Christian Lorenz Müller

VON DER LIEFERUNG EINES FRÜHBEETS

Nichts anderes als eine große Kiste,
geeignet zum Transport
von eineinhalb Kubikmetern Frühsommer
in den März. In die Lieferung inkludiert
ist die Erwartung auf die feinen Flügel
der ersten Spinatblätter,
auf eine chlorophyllgetragene Zunge,
die hinüber ins Frühjahr gleitet.
Der Plexiglasdeckel der Kiste
eine liegende Tür zu einer wüchsigen Welt,
in der Same und Entwicklung
nicht bloß Metaphern sind.

Die Paketbotin allerdings heißt Gegenwart,
sie verlangt eine Quittierung,
aber nicht mit dem ersten Spatenstich,
dann läuft sie zu ihrem Transporter,
voll ist er mit Kartons, sie gehen allesamt
in die Ukraine, den Libanon, Iran.

9. März 2026 09:23










Mirko Bonné

Willkommen, Florian!

In Florian Knöpplers Romanen und Gedichten spielen wie in seinem Alltag Natur und Tiere eine wichtige Rolle. Er lebt auf einem Bauernhof in der holsteinischen Geest und hält Schafe, Hühner und Bienen. „Die Nähe zu Tieren war mir schon immer wichtig“, schreibt er. „Die genauen Gründe kann ich nicht fassen und benennen, dafür aber Situationen beschreiben, in denen mich der Kontakt besonders berührt. Es sind immer solche, in denen die Grenzen zwischen mir und einem Tier verschwimmen.“
Geboren 1966, studierte Florian Knöppler Romanistik, Germanistik und Philosophie in Bonn und Bologna. Er arbeitete für Radio und Fernsehen und schrieb Reportagen, häufig über besondere Lebenswege. Seit 2015 sind drei Romane entstanden, KRONSNEST, HABICHTLAND und SÜDFALL, erst Anfang März 2026 kam MIT DEM ERSTEN LICHT hinzu.
Andreas Louis Seyerlein und ich freuen uns sehr, dass es gelungen ist, Florian Knöppler für den Goldenen Fisch zu gewinnen. Herzlich willkommen in unseren Gewässern, lieber Florian!

*

16. März 2026 10:19










Florian Knöppler

Tochter

Träum von mir, wenn es schneit.
Such nach mir, ich werde da sein,
werde deine Schritte hören,
dein Lachen und dein Weinen.
Du wirst, wenn die Flocken fallen,
deine Hände unter Mähnen wärmen,
in dunkle Pferdeaugen schauen,
traurig in der Schule sitzen,
tanzen gehen, ganze Nächte lang.

Was soll ich tun, wenn der Abend kommt,
sich der Morphiumnebel lichtet?
Wo bist du in diesen Stunden,
wenn ich nicht anders kann,
als nur von dir und mir zu träumen?
Nein, such nicht nach mir.
Ich werde dich nicht hören,
wenn du rufst und lachst und weinst.
Ich werde tot sein, verschwunden,
als hätte es mich nie gegeben.

 

16. März 2026 19:31










Sylvia Geist

Bevor der Rabe es stahl, gab es Licht nur
in einer Hütte aus Gestrüpp und für die beiden
Menschen, die darin lebten. Es schien durch
die Zweige, die vor nichts beschützten, selbst
aus dem Staub schien es, bevor der Rabe Staub
Gestalt annahm, um es zu stehlen und hinaus
in den Wald zu tragen, der damals rabenschwarz
und voll von lichtlosen, schlafenden Tieren war.
So erzählen es die alten Leute, die die Geschichte
geerbt haben und weitervererben, und ich weiß nicht,
wofür der Rabe steht, ob für Gutes oder Natur.
Aber ich höre seinen Morgen in die Straße strömen,
die hungrige Stimme seiner Kinder in jedem Eisen
schreien, und denke, es muss der Staub sein, der fast
ganz aus uns bestand, aus Haut, täglichem Abrieb,
und auch sein Licht hat einmal uns gehört wie unsere
eigene Geschichte und nistete im Schattengestrüpp
an den Wänden dieses Zimmers helle, so helle
Nachmittage lang, wenn wir aßen oder lagen und
sprachen oder nichts taten als zuhause zu sein.

19. März 2026 01:37










Hans Thill

Companho farai un vers de dreit nien

Das wird dir jetzt gefallen, Kamerad. Ein Vers so
breit wie eine halbe Hand. Voll Aqua Aqua
und wenig geradem Sinn, jugendliche
Mischgeburt.

