Julia Trompeter

Mein innerster Raum

 

Ich hatte früher einiges im Kopf

Windungen aller Art

Schrauben und Drehungen

Sturm und Sterne

 

Im Traum finde ich ein verborgenes Zimmer

im Haus meiner Eltern

den glücklich machenden Raum

 

Wenn ich meine Gedanken durchforste

wie der Gärtner, der Mörder

vermisse ich Zutritt

 

An seiner Tür hängt heute ein Schild

„gesperrt: zuflucht verboten“

 

Habe den Schlüssel

im Neocortex verloren

bin ausgesperrt

 

Habe nicht aufgepasst

als Wind einsetzte

und die Tür zufiel

 

 

 

25. Mai 2021 09:35










Julia Trompeter

 

gelinde gesagt und gelinde gefragt

und gelinde gepoppt und gelinde gefoppt

und gelinde gemeint und gelinde verneint

und gelinde versprochen und gelinde gebrochen

und gelinde entfacht und gelinde verlacht

und gelinde gebogen und gelinde belogen

und gelinde geliebt und gelinde besiegt

 

22. Januar 2021 12:49










Julia Trompeter

Kleine Sümphonie

Wenige brauchen oft länger

und mehr sind mehr als genug um die Zeit

endlos zu dehnen

Und ich denke bei Nacht

an die Vielen, die langsam

ergrauen in Dunkelheit

Endlos nehmen die meisten sich Zeit

und alle zusammen

sind die Unendlichkeit

 

9. Januar 2021 21:09










Julia Trompeter

Niemand

Niemand ist trauriger als ich.
Ich seh das Blau hinter den Wolken nicht.
Sitz im Stuhl fest eingebaut, ein Getriebe, das schweigt.
Meine Not ist ein Hund, ausgesetzt bei Mauerfall auf der falschen Seite der Welt.
Mittwochs esse ich einen Pfirsich, der nach Liebe schmeckt, doch nicht für mich.
Donnerstags denke ich an Freitag und immer so fort.
Niemand ist trauriger als ich.
In einem Kapsperlspiel bin ich das Kasperl.
Der Stuhl dreht sich zur Erde ein.
Mein Hund streift willenlos umher, umkreist die Stadt.
Samstags ruhen die einen, sonntags die anderen.
Ich ruhe nie, sondern schlafe einen einsamen Schlaf.
Niemand ist trauriger als ich.
Niemand sieht das Blau hinter den Wolken nicht.
Und steckt im Stuhl, fest eingebaut.
Niemand sucht seinen Hund nicht.
Niemand will mittwochs Pfirsiche, niemand.
In einem Kasperlspiel ist niemand das Kasperl.
Der Stuhl, ach ja, der Stuhl.
Kasperl ruht nie, sondern schläft einen einsamen Schlaf.
Niemand ist trauriger als Kasperl.
Und niemand ist trauriger als ich.

27. November 2020 13:56










Julia Trompeter

The falling leaves

Hände im Laub,
geschmückte Gesichter,
Laternenlicht.
Haben Sie den Aushang beachtet?
Bis auf weiteres dicht hier.

Niemand weiß so genau, aber.

Die guten Geister im Schnee,
ach so Schnee, ich dachte Laub?
Dieses Laub, es ist ebenfalls da.

Wir lagern das ein.
Die Stühle zurückgestellt.
So lang kein Gedicht geschrieben,
vergessen haben, wie die Zeilen fielen.

Ab morgen ist hier zu.

Wie die Wörter in den Schnee sanken,
überall Buchstaben,
deine vier und meine vier
im Schnee. Im Laub.

Im Blütenstaub von gestern.

19. November 2020 16:46










Julia Trompeter

 

Vom Gebrauch eines Halms

 

Von langer Hand geplant der Mutter Erde dürr

seine Sprossen an der Wand zarte Fäden

duldsam ist kein gutes Wort hier nein

vor das Gesicht zu ziehen von Menschen

eine Krücke den ganz kleinen Käfern

ein Wedel ein Staub ein Krumen

seine Fäden den Spinnen ein Mast

und Trost im Herbst früher Abend

gesponnenes Gold der Marie

ein Sporn im großen Getriebe

das kann und das will das muss nicht

das ist nur ein Wunder ein kleines Gut

2. November 2020 14:41










Julia Trompeter

Was zum Aufklappen

Katz und Hund am Frühstückstisch:
wohin ist die blaue Tasse entwischt?
Das Radio spielt keine Rolle, ist echt —
mit allen Fake-News hat es Recht,
objekthaft in der Küchennische.

Sie umfassen einander, liebestief,
ein hellbunter Vogel macht piep
und denkt, er sei eine Ente.
Falsche Ordnung, kind-crossing
früh am Morgen, zwanzig nach sechs.

Wo ist der Garten — mit Rutschbahn
hinunter vom vierten Stock?
Wo ist der Rosenstrauch,
der zum Aufklappen? Ja, o ja:
den brauchen sie auch.

6. März 2020 09:03










Julia Trompeter

IDIOS

Einem gleicht er wohl.
Wem gleicht er, fragst du.
Wem wohl, dem, der fragt
gleicht er, denn gleich
& gleich gesellt sich gern &
gern & gern gesellt sich gleich.
Das Gleiche ist immerzu gleich,
oder das Selbe.
Wem selbt er dann?
Nur sich selbst selbt er,
nicht dir oder mir, denn
deine sind nicht deine
Söhne & Töchter der Sehnsucht usw.
Also wem gleicht er nun, dieser Selbe,
oder ist er gar sich selbst nicht gleich?
Wem gleiche ich & bin ich die Selbe
wie er, der Fluß, in den ich steige.
Dieser Selbe, der sich mir entselbt.

8. Oktober 2019 19:20










Julia Trompeter

annehmlich es sei alles nicht so
wie es sei, und es ist wie es ist:
der baum nur 1 baum nur 1 baum,
kein querschlagen der synapsen,
übersprungsgedanken balsamiert.
annehmlich du bist nur du und
ich bin nur ich, ganz ohne kon-
junktiv, wir hängen so anneinan-
der und diese hand ist nur hand,
und wir sehen uns wirklich so
wie wir sind. annehmlich du und
ich sind 1 paar. was können wir
tun, um uns nackt und blind und
außerirdisch lange zu lieben.

30. Juli 2019 20:42










Julia Trompeter

Immer bei Regen ziehen Schwaden von Zigarre

vom Innenhof hinauf zu mir und den Meinen,

die mir nicht gehören, und vernebeln unsere Luft,

die wir abwechselnd ein- und ausatmen, ein und aus, und ich frage mich:

Wer im Hinterhaus raucht hier Zigarre?

Das lesbische Paar mit den winzigen Töchtern, die nie schlafen, ist es nicht

Der Geiger mit der Armprothese, der unendlich üben kann, ist es nicht

Die verräterische Oma mit dem Veilchenparfum ist es nicht

Die Stadtreinigung ist es nicht

Auch Bob Dylan ist es wahrscheinlich nicht

Bleibt noch der Hofhund wider Willen

Bleibe noch ich, vor Jahren

Bleibt noch

x

6. Juni 2019 19:52










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