Gerald Koll

Das fünfzigste Jahr (172)

1. April 2016, ein Freitag

Heute drei Aikido-Einheiten, ich bin völlig im Eimer, irgendwie herrlich.

1. April 2017 08:26










Gerald Koll

Fehlendes Glück …

… heute vor 100 Jahren

1. April 2017 18:28










Gerald Koll

Das fünfzigste Jahr (173)

4. April 2016, ein Montag

Die Nervosität steigt. Übermorgen geht es los nach Japan. Das Wochenende mit Frau S. verlief mit Aussicht auf Abschied: Spazieren, Planung des runden Geburtstags im Arbeiter-Strandbad Weissensee, gemeinsame Lektüre. Ihr Gekränktsein, sofern ihre Lust nicht auf Gegenlust stößt, kränkt mich.

D. und ich haben auf den letzten Drücker eine Unterkunft in Tokio besorgt. Es war einigermaßen hektisch. Die Reise ist alles andere als durchgeplant. Wie schmuggeln wir, die wir keine Mitglieder im Aikikai sind, uns bloß ins Hombu-Dojo?

4. April 2017 12:39










Gerald Koll

Das fünfzigste Jahr (174)

5. April 2016, ein Dienstag

Unterströmungen reißen die Füße weg. Morgens im traulichen Zweierlei säusle ich heimelnd, doch durch die Kaldaunen des Gehirns schieben sich Formulierungen, die auf Abstand halten. Ich kann’s innerlich nicht abfließen lassen, die Wörter reißen mir die Füße weg, je mehr sie sich wälzen und schieben gegen alle Innenwände. Arbeit, Gentleman, Wucht, (… drei Punkte …), brummende Brocken schieben peristaltisch durchs Geschehen, wie soll da die Liebe schmiegen und schmieden? Und das Tagebuch ist wieder einmal Sickergrube, Dampfeimer der Dinge, die Frau S. mir um die Ohren schlüge, würde sie hineinschauen.

Gleichzeitig höchste Anhänglichkeit. Gestern zum Beispiel ließ ich Aikido sausen, weil mir nichts angenehmeres vorstellbar war, als mit Frau S. Ovid zu lesen, Tati zu schauen und den See zu umrunden – die Fluchtphase vor dem Aufbruch. Am liebsten einfach liegen bleiben, am Tropf des Alltags. Das Ungewisse ist immer noch eine Höhle, aus deren Dunkel der Drache speit. Ängste versuche ich mit Muskelkraft zu Vorfreude umzumünzen. Morgen geht es los. Wie das wohl wird mit D. an der Seite, diesem männlichen Mann, der sympathisch, loyal und belastbar wirkt, manchmal aber auch leicht chaotisch. Mal sehen, wie lange wir gelassen bleiben, wenn Pläne scheitern und wir nicht mehr wissen, wowiewann wir übernachten können.

5. April 2017 09:51










Konstantin Ames

metallisches Quietschen der Vögel
im Beton II Bäume in Blüte
popcornrosa; Blätter später blutwurstrot

las Entdeckungsgabel
das war falsch, aber schön
wie überhaupt diese Imkersprache

diesen Kinderglauben an sich selbst zu verlieren
lässt alle Poesien erst beginnen
dich bedeckt innen weniger als
unbeschriebenes Papier; nur in der Kopfzeile was
deine Gehörgänge besetzt mit Stiften ohne Spitzen

(Es heißt nicht Sichtung, es heißt tort« 05.04.2017)

5. April 2017 11:00










Gerald Koll

Das fünfzigste Jahr (175)

6. April 2016, ein Mittwoch

Um 4:17 Uhr weckt mich ein Anruf aus Japan: Unser Airbnb-Vermieter bestätigt die Buchung und wünscht gute Reise. Später liebreicher Abschied von Frau S. an der Tram. Deren Timing ist perfekt. Im Flieger lausche ich der Musik: das sind die finnischen Durchsagen einer Stewardess.

Die Reisetablette eilig ohne Wasser eingenommen. Der Speichel reicht nicht zum Verdünnen und Auflösen. Zwischenstopp Helsinki. Beim Landeanflug stieben Schmerzfunken in die linke Stirn- und Nebenhöhle. Dafür Bitterkeit und Taubheit im Rachenraum. Dort schmilzt die Tablette.

6. April 2017 07:28










Gerald Koll

Das fünfzigste Jahr (176)

7. April 2016, ein Donnerstag

Unsere Unterkunft in Tokio liegt eineinhalb Zug-Stunden vom Zentrum Tokios entfernt. Sehr weit draußen, aber dafür drinnen sehr eng: auf der Fläche einer Tatami-Matte befinden sich zwei Betten, eine Dusche, ein WC, eine Mikrowelle, eine Küche, ein Trockner, ein Fernseher – japanische Wohnschachtelperfektion. Der nette Wirt heißt Yutaka, während das hausmantelartige Kleidungsstück ja Yukata heißt. Das führt zu Verwechslungen.

Um den Jetlag niederzuzwingen, halten D. und ich uns wach und suchen das Hombu-Dojo. Wir schauen beim Training zu (Leitung: Eto-Shihan). Viel Unruhe auf der Matte. Danach auf ein Bier ins Vergnügungsviertel mit peinlichem Foto mit Bier und Wirtin. Wie ich sie hasse, diese peinlichen Fotos mit Bier und Wirtin!

7. April 2017 07:34










Konstantin Ames

Dichterwetter is getting better

es ist Frühling; nur das zählt, in
unserm Gästeklosett hängt ein Foto von Juri
Gagarin in seinen Alsohäuten; das zählt nicht,

Dichterwetter is getting better und die Blätter des
Jahrs winken in stiller Einfalt und elegischer Blöde

in der Kasinostraße würfeln und zählen
die Jurierenden, und die besten Urinierenden
erleichtern sich dann hinein in die Welt; in

Dichterwetter is getting better und die Blätter des
Jahrs winken in stiller Einfalt und elegischer Blöde

Eiswürfeln hab ich den Kopf gewälzt, den
von Kurt und den von Klaus; hab ich bei Daesh bestellt, im
Rauschebart dieses zerhackten Sonetts trocknet Urin.

