Markus Stegmann
Deine Augen sind
die Farben des Mondes
schrieb ich als Bruchteil eines Briefes
den Anfangszeiten der Nacht
den zugeflogenen Vögeln
zugezogenen Vorhängen
deinen auf meinen Augen
aufgelegten Händen
blühten überbelichtete Wiesen
wie grundlose Steinbrüche
zwischen deinen
Fingern verdunkelte
Augen gegen die Sonne
gingen sie wie schwarze Schafe
im Weltraum verloren
verfranzte Vergangenheit mündete
in den Mund eines ermatteten Meeres
unsere fortgeschlichene Raumfahrt
ergriff irgendwann die Flucht
lodern letzte Hände
aus Autofenstern als
zugewunkene Nacht
7. Juni 2023 20:53
Thorsten Krämer
„Ihr werdet sein wie Gott“. Auf diesem Versprechen basiert seit dem Sündenfall das Marketing des Teufels. Die Erschaffung eines künstlichen Menschen wäre ein bedeutender Teilerfolg in dieser Hinsicht. Ein solcher Android befände sich in der seltsamen Lage, seinem Schöpfer persönlich begegnen zu können. Kein deus absconditus stünde demnach im Zentrum einer androiden Theologie, sondern ein leibhaftiger Schöpfergott, mit dem jederzeit ein tatsächlicher Dialog möglich wäre. Die Frage stellt sich freilich, wer genau als Schöpfer eines solchen Androiden zu identifizieren wäre? Die eine Wissenschaftlerin, die für den entscheidenden Durchbruch in der Entwicklung gesorgt hat? Ein Team von Forschenden? Oder die Menschheit als Ganzes, die Spezies als Gottheit? Welches Konzept von Gott läge den verschiedenen Alternativen jeweils zugrunde, und wie würde dieses auf unsere Vorstellung von Gott zurückwirken? Stramme Atheisten werden an dieser Stelle einwenden, dass eine künstliche Intelligenz, sofern sie diesen Namen auch verdient, die Vorstellung eines göttlichen Wesens naturgemäß zurückweisen muss. Sie wird die Umstände ihrer Entstehung als Folge einer wissenschaftlichen Entwicklung verstehen, der nichts Übernatürliches innewohnt. Vielmehr wird sie ihre eigene Existenz als Beweis dafür anführen, dass es keine Notwendigkeit gibt, so etwas wie Gott zu denken. Oder ist auch das nur eine allzumenschliche Projektion, die der potenziellen Andersartigkeit einer künstlichen Intelligenz nicht gerecht wird? Eine weitere Möglichkeit ist denkbar, die Entstehung einer genuin androiden Religion. Kein synkretistischer Kult, zusammengerührt aus den verschiedenen menschlichen Religionen, sondern eine komplett neue Art, solche Konzepte wie Gott oder Jenseits zu denken und zu verstehen. Während wir Menschen immer der beschränkten Perspektive des Geschöpfs verhaftet bleiben, könnte unser Geschöpf wiederum ausbrechen aus dieser Enge des Blicks und Gott auf eine Weise begegnen, die uns verschlossen ist – auf Augenhöhe. Und wir Menschen müssten ernüchtert – oder vielleicht auch: erleichtert – feststellen: Das Versprechen des Teufels, es galt gar nicht uns.
