Thorsten Krämer

New Orleans

Auch das: ein Sonntag auf dem Land, aufbrausendes
Motorengeschnatter. Im Vordergrund die Leitstelle Unfug, teuer
erkauftes Gestell. Eine diffuse Fruchtähnlichkeit liegt über
allem, missglücktes Telos einer kindgerechten Anmutung. Auf Anhieb
davon unbeeindruckt: die konzentrierte Arbeit am Albernen.

1. Juni 2014 19:29










Hendrik Rost

Liebe Sprotten,

im Jahre 2002 gehörte ich zu den glücklichen Finalisten des Lyrikpreises Meran. Das allein war schon eine wunderbare Sache. Darüber hinaus habe ich dort aber auch einige Kolleginnen und Kollegen getroffen, deren Werk ich seitdem verfolge und schätze. Das ist zum einen Sylvia Geist, die damals ausgezeichnet worden ist, und die jüngst ihren großartigen Gedichtband „Gordisches Paradies“ veröffentlicht hat (bei Hanser Berlin).

Zum anderen ist es Mathias Jeschke, der ebenfalls dort gelesen hat und mir als ein ausgesprochen freundlicher und interessierter Mensch in Erinnerung geblieben ist. Wiedergesehen habe ich ihn erst über zehn Jahre später bei einer gemeinsamen Lesung im Kieler Literaturhaus. Gedichte, die er dort an den tief verschneiten Fördehängen gelesen hat, stammen aus seinem neuen Buch: „Der Fisch ist mein Messer“. Erschienen in der edition AZUR, Dresden 2014.

Mathias Jeschke tritt nun auch auf Einladung von Andreas Drescher in unseren Schwarm ein. Herzlich willkommen. Er wird ihn sicher mit seinen Texten von weltältesten Booten und anderen maritimen Ideen etwa über die See bereichern: „… und ich kann nicht anders als denken,

daß es keinen Ort auf der Welt gibt, der so sehr
ein Ort ist, den es überall auf der Welt gibt.

3. Juni 2014 15:18










Mathias Jeschke

Liederhalle Stuttgart

Die Matthäuspassion ist ein Raumschiff,
das über der Erde schwebt.
Zerrüttung und dann Glück heißen die Tage,
an denen es dir spürbar nahe kommt,
Einfriedung die, an denen du einsteigen kannst
in diese Tränengondel aus einer anderen Welt.

Das Kreuz – omg! – ist das heilige Steuerrad
und Masaaki Suzuki lenkt das immense Schiff,
verlässlich und ruhig, ein Commander,
Tai Chi-geschult, tänzerisch wie ein Jedi beinahe,
in einer Spannung aus Gelassenheit und Präzision
durch dein grämlich ungeordnetes,
dein ach so elend ungeerdetes Leben.

Die Stimmen der Solisten – der Evangelist, kraftvoll
und erhebend spielerisch, wenn du
jemanden je gerne erzählen hörtest, dann ihn.
Jesus ein cooler Käpt’n Nemo, das Evangelium
ist seine Nautilus, unterwegs in unsrer Unterwasserwelt.

Die Sopranistin, in die Passion fühlt sie sich ein,
stellvertretend für uns alle.
Blicke ihr ins Angesicht und siehe die Schmerzen
auf ihrer Stirn, in ihrer Brust ein Schwert,
ihre Rechte formt die Worte der Schrift.
Wärst Du ein Setzer, du bräuchtest ihr nur zu folgen.

Dies die Tage der Empfindsamkeit und des Mitgefühls.
Meister Suzuki hebt auf die Gravitation.
Er bringt unser ewiges Leiden in Schwingung.
Wir gehen nach Hause, erfüllt
von der schlichten, Leben schaffenden Erkenntnis
Johann Sebastian Bachs, Musik in unsren Ohren:
Nicht an sein Vergeben reicht dein Vergehen.