Dichterwetter is getting better …

7. April 2017 09:21










Tobias Schoofs

CHIAROSCURO

mir ist wie wir ins taxi steigen
die ganze sache schon peinlich sie

kommt die treppe vom bahnhof
herunter zwei männer uns noch
unbekannt kreuzen ihren weg sie

steigt ins taxi wie wir die reifen
quietschen auf nassem asphalt
die lichtquelle hinter schatten

unseren huschenden schatten
rasselt im inneren draußen: sie

8. April 2017 16:52










Gerald Koll

Das fünfzigste Jahr (177)

8. April 2016, ein Freitag

Letzte Nacht rumpelte es unter uns, als würden wir über einer U-Bahn-Trasse wohnen, aber hier verläuft keine U-Bahn. Es wirkte auch weniger technisch, eher organisch, als hätten wir im Keller einen Drachen, der sich im Traum wälzt. Wir erfuhren, die Erde habe gebebt.

Jetzt ist es schon wieder Nacht. Mit dem letzten Zug haben wir es gerade noch geschafft, gehetzt von Bahn zu Bahn, von Kawasaki nach Matsudo. Die Waggons waren überfüllt mit Angestellten, die nach dem obligaten Freitagfeierabendbesäufnis nach Hause wankten. Ein Gesellschaftsproblem, beklagt auf Plakaten.

In der Tokyo-Station beobachteten wir einen Herrn, den man sich dem Äußeren nach als seriösen Herrn in leitender Position denken würde. Sein Zustand war desolat. Soeben torkelte er die Treppe hinab, als seine Hose zu den Knien rutschte. So stolperte er weiter. Ein Zweiter fiel und purzelte. Einen Dritten schleiften Beamten aus dem Zug und legten ihn auf dem Plafond ab. Wir haben Tränen gelacht.

5 Uhr Wecken, Training von 8-9 Uhr bei Irie-Shihan mit zwei geschmeidigen Japanerinnen, Training von 15-16 Uhr bei Seki-Shihan mit einem robusten Rumänen, Training 20-21:30 Uhr bei D.s Schwert-Meister Sugino-Sensei. Ich wurde immer konfuser. Aikidoka luden dann zum Essen. Das war unbequem, denn nach den drei Trainings bekam ich Wadenkrämpfe und viel Durst, aber wir saßen im Schneidersitz bei Bier und Sake. Man bestellte eingelegte und vergorene Sojabohnen, außerdem Schweinekopf am Schaschlickspieß.

Jiro Taniguchis Manga namens Nakano Broadway trieb mich zum Nakano Broadway, einem Einkaufpalast auf vielen Etagen. Unter grellem Bunt und Wild befand sich auch ein reizendes Café im schlicht-klassischen Stil der 60er Jahre, als sei es ein Filmset von Ozu. Auch eine riesige Buchhandlung war da, in der ich ein Manga von Taniguchi kaufte.

Der Wäschetrockner piept. Es ist 2 Uhr durch. Der Wecker ist auf 5 gestellt.

8. April 2017 18:02










Gerald Koll

Das fünfzigste Jahr (178)

9. April 2016, ein Sonnabend

Um fünf Uhr aufgewacht, gleich weitergeschlafen; sechs Uhr aufgewacht, gleich weitergeschlafen; sieben Uhr wieder wach. Marode aber heiter fuhren D. und ich zu einer öffentlichen Vorführung verschiedener Budo-Verbände. Die Kampfanzüge waren sehr schick. D. fuhr dann zu seiner Schwert-Gruppe, ich blieb allein zurück, irgendwo in Tokio. Ohne Straßenkarte und Handy war mir da, als stünde ich oben auf einem Planetballon, dem plötzlich die Luft entwichen ist und der nach allen Seiten steil abfällt. Kribbeln. Mangels Haltepunkt holte ich umgehend meine Kamera heraus, um mir und der Umgebung mitzuteilen, ich hätte hier ganz dringend zu tun. Irgendwie fand ich zurück.

9. April 2017 10:16










Julia Trompeter

Ceci n’est pas un Fisch

Ein Mann mit Hut und ein verwickeltes Ich
beim Abendessen.
Die Gräten des Verstorbenen liegen noch
auf den Tellern wallonischer Coleur,
und ich denke an die Verschiedenheit von Haut:
ihre trockene Wärme in den Sommern,
ihre blasse Kühle in den Wintern,
an zwei verschiedene Schuhe,
ein springendes Kind.
Die Küchenstühle an und für sich betrachtet
geben schon ein gutes Bild ab.
Wenn ich hier der Künstler wäre,
würde ich sie malen und den Rest weglassen… nein,
auch den Wein von der Farbe geschmolzenen Schnees,
auch die Bläue des verschwundenen Fischs,
auch das Rot der Gardine
und den Schatten der Nähe
würde ich einfangen
mit meinen Strichen.

9. April 2017 20:00










Gerald Koll

Das fünfzigste Jahr (179)

10. April 2016, ein Sonntag

Ein Tag in Kokobunji, einem Stadtteil von Tokio, wo Jiro Taniguchi wohnt. Seine genaue Adresse kenne ich nicht. Mit etwas Glück/Pech fuhr er vorhin mit dem Fahrrad an mir vorbei. Als ich vor dreißig Jahren die Lebensstationen des damals sehr verehrten Hermann Hesse aufsuchte, fühlte ich mich immer wieder „durchweht von historischem Hauch“: Hier wuchs er auf, hier litt er im Internat, hier goss er Blumen. Das wünschte ich mir auch von meinem Besuch in Kokobunji. Aber das geschieht nicht. Meine Romantik ist Attitüde. Vor meine Blicke auf die Stadt schieben sich oft Erinnerungen an Taniguchis Zeichnungen. Ich errechne die Algorithmen seiner Blick-Verarbeitung. An vielen Stellen filme ich eine mitgebrachte Miniaturfigur, einen rot-blau gekleideten älteren Herrn mit übereinander geschlagenen Beinen, der eine Zeitung liest. Das Filmchen müsste Der lesende Mann heißen und in Bezug zu Taniguchis Manga Der spazierende Mann stehen.

Ich esse Teigtaschen in einem dieser pragmatischen Küchen, in denen Kunden an einem langen schmalen Tisch sitzen, jeder an einem Tischabschnitt in der Größe eines DinA4-Blatts, durch kleine Paravents abgeschirmt Gästen nebenan und gegenüber, versorgt von fürsorglichen Kellnerinnen, die kein Trinkgeld nehmen, da man bereits beim Eingang sein Essen im Automaten bestellt und bezahlt hat.

Zwei Trainings bei Kanazawa-Shihan und dem Doshu, also Moriteru Ueshiba, dem Enkel vom O-Sensei. Die Matte ist knüppelvoll. Ranghohe Partner, frei von Allüren.

