Christian Lorenz Müller

WIR SIND SCHNEE

Es schneit, es schneit das Schwarz
der Straßen weiß, wächtige Welt,
in der kein Weg mehr ist,
niemand hinterlässt noch eine Spur.
Der Soleschweif eines Räumfahrzeugs
schlägt noch einmal hin und her,
dann steht er still, die Stunden
stapfen stadtwärts, sie kehren zurück
und setzen sich ans Fenster,
wo unablässig die Gardinen
zugezogen werden, alles verweißt, verflockt,
alle Geräusche liegen am Boden, bedeckt, begraben,
du hast einen halb aufgeschlagenen Band
mit Frühlingslyrik in der Hand,
Schneepflug, der im Wetterbericht
stecken bleibt, weiterhin Schnee,
er verflaumt, verpudert den Blick,
das Licht beginnt zu erblinden,
hell blinzelt die Nacht durch die Laternen,
wir schlafen und träumen uns weiß,
wir fallen und wirbeln, sind weich
und verweht, wir sind Schnee.

24. März 2021 10:05










Konstantin Ames

Neues vom Knie XXXVIII

Wer schriftstellernden Zwitscherern folgt, könnte auch Werbebier trinken.

23. März 2021 13:56










Karin Fellner

Sisisi, sagt die Meise, bejaht die Risiken,
die riesige tragikomische Aufführung mit dem Titel
„Immun-Bataillone der Erde“.

Das allgemeine Streben, Strecken humanoider
Hände nach höheren Decken, mit quirligen Instrumenten
werden Sequenzen aus reduplizierten Strängen
zu neuen Sequenzen gelegt.

Am Herd steht Madame und schaut dem Wasser beim Aufkochen zu.
Die ineinander verketteten Moleküle werden zu einem Gewühl.
Wie lang können sie einander festhalten, wann
gleiten wir über die rutschigen Ränder als
schwankende Gestalten, die „Unheil“ und „Heilung“ sagen
oder „die Kranken und Alten“?

Hier wächst ein Hollerzweigle,
hier sitzt die laute Meise
und singt ihr Sisisi.

 

22. März 2021 15:02










Konstantin Ames

Oliverse

Schlaf Oliver
Der Jäger hat kein Gewehr
Das Reh bleibt heute leben
Sie braten heut nur Reben
Schlaf Oliver
Der Schneider hat kein Scher
Der Stoff bleibt heut am Ballen
Verzähler kehrn Alleen
Schlaf Oliver
Der Wiglaf piept nicht mehr
Sein Seel war einer Krähe
Schulungsraum in der Nähe
Schlaf Oliver
Der Aal hats heute schwer
Er schreibt im Brief: mon cher
Ich wird einfach nicht vert
Schlaf Oliver

17. März 2021 17:27










Alexander Peer

In der Mulde hockt ein Gedicht

Vormittags sind sie noch scheu.
Am Nachmittag rennen sie wie wild
bergauf, bergab.

Gestern ist mir ein prächtiges entwischt.
Aber es macht nichts.
Andere kommen zu mir.
Einige trauen sich einfach nicht näher.

Soll ich mich vor dem Schreiben rasieren?

16. März 2021 16:45










Konstantin Ames

Pietà in der Dorfkirche meiner Kindheit

Es war ein überlebensgroßes Ding aus Kunststoff.
Es war mir als Knirps schon klar.
Da sollte immer mehr sein.
Da wollte ich mehr sehen.
Da ist aber nicht mehr.

Das war ein zu ungestümer Glaube.
Das war ein offenes Haus.
Da kam ein Kelchdieb.
Von da an war zu (außer sonntags).
Es bleibt zu (auch tags).

13. März 2021 11:12










Konstantin Ames

Pietà inn Bederstroff

@ woa a riessich kunschdschdoffdingn
@ hann eich als kläna buu schô gewuschd.
Hej hädd sullen imma mea sinn.
Hej wulld eich mea gesinn.
Hej is awa nidd mea.

Dadd woa zu kriwwelich geglawd.
Dadd woa en haus wo offn woa.
Hej hadd äna äfach de kelch geholl, weg wôra.
Abb dô woa zu (sunndachs nidd)
@ bleiwd zu (nidd nua naads).

11. März 2021 18:29










Mirko Bonné

Eine Stockrose am Ufer des Largue

Summt süß
tickt tanzt
oben oben
Christus
küsst knospt
reckt reist
oben oben
steigt sacht
Engel empor
empor Engel
sacht steigt
oben oben
reist reckt
knospt küsst
Christus
oben oben
tanzt tickt
süß summt
am Ufer des Largue eine Stockrose

*

4. März 2021 11:38










Konstantin Ames

er kann schon rki sagen, schrieb er auf fb

nein, er sagt natürlich lkw
(ach ok dann lass ich das komma einfach weg gut)
fotos würden gepostet vom kleinen schlaumatz
vor der kulisse platzenden vaterstolzes alles wirklich
alles ist ja poesie komm da machen wir uns mal nix vor ja

übrigens kann er auch schon gedichte auswendig
so chris bezzel zeugz
der wird schon noch lyrixgewinner
und dann gehtz auf tour

kita piepst der kleine kita der soll mal an die zahlen denken
denk an die zahlen du klumpen fleisch kita kita gibz nich
kinda kita kinda nein mama papa sind nicht systemrelevant süß den elefant

gewitter welches meinen sie da
vor zweihundert jahren wären
zuerst die dickichte und decken geimpft
worden im lande der a.u.t.o.t.o.R.

es reicht doch wenn 20 von denen nicht sterben
es reicht wenn 20 x 24.000euroliteratur entsteht
es reicht der lyrikhauptstadt
es reicht

wo bleibt das bemühen (gerade von männern) scheuen und sehr diversen rehen
zu ähneln (nein die klammern bleiben die brauchz gleich noch)
alles so klein und kurz schreiben wie dichterdarsteller
es vorturnten brave seppel satansbraten fassbinder wieder

Deshalb hab (ich) keinen reallyrischen Account!

26. Februar 2021 10:08










Christian Lorenz Müller

NUR WER KEINE KETTE KENNT (Wien, 13.2.21)

Wer jetzt ohne Maske demonstriert, zeigt sein wahres Gesicht.

Die Welt: Ein kompliziertes Puzzle, das noch dazu sehr unvollständig ist – aber nicht für den Verschwörungstheoretiker. Er findet mit unfehlbarer Sicherheit selbst jene Teile, die schon vor Jahrtausenden verlorengegangen sind.

Nur bissigen Hunden, die keine Kette kennen, kann es einfallen, eine Atemschutzmaske als Maulkorb zu bezeichnen.

14. Februar 2021 17:48










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