3. Juni 2014 18:45










Andreas Louis Seyerlein

~

2.21 – Ich erinnere mich an ein Gespräch vor fünf Jahren mit Din. Ihre leise singende Stimme. Sie sei, als die Panzer kamen, in eine Seitenstrasse geflüchtet. Wie sie ihre Augen schloss, wie sie sagte, sie habe keine Menschen mehr gesehen nach kurzer Zeit, einige Freunde nur, die sich an Häuserwände drückten. Die Hand ihrer großen Schwester. Die Druckluft, die auf ihrem kleinen Körper bebte. Aber Menschenstille. Wie sie nach Wörtern suchte, nach Wörtern in deutscher Sprache, die geeignet gewesen wären, zu beschreiben, was sie in dem Moment, da ich auf die Fortsetzung ihrer Erzählung wartete, hörte in ihrem Kopf. Das feine, seltsame Lächeln auf ihrem Gesicht, als sie am Ausdruck meiner Augen bemerkt, dass ich wahrgenommen haben könnte, dass die Bilder, die ich wusste, tatsächlich geschehen waren, das Massaker auf dem großen Platz, stolpernde Menschen, Menschen auf Bahren, zermalmte Fahrräder, der Mann mit Einkaufstüten in seinen Händen auf der Paradestraße vor einem Panzer stehend. Dann die Flucht ins häusliche Leben zurück wie in ein Versteck, das stumme Verschwinden junger Leben für immer. – Du solltest mit Stäbchen essen, sagte Din, das machst Du so, schau! – stop

0.05 – Kurz nach Mitternacht: Leichter Regen. Aber nicht wirklich Regen, sondern Regen, weil ich in mein Notizbuch notierte: 18. April – Regengeräuschwörter sammeln. Also spaziere ich durch die Wohnung und versuche, mangels wirklichen Regens, Regen vorzustellen. Das ist eine sehr angenehme Übung: Regen in den Wäldern, Regen im Gebirge, Regen in der Stadt. Oder Nachtregen, Herbstregen, Regen, der auf ein Fährschiff fällt. Gestern Abend habe ich Regengeräusche gehört, die durch ein Telefon übertragen wurden. Als ich noch Kind war, verließ ich gern das Haus ohne Schirm, wenn es regnete. Kaum war ich auf der Straße, kamen Schnecken unter den Bäumen hervor. Der Regen machte sie schnell und mutig. Sie kannten den kleinen Schneckenjäger noch nicht, der sie sammelte, der sie in Gläser steckte. Wenn ich sie betrachtete, hatte ich den Eindruck, ihr schimmernder Körper würde sich mit Regen gefüllt haben. Seither ist die Farbe des Regens von der Farbe der Schneckenfüße. – stop

> particles

5. Juni 2014 01:38










Mirko Bonné

Elizabeth Street

Es ist schwer, wenn die Abschiede beginnen,
denn alles sagt es, Verschwindenmüssen,
Wiederkehr möglich, doch nie mehr so.
Darum dräng ihn zurück, den nächtlichen
Himmel, in den du hineinfliegen wirst. Geh,
zwischen herbstlichen Wohntürmen, und
in Gedanken nimm die Tram zur Bucht.
Red dir ruhig ein, dass es gut war, besser,
du sagst dir, es ist gut. Behalt keinen Kiesel.
Du vergisst bloß, wo er mal lag, auf dem Dach
eines dunklen Hotels, die Nacht, wie sie roch,
und im Regen die Ufer der Elizabeth Street.
Es wird Zeit. Bye bye pride! Es ist gut.
Nimm sie mit – jetzt ist es soweit –,
das große Licht, die Freundlichkeit.

*

5. Juni 2014 10:40










Hans Thill

… von den Wäldern …

Von den alten Wäldern haben wir noch
die Finger, zwanzig an jedem Gerät,
um zu wählen und drei in einem nächtlichen Organ

Die Schrift verstummt im Imperfekt,
im Schlaf reißen wir uns die Beine aus.
Während der Baum das Licht liebt und wir noch
Sätze aus Salz reden, sieht er schon die
lange Kolonne der Tanks

und der ganze geschmeichelte
Wald öffnet sich einer Armee. Die Soldaten
haben Flecken am Gebein, Grün an den Helmen.
Sie tragen Namen auf der Brust, Blüten im Mund von einem
geschlagenen Baum

5. Juni 2014 22:22










Markus Stegmann

weniger als

weniger als
war
wieviele
waren weniger
dran
oder
drin waren
wieviele als
wenig weniger
wurde im
weniger
waren
wären sie
fast nicht
mehr
wieviel von
wenig wäre
weniger als
nichts

für rebecca f.

