Christian Lorenz Müller
MARESENSPITZ
Langstieliges Gras bepinselt die Waden mit Tau,
das zarte Morgenzirpen der Schienen
unten im Tal, tote Fichten vergrauen den Gegenhang,
hier stemmen sich junge Lärchen
der Baumgrenze entgegen,
dann wieder Gras, Schafe wolken
in einem Kessel, überflackert
vom Schatten eines Gänsegeiers,
spreizflügeliger Vogel in kaltem Aufwind,
das Knirschen von schuppigem Gneis unter den Sohlen,
die Müdigkeit in den Oberschenkeln um die Mittagszeit,
Pause am beginnenden Grat, der Nebel aus der Tiefe heraufschert,
die Finger fassen so nackt nach den Broten,
wärmen sich vergeblich an einem behandschuhten Scherz,
nur weiter, weiter, dorthin, wo sich alles
verschmälert, verjüngt, wo der nächste Schritt
genau vor einem liegt, wo schneidig
seine alte Bedeutung zeigt,
wo die Geländerlosigkeit des Daseins
sich bei jedem Blick beweist
und der Freund Lebkuchen reicht,
Süßes überm Nebelreißen, wie abgründig
doch ein Gipfel sein kann,
aus Stein, aus Erfolg, aus Verlangen,
wie weit der Rückweg doch ist
zu den zirpenden Schienen im Tal.
Für Florian Vernschach
4. September 2026 08:09