10. April 2017 09:15










Konstantin Ames

2eune zîtung, links, mitte rechts unten: luxusgütern nach nordkorea

shington hat am freitag (fischtag) eine liste von luxus
exportiert
kungen waren stehen güter wie ipods, jet-ski, designer
kleidung, diamanten, felle, notebooks, rennwagen, ja
achten. spirituosen

Aus: Alsohäute = roughbook011, Holderbank SO 2010, S. 24.
Für: Alle, die auch unbeflissen vom Jetzt schreiben können.

11. April 2017 09:23










Gerald Koll

Das fünfzigste Jahr (180)

11. April 2016, ein Montag

Heute drangen D. und ich in Buddhas Wesen tiefer ein als je zuvor. In Kamakura steht eine betretbare Statue. Von innen schaut man aus den Schulterblättern heraus.

Das öffentliche Bad des Stadtteils Matsudo ist günstig (umgerechnet fünf EUR) und raffiniert. Wenn man zum Abkühlen auf dem Beckenrand sitzt, tunkt der Penis in umspielende Strudel. Wie derb und verstunken sich das deutsche Waschgebaren ausnimmt gegen die jedermannverbindliche japanische Badekultur. Spät aus dem Onsen nach Hause. Es bleibt uns eine Stunde Schlaf bis zum Aufstehen.

12. April 2017 09:25










Gerald Koll

Das fünfzigste Jahr (181)

12. April 2016, ein Dienstag

Heute 1:45 Uhr hoch, nach einer Stunde Schlaf. Um 2:20 Uhr fährt uns Yutaka zur berühmten Fischauktion. Um 3 Uhr muss man dort sein, um einen der begehrten Zuschauerplätze zu bekommen. Da wir keinen Parkplatz finden, stehen wir um 3:20 Uhr am Gatter und werden fortgewinkt: zu spät. Yutaka, der beflissenste aller Gastgeber, tröstet uns mit einem Fisch-Frühstück im Fischmarktviertel. Ich wusste gar nicht, wie viel Geschmack roher Fisch haben kann. Mit dem Bauch voll rohen Fisches blicke ich vom Beifahrersitz über bewegungsunscharfe Geländer des Highways und über den Edo-Fluss auf die Tokioter Skyline. Darüber zieht morgendämmernde Sonne Farbschleier. 6 Uhr wieder daheim.

Mittags in die Stadt. Diskrete Stille in den U-Bahnen. Man liest, spielt auf Smartphones, spricht gedämpft, schläft. So anders als im Berliner Aggressionsstau. Japanische Schulschönheiten: zart und delikat, zwischen Fetischfieber und Frömmigkeit.

Jiro Taniguchi geht nach eigener Aussage gern im Kichijoji-Park spazieren. Ich also auch. Die Sitzgelegenheiten sind so diskret separiert wie in Speiselokalen, hier meist durch schmales Buschwerk. Aber Taniguchi sitzt nicht, wo ich sitze. Sitzt auch nicht in einem jeder Ruderboote in klassischem Ruderboot-Format, in denen so viele Angestellte ihren Feierabend absolvieren. Sitzt auch nicht in einem jener Tretboote in Form schwimmender Schwäne. Sitzt auch nicht bei jenen Menschen auf den Decken, die so manierlich und sittsam und sauber hier sitzen und in Chören staunen, wenn ein Teilnehmer Staunenswertes äußert. Der spazierende Taniguchi sitzt nicht. Ich werde ihn nicht finden. Ich suche ihn ja auch nicht wirklich. Ich tu nur so. Ich spiele den suchenden Mann.

Imposant sind ja Leute wie jener junge Mann aus Amerika, einem unserer Nachbarn in den Container-Appartements von Yutaka: Er wohnt seit zwei Wochen dort und verließ es bislang nur für einen Ausflug ins Elektronikviertel. Auf der Rückfahrt war er beim Aussteigen aus der U-Bahn so sehr in sein Smartphone vertieft, dass er in den Spalt der Bahnsteinkante trat und mit dem Arm aufschlug (Smartphone gerettet!). Seither verlässt er sein Zimmer noch nicht mal zum Essen. Per Smartphone ruft er Yutaka an: „I’m hungry!“ Yutaka bringt dann Essen.

Yutaka lädt mich abends zum Essen, als ich vom Aikido-Training (Leitung: Osawa-Shihan) zurückkomme. Yutaka stellt mich seiner Frau und seinem autistischen Sohn vor. Sie spricht kein Englisch, er spricht gar nicht. Danach verbringe ich eine dreiviertel Stunde in Yutakas neuem monströsen Massage-Sessel, der jeden Körperteil walkt. Es ist 23 Uhr. In zwei Stunden wollen wir zum zweiten Mal zur Fisch-Auktion aufbrechen.

12. April 2017 09:28










Christian Lorenz Müller

HAARIGE ZAHNSEIDE (Drei Aphorismen für Affen)

Kreationisten wollen nicht wahrhaben,
dass sie vom Affen abstammen. Das ist verständlich.
Es gibt immer Menschen, die sich für ihre
Verwandtschaft genieren.

Thailändische Tempelaffen benutzen
Menschenhaar als Zahnseide. In China wiederum
sah ich an einem Imbissstand einen Menschen,
der sich die Zahnzwischenräume mit einer
Hühnerkralle reinigte.

„Mach dich nicht zum Menschen!“, mahnte
der alte Affe im Zoo einen Jungspund, der Bananen
durch das Gitter warf.

12. April 2017 11:39










Gerald Koll

Das fünfzigste Jahr (182)

13. April 2016, ein Mittwoch

Heute morgen waren wir pünktlich. Um halb drei standen wir am Gatter der Fisch-Auktion, aber heute fand gar keine Fisch-Auktion statt. Das hatte D. schon vorher vermutet, aber der weltbeste Gastgeber Yutaka hatte das entschieden verneint. Die Rückfahrt verlief diesmal kleinlaut. Ich fürchte, wir haben Yutakas Hilfe überstrapaziert. Er drängt sie aber auch auf, auch am Morgen, als wir die anstehende Reise-Woche nach Kyoto, Shikoku und Kyushu vorbereiten. Yutaka hilft, will unbedingt Pläne, Termine und Adressen ermitteln, doch seine Hilfe verzögert alles, und als D. und ich im Shinkansen sitzen, ist es bereits nach Mittag. Immerhin: Yutaka hat uns auf unseren Wunsch beim Teemeister Urasenke in Kyoto für eine japanische Teezeremonie angemeldet. Das wollte ich schon lange. Dies schreibend, sitze ich in jadegrüner Yukata unter einer rosafarbenen Decke in einem Hotel in Okoyama und hoffe auf regenfreie Wandertage auf dem Pilgerweg.

