Mirko Bonné

Einfach schwierig

Wir müssten wieder einfacher schreiben.
Das Schwierige schreckt zu sehr ab. Wir
sollten vielleicht schwieriger schreiben.
Das Einfache schreckt zu viele ab. Ich
glaube, ich schreibe immer weiter, weil
ich kann einfach nicht anders. Schwierig.

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16. April 2026 00:17










Mirko Bonné

Lady of Shalott

Wie John Waterhouse sie malt,
ist sie bestürzt. Ist es wovon?
Vorwegzusehen ihr Ende, das
man nicht kennt. Keiner weiß,

wie einer stirbt, bloß man selbst.
Dein Leben zieht an dir vorbei, so
geht es auch Elaine von Shalott.
Sie hat die Stationen ihrer Liebe

auf einen Wandteppich gestickt,
für Lancelot, ein Film ihrer Hände,
und sie nimmt ihn mit. Drei Kerzen,
ihr Kissen, ein Kruzifix, mehr nicht.

Sie hat unterm Brautkleid nichts an,
sie friert, ist nackt und wartet darauf,
dass der Tod alles findet. Bestürzt,
ja, so legt sie ab Richtung Camelot

in ihrem Boot, das heißt wie sie,
so fährt sie doppelt sicher zu ihm.
Wie man stirbt, das weiß sie nicht,
aber wie man liebt. Ritter reiten

durchs blaue Spiegelglas, schreibt
Tennyson, und immer sind es zwei.
Mylady Elaine. Wie köstlich es war,
berührt zu sein bis auf den Grund.

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29. März 2026 22:52










Mirko Bonné

Willkommen, Florian!

In Florian Knöpplers Romanen und Gedichten spielen wie in seinem Alltag Natur und Tiere eine wichtige Rolle. Er lebt auf einem Bauernhof in der holsteinischen Geest und hält Schafe, Hühner und Bienen. „Die Nähe zu Tieren war mir schon immer wichtig“, schreibt er. „Die genauen Gründe kann ich nicht fassen und benennen, dafür aber Situationen beschreiben, in denen mich der Kontakt besonders berührt. Es sind immer solche, in denen die Grenzen zwischen mir und einem Tier verschwimmen.“
Geboren 1966, studierte Florian Knöppler Romanistik, Germanistik und Philosophie in Bonn und Bologna. Er arbeitete für Radio und Fernsehen und schrieb Reportagen, häufig über besondere Lebenswege. Seit 2015 sind drei Romane entstanden, KRONSNEST, HABICHTLAND und SÜDFALL, erst Anfang März 2026 kam MIT DEM ERSTEN LICHT hinzu.
Andreas Louis Seyerlein und ich freuen uns sehr, dass es gelungen ist, Florian Knöppler für den Goldenen Fisch zu gewinnen. Herzlich willkommen in unseren Gewässern, lieber Florian!

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16. März 2026 10:19










Mirko Bonné

New Jersey

Du bist ein amerikanisches Mädchen
Rotschopf leerer Blick
Lebst wie eine Sommersprosse
Im Gesicht der Welt

Noch so ein sterbendes Kind das zu früh zu viel gelernt hat
Du bist nicht so gut wie deine Mom aber so gut wie tot
Du bist so gut wie tot New Jersey ist nicht die ganze Welt

Welche deiner Schüsse haben sich ausgezahlt?
Neunundzwanzig mit deinem Kind
Das nichts zurückgibt und frisst
Was von deiner jungen Seele übrig ist

Noch so ein sterbender Funke der zu schnell zu früh gebrannt hat
Du bist nicht so schlimm wie dein Dad aber so gut wie tot
Du bist so gut wie tot New Jersey ist nicht die ganze Welt

Lass mich nicht zu lang allein hier draußen
Nimmst du mich auch da hin mit?
Lass mich nicht zu lange allein hier draußen
Nimmst du mich auch da hin mit?

Red House Painters
Lyrics von Mark Kozelek
Demos. Outtakes. Live. 1989–1995
Disclogs, Beaverton, Oregon, 1999
Übersetzt von Mirko Bonné

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6. Januar 2026 19:25










Mirko Bonné

Zgorzelec

Erinner dich, sage ich mir,
an Görlitz und an die Stadtteile

am anderen Ufer der Lausitzer Neiße,
die Zgorzelec hießen und in Polen lagen

unter den gleichen im Sommerwind
blinkenden uralten Kastanien.

Es ist lange her, du in Zgorzelec.
Über die Brücke bist du gegangen,

und auf einem schattigen Platz, da
stand ein Bau wie aus einem Traum,

wo alles fremd wirkte, man selbst auch.
Hundert Leute saßen darin auf Stühlen,

alt, die Menschen, Stühle, der Traum,
und vorn, in einem hellen Leuchten,

las Adam Zagajewski seine Gedichte.
Das Licht, das leise Rasseln des Laubs

und sogar die Leute und ich, wir Skeptiker
und Skeptikerinnen aus Zgorzelec, Görlitz,

von wer weiß wo, alle waren wir offenbar
ergriffen von lauter Lebendigkeit.

