Andreas Louis Seyerlein

~

2.12 – Als ich gestern erwachte, hörte ich meine denkende Stimme, die flüsterte, und ich hatte den Eindruck, vielleicht bereits an einem älteren oder an einem neueren Gedanken gearbeitet zu haben, während ich schlief. Das war ein seltsamer Moment gewesen, weil ich in den vergangenen Jahren immer wieder einmal wahrgenommen habe, dass meine denkende Stimme nicht leiser oder lauter werden kann, dass ich, zum Beispiel, im Kopf nicht zu brüllen vermag, auch wenn ichs ernsthaft versuche, es ist stets nur eine Gedankenstimme, die vorgibt zu brüllen. Und doch flüsterte es gestern in der ersten Minute des Tages. – Haben Sie schon einmal mit dem Gedanken gespielt, in einem Kolonialwarenladen für zwei Stangen Zimt den fünffachen des geforderten Preises in aufrichtiger Erwartung zu bezahlen, man möge das zugesetzte Geld an Plantagenarbeiter und ihre Familien nach Sri Lanka transferieren? Sie schmeichelten dem charmantesten Kopf einer Hydra!

> particles

4. April 2010 08:22










Sünje Lewejohann

pferde

mit schweren stiefeln
zum schnüren
männerkleidung an dünner haut
führt die hand über den mund legt
die finger auf die augen
fasst zwei jahre lang niemanden an
ans gesicht
nichts lassen ans jochbein
nichts lautes nichts zerzaustes
blick über regenrinnen darauf elstern tauben und
unten auf der straße wird auch schon wieder geschrieen
eine frauenstimme schrill und hoch mit
den schultern gezuckt als
auf dem ausgebessertem asphalt
plötzlich pferde laufen scheuklappen kutsche.

pferde

wenn man zurück könnte dann auf einen sprung
dorthin sich das karierte kopftuch nehmen
zum rübenschälen und kälber füttern
das knarren der kleinen pforte hören
die saure milch riechen überall
die katzenschüsseln und die toten fliegen
darin
auf dem heuboden verschwinden alles von oben betrachten
die pferde von der weide holen
ramskopf und krötenmaul
heimlich im stall schlafen
das tränenbein mit den fingerkuppen zudecken sonst
nichts
als einzigen vogel noch die schwalbe hören kreisend
immer kreisend
mit geschlossenen augen endlich sehen
wie das licht sich selbst frisst.

6. April 2010 19:14










Sylvia Geist

Hirsche

für Sünje

8. April 2010 10:29










Sünje Lewejohann

in den hirschen II

legt seinen schönen körper
in sanftesten scheiben auf den teller diese
hirschgabe und doch
ganz weiß sein weißes fell in der erinnerung noch
sein großes rudel am gesäuge tröpfchen für tröpfchen genährt
an dem tag als der fremde ertrank im tückischen flüsschen
gewarnt hatte ich dich milchmaul
erstens: niemals von zuhause fortgehen
und wenn dann das dach mitnehmen den misthaufen die hohle eiche
zweitens: immer den teller leer essen einen
für den lieblingshund einen für die jungen kriechenden katzen
einen für die hand deines vaters einen für das gurgelnde rudel
einen für die mutter im fluss
in der nacht wird man sich erbrechen
drittens: trag den frost auf den armen ins dorf
einen für die ganze welt.

9. April 2010 08:37










Sylvia Geist

Pferde

Ich hatte den Wunsch nicht. Ich kannte die Pferde
aus Lebkuchen und die aus Holz, und die anderen,
die den Karren mit dem Sarg zogen in dem Lied,
das meine Mutter mir vorsang. Die Mutter im Lied
schenkte ihrem Kind immerzu die falschen Pferde,
süße, harte Enttäuschungen aus Lebkuchen oder Holz.
Erst die Karrengäule am Schluss waren echt. Aber
ich hatte einen Apfelschimmel, der zum Fenster
raustänzelte wie ein Zeitungsschnipsel. In Wirklichkeit
ahnte ich, glaube ich, den Unterschied. Es gab das
Luftpferd, und es gab die echten Enttäuschungen,
die am Ende vom Lied den Karren zogen, vielleicht
kam es mir auch so vor, als könnte man darauf pfeifen.

9. April 2010 14:09










Mirko Bonné

Was wird

Gewitter mit Köpfen, Pferde
galoppieren übers Dorf.
Zügellos drischt Strom aus der Erde
den Sommerschorf.

Im Schuppen zittert der Torf.
An der Leine rennen Socken.
Waldarbeiter fragen, was werde,
Kreuzottern aus Licht in den Locken.

Die Unterhaltungen stocken –
man zählt die Entfernung, Blitz!
Ein Junge blieb am Bolzplatz hocken
und liest Briefe von Keats.