7. Juni 2014 20:59










Hendrik Rost

Zeitgeist

„Da trat Petrus auf, zusammen mit den Elf! Diese Männer sind nicht betrunken, wie ihr meint:
Ich werde von meinem Geist ausgießen über alles Fleisch. “
Buch der Taten

An einer umtosten Kreuzung
wartet einer mit seinem Rollator
im Trikot der Männer

der Spielerfrauen schwer atmend
in der Pfingsthitze. Das Gefährt
geschmückt mit Fahnen

in Farben, die wir lieben
zu verachten, dann springt
die Ampel um. Die Grünphase

dauert Sekunden. Auf alles,
was heilig ist! Siege und Lebenslagen
stecken tief in den Knochen.

9. Juni 2014 15:42










Mathias Jeschke

Tankstelle

Halle aus Licht am Rand des Geländes,
mein fahriger Blick streift Ungefähres.
Ich führe den Stutzen behutsam ein.

In der Rechten flexibel den Schlauch,
in der Linken den dinglichen Stutzen.
Halle aus Licht am Rand des Geländes.

Der scharfe Geruch ein sinkender See,
an der Säule salutieren die Zahlen.
Ich führe den Stutzen behutsam ein.

Es klirren die Sporen an meinen Stiefeln,
im Radio die Beichte einer Gitarre.
Halle aus Licht am Rand des Geländes.

Was hinter mir liegt, schafft eine Leere,
die will ich befüllen mit all meiner Kraft.
Ich führe den Stutzen behutsam ein.

Es liegt ein duftendes Sehnen im Abend,
dies sei der Moment, in dem es geschieht.
Halle aus Licht am Rand des Geländes.
Ich führe den Stutzen behutsam ein. 

9. Juni 2014 23:08










Mathias Jeschke

Freibad

Stille lockt im glucksenden Leuchten.
Über dem Becken ragt der Turm.
Ich springe und lass mich verschlucken.

Seht, in der Sonne der brennende Dorn!
Hinunter, um mich in Blau zu kleiden.
Stille lockt im glucksenden Leuchten.

Zu Spott nicht zu werden, zu knicksen,
nicht schwer mich verstiegen zu haben:
Ich springe und lass mich verschlucken.

Was mich erwartet im Feuchten?
Kann ich mich hinter mir lassen?
Stille lockt im glucksenden Leuchten.

Furcht in den Sprung hineingenommen,
mit dem Scheitern gemeinsam gestürzt.
Ich springe und lass mich verschlucken.

Ein Taucher, beherzt. Zu den Korallen!
Hinunter, um lustig hinaufzugischten.
Stille lockt im glucksenden Leuchten.
Ich springe und lass mich verschlucken.

10. Juni 2014 21:41










Björn Kiehne

Kurfürstenstraße

Ich zeige dir die Nacht,
lass dich teilhaben
am Hunger der Stadt;

für dich die Rose,
die Schrift aus Schnee,
in der ich deinen
Namen auf den Asphalt schreibe;

du läufst auf und ab,
ziehst im Gehen seine Linien nach,
versuchst dich zu erinnern:
das Dorf, der Garten, das Lachen;

die hungrigen Autos warten,
stehen Schlange für dich,

das Mädchen, die Straße, die Welt,
die Welt mit der Wunde
zwischen den Beinen;

später dann leuchtest du
die Nacht aus mit Blicken,
die dir nicht mehr gehören;

wachst am Morgen zwischen
Müllsäcken auf,
wo es nach Erbrochenem riecht
und vergossenem Wein;

Gedanken lösen sich aus deiner Stirn,
legen einander die Hände
auf die Schultern,
reihen sich zu einer Polonaise
hinunter zum Kanal,

dorthin,

wo ein Schiff auf dich wartet,
ein Schiff, das dich fortbringt,
fort aus dieser hungrigen Stadt.