13. April 2017 09:42










Konstantin Ames

Geben Sie Planhs auch noch händisch ein?

als’ch das erste Mal ein Gedicht schrie’
so ganz ohne Trichter oder zwei oder Mondscheiden
’b Um die Finger kaum mehr als das hier

undch wollte eigentlich höllländsch re’n
’s war hei’z und am Meer undch hie’z (damals hie’zch noch)
stürzte mein Urlaubsname in mich als Schrei’, bumm

L’ego war längst passé (Spie’zerspiel, je le sais)
undch las zum letzten Mal in den Lehrlingen zu Sais

kenn Montventouxlandschaften si’nd dumm
kenn die Oradourlandschaften si’nd dumm
kenn die Craonnelandschaften si’nd dumm
kenn die Lookalikelandschaften si’nd dumm
kenn die Bukkakelandschaften si’nd dumm
Dümmer als Ken Dümmer als eine Henne

Dumm sind die Gebäude dümmer als Höhlen
sie machen Menschen klein, rosig, saftig
Dumm sind die Augen dümmer als Grölen
sie vereiteln Ohren statt Analogien
Dumm sind die Ameisen wie Anthologien

schaftig, the kids are alt-right, schal eiig, beflissen
Dumm: Lichtputzscheren (als wären’s Nissen)
knipsen Lichtchen und Ichchen (hör auf zu flennen)

aus Dumm ganz dumm, wenn sie noch brennen
mach ein fliederweißes Lied aus
Dumm: das Dröhnen der Drohnen im Fleisch der Ärmsten
Erster! Nagel von denen vom Kreuz, auf das die Kreuzfahrer sie legten,
dem sie sich entrissen, verfehlte sein Ziel nur um 10 cm

Zehn Zentimeter zwischen einem Bürgerkrieg und dem wärmsten
Frieden, den es je gab, wie mein Torwart Trobador zu sagen pflegte

14. April 2017 12:25










Gerald Koll

Das fünfzigste Jahr (183)

14. April 2016, ein Donnerstag

Wir pilgern ein bisschen. Im ersten der 88 Tempel, die den buddhistischen Pilgerweg shikoku hachijū hakkasho markieren, ist alles genau wie vor zehn Jahren: derselbe Basar, dieselbe mürrische Verkäuferin, derselbe freundliche Kalligraph. Die Wege sind besser markiert als früher. Munteres Ausschreiten. Im Tempel „Aizen In“ wohnt noch immer Kosho Omoto, der Shingon-Mönch, den ich hier vor zehn Jahren kennenlernte. Auch er ist unverändert, ich erkenne ihn sofort, er mich erst nach und nach. Dank Kosho Omoto kommen D. und ich in einer kleinen Notunterkunft für Pilger unter, einer reizenden Hütte am Straßenrand, weniger als zehn Quadratmeter groß, vollgehängt mit Segenspapierchen. Den Abend verbringen wir zu Dritt im öffentlichen Bad. Es gibt Neuigkeiten: Kosho Omoto hat geheiratet, und Kosho Omoto hat eine neue Glocke. Um sie mit buddhagefälliger Energie aufzufüllen, hält Kosho Omoto täglich eine dreistündige religiöse Zeremonie ab, ein Goma-Ritual, 1.000 Tage lang. Dank meiner Aufdringlichkeit dürfen D. und ich morgen früh dabei sein, in der letzten der drei Stunden, wenn die geheimen Gebete zu Nyorei gemurmelt sind und Kosho Kräuter und Samen verbrennt.

Der Mönch erzählte, dass die Pilgerweg-Beschilderung zwischenzeitlich sogar besser gewesen sei als jetzt; seit dem letzten Jahr allerdings wurde sie wieder schlechter, denn Korea ließ die von Korea gestifteten Schilder wieder abmontieren, nachdem Japan seine Entschuldigungen für die japanischen Kriegsverbrechen im Zweiten Weltkrieg (Folter, Massenmorde, Sex-Sklaverei und mehr der Greuel) zurückgezogen hatte.

14. April 2017 13:41










Gerald Koll

Das fünfzigste Jahr (184)

15. April 2016, ein Freitag

Was Mönch Kosho Omoto heute morgen seinem Gott zuraunte und mit Fingerzeigen zu verstehen gab, blieb mir denn doch verborgen. Auch kehrte er uns ja beim Goma-Ritual den Rücken zu. Das emsige Werkeln mit Holz und Samen freute mich, auch Rauch und Flamme, aber müde war ich dennoch. Das Leben des Mönchs Kosho Omoto verläuft auf beneidenswerte Weise unbeirrt. Beim Kaffee nach der Zeremonie erzählte er, er sei früh nach Tibet gegangen, weil ihm in einer Vision gesagt worden sei, dort würde er seinen Lehrer finden. Er ging also hin, fand den Lehrer und verbrachte bei ihm drei Jahre. Weiter erzählte er, er habe nach der Übersetzung eines tibetanischen Textes 40 Tage lang fastend meditiert. Am Ende konnte er kein Wasser mehr aufnehmen. Buddha habe ihm dann angeraten, ein grünes Blatt zu essen. Auch habe er sechs Monate lang in einer Höhle gelebt, versorgt von einem Jungen, der ihm immer mal etwas Gemüse vor den Eingang legte. Er selbst habe im Inneren gehaust, ohne Aussicht, im Dunkel. Sechs Monate! Ich wurde recht neidisch auf seine Visionen und seinen Buddha.

D. und ich zogen weiter. Einer meiner Lieblingstempel war vor zehn Jahren der sogenannte Bekkaku 1, der nicht zu den 88 Tempeln der eigentlichen Route gehört. Er stand immer noch mit seinem groben mächtigen Holz im wuchernden Grün. Der Koch einer Udon-Küche hatte sich, als wir bei ihm einkehrten, erboten, uns dorthin zu fahren. Er riet uns zum Abschied, den Rückweg über die Straße zu nehmen. Nahmen wir aber nicht, denn im Wald war es schöner. Allerdings entzifferten wir Schilder, die vor Giftschlangen warnten.

D. hat ein wenig Pech. Die Japan-Reise war für ihn eigentlich eine Flucht, um mit seinen Allergien dem deutschen Frühling zu entgehen. Hier aber blühen derzeit die Kirschen wie wild. Gerade jetzt, im Anraku-ji-Tempel, hat D. ununterbrochen gehustet, als würde er ersticken. Seit wir die Betten wieder eingerollt und verstaut haben, geht es besser. Sie müssen im Kirschblütenwind ausgelüftet haben.

