Mathias Jeschke
Du behauptest, meine Haut lebe von Milch und Honig.
Ich greife dir an die Kehle und sage: nefesch. Das ist
das Wort der Hebräer für die Seele, die in der Kehle
wohnt. Das ist bei deiner Stimme so, my dear, wenn
du nur nicht solchen Pop-Scheiß fabrizieren würdest,
sondern Musik, die in der Seele wohnt. Ich denke da
an Arvo Pärts Nachtigall. Erotik ist ja überhaupt ein
unsichtbares Ereignis. Was soll nur werden aus uns?
23. September 2015 21:48
Hans Thill
Das Elixir
wirkt wie lose Buchstaben in einem Gebirgsbach, eine Verabredung in die Rinde geschnitzt. Man trinkt es in kleinen Schlucken als einen Zusammenhang von Schlange und Schnaps. Man trinkt es im Exil. Auch hier muß man geduldig sein. Hans Test ist Tristan. Wer das Glas zu früh öffnet, wird noch schnell von der Schlange gebissen. So ist das in China, wo sich Eliten an einem Gebräu berauschen. Test nimmt Nudeln anstatt der Schlangen, den Liebestrank hat er zuvor verschluckt.
23. September 2015 11:48
Christian Lorenz Müller
Anspruch auf ein Einzelzimmer,
ruhig, mit Blick auf den Park
Feldbetten, ausgelegter Karton,
eine Tiefgarage für tausend Menschen
vor dem OP-Termin
ein Gespräch mit dem Primar
Rotkreuzhelfer versorgen
eine schlecht verheilte Wunde
das Wachstum ihres Kindes
wird durch die Titanplättchen
nicht weiter behindert
Bombensplitter? Nein, mein Junge
hat sich den Schenkel
an Stacheldraht zerrissen
so begradigen wir die Stellung
der Knie, für Schmerzfreiheit
selbst noch in hohem Alter
er wollte unbedingt
als erster unten durch
es wird ein bisschen wehtun
das wird schon wieder
du musst bis Freitag hierbleiben
wir wollen schnellstens weiter
du wirst bald ganz gesund sein
zu Fuß, wenn es sein muss
gute Nacht, ich komme morgen wieder
schlaf, mein Junge, schlaf ein.
18. September 2015 13:35
Gerald Koll
Der Himmel war heute Morgen voll Blau. Und in den weißen Wolken war etwas Grau, aber nicht zu viel. Schön. Das hätte alles auch ganz anders kommen können, wenn wir drüben wohnten, jenseits der Ränder der Milchstraße.
17. September 2015 14:00
Hendrik Rost
Eine Eiche mit Konstellation Tagesschau steht
vorm Haus als vertrauter Wächter, im Geäst
hängt das Zerebrum eines Wespennests,
das uns den Sommer über grübelnd fixiert hat:
Es zwiebelt tagelang nach einem Stich,
aber Schmerzhaftes, es kehrt nicht einfach zurück
in den Naturzustand. Zerstreuung, wie sie
Menschheit bewegt, hat mich nach den News
nach Kalifornien entführt, wo Seelöwen mit Codes
aus Grölen Lieder singen. Blubber heißt ihr Schutz
vor Elementen; kaum durchblutete Substanz.
Nahe dem Hawk Tower fällt die Küste steil ab
ins Meer – das Unerbittliche, durch den Fernseher
sogar ist es zu spüren. Der Mensch als Meister
aller Extreme, Bammel hat er vorm Wetter:
trübe Gedanken und blitzgescheites Gewisper.
(Danke sehr für das letzte Wort!)
17. September 2015 10:46
Christian Lorenz Müller
Rote Striche auf Beton:
Normgröße für vier Räder,
vier Feldbetten, Isomatten
oder auch zehn Decken
auf einer Lage Karton.
Gestern noch aufgeblendete Scheinwerfer,
heute das weiße Glosen
der Augen; erschöpftes Gewisper
anstelle summender Motoren.
Nur die Schranke ist offen:
Exit, Ausgang, Notausgang
in den Nieselregen
der diesseits und jenseits
der Grenze fällt.
14. September 2015 17:01
Tobias Schoofs
der aufstand wenn er kommt
kommt nicht im fernsehen
er macht deine lippen nicht sexy
er macht deine zähne nicht weiß
die frisur wird nicht sitzen du
machst insgesamt keine gute figur
der aufstand wird nicht gepostet
und sein erlebniswert ist null
er löst nicht das völlegefühl
er ist nicht bekömmlich niemand
sehnt sich nach ihm er kommt
wenn er kommt der aufstand
doch er kommt nicht im fernsehen
10. September 2015 19:58
Björn Kiehne
Ich lehne meine Stirn
an die warmen Steine,
die das Licht tranken,
das vom Himmel fiel.
Wörter fliegen auf
wie nervöse Tauben
formen vor der Sonne
Gebete aus Wasserdampf.
Für wen bete ich – für den
Vater der Mutter – den Täter,
für die Mutter des Vaters –
das Opfer, für mich selbst, der
hier in den Mauerritzen lebt,
ein wenig Dreck und Schmerz,
der müde seine Klagen in
den warmen Stein schreibt?
7. September 2015 10:26
Hendrik Rost
Wusstest du nicht, es spricht nur eine Stimme
in allen und sie ist sichtbar wie Licht.
Du hast nur ein Leben, nutze es,
sagen sie, um dir Produkte zu verkaufen –
kurz leuchtet das Wort Pro-fite auf beim Notieren
wie richtiges Wissen: woida, indogermanisch,
ich habe gesehen. Und so nutznießt du die Marotten
und Tücken dieser Zivilisation:
Protest und Ackerbau, Viehzucht und Grips.
Ware lockt in der Manier alter Meister
auf einer Werbetafel in der S-Bahn.
Korrigiere Leben in Leier, berichtige nutze es zu nutzlos.
Dann geh zur Arbeit morgens
im ersten Licht und sieh zu,
sieh zu, wie du sprichst.
5. September 2015 19:48
Christian Lorenz Müller
Als ich aufwachte, nachts,
weich bedeckt, die Matratze
warm unterm Hintern,
dachte ich an die, die gingen,
40 Kilometer gingen, Marathon, ich dachte:
Wo schläft der Rollstuhlfahrer,
den du im Fernsehen sahst,
wo der junge Mann an Krücken,
der nach Schweden wollte?
Deckt sie der Tau?
Drückt eine Plastikflasche
als Kissen ihr Gesicht?
Hier rauscht der Regen,
dort die Autobahn,
und Wien ist weit, so weit.
So dachte ich
und konnte nicht mehr schlafen.
5. September 2015 10:07