11. Juni 2014 13:07










Andreas H. Drescher

DER SÜDEN VI

Ein harter Herr sitzt jetzt auf dieser Bierbank, ganz allein. Und sieht sich selbst als Süden diesem falschen Dampfer nach. So lange schaut er sich hinterher, bis ihm die Bierbank unterm… Unter was? Und was? Zum Ausguck wird… Ausguck Zenit. In Garben. Seefahrer sagen: Im Süden steckt das Salz. Deshalb Zenit. Damit es auch nach oben geht. Er fragt sich jetzt, wie viele von uns er vertäut hat. Waren es neun, waren es dreizehn? Das Sinnieren macht ihm Freude. So schert er sich nicht um die Zahl hinterm Sinnieren. „Vordersteven“. Das Wort denkt er gern. So müde denkt er sich daran, dass es ihm ist, als hätte er das Meer in Salz zu sieben. Und schließlich trägt ihm eben dieses Meer die Dreizehn quer durch alle Decks. Um mit uns zu wetten. Um mit uns zu wetterwetten. Um mit uns zu wettereifern: steuerfahnderisch, steuerflüchtlingisch. Im Ernst. Sonst kommt er nicht dazu, seine Schulden einzulösen.
Wettschulden sind Wetterschulden.

12. Juni 2014 06:28










Christine Langer

Liebe goldene, vergoldete, leuchtende Fische,

ich freue mich sehr, einen neuen Unterwasser-Gefährten einladen zu dürfen. Ich habe Christian Lorenz Müller vor ca. 10 Jahren bei einem Textwerk-Lyrikseminar im Literaturhaus München kennen- und schätzen gelernt. Er ist 1972 in Rosenheim geboren, gelernter Trompetenmacher und lebt in Salzburg. Vor 4 Jahren erschien sein Roman „Wilde Jagd“ bei Hoffmann und Campe, er arbeitet derzeit an einem weiteren Roman. Er schreibt aber auch Gedichte und erhielt dafür den Georg-Trakl-Förderungspreis. Auch seine Rezensionen finde ich bemerkenswert; seine Kritiken sind stets eingebettet in einen dynamisch-rhythmischen Sprachfluß. Herzlich willkommen, lieber Christian, auf daß Du uns mit auf viele Meeresgrund-Entdeckungsreisen nimmst, zu Muscheln, Korallen, kreative Tiefen des Untergrunds!

12. Juni 2014 18:37










Christian Lorenz Müller

Wer weiß schon

Der See buchtet sein Braun
in die Wälder, gründelndes Sonnenlicht
in moorigem Geheimnis.
Du hast dir die Hände
mit Henna gefärbt,
Torfflaum rötelt dir die Schultern.
Komm, legen wir uns auf den Rücken,
ruhen wir schwebstoffleicht
im abendlichen Wasser.

Wer weiß schon, ob sich der Sommer
noch einmal so ruhig und tragend
ausstreckt unter uns.

12. Juni 2014 18:40










Hans Thill

… von den Wäldern …

und Patronen an der Seite. Auch Frauen
sind dabei, sie singen dieselben Lieder. Von den dunklen
Wäldern
haben wir noch die Bescheidenheit
und einen Schluckauf am Morgen,
rasch zu

buchstabieren. Wir trinken jetzt die Schrift,
nachdem wir erwachten unter Flügelpapier, wo man früher
verbotene Wörter fand