15. April 2017 23:46










Gerald Koll

Das fünfzigste Jahr (185)

16. April 2016, ein Sonnabend

Die Pilgerei zu Zweit ist eine lässige Angelegenheit. Ich setze mich nicht der Fremde aus, mit D. habe ich ja Bekanntes um mich. Ein wenig vermisse ich das klamme Unbehagen, die einschleichende Kälte, wenn sich ein Weg verliert und niemand da ist, der helfen kann. Was wir hier tun, ist Wanderschaft in Kostüm, eine launige Besichtigung. Zum Beispiel eines auf dem Weg liegenden verlassenen Shinto-Tempels, aus dem wir gern ein Dojo machen würden … Abends finden wir wieder eine Notunterkunft, diesmal direkt neben einem öffentlichen Bad, das wir sofort aufsuchen. Wir leihen Fahrräder aus, holen Essen, sitzen draußen, genießen. Und wissen: Morgen geht es in die Berge. Morgen soll es regnen. Kosho Omoto hat für Shikoku in naher Zukunft das stärkste Beben seit 160 Jahren vorausgesagt. Beben bei schlechtem Wetter wäre dann doch nicht so schön.

In Kyushu scheint das Erdbeben, dessen Ausläufer wir in Tokio zu spüren bekamen, erheblich stärker gewesen zu sein als wir dachten. Mindestens 9 Tote, heißt es nach erster Schätzung. Dort wollten D. und ich eigentlich in den nächsten Tagen hin.

16. April 2017 07:21










Christian Lorenz Müller

ZAZEN (Sitzen mit verschränkten Beinen)

Ein Wort ist keine Blüte.
Es bricht aus keiner Knospe
und hat keinen Duft.

Ein Wort ist nicht einsam,
ist nicht ängstlich,
fürchtet sich nicht
vor der Leere.
Es kennt keinen Gleichmut
und keine Empörung.

Es bedeutet sich nichts
und meint dennoch
immer sich selbst.

16. April 2017 19:06










Christine Kappe

heute Nacht hast du wieder geschrien fast 3 Stunden das macht mich leer genauso wie

dieses sinnlose Geballer da draußen Wir wollten fliehen aber der Wald war voller Leute

oder die Bäume derart dünn dass es nur so aussah

16. April 2017 20:18










Gerald Koll

Das fünfzigste Jahr (186)

17. April 2016, ein Sonntag

6:15 Uhr. Nacht mit viel Regen. Und so dunkel. Dank D. Dieser praktische Mann hat sich das defekte Deckenlicht gleich mal genauer angesehen und schaffte es mit wenigen Handgriffen, den Strom der ganzen Umgebung matt zu setzen. Leider konnten wir auch unsere Smartphones nicht mehr aufladen.

Alles so nass draußen. Schade, meine Regenhose liegt in Berlin bei den Sachen, die ich nicht vergessen wollte. Im Onsen gaben uns Badende mit auf den Weg, schlecht werde das Wetter, und hart werde der Gang in den Bergen. Netter wäre, jetzt unter einem alten Tempeldach in den Tag hinein zu meditieren. Nun ja, dann latschen wir mal los.

17:50 Uhr. Tagsüber kein Regen. Viel Licht auf den Waldwegen, als knistere es durch Zweig und Blatt. Da war ein Tier, groß wie ein Hund, mit dickem Fell in blassem Beige und einem flachen breitem Schweif. Was das wohl war? Eine Busreisepilgergruppe, die ausgestiegen ist, um den Berg zu einem Tempel zu besteigen, bildete für uns ein Spalier und applaudierte, denn Fußpilger sind eine Seltenheit. Entzückend-schamhafte Momente. Auch mit jenem Mann am Tempel, der uns seine deutsche Sprachkenntnis beweisen wollte, indem er Beethovens Schiller-Ode vorsang. Wir sangen sie dann gemeinsam.

17. April 2017 20:24










Gerald Koll

Das fünfzigste Jahr (187)

18. April 2016, ein Montag

Ein rasender Mönch. Was für ein Ritt war das? Kosho Omoto hatte uns vor Tempel 17 aufgegabelt, wo wir unsere Teilzeitpilgerei beendeten. Der Mönch brachte uns das Gepäck, das wir zum Pilgern nicht brauchten und bei ihm gelagert hatten. Er begrüßte uns kurz mit „I’m very busy today“, und schon trieb er seinen Mitsubishi-Transporter durch engste Winkelgassen zum Bahnhof. Der gehetzte Mönch war gebunden ans Gebot der Gastfreundlichkeit. Ich habe sie mal wieder überspannt.

Bis dahin lief’s beschaulich. Tempel 13, 14, 15, 16 abgeklappert und bei Tempel 17 einem Mann zugesehen, der in den bereits einsamen Tempelhof trat, seinen Kassettenrekorder aufstellte und zu chinesischer Musik Tai Chi übte. Er zeigte uns eine Schwert-Kata, eine zartkraftvolle Kalligrafie. Für unsere Bewunderung dankte er mit einer Fächer-Kata. Wir hätten ihm und uns einen Gefallen getan, uns nicht mit unserer simpel einhergedroschenen Stock-Kata zu revanchieren. Peinlich.

18. April 2017 10:06










Gerald Koll

Das fünfzigste Jahr (188)

19. April 2016, ein Dienstag

Hiroshima. Die touristenattraktivste Attraktion ist natürlich die „A-Bomb-Area“: dem Frieden geweiht, der Zerstörung verdankt. Ruinen staken wie Gerippe. Durch das Museum schieben Massen, man schiebt mich hindurch und heraus wie aus einem Mastdarm.

Miyajima ist eine Hiroshima vorgelagerte Insel, vor der ein wuchtiges Tor orange im Matsch steckt, ein Shinto-Schrein. Er ist womöglich noch beliebter als die Ruine auf dem A-Bomb-Gelände. Es vergeht keine Sekunde, in der nicht hundert Touristen einen einzigartigen Blick für die Ewigkeit festhalten: leuchtender Tori im Sonnenuntergang bei Ebbe mit Spiegelung – wenn man blöde genug ist, macht man mit. Ich bin es. Auch auf Miyajima wird vor Giftschlangen gewarnt.

