Markus Stegmann
Das sei jetzt mal eine wirklich gute Wurst, sagt Frau Atnan, und deutet mit dem Messer auf eine dunkle, fast schwarze Wurst auf dem Holzbrett vor ihr. Da musst du keine 300 Gramm von essen, es genügen zwei oder drei Scheiben. Frau Atnan schneidet sich eine weitere Scheibe ab und zerteilt sie in kleine Stücke. Da, probier mal, davon musst du keine 300 Gramm essen, es genügen zwei oder drei Scheiben. Das ist ein Aroma, unglaublich. Und sie wisse auch genau, woher die Wurst komme, fährt Frau Atnan fort. Von zwei Jungbauern nämlich aus der Nähe von Bern. Die wollten mal was ganz anderes machen. Und dann sei diese Wurst bei rausgekommen. Da ist kein Gramm Fett drin, habe ihr einer der bärtigen Jungbauern auf dem Wochenmarkt in Bern versichert. Und wenn sie die Wurst so im Stillen betrachte, glaube sie ihm sogar: Kein Gramm Fett zu sehen. Und trotzdem schmecke die Wurst, vorzüglich sogar. Diese Wurst, stelle ich mir vor, koste sicher eine Stange Geld, mir reiche da eine ganz normale Wurst, im Gegenteil, ich hätte mit hundskommunen Würsten mehr Sympathie als mit ihrer Spezialwurst. Die Normalwürste seien voll von schlechten Sachen, erwidert Frau Atnan. Sie wisse nicht, wie lange sie noch lebe und möchte ihrem Magen nicht mehr schlechte Würste zumuten. Das habe er zur Genüge gehabt, und sie auch. Dafür esse sie auch keine 300 Gramm mehr, es genügten zwei oder drei Scheiben.
15. Februar 2016 22:13
Markus Stegmann
Da sei immer Sand gewesen, Sand an den Sohlen, und ein schmirgelndes Geräusch habe sie begleitet, wenn sie auf Asphalt gelaufen sei. Frau Atnan fährt mit ihren Schilderungen aus Berlin fort. Ich habe Berlin-Schilderungen im Allgemeinen nicht sonderlich gern. Früher schon, heute nicht mehr. Heute kommt einem jeder mit Berlin-Schilderungen. Was mich daran am meisten bedrängt, ist die Botschaft eines echteren Lebens, das in Berlin und nur in Berlin zu finden sei. Daher begegne ich Frau Atnans Berlin-Schilderungen mit Skepsis. Wenn ich aber genau hinhöre, erzählt Frau Atnan gar nicht von einem besseren Leben, sondern von Sand an ihren Sohlen.
7. Februar 2016 22:38
Markus Stegmann
den gesteuerten arm angebundnen
kopf gerannte wasser wasser
druck gelogne sprache gerannte
drehende geschobne gliedmassen
menge werfende steine der verdrehte
arm verbundne rücklings gedehnte lügen
reisst papier ab vom kopf die tiefe
in der sie gehoben von allen gehoben
midan ataba
25. Januar 2016 22:35
Markus Stegmann
Frau Atnan sagt, ich solle nicht immer so empfindlich sein. Sie könne gar nichts mehr sagen, ohne dass ich nicht mit höchster Empfindlichkeit reagiere. Man könne mit mir nicht mal mehr ein normales Gespräch führen. Sie habe gut reden, antworte ich, sie könne sich gar nicht vorstellen, was sie mit ihren Worten in mir auslöse, es fehle ihr dafür das Vorstellungsvermögen, denn ich hätte eine ganz andere, wesentlich unglücklichere biografische Konstitution als sie. Sie wolle mich wohl mit Schweigen abstrafen, indem sie mir keine SMS mehr zukommen lasse, obwohl ich mich bei ihr für meine jüngste Empfindlichkeit in aller Form entschuldigt habe, wenngleich ich im Innersten der Meinung sei und dies an dieser Stelle denn doch mal laut sagen wolle, dass ich mir meine Empfindlichkeiten nicht einfach aussuchen würde, im Gegenteil, dass sie mich ungefragt heimsuchten und mir in den Nächten unsägliches Leiden zuführten. Ihr Schweigen diene mir dazu, mich zu besinnen. Wenn sie aber fortgesetzt schweige, müsse ich ihr Schweigen mit Schweigen beantworten, um mein Gesicht nicht zu verlieren, aber dann litte ich noch mehr, dann sei die Empfindlichkeit noch grösser, ob sie daher nicht doch wieder etwas sagen könne, und sei es nur etwas Beiläufiges.
