Gerald Koll

Vatertag

Der Vatertag geht zur Neige. Gerade habe ich meine Steuererklärung abgeschickt.
(Die Uhr in der Fußleiste geht eine Stunde nach.)

2. Juni 2011 22:58










Gerald Koll

Klaus Kinski stochert am 25. Oktober 1985 in zerlaufenem Vanilleeis mit Himbeeren

„Außerdem hab‘ ich Leute mit der Hasselblad gesehen, die haben so schnell fotografiert wie kein Mensch mit der Leica. Das ist Talent, das nennt man ‚Talent‘, nicht?, man nennt es ‚Talent‘, man kann es auch anders nennen – es ist bekannt unter dem Namen ‚Talent‘.“
(…)
„Ich bin doch nur aus Zufall hier.“
Helga Guitton (RTL): „Nee.“
„Guck, jetzt sagt wie wieder: ‚Nee‘ und denkt, jetzt hat sie irgendwas gesagt.“

(The Klaus Kinski Estate Edition No 2: Kinski Talks 1)

4. Juni 2011 10:47










Andreas H. Drescher

Plötzlich

Plötzlich der Ausdruck
„sehr ungelesene Mails“
in meinem Kopf. Wer

hat Vorschläge, wo
das herkommt, wo
das h i n w i l l ?

(Erstes Facebook-Dialolg-Gedicht)

10. Juni 2011 09:51










Mirko Bonné

Grüne Ziege

Ein alter Garten voll Giersch,
mitunter denke ich und fürchte,
das wäre ein Bild für ein Leben.
Dann renne ich hinaus irgendwo
oder stürze in einen hellen Laden,
kaufe was und werf es in Gedanken
gleich weg. Das Dreiblatt, der Giersch
wächst mir durch den Tag. Misstrauen
wuchert, von Abscheu getriebenes,
endlos vergebliches Ausbessern.
Komm, denke ich, Zimmerholler,
verrate mir also, was du liebst.
Stickstoff habe ich reichlich,
Ziegenfuß, du grüne Geiß.

Du hast keine Vergangenheit.
Weißt nicht einmal vom Entzücken
meiner Großmutter, sah sie die Wiese
erstickt vom Baumtropf, dem Schettele.
Sie bereitete aus den Blättern Salat,
kochte gegen den Rheumatismus
die Stängel. Blüten trocknete sie,
Bodenschatz, sagte sie zärtlich,
weiße Tränen in grünen Augen.
Ich durchtrenne Triebe, kämme
allen Giersch und seine Namen
aus dem Gedächtnis, dem Gras.
Still liege ich da und habe Angst,
für ein Leben wäre das ein Bild.

*

10. Juni 2011 10:49










Sylvia Geist

holder

bis in die schwächsten Empfänger an
gerauschter Tinnitus, Schwindel
Anfälle bei Nieselreigen, Befund:
bis in die Wurzeln, der Tanzdrang.
Ja Grünlinge, Gräser, die
Grasmücke, ja, und das Raubzeug
in dessen schnellem Universum
er so sein muss, Schlagbaum
mit dem Herzen, dem rechten Fleck
gegenüber: sinister in der Sprache
der Medizin. Unbedingt kann er
Fibern, Rindemittel, Balsame, kann
ein Meister von Glückssymptomen
gebeugt zu berücken, Beeren. Windfang
natürlich, Fort-aus-den-Ästen nicht.

Er liebt die toten wie Taten, Luft
gewöhnt in Zweigen zu reden
lullt Bleib oder Blei immer
fort. Andere, ja. Kamen vorbei.
Gläubiger, Irrer, Arglose und so fort
laufend Getier, und der höllische Dante
erschien zur Blumenmesse und
brach ihm Herrlichkeiten ab, poetry
is a blood jet
, das ist ein Vers aus
der Biologie, panic leaves
this way
. Heimgesucht, getakelt
mit dem Tauwerk von Spinnen, lilac
Gulag, konspirativer Bau für Beuten.

