Markus Stegmann

Eichendorff reloaded, erstes Welttheater

Flechtet Netze meine Locken
rufe Erde mich zurück
dran die Welt wie Erdenkreise
die Aufgebahrten als sie fielen
möchte ich im rauschenden
Haine im durstigen Schmerz
umschlingen die Leiden
Missgeschicke geräth Furcht
um Felsen ins Handgemenge
schliessen wir unsere niedergelegten
Arme und Augen fliehen mit
den Toten tragen gefühlvolle Herzen
die zweiten Engel wie mein Heer zerfiel
als die Sonne Saporischschja zu röthen
begann liess ich Afrika liegen bei den Vögeln
den Hals verstrickter Münder Seefahrt
Noth und Wogenbraus des Morgenrotes Schlaf
lag ich vom Blenden halb herabgesenkter
Meergeist das weisse Segel Afrikas
minus Amplitude mit zifferloser Leinwand
und molekularem Atem
gewannen wir Höhe überm Mond
denn blutig sind die Dolche
welches Blatt wäre Blatt für solches
Welttheater das Schiff Seraphim das
jegliche Natur Longitude leblos
herbeirückt als Bild minus Abbild
ans grosse Welttheater verloren
in einem Hauch treten unvermengte
Schaar und Schönheit auf

21. November 2022 22:03










Markus Stegmann

Sandra Senn: Nachtblüten, 14 lyrische Texte, 2022, Landvogteischloss Baden, Schweiz

4. November 2022 22:39










Markus Stegmann

Dunkelblaurot

15. Oktober 2022 21:55










Markus Stegmann

selbst ohne nicht

der dunkelblaue silben mischte
grünblau und wetterlos verteilte
doch niemals allein selbst wenn er
dunkelblau motorlos verweilte
wenn du nach amerika-erlach willst
nehme beleuchtungen reportagen des
staubes mit „wiederkehre ich vielleicht
in rom“ erwiderte willem de kooning
in schmaler kofferfahrt auf fragiler
limmat im winterlicht „alle meine lieder“
sagte er und „ungefähr ohne tod“
tagte libelle am dunkelblauen
ausgang hing sie dir im nacken
der du alleine bist und
selbst ohne nicht

15. Oktober 2022 21:50










Markus Stegmann

Augen

Keine gute Zeit für
Weichtiere Schnecken
Mollusken sitzen Bordbatterien
und Wasservorräte in verblichenen
Schiffen filtern Waldbrand und
Wahn der überbelichteten Felder
und Wälder am Morgen fahren schwarze
Raubkatzen als schwere Schatten
dazwischen schnappen den
Blick auf See die schlafenden Hunde
vergessenen Hoffnungen
um Wege zu zertreten
wo einmal Zwischenland
war zwischen Zeit und Zenit
verlorener Faden
schliessen sich Augen
um zu verlieren was
zu verlieren war

11. September 2022 20:08










Markus Stegmann

Silver Sunset

3. September 2022 20:27










Markus Stegmann

Vielleicht

Beschreibe ich
den Rand der Welt
mit einem Traktor geduldig in
derselben Rille morgens
und abends folge ich
den verwachsenen Pfaden
warum vergass ich als ich
dem Bild der Gegend und
der Malerei des Meeres folgte
Feld für Feld stur umrundete
warum fragmentieren sich
Zikaden Wollgras der wilde
Hafer vibriert im salzigen
Wind da bin ich fort
schon dort wo die matte
Lagune mit erschöpften
Rändern tintenschwarze
Tümpel trinkt um nicht zu
versinken suche ich
sandigeres Terrain weiter
draussen zieht ein Zug
eine silberne Linie am Himmel
legen sich Pfauen
auf unsere rauen
Lippen zücken
Flamingos silberne Säbel
hinter unseren Rücken
wispern weshalb
vielleicht
und vielleicht
weshalb nicht

27. August 2022 21:28










Markus Stegmann

Lotusblüten

Gestern habe ich mein Herz
an deine Lotusblüten verloren
die immer schmaleren Wege
am Nachmittag den
Spuren der Wellen folgend
meine Malereiinsuffizienz
die sabotierenden Nerven meines
Rückenmarks im gut gepolsterten
Sitz des Passats schiebe ich
den Tag vor mir her wenn
verkommene Esel skandieren
will sie niemand mehr geschenkt
keinen Augenblick länger ertragen
als Sonne durch die Sekunden
rutscht bin ich bereits fort
dort wo deine Blüten
hinter Bergkuppen
meine Augen finden

14. August 2022 20:30










Markus Stegmann

Balkon

Im Sommer steht
der Winter flach in den
Schützengräben welches
Meer erreicht uns hier bei
den aus der Zeit gefallenen Wegen
dem Gedächtnis dem Waldbrand
vom veilchenblassen Balkon aus
sehe ich das Schwarze Meer
mit Bildern die die
Zeit löschte kehren wir
mit zufälligen Felsen zurück
wenn die nächste Nacht
flacher als es scheint
daherschleicht wer
bist du dann?

5. August 2022 17:18










Markus Stegmann

Dunst

Schritte längs des blassen Betons,

Wolken mit stumpfer Nase,

verschlossenem Tor, Bananenbäume,

Farne, löchriges Karminrot,

Kartonschachteln und

überfüllte Gewächshäuser.

Mit einer Pistole durch die Luft

geschossene Landschaft, Bauland,

verlassene Terrassen, Lastwagen.

Pflücke ich gelbe Blüten,

befestige den Mond am Morgen,

von Vögeln gefilterter Vormittag,

als aus Zisternen ein fahles Bild

auslief oder aus Mauern wuchs, steil

der Sonne ausgesetzt, heftet sich

mein Mund an den Dunst,

die Augen in die schattige Schlucht

versenkt, aus der Drehung die

nächsten Schritte scheinbar

mühelos in den Himmel gelenkt,

auf dem Weg

der wenigsten Insekten.

20. Juni 2022 20:40