Nikolai Vogel

Sonntagshimmel

Die Wolken spielten heute den ganzen Tag Pingpong mit der Sonne
Jetzt steigen Essensgerüche in die Luft
Hunger habe ich auch und las bis eben
Auf dem Balkon in Balzacs Verlorenen Illusionen
Die Vögel beginnen ihren Abendflug auf der Suche nach Insekten
Verkehr und Kirchenglocken und Sirenen gedämpft von weit
Und hier im Innenhof Geklapper von Geschirr und von Mündern Plappern
Ich sitze noch und komm nicht hoch
Der Tag vorbei schon wieder fast
Zwar hält die Müdigkeit sich noch bedeckt
Aber die Augenlider wischen doch bereits daran
Und Luft spielt in den Blättern eines nahen Baums
Ein Moment vergeht im Innehalten ungeplant allein hier draußen
Bevor es für mich hineingeht ins Gehäuse der Wohnung
Zu Wasserhahn und Kühlschrank und den Bildern
Aus dem Fernseher fallen sie in die Nacht
Als gäbe es Zeit für alles was nicht ist

1. August 2022 15:21










Markus Stegmann

Balkon

Im Sommer steht
der Winter flach in den
Schützengräben welches
Meer erreicht uns hier bei
den aus der Zeit gefallenen Wegen
dem Gedächtnis dem Waldbrand
vom veilchenblassen Balkon aus
sehe ich das Schwarze Meer
mit Bildern die die
Zeit löschte kehren wir
mit zufälligen Felsen zurück
wenn die nächste Nacht
flacher als es scheint
daherschleicht wer
bist du dann?

5. August 2022 17:18










Tobias Schoofs

O GROVE

buchten in bergen und berge
in buchten und buchten in
buchten in buchten in schale

geschmissene muscheln weich
tiere kopffüßler und fischer
salz dichter und dichter und

muschelsammlerinnen netz
knüpferinnen und seifensieder
innen und henkelfabriken und

boote in kirchen und kirchen
in muscheln blau und weiß
und grün und grau und blau

13. August 2022 12:14










Markus Stegmann

Lotusblüten

Gestern habe ich mein Herz
an deine Lotusblüten verloren
die immer schmaleren Wege
am Nachmittag den
Spuren der Wellen folgend
meine Malereiinsuffizienz
die sabotierenden Nerven meines
Rückenmarks im gut gepolsterten
Sitz des Passats schiebe ich
den Tag vor mir her wenn
verkommene Esel skandieren
will sie niemand mehr geschenkt
keinen Augenblick länger ertragen
als Sonne durch die Sekunden
rutscht bin ich bereits fort
dort wo deine Blüten
hinter Bergkuppen
meine Augen finden

14. August 2022 20:30










Thorsten Krämer

Contre-jour I

Ich bin das Schattenauge, das sich selten rührt. Bleib
bitte jetzt so stehen. In anderen Verhältnissen
wäre ich ein Sonnenbrand, ich schnitte die Aloe Vera
tiefgekühlt. Nur du trennst mich noch von der
Blindheit, und ich erkenn dich nicht.

Es macht auch keinen Unterschied, ob du den
Kopf zu mir drehst oder nicht. Der Schatten ist
ein Sinnverschlinger, und ich bin mittendrin, schon
immer. Bleib bitte jetzt so stehen.

20. August 2022 13:57










Björn Kiehne

Abendgebet

Tretet ein ihr Stillen,
streicht den Wind mir aus
der Stirn und das Raunen
der Zeit aus den Händen.

Ich will euch glauben,
es ist schon alles gut,
du musst nichts tun,
kannst jetzt loslassen.

Tretet ein ihr Stillen,
leert das Gefäß der Nacht,
tragt mich über die Grenzen,
gebt bitte gut auf uns acht.

20. August 2022 21:48










Mirko Bonné

Ertrunken in Banon

— Ertrunken in Banon (2022)

*

26. August 2022 14:31










Thorsten Krämer

Contre-jour II

Ich kann leider nur Konturen, das muss ein
Geburtsfehler sein. Ich kompensiere das mit
makellosem Stellungsspiel. Auf Dauer allerdings
macht sich die Flächigkeit bemerkbar, ich fülle
Inhalte mit der Pipette.

Das hier ist auch so ein Inhalt, weiß der
Himmel, wo der herkommt. Die Langsamkeit
des Blicks dagegen ist dem Sonnenstand
geschuldet.

27. August 2022 15:38










Markus Stegmann

Vielleicht

Beschreibe ich
den Rand der Welt
mit einem Traktor geduldig in
derselben Rille morgens
und abends folge ich
den verwachsenen Pfaden
warum vergass ich als ich
dem Bild der Gegend und
der Malerei des Meeres folgte
Feld für Feld stur umrundete
warum fragmentieren sich
Zikaden Wollgras der wilde
Hafer vibriert im salzigen
Wind da bin ich fort
schon dort wo die matte
Lagune mit erschöpften
Rändern tintenschwarze
Tümpel trinkt um nicht zu
versinken suche ich
sandigeres Terrain weiter
draussen zieht ein Zug
eine silberne Linie am Himmel
legen sich Pfauen
auf unsere rauen
Lippen zücken
Flamingos silberne Säbel
hinter unseren Rücken
wispern weshalb
vielleicht
und vielleicht
weshalb nicht

27. August 2022 21:28










Tihomir Popovic

die agaven größer als ich
sehniger als venedigs söldner
sanfter als mutters kleid

sie beschützen mich
füttern mich stumm
mit feigen und brot

in ihrem schatten
das kleine meer
von larimar

in ihrem saft
sitze ich
warte

28. August 2022 16:51










Christian Lorenz Müller

FERNSEHBILDER AUS DEM DONBASS

(Junge Soldaten, in einem zerbeulten Kleinbus
auf dem Weg zur Front)

Von der Schulbank direkt in den Schacht,
sie atmen das Dunkel,
flüstern sich durch eine Finsternis,
in der sie nur das Augenweiß
der anderen sehen,
weit aufgerissene Angst,
sie klammern sich an die Kalaschnikows,
an die Presslufthämmer,
die sie in das Dunkel stoßen,
tiefer dringen sie vor, ihre vollen Loren
rattern durch den nächtigen Flöz,
sie tun ihre Arbeit,
sie gebrauchen das Werkzeug,
das der kalte Gott aus dem Ural
für sie schuf, ihr fühlloser
finsterer Finger am Abzug,
in tieferen Schlünden,
in schwärzeren Stunden.

Sie steigen nach Wochen, nach Jahren
zurück an den Tag,
sehen die vollen Loren
über Abraumhalden rollen
mitten im Sonnenlicht.

 

29. August 2022 08:17