Thorsten Krämer
ICH WAR DER LETZTE MENSCH AUF FACEBOOK.
Man sagte es mir ganz zum Schluss.
Ein letzter Klick, dann nur noch Werbung.
Auch so verging die Zeit.
Sicher, es hatte Zeichen gegeben: Namen,
Kommentare, die ich mir nicht erklären konnte.
Die schiere Anzahl der Produkte, deren Sinn
ich nicht verstand.
Im Rückblick weiß man vieles besser,
auch das habe ich durch ein Video gelernt.
Ich sehe das Gesicht noch vor mir, das es
mir erklärte.
Die Hand, die früher täglich tippte,
liegt jetzt in meinem Schoß.
Ich freute mich am Widerspruch.
Jetzt schau ich aus dem Fenster.
Ich war der letzte Mensch auf Facebook.
Einsam war ich nie.
1. April 2026 19:30
Björn Kiehne
Ich erinnere mich
der halbe Mond stand
zwischen Tarifa und Tangier
ein Tanker zog
wie der Schieber eines Reißverschlusses
das Meer auf
legte den Blick auf den Grund frei
wo Atlas
neben dorischen Säulen
und gesunkenen Galeeren
im Sand schlief
das Himmelszelt
wie eine Decke
über seinen müden Körper gelegt
atmete er leise
von der Last
seiner Aufgabe
befreit
Blitze zuckten
auf die kein Donner folgte
ein feiner Schauer fiel
obwohl keine Wolke
am Himmel war
ich lag wach
hörte
den fallenden Tropfen zu
wie sie auf den Fliesen der Terrasse
zersprangen
ordnete die Gedanken
ihrem Takt unter
übte mich darin
den Himmel
abzulegen
die Hölle
und alles dazwischen
lernte eine neue Sprache
zu sprechen
zuzuhören
leise Gespräche
mit dem Regen
zu führen
12. April 2026 10:42
Florian Knöppler
Als ich ein kleiner Junge war,
nahm dir ein Reiher fast das Auge,
aber du bliebst ganz gelassen.
Ein kurzer Schreck, dann nur dein Lächeln.
„Er ist aufgetaut, so viel ist sicher.“
Halbtot war er, als ihr ins Warme kamt,
die Muskeln starr, beinahe schon gefroren.
Deine Fingerspitzen an den Flügeln, Beinen,
dann der Ruck, der lange Hals wie eine Schlange,
die Schnabelspitze scharf am Ziel vorbei.
Wenig später nahm dir irgendwer das Leben.
Zufall oder Schicksal oder Gott?
Vom Vater im Himmel keine Antwort,
aber eines weiß ich sicher: Könnte ich ihn hören,
er hätte deine Stimme.
14. April 2026 08:05
Mirko Bonné
Wir müssten wieder einfacher schreiben.
Das Schwierige schreckt zu sehr ab. Wir
sollten vielleicht schwieriger schreiben.
Das Einfache schreckt zu viele ab. Ich
glaube, ich schreibe immer weiter, weil
ich kann einfach nicht anders. Schwierig.
*
16. April 2026 00:17