganz Ohne Umriss
Vor laut

Er……….B…e…f…l…i…s…s…e…n…h…e…i…t

4. Mai 2020 12:32










Hans Thill

Zettel

10. Mai 2020 09:35










Tobias Schoofs

FÜR PETER HEIN

entschuldige wie es hier aussieht
ich bin noch nicht dazu gekommen
den grauschleier wegzuwischen

der über der stadt liegt und immer
darüber gelegen hat ich erinner mich
an die vielen stunden im auto auf

der autobahn als kind man merkte:
es geht voran man merkte: geschichte
geschieht und irgendwann war alles
dicht man wusste nicht wohin am
abend und am morgen und klaute

geschichte aus büchern aus filmen
aus dem leben von anderen leuten
entschuldige wie es hier aussieht

man ist ja ständig am putzen und
trotzdem kommt man irgendwie
nicht hinterher

17. Mai 2020 15:23










Andreas Louis Seyerlein

~

3.12 UTC — Nabo­kov schrieb, er habe mir eine unge­wöhn­li­che Uhr geschickt, ich sol­le ihm notie­ren, sobald sie ange­kom­men sei. Wenige Wochen später erneu­te Fra­ge: Lie­ber Lou­is, ist die Uhr, die ich vor zwei Mona­ten sen­de­te, ange­kom­men? Eine erste Uhr Nabo­kovs lag kurz darauf im Brief­kas­ten, zoll­amt­li­cher Ver­merk: Zur Prü­fung geöff­net. Nun, in diesem seltsamen Mai, habe ich eine weitere Uhr von Nabokov erhalten. Zollamtlicher Vermerk, derselbe. Ich will an die­ser Stel­le bemer­ken, von der Öff­nung des Päck­chens war wiederum nicht die min­des­te Spur zu erken­nen, kein Schnitt, kein Riss, kei­ne Fal­te. Im Päck­chen diesmal eine Schach­tel von rotem Kar­ton, in der Schach­tel Sei­den­pa­pie­re, von Nabo­kovs eige­ner Hand ver­mut­lich zer­knüllt. In wei­te­re Sei­den­pa­pie­re ein­ge­schla­gen, besag­te Uhr, wun­der­ba­res Stück, rechteckiges Gehäu­se, ble­chern, ver­mut­lich Trom­pe­te, wel­ches schwer in der Hand liegt. Kurio­ser­wei­se fehlt auch dieser Uhr das Zif­fer­blatt, wei­ter­hin kei­ner­lei Zei­ger, weder Dioden noch Leucht­zei­chen. Ich ver­such­te das Gehäu­se der Uhr zu öff­nen, erneut ver­geb­lich. Wenn ich auf das Gehäu­se der Uhr Druck aus­übe, öffnet sich am Uhrboden ein schma­ler Schacht, dem, wie zum Beweis der Exis­tenz der Zeit, ein Strei­fen feins­ten Papiers ent­kommt, auf wel­chem ein Uhr­zeit­punkt auf­ge­tra­gen wor­den ist: Achtzehnzwölf. – Es ist Nacht geworden. Ich liege im Halbschlaf auf dem Sofa. Meine Schreibmaschine atmet leise, ein beständiges Fauchen. Seit einigen Tagen arbeitet sie auch während ich schlafe, rechnet vor sich hin für ein besonderes Projekt: Rosetta@home – stop


