Tihomir Popovic
île sainte-marguerite
hinter der festung
nur wald und kind
der eukalyptuswind
treibt die wolken
aufs meer hinaus
wir finden
unsere bucht
ihr tuberosenduft
nimmt mir sacht
die maske ab
gut kann ich
nicht schwimmen
aber atmen
hinter der festung
nur wald und kind
der eukalyptuswind
treibt die wolken
aufs meer hinaus
wir finden
unsere bucht
ihr tuberosenduft
nimmt mir sacht
die maske ab
gut kann ich
nicht schwimmen
aber atmen
in jener nacht
siezte er sich
erstmals selbst
er saß am tresen
im silberbecher
ein künftiger könig
der schnee ächzte
am berghang und
unterm hermelin
vom seeufer kam
der blässhuhnpfiff
er folgte ihm wortlos
ohne wappen ohne garde
24. November 2025 09:34das haus
windschief
verfallendes
versailles
feige
umgeh ich
die schlangen
brutgärten
bleib stehen
vorm familien
granatapfel
und lass ihn
hängen bis der
südwind kommt
zum gedenken an Tomislav Marinković
Tomislav Marinković, geboren 1949 im westserbischen Lipolist, war einer der bedeutendsten serbischsprachigen Lyriker unserer Zeit. Seinen ersten Gedichtband, Dvojnik (Doppelgänger), veröffentlichte er 1983. Zuletzt erschien Šta o nama misle andjeli (Was die Engel über uns denken, 2024). Seine Poesie wurde mit den wichtigsten Lyrik-Preisen in Serbien ausgezeichnet, u.a. mit dem Branko-Miljković-, dem Vasko-Popa-, dem Dis-, dem Desanka-Maksimović- und dem Zmaj-Preis. Marinkovićs Lyrik wurde u.a. ins Englische, Spanische, Russische, Portugiesische und Japanische übersetzt. Am 8. August 2025 ist Tomislav Marinković in seinem Geburtsort Lipolist gestorben.
10. August 2025 11:08auf dem igelhügel
halten wir inne
mit singenden gläsern
die mutterkatze
bei fuß
unter uns
die weiße stadt
spillerig
glattrasiert
schlagfertig
die segelbrücke
kehrt uns den rücken
unverrichteter dinge
sticht sie in see
kurs norden
über dem nabel
der stadt segelt
der mäusebussard
sein säbelschnabel
blitzt in der hitze
die schwingen
tätig untätig
in seinem blick
alle streuner
auf belgrads straßen
flöße auf der sawe
jeder schiffer
mit dem donaukummer
voller schwarzmeerfurcht
sing on
bis der see
die stadt überschwemmt
sing on
bis der tang
die turmuhren umschlingt
sing on
bis die boote
in fliederhecken blühen
bis die mailänder rosen
einschlafen im beten
sing on
alles
fast alles
am alten platz
folianten
hauswurzen
elefanten
mit viel zu kurzen
hängerüsseln
aus plüsch
gut versteckt
im wohn
gebüsch
von ihr
die zwei porträts
ihre kleider im schrank
ihre notenblätter
ihre treue
familie
und linde
südliche winde
im speisezimmer
ich sah sie
sah die stadt
im fluss
in einer tasse
passionsfruchttee
in montmartre
hinterm bachwasserfall
auf der konzertbühne
in der salle gaveau
in den fenstern
der fliegenboote
die mein vater liebt
im verschmitzten
sternengeschimmer
der boulevards
bei fnac sah ich sie
denn mein vater folgt
dem spatzengesang
im schwarzen kaffee
zu unserem späten
kaminfrühstück
in seiner iris
dem leuchtlächeln
sah ich sie immer
ich sah die stadt
da war sie noch
paris
sie rauchte da noch
im rückspiegel
das auto schneller
als unsere flüsse
und ich denke an sie
hoch über der seestrasse
bei den chansons
mit marillengeschmack
dort wo die halden
wolken werden
sein graben zugeschüttet
hinter dem ofenhäuschen
die kleine pforte
zahnlos
und vergesslich
wir lassen eine flasche
karlowitzer weißen
vor der tür
schreiben eine nachricht
auf rosenblätter
fast fuhr der wagen
ohne uns weiter
in memoriam Djordje Popovic
17. Februar 2024 12:43