Eine wundersame Stunde, wahrlich
unverhofft. Erinnerst du dich?

*

23. Dezember 2025 18:09










Mirko Bonné

Die Liebesbriefe meines Vaters

Freitags machte er sich eine Dose Jax auf,
Wenn er nach Hause kam von der Mühle,
& bat mich, meiner Mutter zu schreiben,
Die Postkarten schickte mit Wüstenblumen,
Größer als Menschen. Er flehte,
Versprach, nie wieder würde er sie
Schlagen. Irgendwie war ich froh,
Dass sie weg war, & manchmal wollte ich
Die Erinnerung einfügen, dass ja Mary Lou
Williams’ „Polka Dots & Moonbeams“
Die Schwellung nie zurückgehen ließ.
Seine Tischlerschürze war immer ausgebeult
Mit alten Nägeln, ein Klauenhammer
Hing an seiner Seite & Verlängerungskabel
Wickelten sich ihm um die Füße.
Wörter kullerten heraus, wenn ich
Auf meinen Kuli drückte: Liebes,
Baby, Honey, bitte.
Wir saßen da in der schweigsamen Brutalität
Von Spannungsmessern & Rohrgewindeschneidern,
Verlorengegangen zwischen den Sätzen …
Der Schimmer eines Fünf-Pfund-Keils
Auf dem Betonboden
Zog einen Sonnenuntergang
Durch die Tür in seinen Geräteschuppen.
Ich fragte mich, ob sie lachte
& sie über einen Gasbrenner hielt.
Mein Vater konnte nur unterschreiben,
Mehr nicht, aber sah er sich Baupläne an,
Dann wusste er, aus wie vielen Ziegeln
Jede Wand bestand. Dieser Mann,
Der Rosen & Hyazinthen stahl
Für seinen Hof, stand da,
Augen geschlossen & Fäuste geballt,
Rackerte sich ab mit einem einfachen Wort, fast
Erlöst von dem, was er zu sagen versuchte.

Yusef Komunyakaa

My Father’s Love Letters“, aus: „Magic City“, Wesleyan University Press, Middletown, Connecticut 1988 (Aus dem Englischen von Mirko Bonné)

*

1. Dezember 2025 22:24










Mirko Bonné

Keine Könige mehr

Keine Könige mehr,
Männer haben abgedankt.

Wenn sie das erst begreifen,
fängt die neue Zeit an.

Endlich unbekannt.
Warum weiter Terzinen?

Jede Gewalt wird wiedererkannt.
Und alle, die sich ändern, blühen auf.

Heute sprach ich mit einem Bettler
über die Kälte in der Stadt.

Heute ist lange her, aber
ich hab da Teltower Rübchen gekauft.

Heute gab es Nachtfrost.
Das Laub rings um den schwarzen Park.

*

22. November 2025 00:43










Mirko Bonné

Margarethe Trakl

Deine Handschrift,
Grete, schrieb er,
weil er spürte, die
schwarzen Augen

der Engel blicken
aus ihren Briefen.
Sah er sie im Bett,
ihre Rage Gottes,

sah sie aus wie er.
Sie war der Regen,
wenn es ihr kam,
war er und er sie.

*

18. Oktober 2025 19:39










Mirko Bonné

Jeanne Hébuterne

Es gibt nur Balkonrosen.
Weiße, rote und violette.
Es gibt nur Balkonrosen,
wo sie zwei vorbeifliegen,

es gibt nur Balkonrosen,
Amedeo mio, mon trésor,
es gibt nur Balkonrosen,
hörst du, was ich dir sag,

es gibt nur Balkonrosen.
Wohin fliegen wir, Modi,
es gibt nur Balkonrosen,
warum bist du nicht hier.

*

5. Oktober 2025 17:10










Mirko Bonné

Das Fräulein Wieck

Wie eine Blüte in einer
Sommernacht, nur dass
die linde Sommernacht
gespenstisch ist. Erst

Triller, dann Phrasieren,
Schaben, Schurren, Stop.
Leicht verzögert, immerzu
aufs Neue Kinderspiele.

Sitzt es so am Pianoforte
und spielt, scheint es ihm
durch Laubwerk zu hüpfen,
als huschten da lauter Vögel.

Das Kind spielt sechzehn Mal
berückender als er Beethoven.
Zur Klaviersonate f-moll, der
Appassionata, lächelt sie.

Nur einmal beißt sich Clara
im Allegro assai in die Hand,
der Bruchteil einer Sekunde,
in der die Zeit

                   Keiner, nur er
spürt den Hauch Stillstand.
Da zersplittert sein Glaube,
er wüsste etwas von Musik.

*

23. September 2025 22:13