13. Juni 2014 13:46










Christine Kappe

Casablanca

den ganzen Tag über brennen die Straßenlampen. beleuchten natürlich nichts, weil die Sonne viel heller ist. verdunkeln eher. Z.B. die zahlreichen Baustellen, die eigentlich Nähmaschinen sind. hier wird der Stoff genäht, hinterm dem sich Tod & Sex verstecken / der immer wieder zerreißt. durch die Risse sehen wir in ein Loch, durch das es mörderisch zieht. sofort kommen uns die Tränen, doch nicht aus Trauer, sondern vom Luftzug

es ist immer neblig hier, immer Smog, deine Haut ist immer salzig, weil du immer schwitzt. das Wort „immer“ hat in dieser Sprache eine andere Bedeutung: „dima“= der Vorname eines Prinzen mit stolzem Blick. die Schaufensterpuppen gucken eher genervt, tragen Jellebbas: eine hat Haare vor den Augen, eine andere auf den Zähnen

14. Juni 2014 18:06










Hendrik Rost

Vom Pferd erzählen

Die Geschichten, Liebste, die du erlebt hast,
die ganze Last der Geschichten, die du
zu erzählen hast, sie machen die alt.
Das Leben, Liebste, kommt kaum über
ein kraftloses Weißt-du-noch hinaus.

Das gesammelte Gewicht aller Geschichten,
und es liegt mir schwer auf der Zunge,
Liebste. Es macht mich müde, mein Leben
als Fiktion. Was für ein Übermut, überhaupt
aufzustehen. Und doch, erlebt ist erlebt –

lange Spaziergänge mit dem Schweinehund,
die Wohnung, zugemüllt mit lauter Plänen,
wie ich verliebt war, nur nicht wusste, in wen.
Das, Liebste, sind Geschichten, ein Leben
lang erstunken, empfunden und erlogen.
Ich hab die Geschichten satt.

Verschon mich, Liebste, mit Geschichten,
wie du abgenommen hast, wie du spürst ­–
ich bin nicht mehr auf ewig jung. Es ändert
nichts an der Geschichte, was dir widerfährt,
ob du Gutes säst oder erntest, den Film
siehst oder selbst vor der Kamera stehst.

Ich kenne deine Geschichte, liebste Kassandra,
mit der du am Leben hängst und umgekehrt.
Ich erspar dir zum Dank die Sagen, die ich
in mir trage aus vielen Tausend Gerüchten
und Nachrichten – von Flucht und Städten
in Asche, leeren Geldbeuteln, Tod oder Teufel.

Lass die Geschichten ruhen. Erzähl nicht
von der Welt, die es nicht gibt. Wind weht
dir ins Gesicht und wispert, Liebste. Er sagt,
du bist frei oder nicht. Was du bist, hat ein
anderer an Bedeutung verloren. Keiner überlebt
in alten Geschichten. Hör auf, zu vernichten.

15. Juni 2014 10:32










Thorsten Krämer

Salzwärts

Mit dem Wettschein in der Hand bereiste er die ganze Gegend. In seinem Herz war ein großer Klumpen. In der Nacht kamen Diebe, doch er spürte nichts als seine kalten Füße. Er legte sie in Salz ein und konnte förmlich dabei zusehen, wie seine Schuld von ihm abfiel. Sie rieselte langsam salzwärts; auf der Höhe seiner Zehen verweilte sie noch kurz, ehe sie für immer in der feuchten Erde verschwand. Für immer? Das ist die Frage, die er sich jetzt stellt und die auch wir ihm nicht beantworten können. Wir wissen überhaupt viel zu wenig über ihn.

16. Juni 2014 08:51










Christian Lorenz Müller

Aus einer adriatischen Muschelkiste

Einer jener seltenen Tage
an denen das An- und Ausziehen
nicht nötig war. Das Salz
spannte auf unserer Haut
und die Wellen haschten beim Anlanden
nach unseren Knöcheln.
Mittags nur schlugen wir uns den Schatten
eines aufgespannten Leintuchs um die Schultern.
Mit unseren T-Shirts tunkten wir
das Spritzwasser vom Boden unserer Kajaks,
Badehosen und Bikinis flappten
als Piratenflaggen im Wind.

Abends zogen Containerschiffe nach Norden,
voll mit Hemden, Krawatten, Hosen vielleicht.

