Hans Thill
Petrarca: Benedetto sia ´l giorno e ´l mese et l´anno
Gepriesen Tag Monat Jahr
Saison Zeit Stunde Moment
Land, liebliches, und Ort da mich (von mir) getrennt
gefesselt und gefügt das schöne Augenpaar;
gepriesen erstes Bangen süße Gefahr
erschöpftes Keuchen, Amor rennt,
mit Pfeil und Bogen, direkt im Herzen brennt
der Wundkanal des Treffers der mir beschieden war.
Gepriesen zahllose Stimmen ausgetrieben
als ich der Herrin Namen in der Luft verstreute
und Seufzer, Tränen, Sehnsüchte nach Belieben;
gepriesen alle Blätter vollgeschrieben
zu ihrem Ruhm, was ich erdacht in Schaffensfreude
gilt ihr — für andere ist nichts geblieben.
7. Mai 2026 16:13
Florian Knöppler
Füchse schleichen durch meine Träume,
reiben sich an Bäumen. Hier ist unser Revier.
Warum knurren ihre Mägen?
Es ist noch Herbst.
Da sind Mäuse am Boden,
Beeren in den Sträuchern.
Genug für sie alle.
Halten sie mich für tot?
Sie lassen die Beeren hängen,
springen nicht nach Mäusen im Laub.
Langsam umkreisen sie
meinen duftenden Körper,
heben misstrauisch die Nasen,
Ein erster berührt feucht
meine eisigen Finger.
Ich bin wie festgefroren,
erwarte den ersten Biss.
Aber sie rollen sich ein,
neben meinen Beinen.
Körper und Herzschläge
auch an der Brust
und am Ohr. Wie warm,
denk ich, so kann ich schlafen.
22. Mai 2026 15:48
Sylvia Geist
Wir sitzen unter dem Walnussbaum.
Im Sommer haben wir immer unterm
Walnussbaum gesessen. Wir saßen
auf unseren steinwarmen Plastikstühlen
unter diesem Walnussbaum und sahen
dem langsamen Abend zu. Jetzt werden
wir da nicht mehr sitzen. Werden für
immer unter unserem Walnussbaum
gesessen haben, abgeernet von Wind oder
flinken, schwärzlichen Eichhörnchen,
und dort näher nebeneinander gerückt als
an irgendeinem Sommerabend nicht sehen,
wie lang wir über die mondhellen Kiesel
wachsen, raffen wir uns auf und gehen.
29. Mai 2026 00:12
Karin Fellner
Ein Fort, in dem es von doppelten Böden hallt.
Ein geradeaus-Marsch, Sandpapier auf der Zunge.
Wann kommt Trost in die Lungen in Form eines Nach-Regen-Rauchs?
Rehe wie anmontiert. Instruktive Schau ausgestorbener Moose.
Riecht es hier nach Kadaver?
Papaver somniferum!
Wie uns das Rot verbindet, innerlich, alte Schuld,
Schlundgurgeln der Ahnen.
Hielten wir noch das Wort: si omnes ego non?
Ver- und Gebrechen umstanden jeden Stumpf,
ein lautes Hecheln, Unruh.
Voll war das Blech von ausgebleichten Fichten.
Tja, und jetzt singst du, singst, Amsele,
zidütriä, in den leeren Himmel.
29. Mai 2026 19:25