Mirko Bonné

Où es-tu, Raoul?

— Où es-tu, Raoul? (2022)

*

1. September 2022 09:32










Thorsten Krämer

Contre-jour III

Ich will auch gar nicht ins Detail gehen, das hat so
was Obszönes. Wird alles weggelasert, Staub und
Dreck und was so anfällt. Die Abstraktion
ist eine Vetternwirtschaft, ich unterschreibe
keine Wechsel mehr.

Ich bin das Gegenteil vom Fluchtpunkt, ich stehe
gerne hier rum. Die Welt ist alles, was meine
Augen bedeckt. Das Gegenlicht ist an
und für mich.

3. September 2022 07:46










Markus Stegmann

Silver Sunset

3. September 2022 20:27










Tihomir Popovic

il sole

über den kuppeln
badet der scharlachrote
wirbel muskulöser pauker
im möwengeschrei

die tauben säen
deine blicke in die pfützen
mit dem scirocco
fliegen sie auf

(Aus dem Zyklus venedig)

6. September 2022 18:34










Markus Stegmann

Augen

Keine gute Zeit für
Weichtiere Schnecken
Mollusken sitzen Bordbatterien
und Wasservorräte in verblichenen
Schiffen filtern Waldbrand und
Wahn der überbelichteten Felder
und Wälder am Morgen fahren schwarze
Raubkatzen als schwere Schatten
dazwischen schnappen den
Blick auf See die schlafenden Hunde
vergessenen Hoffnungen
um Wege zu zertreten
wo einmal Zwischenland
war zwischen Zeit und Zenit
verlorener Faden
schliessen sich Augen
um zu verlieren was
zu verlieren war

11. September 2022 20:08










Andreas H. Drescher

STRANDHÜTTEN

(Der Film „BEACH HUTS“ ist beim diesjährigen ZEBRA-Festival
vom 3.-6. November in Berlin / Kulturbrauerei zu sehen.
Fotografien: Werner Richner, Film: Julian Bohlinger und ich,
Übersetzung Jessica Traynor und Sven Kretschmar.)

I
Die Hütte vom Cumulonimbus gerädert und schwarzgeweißt;
geschlagen vom Schlagschatten, der oben silbern, unten blau
die Windrichtungen einnordet. Die Liegestühle unter diesem
Himmel vom Unsichtbaren eingestellt, von dem kein Fußabdruck
die Rillen des Vordergrunds stempelt. Das Meer nur noch ein
Gischtfaden. Der Unsichtbare betritt die Hütte durch die Wand.

II
Ist das noch ein Morgen nach dieser Nacht? Ein Morgen an dem
die Dauer das Meer zu Milch stößt und das Meer den Himmel?
Nach diesem Regen aus Vacui, der als Rost und Moder über
die Hütte gleitet. Beide Sorten Dächer waren dem ausgeliefert,
alle Sorten Kreuze. Das Geräderte hat inzwischen mit acht
Beinen den Boden übergraben und die Terrasse ausgebootet.

III
Die Zeit zu diesem starren Vogel geworden, der als schattiges
Rostquadrat seine Steine legt vor die vertauschten Ufer. Das
Blau des Horizonts steht Kopf vor diesem Krallenschritt.
Alles Lehnen vor dem balkonischen Pier ist eben noch dem
Nichts entlehnt und spricht tonlos vom Betonkrebs des Steges.
Der kennt kein Meer mehr, kein Land mehr, niemals mehr.

IV
Dann verdoppelt sich der Unsichtbare. Milchiges Grauen über
seinen Häusern, seinen Feldern, siebenfach und abgeteilt,
die Farben wechselnd zwischen Schwarz und Braun.
Der Stein gibt keinen Weg frei. Ein letzter Überrest von
Schmutz, doch diesen Bahnen bereits nicht mehr zuzuordnen.
Diesen Bahnen, die hinter dem eigenen Fortsinken erscheinen.

V
Am Ende tanzt er mit sich selbst als Haus, als grünem Haus,
als gelbem, bohrt sich mit jedem Tanzschritt tiefer ein ins
Dunkel des Versandens. Ein Versanden, das nichts mehr vor
sich hat, kein Meer und keinen Horizont. Eines, das nichts
mehr über sich hat, denn nun ist selbst das Grau aus der
Milch des Aufstieges genommen. Endlich alles besessen.

15. September 2022 06:17










Thorsten Krämer

Sfumato I

Das ist nicht die Vergangenheit, das war erst
gestern. Es ist noch viel zu früh, die Dinge
abzuschließen, sie verwischen bloß am Rand.

We brake for nobody: So steht es am Heck der
Gegenwart. Sie schiebt sich endlos durchs
Bild, im Hintergrund die Leere des Alls.

Trägheit und Nervosität, diese Kombi sorgt für
Unbestimmtheit. Was bleibt, ist dieser
Überhang, ein Rest von Raserei

im Sirup dieser Tage.

17. September 2022 12:27










Christian Lorenz Müller

FLEDERMAUS

Zackt durch den Abenddämmer,
loopt zwischen den Büschen am Waldrand,
die Mücken nichts als ein Echo:
Schnappt den eben ausgestoßenen Schrei
sofort wieder aus der Luft,
und über unseren Köpfen ist Stille
bis auf ein leises Flappen, Putztuch,
mit dem jemand das letzte Licht
aus dem Himmel wischt.

Hängt sie nicht später
in der Baumhöhle, dem Kirchturm,
schwarz vom Abendstaub?

20. September 2022 09:01










Mirko Bonné

Erinnerung, Erinnye

Erinnerung: als wollte etwas nicht verbrennen, wenn das Gedächtnismeer in Flammen steht. Als wäre mein Vater ein Brandschiff, die Decks voll Dynamit, und meine Mutter gießt in jede erste Schenke ihr Benzin. Wohin ich fahre, ist der Hafen immer Schutt und Asche lang, verbrannt im allerwundergelbsten Sonnenuntergang. Erinnye.

Erinnerung: ich kaute Fingernägel, dabei aber eigentlich Gedanken. Ich hatte nachts nicht bloß die Angst, ich hatte allen Grund, mir vorzustellen, vor dem Bett, in meinem Rücken, steht ein Mann. Und wenn ich mitten am Tag vor mir wieder den Brennenden sah, wusste ich immer schon lange Zeit vorher, wann es geschah. Erinnye.

Erinnerung: als ginge kurz nach Mitternacht die Sonne auf. Wir fuhren mit dem Käfer langsam auf den Unfall zu. A 7, Wagen brannten, nichts war abgesperrt, und in dem einen sitzt am Steuer einer und verbrennt. Und meine Mutter sagte in dem Hitzeschein: Du siehst da gar nicht hin, du siehst nur mich und was ich bin. Erinnye.

*

23. September 2022 18:28










Christine Kappe

Adagiohne

Impro auf Mendelssohn 1

28. September 2022 21:31