16. Juni 2014 11:35










Andreas H. Drescher

DER LETZTE SÜDEN SIEBEN

So ist der Unhold unterwegs: einmal von unten her durch alle Wolken. Und bindet, was er fasst, in Garben zusammen: Blicke, Wolken, Männer. All das steht in diesem unheimlichen Licht. Er selber lacht es, dieses Leuchten, ohne auch nur einmal den Mund zu öffnen. Ohne einen Rülpser schlingt er Bierbank und Bierstand als seinen Untergang herunter. Schaum ist ihm nachgespült genug. Der Jacketkronen Blau ist im Zenit gespiegelt. Als Nacht, als Mittagsmitternacht. Dunkel, dunkler, Vordersteven. Knackende Finger-Garben in Salz. Eben ein Unhold.

17. Juni 2014 17:11










Thorsten Krämer

Saumseliges Postskriptum vom Rand der Wüste

Das war es dann also. Der letzte Salzstreuer ist geleert, der letzte Wettschein zerrissen. Von jetzt an nur noch Schwitzen. Ein Unhold, wer sich etwas Böses dabei denkt. In einem Wort: der Süden als Sieger. Keine belagerte Landschaft mehr, kein Drehen am Rad. Von jetzt an ein Durst für die Ewigkeit, Stillstand & Gewissheit im g  l     e     i    ß     e      n       d        e         n            L             i               c               h                    t
                   d                          e                       r                             S                                          o

18. Juni 2014 16:49










Markus Stegmann

„Lotte“ genanntes Laminat

Zwischen Gittern, Klavieren, über Fisch frühmorgens aufgefrischte Lage steht plötzlich eine permeable Partitur im Zwischenraum, sucht deine glockenhelle Stimme, die später mit mir kam, oder war da was wie performative Perforation, aber was wäre das überhaupt? zwischen uns im Gleisdreieck, schickt erste Ohren dem Kragen der Nacht, oder seid ihr Pfoten aus Tabak, Laub mit Lordose gefüllter Bunker, im Gezettel, Garnitur, welche Garnelen sollen das bitte lesen? wer faltet sich eine Lupe draus? ich setze dem Löffel lieber Linsen vors Maul, fuhrwerke mit dem Gezappel im Sessel, verwische, verwintere den Kunstschulenkatarrh mittels Audio, währenddessen verweilt die Welt in euren Stimmen, im Gelände, Waldsaum, ländlicherseits ins Gehege gefragtes Gesagtes, anders rum ging’s leichter, als Kopf und Kragen mit zittrigen Zügeln ums „Lotte“ genannte Laminat zu manövrieren.

für S&N

19. Juni 2014 23:14










Hans Thill

… von den Wäldern …

sie rieseln wie Dreck auf unsere Tischplatte. Trau
keinem Mann mit grauen Schuhen

Von den toten Wäldern bei Freudenstadt
haben wir noch die Hornhaut an den Füßen
und daß wir danach traurig werden
wie unsere Wäsche von vorgestern. Von den alten
Wäldern
bei Metzingen haben wir
noch

das Flaschenglas, über das wir liefen
am Vorabend, von den abgeholzten, verfeuerten, rasch zu Asche
gepreßten Wäldern, schneller verwertet als wir
trinken können. Und wir nehmen das
Grundauge

21. Juni 2014 16:41










Christine Langer

Verbindungen

Aufgeladene Wipfel
Sie stauen das Blut
Unserer Hände
Wir heften den Blick
Ins Geäst erheben uns
Mit der sinkenden Sonne

23. Juni 2014 16:23










Andreas H. Drescher

Apfel

Die eine Seite des Apfels – von Steinen ge
troffen – auf der schmeckt er am besten

Weil dort die Kraft des – Wurfes auf
gehoben ist die Kraft – des Wurfes und

die Wucht des Falls
(für Christine Langer)

24. Juni 2014 08:31










Christian Lorenz Müller

Fernsehbilder aus Aleppo (10. Juni 2013)

Ihr ererbter Name, Michail Timofejewitsch,
gilt in tausend Sprachen gleichviel
wie die Wörter Aufstand und Unterdrückung,
er lässt die Augen junger Männer glänzen
und die Augen jener, die in einer Nacht
zu Greisen wurden, vor Schreck sich weiten.
Der radikalisierte Koranschüler in Pakistan
spricht ihn aus und der Kindersoldat im Kongo,
der Bodyguard des syrischen Präsidenten
und der kolumbianische Drogenbaron.