*

Album (5), 1991

*

9. April 2010 17:46










Andreas H. Drescher

Pferde

Ans Pferd gebunden
Der Schweif ein Knoten aus Horn
Ans Pferd gebunden
Durch meine Beine scheint der Mond
Ans Pferd gebunden
Die Stimme der Leibstandarte
Ans Pferd gebunden
Der Ochser über meinem Mund so hinterher
Ans Pferd gebunden
Das Geschenk ein Fähnleinführergeschenk

Das hatte ich mir anders vorgestellt

Cowboys im Ginster die breiten Hüte
rutschen ganz von selber ins Genick

Lassie ist noch nicht zum Zwergpudel geworden
Auf Zecken wird mit unreifen Erbsen geschossen

Pro Schuss mauert Großvater einen Stein in Palominos Stall der ist
noch nicht mit Hackfleisch-Reitern zu Black Beauty hochgefüttert

Bukephalos als Grauschimmel der für immer seinen letzten
Sprung über den Ginster steht das sind ganz einfach noch

ADAMS SCHWARZE STIEFEL
ADAMS SCHWARZES HAAR

9. April 2010 20:08










Hans Thill

Haus der Silben

fachwerk2

Foto: Jean-Philippe Baudoin


Der Turm
Daß die Kraft dich nicht verläßt, wenn es soweit ist. Daß du den Nagel findest für den letzten Hunger. Daß es noch ein Stückchen Land gibt, um es zu erschüttern. Du teilst die Wesen in Sie und Du, Flügel oder stumme Bodentruppen, die hinausfahren, wenn es soweit ist. Wenigstens ein Ruder sollten sie haben oder einen Mast. Wen wird man binden? Er hat Öl in den Ohren, das man in Lampen versauern ließ. Die Vögel packen den Wind in Säcke, man kennt das aus alten Quellen. Daß die Worte auf tönernen Füßen stehen, wenn es soweit ist. Daß sie dich rechtzeitig verlassen. Daß sie schnell sind wie Witze aus einem Bart. Es ist die alte Sacksprache, wir kennen sie von Fässern, erst zu öffnen, wenn es soweit ist.

13. April 2010 14:06










Marjana Gaponenko

Mascha

(Die Dramatische)

Unter Menschen hast du die Augen geschlossen.
Nicht diese. Andere. Jene, in denen du sanft
an Klippen zerschellst, von Brücken springst
und nicht fällst, brennst und nicht brennst.
Auf das Lachen der Anderen legtest du deines,
einen Stein.

Als hätte die Mutter niemals gesagt:

“Zwei kühle Saphire sind deine Arme,
in deiner Brust tickt ein Opal,
aus Jade sind deine Beine,
aus Eisen ist dein Leib.

Du sollst nicht weinen. Wenn du es tust,
dann rollen dir die Perlen aus dem Mund.
So legen Hühner ihre Eier, Kleine.
Du, Kücken, liebes dummes Huhn!”

13. April 2010 18:11










Andreas Louis Seyerlein

~

0.02 – Erscheinungen auf Bildschirmen, die sich wie Traumbilder, wie bewegte Gemälde verhalten. Wollte sie berühren, jenen isländischen Mann im Moment, da er aus dem Atem des Vulkans auf eine Wiese tritt, dieses vollkommen graue Wesen, staubig, steinern, und auch das Schaf an seiner Seite, unsicheren Schrittes, ein steinernes Schaf. Aber dann, in dem sie näherkommen, die Augen des Mannes und die Augen des Schafes, wie sie zwinkern, zwei Leuchtkörper in Dunkelheit, überlebt, eine Chiffre des Widerstandes. – Man müsste jetzt ein gut trainierter Atlantikschwimmer sein.

> particles

20. April 2010 17:23










Sylvia Geist

Bougainvilla

Zu einer Tageszeit ist sie köstlich, nämlich
wiedergefunden auf den Fluren des Hotels
Hochsommerfrühling, wenn du, im Knast aus Wald
Tapete tasmidisch an Sesshaftigkeit vortäuschenden
Blättern würgend, nicht mehr reden willst, wenn nicht
der Allüberallbeo den Vorhang seiner Flügel öffnet und sich
zeigt, was du nicht verkennst noch vermagst, die Welt im
Ornat einer Welt, die geliebt wird, sich fallen lässt irgendwo
in einer Dienstagnachmittagminute im Aufwind
des Fahrstuhls, beziehungsweise stehenbleibt in voller Blüte
mitten auf dem Entsetzenspurpur des Teppichs, wenn du
sie schon übergehen willst auf der Reise nach Jerusalem,
Samsara, Eden, abbiegst, abbrichst, wenn sie dir zufällt
als Situation oder als Drehtür zur Tag-und-Nacht
Gleiche, als davorlos, als Goldwaage, geeicht auf alles,
was du herzlichst und ausschweigst, als waghalsige
Schlüsselblume, als Name für Bougainvilla, dann

20. April 2010 17:28










Mirko Bonné

Barry Lyndon for ever

Es gab Kostüme und Kulissen,
die stärker als er selber waren,
verloren aber hatte er sich nie.
Er fühlte nichts verschwinden.

Er liebte. Schnee seit Love Story.
Am Meer bei Malibu erfand er sich.
Er war der Driver, der verstummte,
und blieb doch immer Barry Lyndon.