Dem Bauern schreibe ich es hinters Ohr,
dem Villen-Gärtner auf die Buchsbaumhecke.
Zwei Pferde sind schon was, zwei Hunde
passen in ein Faß

der Streit ist programmiert, die Kante
kategorisch ganz aus Holz, Inch oder Inch,
der Ingwer mit Jedoch gezähmt.
Als wäre man

gerade irgendwer. Mehr war noch nie genug
für mich. Ich wüßte nicht auf wen sonst
steigen und was noch alles runtermachen.
Wir hätten erstens,

einen zugelaufenen Berg, spärlich Gehorsam auf
dem linken Ohr, vernarrtes Wild riecht rasch nach
Reh. Er aß die Brösel (nach Albaner Art) und traut sich
nicht an die

Suppe. Der Andere wohnt nah am See, schön wie
ein Kumpan auf einer handbreit Cinema.
Kein Makler will ein blaues Gold von ihm und
keine Bank löffelte

das bestellte Brot und niemand wäre außerdem
so fit zu Fuß wie er in seinem Salz. So hat das alles
keinen Herrn und ist doch unbeweglich
lose oder aus dem Ei

gepellt. Nach DIN zu dünn. Kriegt nichtmal Duldung
hier im Hauwald, wo hundertjähriges Moos
wie ein nasser Lappen auf der Krume liegt.
Ich weiß nicht, Leute,

ob ihr reitet oder ob ihr staunt. Ich weiß nicht
ob das eine Gift, das andere eher nur ein Schafs-
Pelz wäre, und ob die Dialektik so die Insel findet, wo
sie schwimmen

lernte. Ein Gimel will nie mehr sein als
Luft im Ofen im Quadrat, ein Niol eher klein
aber mein. Hm hm

I´m going to make a vers boys

Ihr seid jetzt plötzlich Viele, um einen kühlen Kern
vermehrt. Mich aber nennt keinen Berkalaba, geschweige
Blackburn ohne Helm. Bin entsprechend wirr
gemixt

mit Lob in Liebesdingen. Die Lieb ein junges Tier von
zwanzig Zoll, das sich in seinen Zuckungen findet
und vergisst. Zweierlei Pferde habe ich und nur
einen Fleck

zum Sitzen. Beide wären recht für den Arm gemacht,
hafergläubig, ein scheues Tandem, dafür sie
sich auch nehmen. Und wenn ich Zügel hätte
statt der

Hosenträger (Beckett), wäre mir gedient mit diesem Doppel,
längsten Brickett. Das eine ganz aus Milch und Kohle,
paßgängig, ein Kuckuck, schal oder schorfig,
schmale Rasse,

unrasiert. Das Andere wird bei Lahnstein mit
Regenbrot genudelt. Als Zucker (Zukunft) schön
wie ein Schnee, bevor er blüht. Der Rhein hat
es Latein

gelehrt. Ich überließ es einem Chef, der hier über die
Katzenasche wacht. Gezähmt zum Mädchen,
nimmt es den Pfiff aus dem Gesicht in seine Mitte.
Das Leute, habe ich

als Alternativproblem ON/OFF: Agar-Agar, Erbede, Warbede,
Willebrede. Die Willkür beißt mir noch den Faden ab.
Ist man ein Schope, sieht man das Pferdevieh
meist doppelt, für

jedes Auge ein Gedeck. In Gimmeldingen
steht die Sachwelt kopf, in Ninive bin ich schon
ein privater Wasserstand, Golfschirm, Zeugungs
gummi usf.

Nach Wilhelm von Aquitanien (1071 – 1126)

25. März 2026 17:39










Mirko Bonné

Lady of Shalott

Wie John Waterhouse sie malt,
ist sie bestürzt. Ist es wovon?
Vorwegzusehen ihr Ende, das
man nicht kennt. Keiner weiß,

wie einer stirbt, bloß man selbst.
Dein Leben zieht an dir vorbei, so
geht es auch Elaine von Shalott.
Sie hat die Stationen ihrer Liebe

auf einen Wandteppich gestickt,
für Lancelot, ein Film ihrer Hände,
und sie nimmt ihn mit. Drei Kerzen,
ihr Kissen, ein Kruzifix, mehr nicht.

Sie hat unterm Brautkleid nichts an,
sie friert, ist nackt und wartet darauf,
dass der Tod alles findet. Bestürzt,
ja, so legt sie ab Richtung Camelot

in ihrem Boot, das heißt wie sie,
so fährt sie doppelt sicher zu ihm.
Wie man stirbt, das weiß sie nicht,
aber wie man liebt. Ritter reiten

durchs blaue Spiegelglas, schreibt
Tennyson, und immer sind es zwei.
Mylady Elaine. Wie köstlich es war,
berührt zu sein bis auf den Grund.

*

29. März 2026 22:52










Christian Lorenz Müller

WEISSES HEMD MIT WECHTENKRAGEN

Noch einmal weiß gestärkte Berge,
Spaziergänger wärmen sich
vor den gelb glühenden Radiatoren der Forsythien,
legen sich die Verdrossenheit als Schal um den Hals,
vergessend, dass vornehme Leute
in früheren Zeiten Handschuhe trugen,
dass Hüte auf Köpfen saßen
um sie vor anderen zu ziehen.
Niemandem fehlt die zugeknöpfte Höflichkeit
früherer Jahrhunderte, aber ein gebügeltes Hemd
ist hie und da nicht fehl am Platz,
weiß mit einem Wechtenkragen
gewandet es den Gaisberg für wenige Tage,
Erinnerung an eine klimatisch nördlichere Zeit
als es nicht die Ausnahme, als es die Regel war
unter selbstgebauten Sprungschanzen
Bügelfalten in den Schnee zu ziehen,
sich spazierstocksteif in die Luft zu lehnen
um einen möglichst weiten Satz zu machen
über seine eigene Angst hinaus.

31. März 2026 08:26