Sylvia Geist
Ich weiß, es gilt den Kosmos
der nachbarlichen Wohnung,
das Stadtbahnläuten und das
Taubengurren und das Lachen,
wenn was mit Chaplin läuft,
aber ich kann es nicht sagen.
Ich kann nicht sagen, ob Putin
Polen aus Kaliningrad angreift,
und ich kann nicht beweisen,
dass die Vögel in den Kastanien
klarer zu hören sind, wenn es
in meinem Zimmer dunkel wird.
Dabei ist die Mitte der Welt jetzt
inmitten der mitternachtsgrünen
Aurora der Baumkrone, so groß
wie eine dieser winzigen Kehlen,
sie ist tragbar, und es gilt sie
mitzunehmen für die Nacht.
5. Juli 2026 23:50
Mirko Bonné
Unter dem Blauglockenbaum
sitzen wir vielleicht an der Mauer.
Und durch den Hof jagen Schwalben,
mit weißem Mönchsbauch, nacht
-blau Rückenfedern. Sie warten,
Frau Feuer. Komm zu uns.
In Zimmern Erinnerungen
nachformende Schatten, hinter
Sommerregengittern, einem Wall
gegen Tanklastwagen. Wie still
trotten durch die Hügelzeilen
Weinbergpferde. Komm …
Frau Feuer, komm zu uns!
Verbrennen, verbrennen. Dunst,
den grauen Tag! Im vergessenen Glas
steht noch der blaue Wein, eine Flamme
im Nieseln. Und da, die zwei Fackeln.
So lachen Füchse aus der Nacht.
Für Hans Thill
*
15. Juli 2026 18:36
Christian Lorenz Müller
Der Name des Tags
ist Esse. Morgens dreht sich
die Welt in die Glut.
Veraschendes Gras.
Über uns flammt ein Flugzeug,
zieht vorbei, verlöscht.
Nicht der Mast einer
Laterne – der Düsenstrahl
einer Rakete.
Flüssiger Asphalt.
Die Hitze ist aus Kohle,
ist aus Öl gemacht.
Klimaanlagen:
Kühle Kirchen für die Haut,
brummendes Beten.
Wir sind aus Wasser,
Schweiß zu Schweiß, so kehren wir
zur Sonne zurück.
Erschöpftes Warten
auf den Abend, auf den Un-
tergang der Esse.
28. Juli 2026 10:13