Björn Kiehne
Wie ich mich wieder
und wieder verliere
im Verwalten der Zukunft,
der Vergangenheit und dem
bisschen Jetzt dazwischen.
Aber hier, während der
Himmel sich auf die Ebene
legt und Schatten von
den Berghängen fließen,
sammele ich einfach Holz.
In dieser Welt, flüstere ich
mir zu, reicht mir ein Zelt
und sichere die Mittelstange
noch einmal, schlage die Heringe
fester in den steinigen Grund.
Wie gut, zu verwildern,
nutzlos zu werden, die
Verwaltung der Wolken
aufzugeben, auszusteigen
aus dem Rennen um den
ersten Platz am Grab.
Ich mache Feuer, Funken
steigen auf, mischen sich
mit den Sternen, reden
mir gut zu: Wir geben Dich
nicht auf, Du hast noch
ein Herz, Du hast ein Herz.
22. Juli 2020 07:53
Nikolai Vogel
Ich habe den Kometen noch gar nicht gesehen
Und ich war schon länger nicht am Meer
So weit weg jetzt alles und ich sitze hier
Als ließe sich Ferne so heranholen
Mit den Selfies und Geteiltem
Der Bildschirm als Landschaft
Und der Blick will in die Welt
Und wird auf sich zurückverwiesen
Einen Moment nur weiter sitzenbleiben
Vielleicht kommt ja was rein
Von unbekannt von Freund!nnen
Könnte auch rausgehen in die Nacht
17. Juli 2020 21:15
Andreas Louis Seyerlein
22.16 UTC — Im Spazieren den Blick gegen den Boden richten, suchende Lampe. Kinderzeichnungen von Kreide, Sonnensterne, Flugdrachen, Bäume, Linien mit freier Hand da und dorthin gezogen, über Linien vorangegangener Tage geschichtet, Kreideschatten nach Regen, Kreideflüsse. Vor den Läden Punkte und Streifen, dort sollte man stehen, wenn man ein Mensch ist. Aber doch ist es so geworden, dass Personenabstände im Gehen geringer werden, man muss, wenn man geht, auf die Straße treten, ausweichen, sobald sich Sorglose nähern, muss man Räume berechnen, das Gehen gedankenlos nur am Abend durch den Park, oder Nachts in den Stunden, da man Igeln begegnet und Mäusen mit rot glühenden Augen im Licht einer Taschenlampe. Einmal träumte ich von Virentieren, die leuchten. Wie es mir in diesem Traum selbst goldfarben von den Lippen staubte, wachte ich auf. — stop
> particles
13. Juli 2020 13:14
Andreas H. Drescher
Sollten sich selbige noch vor die Hunde führen lass es doch wenigstens nicht
Golden Retriever sein Mutti-Hund feste festtäglich beleuchtet Das geht nicht mehr
Peter geht in die Schule Rudi geht in die Schule
Wuff
Das Sitzen
Wuff
Den Ratschlag
Schwanz
Nimm doch das Ordentliche ab und nenn es Dach
Genauer
Zwinger
Noch genauer
Zwinger
Nimms ein als deines Selbst wenns ein Blechhase ist
Sagen wir in Z i t r o n e n s a u c e
25. Juni 2020 19:31
Mirko Bonné
Es gibt sie
Barmherzigkeit
Im siebenten Bezirk
erbarmst du dich
der Toten
Da fahren
die Busse
der Linie 7
Die nehmen
bloß Tote
Da stehen
in dunklen Höfen
je sieben Pappeln
In jeder Krone
ein Toter
Da klingelt
dein Telefon
täglich sieben Mal
Und dann reden
wir Toten
aus: Różewicz-Lieder
*
24. Juni 2020 12:14
Andreas H. Drescher
Das Eis der Busstation
Kristall-Reptilien
Sie fahren jetzt noch tiefer
ein ins Molekül
von Fingernägeln Als Norden
fest verschwiegen
um Geduld zu hulden
Noch dieser Schreck ist eingeschworen als ein großer Überzug aus lispelndem
V
e
r
g
e
u
d
e
n
22. Juni 2020 16:30
Thorsten Krämer
schrieb ich dieses Gedicht. Allerdings
war nicht ich es, der unterwegs war,
und dieses Gedicht ist nicht das, was
hier steht. Es ist der Ruf einer Krähe
am anderen Ende der Welt.
19. Juni 2020 22:36
Andreas H. Drescher
Der Reflex der Apo
thekenlichter auf blatt
feuchten Trottoirs das
Knirschen der Ab
sätze von ersten Halb
bekannten die Regen
halle halb in sich hin
eingesammelt mit ih
rem Schweiß mit ih
rem Schmutz der Abend kommt aus seinem Vorspann nicht heraus und selbst das
Schlucken hat seinen S-Fehler Endlos Wo aber steht etwas von dieser Pf
licht geschrieben rostige Fahrradständer als Hosen anzuprobieren?
16. Juni 2020 07:34
Christian Lorenz Müller
grünes geschwisterkind der schatten
geduldig in feuchte ecken geschmiegtes
kriechendes so fern aller erhabenheit
dass sich kein fuß daran stößt
trocken grau bei großer hitze
sporenreicher staub zwischen staub
tief durchasselt und durchkäfert
in den wäldern gedeiht es
zu einer mächtigkeit
von zehn zentimetern
zieht alles wasser an sich
polstert die wurzelbeugen der bäume
für die köpfe der liebenden
ihr seufzen versteckt sich
in seiner weichen stille
sondert alle schritte
wächst nachgiebig wartet wächst
erfriert wird staub
samtet wieder auf zartet zäh
über die jahrtausende
15. Juni 2020 08:15