D. und ich landen in einem schaurig-schönen Hotel-Wolkenkratzer mit offenem Schacht in der Mitte. Auch im zehnten Stock sind die Geländer niedrig, ein Paradies für Selbstmörder. Wir sitzen in hoteleigener Yukata auf dem Bett, trinken Bier und überlegen den Plan für morgen. Wir wollen auf die südliche Hauptinsel Kyushu. Aber dort waren die Erdbeben stärker als gedacht. Die Nachrichten senden täglich neue Schreckensbilder. Unser eigentliches Ziel liegt im Norden der Insel, ein gutes Stück vom Epizentrum entfernt. Dennoch unbehaglich, in diese Richtung zu fahren. Wir wissen nicht, wie erwünscht Gäste sind, die nicht als Helfer kommen. Wir wollen bei einem berühmten Lehrer Aikido üben. Vielleicht sollten wir das besser lassen.

19. April 2017 08:34










Gerald Koll

Das fünfzigste Jahr (189)

20. April 2016, ein Mittwoch

Wir ließen es nicht. D. und ich sind nun auf der Erdbebeninsel Kyushu in Fukuoka, einer betonierten Stadt ohne Witz. Wir finden einen Schrein. Was soll uns ein Schrein nach Tagen voll von Schreinen? Der Reiseführer lockt uns in die „Canal City“, eine typisch doofe Einkaufpassage. Ohne Crêpes wäre sie völlig ungenießbar.

Abends ins hiesige Hombu-Dojo zum Aikido. Die Aikikai-Dojos von Fukuoka stehen unter der Leitung eines Mannes namens Suganuma, der einstmals näher an dem Aikido-Begründer Morihei Ueshiba war als kaum ein anderer. Suganuma-Sensei wird in den offiziellen Listen des Aikikai als vorletzter Uchi-Deshi geführt, also als Hausschüler, der im Dojo wohnte und dem Meister als persönlicher Assistent diente. Eine Art Jünger, der den Heiligenschein der Zeitzeugenschaft trägt. Suganuma-Sensei ist indes ein nahbarer freundlicher Mann. Mit seinen über 70 Jahren lehrt er noch immer, ist beneidenswert dehnbar, lässt sich von mir angreifen, greift auch selbst an – eine Art Willkommensgruß. Die Atmosphäre in seinem Dojo ist weitaus gastfreundlicher als in Tokio. Im Trainingsraum befindet sich eine Küchenzeile, im Anschluss ans Training wird eine Decke ausgebreitet, Tee gekocht, Gebäck gereicht. Der Meister bittet dann eine Schülerin, den Sitzenden einige Zeilen aus einem Buch über die Ethik des Budo vorzulesen. Altertümlich, und doch: ein Dojo mit Charme und Stil.

Allseits rät man uns dringend und eindringlich ab, ins Erdbebengebiet weiterzureisen. Ich verhehle meine Zerstörungsvoyeurismuslust. Aber ich spüre sie.

20. April 2017 09:41










Gerald Koll

Das fünfzigste Jahr (190)

21. April 2016, ein Donnerstag

16 Uhr. Wir sind nicht nach Kumamoto gefahren, nachdem wir neue Zahlen erfahren haben: 52 Tote, 700 Verletzte. Kumamoto ist 250 Kilometer von Fukuoka entfernt. Außerdem regnet es den ganzen Tag. Schon fünf Uhr morgens, als wir aufstanden, um zum Morgen-Aikido zu gehen. Es ist jetzt Nachmittag, und es regnet noch immer.

Unter den vielen betagten und versierten Aikidoka befand sich auch ein 70er, der im Gespräch andauernd in Gelächter ausbrach und eine kurze Pause zwischen seinen Lachsalven dafür nutzte, D. und mich für die Mittagszeit in ein Luxus-Ryokan mit Onsen einzuladen. Sehr schnieke, sehr fein dort alles, auch die platschenden Quellen, auch der japanische Garten, aber nichts von all der feinsinnigen Badekultur hat mich nachhaltiger beeindruckt als jene Viertelstunde in den Räumlichkeiten des Umkleidens. Dort befiel den launigen Mann, der neben seiner Nebentätigkeit als Zahnarzt leidenschaftlich gern Taiko und Flöte spielt, plötzlich größte Lust, uns einige Techniken und Energieflüsse zu zeigen. Nun kamen wir gerade aus dem Bad und waren nackt, und so tummelten wir drei Herren uns in kontaktfreudigem Miteinander herum, und ich war froh, dass zu dieser Uhrzeit keine anderen Gäste dort waren. Eine Frohnatur. Die Erdbeben, sagt er, seien natürlich unbehaglich, aber das sei eben die Kehrseite der herrlichen heißen Quellen in Japan, und diese wolle er auf keinen Fall missen.

24 Uhr. Nach dem Abend-Aikido führte uns ein französischer Aikidoka in ein Restaurant für Okonomiyaki, eine Art japanische Pancakes mit Käse, Zeugs, kräftiger Sauce und einigem Gewicht. Der Franzose lebt seit einem Jahr in Fukuoka und erzählte freimütig, wie schwer es für ihn als Ausländer in Japan sei: die Schwierigkeit, hinter Lächeln und gelächelte Lügen zu blicken, die Schwierigkeit, nicht nur als Gast, sondern als Einwohner willkommen zu sein, die Schwierigkeiten mit Rassismus und Ausländerfeindlichkeit. Er bewirbt sich bei Suganuma-Sensei um den Posten des Uchi-Deshi. Er trainiert im Durchschnitt 16 mal die Woche. Er  sagt, dass man auf diesem Level ein völlig anderes Verhältnis zum Partner hat, weil man die Energie ganz anders spürt. Er hat auch die Erdbeben gespürt. Sie kamen, wie Erdbeben so sind, in Wellen. Das erste Vorbeben sei gekommen, als der Franzose im selben Restaurant saß, in dem er soeben mit uns aß. Es sei seltsam gewesen: Plötzlich klingelten überall Telefone – alle Gäste hatten die automatische Erdbebenwarnung aktiviert, und allerseits sei man gebannt und bass erstaunt gewesen, bis es wenige Augenblicke später im Gebälk gerumpelt habe.

Morgen nach Kyoto, zur Teezeremonie!

21. April 2017 23:08










Gerald Koll

Das fünfzigste Jahr (191)

22. April 2016, ein Freitag

Ja, herzlichen Glückwunsch, Yutaka, und danke noch mal für die Reservierung der Tee-Zeremonie. Denn die Teemeister der Teemeisterei Ura-senke haben auf deinen Anruf hin für D. und mich eine Betriebsführung in ihren Produktionsstätten für Matcha-Herstellung organisiert, und das hat mich genauso begeistert, als hätte man mir Tickets für ein Fußballfinale versprochen und würde mir stattdessen zeigen, wie Bälle gemacht werden. Nach zwei Stunden präsentierte die beflissene Dame uns beim Ausgang die feinsten Sorten. Ich bestellte ein matcha-grünes Softeis.