Was war da, fragte er sich über drei
Jahrzehnte, 17 Filme lang, wer trug
Duelle aus mit Kindern, seinem Blut,
um sich danach nicht mehr zu finden.

Er mit gepuderter Perücke in Berlin.
Zum Flackern einer Kerze abgefilmt
im Zimmer eines Rokokogemäldes,
als wäre Welt nicht schon zu viel.

Vielleicht war Zeit für Kubrick Speed.
Das sollten Klügere als er ergründen.
Er fühlte nichts. Seit 1775 gab es kein
Entrinnen, keine Tür für Ryan O’Neal.

*

Album (6), 2009

*

21. April 2010 09:48










Sünje Lewejohann

nordmeer

jetzt rollt der nebel
ich bin es längst das
vergessene ding im hotel der koffer im weg
zwischen den füßen ist immer was
ein krümel ausgefallene wimpern
aufgerollte strümpfe auf den nassen fliesen
ich habe es pochen gehört dein
herz dein augenöffnen am morgen
was ich mir wünschen wollte und

nichts geschah
das hafenwasser im körper nur
nur
ich habe einen gürtel voller fischflossen
da kannst du hinschauen auf der suche
nach den augen und köpfen
ich dein hagelschauer
alles wieder eingepackt
hinunter
das dickicht neben der straße

marschieren
dich im auge
zum hafen
wie immer wenn es heikel wird
nebelhorn ich bin so gerne an bord
so gerne.

21. April 2010 16:24










Hendrik Rost

Stay tuned

Das Einzige, das zählt
im Leben,
ist der Beginn des Lebens,

alles andere ist
Zeitschleife
und Abwasch,

für manche
außerdem Erfolg
oder Sprachgewandtheit.

Wann es beginnt,
ist vollkommen offen –
für die einen mit Befruchtung,

für andere
während die Wagen
sich ineinander verkeilen.

Warte nicht
auf das eine oder andere:
Du wirst abgeholt.

Im Strampler oder
in der durchgesessenen
grauen Lieblingshose,

die langsam
für diese Welt
zu eng wird.

22. April 2010 11:12










Andreas H. Drescher

TEXT-DIALOGE EXTERN I

LANDSCAPE (Björn Kuhligk)

Hier ist es still, am Morgen hinterließ
der kopflose Hahn des Dorfidioten
einen Kreis hellen Blutes in dieser
verschneiten Dezembergegenwart
sagte der Idiot, ach, diese Pracht muß
ein Abgrund sein, und ging mit seiner
kirchturmlangen Neurose über den Marktplatz
daß es einem leid tun konnte, singen
die Gymnasiasten im Radio Ich möchte so gern
am Fließband stehn, und alles, alles
fließt so schön
, in der Kneipe der Pfarrer
der Lehrer und der, dem der Rest gehört
trinken Sauwein aus Haßdorf und Dekaden
später kippt das Licht am Horizont hinab

A 620 I (A.H. Drescher)

Das Dröhnen hier
hört keiner mehr

Wenn ich mein Haus
loswerde flattert es

so ohne Kopf noch ein
mal auf und gibt sich der

art klug wie nie vor
her vor einem Eimer

22. April 2010 19:03










Sünje Lewejohann

der fuchs

gib mir von den schönen roten äpfeln
zum dank wird dir ein drittes auge wachsen
um das dich alle beineiden
du goldgesicht mein fuchs
hab all die narben von deinen zähnen
weiße gebogene linien kleine
bäche fast was liebte ich dich
drängte ich mich an deinen pelz und
harrte wochenlang am waldrand
aus ich bete sage an all den tagen nur das eine wort das amen
vor dem essen auf der bank in der sonne karierte decke
glattgestrichen so
eben die gesänge hören die felder gefrorene erde
ich gehe und gehe kein laut nur feine linien
eine ader fast gerissen
huhn und kralle das alles halte ich an
meine ausgekühlten lippen.

23. April 2010 08:33










Mirko Bonné

Manfred von Bayeux

Oder Marne. Zwei-Jahre-jünger-
Bruder, fröhlicher Massengrab-
Manfred, Wehrdienstverweigerer-
motiv gefallener Großonkel u. v. a.
Elementarteil der Familienerzählung.
Schwarzer Engel der Westfront,
der schussartig in seine Schwester fuhr.
Käti, du redest wie Manni, Käti,
du bist aber leider nicht Manni.

Manni von Bayeux oder Marne.
Entre les lignes des tombeaux,
Käte auf Kriegsgräberfahrt.
Mon frère. Zwei Jahre jünger.
Im Setrabus mit Raketenschnauze
ein Klima, wie ich mir vorstellen kann,
viel Ewiggestrige, Gottchen,
die ganzen jungen Leute ansehen,
Totenfotos vom Blitzkriech.

*

Album (7), 1999

*

26. April 2010 22:55










Sylvia Geist

Tree of Life*

*Touristenattraktion in Bahrain

30. April 2010 12:02