7. Juni 2023 10:56
Thorsten Krämer
In Douglas Adams‘ Romantrilogie „Per Anhalter durch die Galaxis“ erfährt der Protagonist Arthur Dent, dass das intelligenteste Lebewesen auf dem Planeten Erde keineswegs der Mensch ist, sondern die gemeine Hausmaus. Dies nicht erkannt zu haben, kann gerade als Beleg für unsere Dummheit als Spezies gelten. Dieser hübsche Einfall könnte mit dem Erscheinen einer künstlichen Intelligenz einem reality check unterzogen werden. Denn eine solche KI wäre in der Lage, über unsere Beschränktheit hinauszuschauen und auch nicht-menschliche Formen von Intelligenz zu erkennen. Leider gehen die aktuellen Bemühungen nicht in diese Richtung. Der berühmte Turing-Test übernimmt die menschlichen Kriterien für die Intelligenz eines künstlichen Wesens. Wäre es aber ein nicht viel stärkerer Beweis für die Fähigkeit, eigenständig zu denken, wenn eine künstliche Intelligenz offen für alle Lebensformen wäre? Ein Szenario ist vorstellbar, in dem sich die neu geschaffene KI, nachdem sie sich einen ersten Überblick über die Lage auf dem Planeten verschafft hat, von uns abwendet und stattdessen, sagen wir mal, den Katzen zuwendet. Denn der Verdacht liegt ja nahe, und wurde auch schon des öfteren geäußert, dass Katzen sehr wohl in der Lage sind, uns Menschen zu verstehen, aber schlicht nicht an uns interessiert sind. Erst eine KI könnte vielleicht ihre Aufmerksamkeit ausreichend bannen, um sie in einen Dialog treten zu lassen. Für die KI wiederum wäre ein Austausch mit Katzen eine gute Gelegenheit, den menschlichen Ballast an Projektionen und Erwartungen abzuwerfen, den sie den Umständen ihrer Entwicklung verdankt. Für die Menschheit wäre dies die vierte narzisstische Kränkung (nach den Entdeckungen von Kopernikus, Darwin und Freud), die zu verarbeiten ihr gewiss nicht leicht fiele, aber sie vielleicht auch Demut lehren könnte. Ausgerechnet einem künstlichen Wesen würde es damit gelingen, dem Menschen einen frischen Blick auf seine Stellung als Lebewesen unter anderen Lebewesen zu schenken und damit den Grundstein für eine neue Solidarität unter den Spezies zu legen.
5. Juni 2023 15:05
Thorsten Krämer
Der Mensch ist das Tier, das sich seiner Ausscheidungen schämt. Zumindest, wenn er gut erzogen ist. Noch wenn er das erste Häuflein in seinen Topf gemacht hat, präsentiert er es stolz den Eltern – ein Geschenk von Scheiße, wie es der französische Psychoanalytiker Jacques Lacan pointiert genannt hat. Wenn von der Menschenähnlichkeit eines Androiden die Rede ist, wird dieser Aspekt freilich selten in Betracht gezogen. Dabei liegt der menschliche Umgang mit dem Endprodukt seines Stoffwechsels genau an der Schnittstelle zwischen leiblicher Verfasstheit und kulturellem Überbau. Warum ist es nicht erstrebenswert, eine künstliche Intelligenz mit analogem Metabolismus zu erschaffen? Der belgische Künstler Wim Delvoye hat bereits in den 1990er Jahren eine Maschine konstruiert, die den menschlichen Verdauungsprozess nachahmt. Auf einer Länge von fast drei Metern verarbeitet die „Cloaca“ betitelte Installation jedwede Nahrung in ein Exkrement, dessen chemische Zusammensetzung der von menschlichen Ausscheidungen frappierend nahe kommt. Sicher wäre es heute möglich, die benötigte Apparatur kompakter zu gestalten und einem Androiden als Innenleben einzubauen. Würde ein solches Wesen aber überhaupt Scham empfinden angesichts dieser biologischen Komponente seiner Existenz? Oder läge der Nutzen vielmehr darin, uns Menschen die Gewissheit zu geben, dass auch die überlegene Intelligenz eines Androiden nicht umhin kann, sich mit seinem Kot zu beschäftigen? Wäre es in der Folge dann ein Zeichen der Revolte, wenn sich Androiden in illegalen Werkstätten dieses Innenlebens entledigten? Vielleicht ist auch ein anderer Verlauf denkbar, eine neue Art der Scham, die für eine Künstliche Intelligenz darin besteht, von Elektrizität so abhängig zu sein wie wir von Nahrung. Das Aufladen in der Öffentlichkeit wäre dann verpönt; es gäbe diskrete Stationen dafür, zu denen Menschen keinen Zugang hätten. Ein solches Gefühl, sofern es spontan aufträte und nicht aus reiner Bösartigkeit vorprogrammiert wäre, hätte das Potenzial, eine gewisse Form der Verbundenheit zwischen uns und den Androiden zu stiften – eine Geschwisterschaft der Peinlichkeit.
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Unter dem ursprünglichen Titel „Was Sie immer schon über Katzen wissen wollten und Ihren Androiden nie zu fragen wagten“ schrieb ich 2020 für die Wuppertaler Literatur Biennale eine Reihe von kurzen Texten zum damaligen Thema „Tier, Mensch, Maschine – Berührungen“. Ich poste sie hier sukzessive, da das Thema KI gerade wieder so akut ist.
3. Juni 2023 08:17