Mirko Bonné

Saalberg in Aachen

Wir sind hinauf unter die Vogelausgucke in den
Linden und Kastanien gestiegen, seine Gedichte

und ich, unter die Säulen, ins Säulengelände
auf dem Lousberg, der seinen Namen womöglich

einem französischen König verdankt oder einer
Frau Lou, der einer ein Stück Aachen schenkte.

Seine Gedichte gingen mit mir durch das Blinken.
Linder Julinachmittag. Die Leute staunten jeder

winzigen Windbö nach und riefen: „So ein Tag!“
Einer, der den Tod nicht nötig hat als Spiegel,

so voller Leben, dass immer wieder momentlang
alles gut war. Alles meine ich, wie es hier steht

in diesem Gedicht, das fast von ihm sein könnte,
was durchaus Absicht ist. Unter Amselschimpfen

am Lousberg in Aachen las ich lauter Kindern vor.
Die Fröhlichkeit wehrt sich. Wir geben niemals auf.

*

20. Juli 2018 14:26










Mirko Bonné

Die Bordwand

Ja, und? Das heißt was, für die Schiffe? Die Leute? An Land? An Bord? So what? Sind das Gerippe, oder was, sind das Tiere? Sind das nichtswürdige Existenzen? Hä? Was sagt das Gedicht dazu? Ist das Gedicht denn die Bordwand?

30. Juni 2018 00:05










Mirko Bonné

Nachtöffnung

Regen, ein Gefühl,
und die mageren Nebelpferde
knapp überm Erdboden.
Da sind wir aufgehoben, alle
traurigen Gestalten eines Lebens,
unter einem Baum, der bleibt,
und über den gelben Wassern.

Durch uns segeln
die Mauern hindurch
in die Nachtöffnung,
mit einem Mund, der aufgeht
und der uns sagt, die Brücke,
hier ist sie zu Ende. Und ins Moos
auf dem Handrücken kratzt der Wind
lesbare Regungen.

*

25. Mai 2018 23:20










Mirko Bonné

Zum Tod von Günter Herburger

Saurüssele

Das Wichtigste,
was man von Schweinen
lernen kann: kein Mensch zu sein.

Sie sind sehr sauber,
sehr gefühlvoll, ein wenig zänkisch,
kämpferisch, aber dann lieben
sie einander wieder,
und wenn sie weinen,
was sie gerne tun, schreien
sie kaum und lächeln dabei.

Einen Tag, bevor sie
geschlachtet werden sollen,
sind sie nervös und konfus,
rennen umher und beschmutzen sich.
Dann beginnen sie zu singen,
sehr tief und sehr hoch,
wir vermögen es nicht zu hören.

Kein einziges Schwein ist bekannt,
das alt, krank und mager
noch auf der Weide lebte,
ganz und gar nicht allein,
weil umgeben von Igeln,
sodass, wenn es stirbt,
es auch ein Häufchen wäre,
bedeckt von Blättern und Geschmeiß,
deren Konzerte
wir niemals vernehmen.

Günter Herburger
6. April 1932 – 3. Mai 2018

*

7. Mai 2018 12:03










Mirko Bonné

Hof

… fast die Hälfte von Hof
fnung?

*

25. März 2018 17:24










Mirko Bonné

Handtaschen

In den Handtaschen deiner Mutter gibt es
ein Gerät, wenn du das anknipst, hört man
wie früher den Staubsauger im Kinderzimmer.
Fotos von dem Chaos nach einem Zugunglück
liegen verborgen hinter den Reißverschlüssen.
Mach jede Tasche auf, es regnet darin immer.
Aber es gibt keine Unwetter dort im Dunkeln,
nur Tränenschauer. Jede Handtasche weint.

In der Handtasche von Oma Käte war nichts
außer ihrem Schlüsselbund, einem Päckchen
Papiertaschentücher und dem Faltregenschirm.
Ihre Handtasche war ein Beutel, dünn, eine Haut,
mit zwei Omafingern kleinzuknüllen auf die Größe
einer Rosine, eines Reiskorns. Eine Handtasche,
sagte sie, wozu das, hm, Krimskrams, Plunder?
Ständig gab sie Opa Sachen: „Da, steck ein.“

Eine Landkarte des wiedervereinigten Korea,
Pokémon-Figuren und Plastikkaninchen, leere
Karamellpuddingbecher und kaputte Ladekabel
liegen in den Handtaschen deiner Töchter neben
irgendeiner Tasche ihrer Oma und der Beutelhaut
von Uroma Käte. Manchmal kriecht eine Tochter
in die Handtasche der anderen und schläft dort.
Jede ihrer Handtaschen ging bislang verloren.

In der Handtasche deiner Frau lebt eine Unke,
apfelgrün ist sie und schön. Umher schwirrt darin
ein Mückengeschwader, das Futter für den Lurch.
Alle Handtaschen von allen deinen Freundinnen
sind in der Tasche deiner Frau. Deine Geliebte
hat deshalb keine Handtasche, dein Liebling
entwirft Handtaschen. In der deinen wächst
Gras. Still ist es darin, wie im Universum.

*

12. März 2018 10:57










Mirko Bonné

Tubus

Nach Erich Fried

Es ist unter-
drückt, sagt
die Verein-
zelung. Es
ist, was es
zerfrisst, sagt
der Tubus.
Es ist verun-
sichert, sagt
die Brechung.
Es ist vernich-
tet, sagt die
Annexion.
Es ist un-
säglich, sagt
die Ausgren-
zung. Es ist,
was es zerfrisst,
sagt der Tubus.
Es ist gelähmt,
sagt das Beben.
Es ist eine Leiche, sagt das Gedicht. Es ist unmenschlich,
sagt das Schweigen. Es ist, was es zerfrisst, sagt der Tubus.

*

11. Februar 2018 13:38










Mirko Bonné

Der Neuanfang

Zweiter Januar, schon ist dein
Kalender mitten im Jahr, und du
staunst, wie wenig doch von dem
Übergang zu spüren war. Nichts,
was abrupt abbricht, Schluss,
kaum dass es richtig begann,
nichts, das auf einmal los-
legt. Sitz ruhig nur da, nur
sieh dich um: Kein Wunder,
bloß der endlose Weg hierher,
den immer alles auf sich nimmt.
Den Pappeln, fliehenden Rehen,
dem Pfad um den See, Kindern,
die im Matsch alte Böller suchen
und da mit Glück Kröten finden –
allem ist er eingeschrieben, dir
auch: der Neuanfang. Wieso
sonst fürchtet sich nichts
vor dieser Zärtlichkeit
des Gegenwinds.

*

23. Januar 2018 15:14










Mirko Bonné

Shithole

15. Januar 2018 00:19










Mirko Bonné

Steg

Die Stühle sind angekommen!
  In Reihen stehen sie im Licht
des Saals, als könnten sie sich
  unauffällig geben und davon-
laufen, sobald jemand vergisst,
  die Tür zu schließen. Genauso
wartet das Licht. Es sinkt auf die
  Stühle. Wer später darauf sitzt,
weiß das dunkle Holz ebenso gut
  (ebenso wenig) wie irgendeiner
sonst. Aber das ist ja zum Glück
  auch überhaupt nicht die Frage,
du Stuhlforscher! Ahnen die Stühle,
  wer auf ihnen Platz nehmen wird?
Ahnt es irgendeiner? Wer denn? Wo
  ist der Weg, der Steg aus Licht quer
durch den Saal der ganzen Ignoranz?

*

10. Januar 2018 21:17










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