Zweimal täglich ist er stiller
Brüter, Asteridenkraftwerk
mit dem Vergänglichen von Nacht
oder Schacht betrieben. Weiß er um
die ferneren Systeme, erinnert er sich
an die Kargheit, ganz am Anfang
des Gewerbegebiets? Da war er mal
Protagonist seiner Inquisition
danach gab es ihn in hellen Scharen
eine von Licht dämonisierte Plantage
verheerend. Man schaue nicht hin, nie
in dem Moment. Man denke sich
das im Singular, dabei so wie morgen
jeden Morgen, unbestimmt, das ist
stumm in der Sprache der Wörter
um die Heilstelle, Holunder

für Tom Schulz

10. Juni 2011 13:02










Hans Thill

Sage

Item waz eyn knabe van vierzehen jairen zu Heiligeroide mit syme fader und moder des mandag(es) na pynxsten (1429 Mai 16) und saede, wie hey van eyme boyme in eyne stecken an eyme zune gefallen were yn synen lyff und brach sich selver uß dem stecken, also dat yne alle syne yngeweyde uß seyme lyve geinck, und greiff der knabe dar und hielt syne derme in syne armen, bis hey heym quam, und en konde yme dat neman weder yn brengen und woirden vader und moder zu gedencken an die genade unser liever frauwen zu Heiligerode und geloiffden den knaben aldar und alsbalde sy die geloiffde gedaden, doy namen sy die derme und daden dy dem knaben weder yn und genaß der knabe des woil und is vader und moder mit yme zu Heiligeroide geweist und loiffden und danckten Marien.
(Aus: Helmut Fischer, Sagen des Westerwaldes. Montabaur 1999, S. 152)

12. Juni 2011 16:54










Mirko Bonné

Anif

Schön, im Waldmeistergeruch
zu gehen, durch Nieselregen
nach Anif. Die Erinnerungen,

der grüne Fluss. Kinderzeit
blüht mir auf dem Feldweg
mit dem Hasen, der da hockt,

Schaulust, aber eine stille,
Zeichen, Geraschel, Sterne,
ruhig, dass keiner erschrickt.

*

21. Juni 2011 11:33










Sünje Lewejohann

die au

in der au da liegt mein augenblau, all mein
herzblut, meine werke. es könnte auch die
förde sein, wen kümmert das, es reicht ein
grund, ein sandboden zum drin versinken.
meine steißgeburt ergab sich hier, auch mein
scheitern, meine liebelei. an jedem kiesel gibt
es zeichen, linien meiner hände auf dem
augrauen grund. ich laufe mit den tieren, ja,
mit hirsch und fischen. ich jage die kornmuhme
aus dem feld und finde jeden verstaubten onkel
wieder, den sie sich in die erde zog. ich weiß ja,
es gilt, zwischen schlafenden zu wachen. all die
urbilder. die heimkehrer, auch der, der immer
lustvoll warnte vor der au, ist längst ein erderest,
ein sandkorn nur in ihr. ich brauche keine stege
mehr, ich nehme alles mit mir mit; das wasser
tropft mir aus den taschen, aus den stiefeln und
vom kopf. ich bin die enkelin des grundes, an
meinen händen siehst du häute, schlägt in meinem
herz die au und all das, was ich haben wollte, legt
sich wie ein roggenkranz um meinen kopf.

25. Juni 2011 18:59










Hans Thill

Lied der Erntemaschine

aus Edenkoben: ich sehne mich nach den traurigen
Flüssen Slawiens und ihrer Koseform. Nach der
Tinte, mit der Prof. Old die Verssuppe würzt.
Nach jedem siebten Piep von Supermann
mit seiner Rentnerstimme (er hat eine Grille
verschluckt). Nach Tweety und seinen Kameraden
in einem astralen Kaff auf der Überlandleitung.
Nach den Geständnissen von Dr. Phil, der in
einem Schilfboot übernachtet. Nach dem Gejammer
der Postboten. Nach den Notizen einer Mumie
in den beheizten Zimmern von Hambach.
Nach dem Geständnis des Despoten mit den
schwarzen Pfoten, nach dem schaumigen Verstand
eines Touristen, nach dem Reim von Gras und Erde
in der Odyssee eines dicken Jungen, der alle
Rippen Gott vermacht, zum Bau der sich
bückenden Aphrodite, gepierct und mit stachliger
Frisur. Aphrodite mit dem Afro!
Rufen die schnellen Geräte von Heathrow,
die uns die Vollernter aus Pape bringen

Begrüßungsgedicht für

Tatjana Bijelic / Faruk Šehic / Hana Stojic / Mile Stojic / Stevan Tontic / Tanja Stupar-Trifunovic / Marko Vešovic / Sünje Lewejohann / Brigitte Oleschinski / Richard Pietraß / Àxel Sanjose / Kathrin Schmidt / Ron Winkler

30. Juni 2011 10:02