8.56 UTC – Einmal, Jahre sind vergangen, hatte ich mir vor­ge­nom­men, eine Notiz über eine Amei­se zu schrei­ben, die ich an einem Nach­mit­tag in einem U‑Bahnwaggon ange­trof­fen hat­te. Aber dann beobachtete ich mei­ne Hän­de, Hände, wie sie dicht über der Tas­ta­tur der Schreib­ma­schi­ne schwebend auf Anwei­sung war­te­ten. Ich bemerkte damals, dass mei­ne Hän­de jene ana­to­mi­schen Struk­tu­ren mei­nes Kör­pers sind, die ich am Bes­ten ken­ne, weil ich sie sehr oft betrach­tet habe. Alle meine Hän­de, die ich erin­nern kann, sind die Hän­de eines Men­schen, der nicht mehr Kind ist. Aber ich erin­ne­re mich an Bewe­gun­gen, die Kis­sen in einem Kin­der­wa­gen sor­tie­ren. Ich erin­ne­re mich an mei­nen Wunsch, in mei­nem Kin­der­wa­gen Ord­nung zu hal­ten. An höl­zer­nes Spiel­zeug erin­ne­re ich mich, das vor mei­ner Nase bau­mel­te. Da sind jetzt sehr klei­ne, blaue Schu­he in mei­nem Kopf. Sie bewe­gen sich, wenn ich wün­sche, dass sie sich bewe­gen. – Heute am frühen Morgen wartete ich vor einem Laden auf Einlass. Ich trug eine Mundbedeckung, noch immer versuche ich mich an Stoffstreifen vor meinem Gesicht zu gewöhnen. In meiner nächsten Nähe ging eine uralte Frau auf ihren Stock gestützt auf und ab. Ich glaube, sie wollte trainieren. Sie war sehr klein, zierlich, zerbrechlich. Auch sie trug einen Mundschutz vor dem Gesicht, der zerknittert war, als würde sie ihn bereits seit Jahren tragen. Ich wollte sie auf den Arm nehmen, um sie zu beschützen. ich glaube, sie fürchtete meinen Blick. – stop

> particles

20. Mai 2020 21:40










Mirko Bonné

Ganagobie

Wir müssen den Blaudisteln folgen.
Falls Blaudisteln ihr richtiger Name ist.
Immer die sonnenverbrannte Mauer lang.
In das Wäldchen hinein dann. Von dort
ist der Blick ins Tal ein Traum. Nein,
kein Traum. Wirklich, ein Tal-
see ohne einen See.

Hier pfiff mal der Wind
meinen Namen. Hier lagen sie,
meine Eltern, als sie noch studierten,
Licht, die Pinien, die Linien. Hier bin ich
bei dir. Hier können wir zusammen
hinuntersehen auf den Sommer,
hören Zikaden, ihre Rhapsodie.

Hier diese Rillen in den Steinen,
meine Mutter erzählte, hier
fuhr ein Klostereselgespann. Hier
schoss mein Vater Fotos von Bussarden,
meinem ausflippenden Bruder, mir als ich schlief.

Alles erzählte sie mir von dem wundersamen Ort.
Wäldchen, Vogelbrunnen, Blick in die Weite.
Und alles fand ich wieder in Ganagobie.
Falls das sein richtiger Name ist.

*

25. Mai 2020 13:57










Andreas H. Drescher

ERUPTICON I

Nur ein ganz leichtes Trampeltier
Ein wenig gedunsen zwar doch
eben dadurch in die Wipfel leckend
Wurfblüten bläst es aus dem geh
leerten Rüssel Jedes Fräulein das
getroffen verdoppelt flugs die Kunst
der Transparenz Je nach Lichteinfall
ist es ganz z/du Vor Freude wächst
dem Trampeltier ein blauer Bart

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immerschon
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28. Mai 2020 05:12










Christine Kappe

GEGEN DIE DIR

Tatsächlich gibt es Leute, die gegen dir-Maßnahmen demonstrieren. Und ich schreibe extra nicht „gegen die dir-Maßnahmen“. Denn das klingt, als wäre ich gegen die, die gegen die dir-Maßnahmen wären. Und ich bin ja weder gegen noch für. Ich bin für das Ende des Dilemmas. Und zwar nicht wegen der dir-Maßnahmen, sondern wegen dir.

Wer behauptet, er könne das unterscheiden, irrt natürlich. Doch es fühlt sich besser an, wütend zu sein, als zweifelnd. Verzweifelnd.

Mit dir würde ich jetzt gern in einem Raum sitzen, bei einer Tasse Tee. Die Füße unkonventionell hochgelegt. Und in aller Ruhe über alles sprechen. Nicht merken, wie die Zeit vergeht, weils schon dunkel ist. Und dann legst du dir ein buntes Tuch um die Schultern. Und siehst aus, als würdest du morgen wiederkommen. Aber diese Tücher täuschen.

31. Mai 2020 08:19










Hans Thill

Zettel

31. Mai 2020 10:07