Prince ist tot, sagte D. beim Aufstehen. Das war Kyoto.

22. April 2017 08:34










Gerald Koll

Das fünfzigste Jahr (192)

23. April 2016, ein Sonnabend

Es ist noch Freitagnacht, D. und ich kommen eben angetrunken aus dem Kyoter Vergnügungsviertel Ponoto-chô, das uns mit Sake über die Teepleite tröste sollte. Es hieß, dort würden Geishas wie Gespenster durch Gassen huschen, aber außer roten Papierlaternen sah ich nicht viel. Außer Vollmond. Und Jugendlichen, die bei Vollmond in den Fluss pissten. Vereinzelt fade Nutten. Aber ich wollte Sake, unbedingt Sake. Zwei Tücher an einer schmucklosen Hauswand schienen mir eben das zu signalisieren: eine Bar mit Sake. Es gab da auch Sake, aber drinnen wirkte alles sehr behelfsmäßig. Etwas unordentliche Gestalten saßen auf Klappbänken, als hätten sich ein paar Nachbarn zusammen eine Garage gemietet, um dort feierabends Sake aus- und einzuschenken. Das besorgte eine Wirtin mit mächtiger Schürze und unglaublich großen Flaschen. Alle kannten sich, keiner kannte uns. Da klemmten wir nun, zwei Beobachter und Beobachtung. Zwei Sake enthemmten, und ich ertrug es, ein weiteres Mal, wie schon so oft, von Umsitzenden beigebracht zu bekommen, wie man richtig mit Stäbchen isst. Ich kann mit Stäbchen essen. Aber natürlich nicht richtig. Also nicht japanisch korrekt. Als nach der Dressur die Nudel im Mund landete, spendete die Dame am Nachbartisch Applaus.

Abends. Kyoto hielt uns doch noch diesen ganzen Tag. Kyoto im Weekend. Wer auf sich hält, flaniert in Kimono in Tempeln, Schreinen und Gärten. Trinkt Tee. Klappert auf Holzsohle. Knipst. Eine Yukata für Frau S. erstanden, immerhin. Meine Gedanken schweifen Richtung Rückflug. Mit dem Zug zurück nach Tokio. Wir kamen wieder bei Yutaka unter, aßen Ramen.

23. April 2017 20:28










Gerald Koll

Das fünfzigste Jahr (193)

24. April 2016, ein Sonntag

Im Bahnhof von Tokio steht neben mir auf einem Steig ein älteres Paar. Beide haben Fotoapparate. Beide fotografieren jedesmal, wenn ein Shinkansen-Zug einfährt, dessen imposante Schnauze. Der Shinkansen-Verkehr ist rege.

Mein Zug geht nach Nikko, ein beliebtes Ausflugsziel nördlich von Tokio. Im Waggon, in dem sonst, wenn überhaupt, diskrete Zwiesprache den Pegel deckelt, wird es plötzlich knäulig laut. Das ist eine italienische Reisegruppe. In Nikko steht der Toshogu-Schrein, darinnen befindet sich Weltkulturerbe mit den drei Affen (mit Pfoten vor Maul, Augen, Ohren), der Schrein der schlafenden Katze, fischfleischweiß getünchte Tore, viel Farbe, viel Gold, eine machtvolle Pracht, die mich zügig ermüdet. Um 10 Uhr bin ich da, um 13 Uhr wieder weg. Wie dringe ich durch den japanischen Panzer aus Tempeln, Schreinen, Reis, Udon, Budo, Kirschen und Kimonos? Sightseeing verblödet sehr schnell. Die Fahrten dazwischen sind erhellender. Zum Beispiel das Husten japanischer Männer. Ihre Lust am Abhusten. Es ist offenbar sehr mannbar, dieses Abhusten, das fast schon ein Erbrechen ist.

In der U-Bahn-Station warte ich auf D., sitze auf einer Treppe, verkrochen im Schutz meines Beobachtungs-Postens, registriere Schönheiten im Verfall: Fleischschwund am Wangenknochen … „ausmergeln“, auch so ein Wort. Oft zu beobachten: gehäkelte Krägen, lesende Menschen mit Büchern in Reclam-Format, aber schlanker und geschmackvoller. Papiermundschutzmoden.

Zwei Stunden später. Da kommt D. Wir fahren zu einem Hochhaus, darinnen in den 43. Stock, stehen mit Cocktails an einer Fensterfront und sehen von oben Tokio in den Abend dämmern. Um Mitternacht ins Bett. Der Wecker wird in eineinhalb Stunden klingeln. Wir wollen es wieder versuchen, nach zweimaligem Scheitern zum dritten Mal: zur Fisch-Auktion.

24. April 2017 11:43










Gerald Koll

Das fünfzigste Jahr (194)

25. April 2016, ein Sonntag

Fisch-Auktion in Tokio. Wir sind pünktlich, sehr pünktlich. D. war um 1:30 Uhr zu müde, um mitzukommen. Yutaka und ich stehen früh an der Pforte, werden eingelassen in eine Art Wartesaal, der sich füllt und überfüllt. Ein Sammellager. Manche reden, manche schlafen, alle kauern, lümmeln. So vergehen drei Stunden. Wenige können so munter bleiben wie Yutaka: Er wird nicht müde, seine Appartments zu bewerben. Dann sind drei Lebensstunden verstrichen, und für dreißig Minuten ist man Zeuge, wie gestiefelte Kerle eiserne Haken in vereiste Fischleiber schlagen, um deren Fettgehalt zu prüfen. Den Thunfischen fehlten Kopf und Flosse, die Rümpfe liegen in Reihe. Dann beginnt die Auktion. Die Auktionatoren singen lustiger als die amerikanischen Kollegen von der Rinderauktion. Sie singen weniger surrend-monoton, sie singen variabler und wippen dabei, aber was sie singen, versteht selbst Yutaka nicht.

Yutaka setzt mich an einer U-Bahn ab. Ich will das Besichtigungspflichtprogramm beenden, und das geht nur mit einer Ansicht des Berges Fuji. Ich will das Miststück jetzt auch gesehen haben wie alle Anderen. D. stößt dazu. Wir wandern von der Ortschaft Shimoyoshida auf einen Berg mit Pagode mit Fuji-Blick. Und ja, es ist ein weidlich ausschweifender, wohlgeformter, feinglasierter Berg, wenn das Wetter mitspielt. Es gibt womöglich bessere, nähere Aussichtspunkte. Dort tummeln Reisegruppen. Wir wandern, D. rastet, ich wandere weiter den Berg hinauf, finde im Fels einen kleinen Schrein, meditiere dort ein wenig. So ähnlich endete vor zehn Jahren der vorletzte Tag der Pilgerreise, oben an einem Berg bei einem einsamen Schrein. Damals schrie ich. Es war intensiver.

