Gerald Koll
Das fünfzigste Jahr (188)
19. April 2016, ein Dienstag
Hiroshima. Die touristenattraktivste Attraktion ist natürlich die „A-Bomb-Area“: dem Frieden geweiht, der Zerstörung verdankt. Ruinen staken wie Gerippe. Durch das Museum schieben Massen, man schiebt mich hindurch und heraus wie aus einem Mastdarm.
Miyajima ist eine Hiroshima vorgelagerte Insel, vor der ein wuchtiges Tor orange im Matsch steckt, ein Shinto-Schrein. Er ist womöglich noch beliebter als die Ruine auf dem A-Bomb-Gelände. Es vergeht keine Sekunde, in der nicht hundert Touristen einen einzigartigen Blick für die Ewigkeit festhalten: leuchtender Tori im Sonnenuntergang bei Ebbe mit Spiegelung – wenn man blöde genug ist, macht man mit. Ich bin es. Auch auf Miyajima wird vor Giftschlangen gewarnt.
D. und ich landen in einem schaurig-schönen Hotel-Wolkenkratzer mit offenem Schacht in der Mitte. Auch im zehnten Stock sind die Geländer niedrig, ein Paradies für Selbstmörder. Wir sitzen in hoteleigener Yukata auf dem Bett, trinken Bier und überlegen den Plan für morgen. Wir wollen auf die südliche Hauptinsel Kyushu. Aber dort waren die Erdbeben stärker als gedacht. Die Nachrichten senden täglich neue Schreckensbilder. Unser eigentliches Ziel liegt im Norden der Insel, ein gutes Stück vom Epizentrum entfernt. Dennoch unbehaglich, in diese Richtung zu fahren. Wir wissen nicht, wie erwünscht Gäste sind, die nicht als Helfer kommen. Wir wollen bei einem berühmten Lehrer Aikido üben. Vielleicht sollten wir das besser lassen.
19. April 2017 08:34