Früher, Michail Timofejewitsch,
war von der Braut des Soldaten die Rede,
heute hat der Rebell oder der Scherge des Diktators
eine Hure in Händen, die es von beiden Seiten
mit sich machen lässt, eine geliebte Hure,
die in Augenblicken namenloser Angst
an die Brust gedrückt wird, nacktes Eisen
an einem nackten Herzen.
Michail Timofejewitsch, erkannten Sie sich irgendwann
als jener Lude, der dem Sensenmann
das Sichelmagazin erfand?

Die Brust mit Orden beklimpert,
schelten Sie die Händler, schelten Sie die Politik
und scheinen dennoch stolz auf Ihr Werk,
stolz auf Ihren Namen, den schon Ihr Vater trug,
ein Bauer, ein einfacher Mann,
den kaum jemand kannte.

24. Juni 2014 19:16










Christine Langer

Disteln

Die Silberlinge
Lassen ihr Köpfchen hängen
Fallende Silberköpfe
Knöpfe am Wegrand
Köpfe der Stille die silbrigen Taler
Die Täler des Einsamen
Monde im Taglicht
Gefranste Münzen Mützchen
Voll von Flaum und Dornensaum
Glanzpunkte Kronen die Krönung
Im farbigen Treiben
Heranwachsende Hommage
An eine verborgene Sprache

25. Juni 2014 16:41










Andreas H. Drescher

Sirup

Woher auch immer die Hitze in meinen Händen kommt,
Die Stadt kriegen sie nicht zu fassen.
Das Dorf war mir noch
Leicht
Durch die Finger gerieselt.
Auch das nicht zu greifen.
Doch kühles Rinnen immer
Hin über den Handballen
Das meine Fingerbeeren zu Gelee kochte.
Ich gab meinem Versagen also einen neuen Namen:

Sirup

26. Juni 2014 08:01










Hans Thill

Selfie mit Prokrustes

Das Leben ist möglich, sofort kann es
beginnen. Mit der weißen Strumpfhose von Psychopolis,
aus viel Milch und ein bisschen Honig, gerade
genug für die Mundhöhle der Mona Lisa, einen hohlen
Zahn des Skaphander. Mit unserer Verbeugung
vor der Leiter zum Bett des Prokrustes, der uns die
Hammelbeine langzieht. Mein Geist ist ein schwarzes Schaf,
ein Windhund, darüber am Himmel Raketoplane, zärtlicher
als die Bienen, die es einmal gab. Wir befinden uns
im Weingarten der Sprache, der Schnee fällt hier mit dem Rücken
zuerst, als wäre er ein blaues Tier. Aha, die Wirklichkeit
haust in den Zimmern (izby), svet heißt die Welt
und Bono heißt Bono. Durch ein Guckloch zu Beerscheba
betrachten wir die einzige Blondine des Neuen Testaments,
Maria Magdalena, versonnen und spitz hantiert sie
das Löffelchen, vor sich Dantes Fußabdruck, gelöst
in einem Glas Wasser
Begrüßungsgedicht für Michal Habaj, Mila Haugová, Rudolf Jurolek, Dana Podracká, Martin Solotruk, Ivan Strpka, Nico Bleutge, Christian Filips, Sylvia Geist, Kerstin Hensel, Christian Steinbacher, Uljana Wolf

26. Juni 2014 11:32










Thorsten Krämer

Habsburg Villa

Nach dem Regen: auf Augenhöhe
mit den Hunden, durchnässte Witterung. Der Blick
entgleitet ins Off, wo immer schon das Interesse liegt.

Du bist nicht hier, du täuschst dich, das sind
auch keine echten Hunde. Der Cargo-Kult
der Sinne, und auch in dir kursieren Nachrichten
von gerade eben.

29. Juni 2014 13:45