25. April 2017 12:47










Mirko Bonné

Lass die Enttäuschung

Solche Tage nehmen deinem Leben
   Jahre. Mülltonne Tag. Ewigkeiten
Nieselregen, in denen du die dunkle
   Wohnung durchquerst. Du starrst
ins Innenhofgrau, blickst über deine
   Straße hinüber zum Goldbarren der
letzten Bäckerei der Welt, deren Licht
   am Mittag erlischt. Pourtant, lass sie,
diese Enttäuschung, nicht so ein Herz
   in der Brust zu haben, wie sie sagen,
jeder müsste es. Also bist du schlecht?
   Bah, du kennst Eine, die geht täglich
an den schlimmsten Gräben spazieren,
   während du, ja, einkaufst, skrupellos
lachst du hinauf in Krankenhausfenster,
   wo die Alten sitzen und dich ansehen.
Schlapper Rebell! Du müsstest, und so
   müssten wir, aber was? Überall sein.
Lieben, was uns zu lieben ist geblieben.
   Könnte ich eine Wahrheit formulieren,
Getrommel, dass sie durchs Blut pochte,
   vielem gerecht wäre und übrigem etwa
etwas Zuspruch verschaffte. Was soll es,
   am Ende ein Könner zu sein auf einem
winzigen, anderen gar nicht mitteilbaren
   Gebiet? Auch darüber, lass sie, deine
Enttäuschung. Widerstand, ja vielleicht
   muss er unformulierbar sein, Gedicht,
während er in deiner wilden Liebe lebt.

*

26. April 2017 00:03










Gerald Koll

Das fünfzigste Jahr (195)

26. April 2016, ein Montag

7 Uhr. In der Innenstadt. Ich habe gerade das Morgen-Training beim Sohn des Doshu geknickt. Der erste Morgenbus fuhr zu spät, um rechtzeitig anzukommen. Mit jeder Minute Wartezeit schwand mein Drang. Da ging ich in Richtung Straßenschluchtsonne. Versuchsidentifikation mit dem Modell „der spazierende Mann“, „der fotografierende Mann“, „der frühstückende Mann“, „der notierende Mann“. Die Stadt erwacht. Japan, das war wenig Schlaf und viel Fahrzeit. Das war Jagen und Sammeln.

16:30 Uhr. Es ließe sich sagen, dieser letzte Tag sei zerronnen. Erhebend demütigend aber war der Aufenthalt in den Geschäftsräumen von Iwata, der Traditionsmarke für Hakamas. Nur ein zierliches Schild in einer Nebenstraße verrät, dass sich im grauen Wohnhaus eine international renommierte Firma befindet. Man betritt einen recht kahlen kleinen Raum. Ein ernster Herr kommt aus der Hinterstube. Hakamas seien nicht am Lager. Die Herstellung dauere leider sehr lange. Man entspricht unserem Wunsch, Stoffe zu befühlen. Das sei Leinen. Schwierig zu pflegen. Man antwortet knapp. Man schweigt. Man wartet auf unser Gehen. Man verabschiedet ohne Beanstandung. Das Haus Iwata ist bedacht auf Diskretion. Es wirbt nicht für seine Ware. Es warnt davor.

20 Uhr: mit Yutaka in ein Onsen mit freiluftig gelegenen, warm überspülten Holzterrassen. Da liegt sich’s gut. Da sagt Yutaka, er schmiede Pläne, Berlin zu besuchen. Oh.

26. April 2017 09:57










Gerald Koll

Das fünfzigste Jahr (196)

27. April 2016, ein Dienstag

Schlechter als alle schlechten Plätze im Flugzeug sind die Sitze 31 E und 31 F. Diese Sitze lehnen steil gegen die Toilettenwand. Auf diesen Plätzen verbrachten D. und ich die zehn Flugstunden von Tokio nach Helsinki. Jede Minute hört man es hinter sich zischen. Jede Minute stiebt aus dem Türspalt Gestank, der klebt. Der eigene Sitz geht nicht zurück, der Sitz des Vorderpassagiers aber schon. Die Fluggesellschaft Finnair foltert seine Passagiere mit miserablen Speisen und tückischen Ohrsteckern: Der Pegel für Filme ist sehr niedrig eingestellt, der Pegel für Durchsagen sehr hoch, und wenn man sich nicht, sobald man während eines Films ein verdächtiges Rauschen hört, sofort die Stecker aus den Ohren reißt, zerreißt der dreiste Pilot mit seiner Durchsage das Trommelfell. Wie üblich, windet sich in nächster Nähe ein Kind im Dauerschreikrampf.

Ich würde gern darüber nachdenken, wie ein Aikido-Film aussehen müsste, der anders aussieht als die vielen Impressionen, Clips und Werbefilme, die die bezwingende Eleganz zelebrieren oder martialisch aufpeppen. Ich denke, er müsste aussehen wie eine Kalligrafie. Das Schöne an der Kalligrafie ist weniger die einmalige Schönheit als die Schönheit, die sich in fortwährender Wiederholung freisetzt, das Abschleifen, die Verflüssigung, das Ausarbeiten eines Schriftzugs. Aikido ist ähnlich: ein Bewegungsablauf, immer wieder, immer wieder neu, je nach Partner, nach Stimmung, nach Energiezufuhr, nach Alter, Wetter, Planetenkonstellation. Ein Film aus Wiederholungen. Ich denke, dass ich darüber nachdenken sollte, wenn es um mich herum nicht mehr dauernd zischt, stinkt, schreit und die Piloten endlich schweigen.

27. April 2017 09:18










Thorsten Krämer

Eine anfängerhafte Privatinsolvenz

lege ich dir zu Füßen, zwischen die
Zehen, um genau zu sein, denn darauf
kommt es doch an bei diesen Dingen, von
denen auch du keine Ahnung hast. Was

für ein Glück das ist, diese bilaterale
Ignoranz, die jeden Anwalt zum Weinen
brächte. Das wäre ein gutes Hobby für
später, wenn die Strandkörbe abgeräumt

sind und die Briefe sich stapeln sehr weit
weg von uns. Dann versäumen wir haupt-
beruflich Termine und nehmen die Sonne
nicht ernst, nicht mal die Sonne. Lange

wird das nicht gutgehen, aber seit wann
wäre das ein Ausschlusskriterium?

29. April 2017 08:35