11. Januar 2016 23:13
Markus Stegmann
Frau Atnan sagt, der Krieg sei das einzige, das sie jetzt noch reize. Das dürfe sie aber nicht sagen, das sei Kriegsverherrlichung, da drohe Strafe, meine ich, aber Frau Atnan ist schon fort. Und die Frau Glas, die solle bitte folgen, und ich, ja ich würd mich sowieso nicht trauen. Frau Glas, warum Frau Glas, das war doch Hugo Ball? Vielleicht befinde ich mich im Krieg und nicht Frau Atnan. Wir verwechseln uns, aber warum?
7. Januar 2016 23:10
Markus Stegmann
Tatortloser Dezember
laminierte Asche meines
Vogels verflogen
sich zwei Lilien schreibst du
unsere Hände
in Papier
gewickelter Film
Kleiner Wannsee blühte
im Irak rekapitulierter Bilder
transponierter Tempel
wessen
auswendig gelernte Kehlen
trieben
mit ausgefalteten Flügeln
langsam
den Wannsee hinaus
hantierte ich wohl
mit falsch
verbundnen Lippen
27. Dezember 2015 22:29
Markus Stegmann
Frau Atnan sagt, ich sei schuld am Krieg, ich allein sei schuld. Ich antworte Frau Atnan, dass das nicht sein könne, weil ich zum Zeitpunkt des Kriegs noch gar nicht gelebt hätte. Mein Leben habe erst geraume Zeit später begonnen. Frau Atnan sagt, ich sei trotzdem schuld, weil ich den Krieg im Blut hätte. Ich antworte Frau Atnan, dass ich den Krieg weder in meinem Blut wünschte noch ihn darum gebeten hätte, sich in meinem Blut bemerkbar zu machen. Und überhaupt, was solle das heissen, einen Krieg im Blut zu haben? Genau genommen meine sie: Kriegsgefahr. Von mir ginge Kriegsgefahr aus. Ich versichere Frau Atnan, dass ich in der Vergangenheit nie Krieg geführt habe und auch in Zukunft nie an Kriegsführung denken würde. Frau Atnan sagt, es sei das Potential, das an mir kriegsgefährlich sei. Ich würde von ehemaligen Kriegsteilnehmerinnen und -teilnehmern abstammen, infolgedessen sei ich gefährlich, weil ein potentieller Kriegsteilnehmer oder, noch schlimmer, ein potentieller Kriegsverursacher. Ich antworte Frau Atnan, dass sie mir bitte sagen möge, wer auf der Welt ohne kriegsführende Vorfahren sei. Frau Atnan sagt, dass sich genau damit alle Kriegsführenden reinwaschen würden und den Krieg von Generation zu Generation legitimierten.
15. Dezember 2015 22:45
Markus Stegmann
Ich sitze auf meinem Grab, und es geht mir gut. Vielleicht bist du ja auch tot, nicht nur ich. Vielleicht sitzt du auf dem Grab neben mir, und ich kann dich nur nicht sehen. Wenn ich das Gefühl habe, auf meinem Grab zu sitzen, wäre immerhin vorstellbar, dass etwas nicht stimmt. Warum sollte ich tot sein ohne dich? Wenn es mich betrifft, warum betrifft es dann nicht dich? Warum betrifft mein Tod immer nur mich? Ich möchte es nicht immer mit mir zu tun haben. Ich würde gern gelegentlich von mir absehen und die Lage von ausserhalb betrachten. Wenn du auf deinem Grab neben mir wärst, könnte ich dir wenigstens zuwinken. Selbst wenn du ein paar Gräber weiter entfernt wärst, könnte ich winken. Aber warum winken, frag ich mich, warum nicht mein Grab verlassen und gemeinsam auf deinem Grab sitzen? Fühlte ich mich auf meinem Grab wohler, als auf deinem? Aber warum? Und wenn du auf deinem Grab gar nicht bist, wo bist du dann?
19. November 2015 22:04
Markus Stegmann
Zwischen Fingern
tastete
ein Gesicht
zögerte und begann
aber
welcher Sog zum Tod
aus nahen Haaren
verformte sich zwischen
verwunschenen Lippen
die letzten Zentimeter
schienen die schwersten
als läge
auf kürzester Distanz
ein
Fassen/Unterlassen?
kaum hörbares Wimmern
im dünnen Luftstrom
am Nabel verliess
grauer Morgen
schlafendes Schilf
klammer Mund hing dort
warum
verfiel unser Mond?
6. Oktober 2015 21:49
Markus Stegmann
Wenn du Teufel
bist
verzehr ich mich.
19. Juni 2015 22:08