Sylvia Geist

Inside Passage I

Kein Archiv für den Vogel.
Für den hellen Fleck auf dem Dunst,
seinen Kopf, den nickenden Wipfel,

als er abhob,
zwischen drei, vier Flügelschägen
das lostuckernde Boot vielleicht.

Gedächtnis verliert, Gegenwart wird
die Verbrennung und das gelöste Eisen
in dir, wenn die nackten Fächer der Hände

von einem anderen Motor an
seinen Herzton erinnert, sich auftun.
Aufgehoben in seiner Nussschale wie du

in deiner schlingernden
Erfindung, träumt das Gewebe,
dass du die Finger von der Reling löst.

11. November 2011 13:39










Hans Thill

Die Beamten des Himmels (Agamben)

I Himmlische Öffentlichkeit

1
Ich sende meinen Avatar durch eine Schleuse
in die leuchtenden Felder der Welt nebenan.
Er nahm mein Großhirn mit und ein Pausenbrot
aus der jüngeren Zeit. Er soll gründlich sein im
Zählen und schwerhörig im Verkehr. Ich ernenne
meinen Avatar

2.
zum Beauftragten. Seine Haut ist fahl
und die Sonne mit ihrem Baulärm läßt ihn
kalt. Ich lehre ihn Nebelkritik, Umgehung der
Wetter. Meine Geduld webe ich
in einen Teppich, der die Wüste verrät.
Wenn ein Kondensstreifen sichtbar wird

3.
haben wir schon den stärksten Schnaps
im Glas. Es ist kalt im öffentlichen
Himmel. Auf den Gipfeln der Kontinente
Wesen aus Asche und geschmolzener Luft,
tropisch gefärbt, zusammengefickt mit Zischlauten

4.
sie heißen Blaise und Suso und sie fliehen ins
Feuer vor der liegenden Acht, einer Formation von
Ruderern. Die Überseekonferenz möchte
anderswo tagen. Ich sende meinen zweiten
Avatar mit Dienstmütze. Er hat den Befehl

5.
sich jeder Musik zu enthalten und
dem Rauschen im Zwischenbereich zu
widerstehen als wäre es eine Frau. Ich habe
es eilig, das Sanskrit muss gelesen sein.
Auf der letzten Seite Schattenkritik,
gefärbte Vögel, eine Gebrauchsanweisung

6.
Jetzt höre ich die Motoren der Obleute und
das schreckliche Hungergeschrei. Man füttert
die Engel mit Kreide und Glas. Man gibt ihnen
zu trinken, damit sie die Sitzung nicht stören.
Wir warten seit Stunden

7.
kein Avatar und das Geld ist weg. Die
öffentlichen Himmel haben heute geschlossen.
Wir suchen in Schubladen nach einem
Schlangenparagrafen ein bißchen
Elektrizität

15. November 2011 10:59










Thorsten Krämer

Twin Towers Berlin

Im 15. Stock vergeht die Zeit schneller, die Wasser
führenden Fluchtlinien tunneln den Nebel dieses
Novembernachmittags. Die Sonne ist nicht weg, nur
anderswo, so wie das Geld, das ständig um den
Erdball fließt, an jedem Finger eine Armbanduhr.

Die Nachhaltigkeit des Geschäftsmodells ist die
Nachhaltigkeit der Ressource. Der Wellenschlag
der Tastaturen, gedämpftes Französisch. Erfolg
ist fünf Headsets auf fünf Kontinenten, aber die
Zukunft beginnt in einer Teeküche.

(für Chunxiao He)

16. November 2011 08:06










Marjana Gaponenko

Das Schloss II

Nie wieder.
Niemals. Nie-mals.
Zu tief steckt die Wurzel
den Wörtern im Hals,
und das was zählt,
verfliegt, mein Gott,
bedeutet plötzlich nichts,
als einen Mehlsack,
der dumpf zu Boden fällt.

Auf! Fall, Riegel, in das Schloss.
Zerbrich entzwei, Sequoia-Baum.
Du sollst zerbersten, Fisch,
mit einem lauten Knall
in deinem Blätterteich
nach dreißig Karpfenjahren.

An diesen Fenstern
gehst du wirklich vorbei.
Fremde liegen im Schlaf
wie Tränen dahinter.
Dann näher zum Wald.
Moderholz Harzwürze.
Tiefer! Vergiss, wie
weißgolden das Messer
aufblitzte bei Tisch,
des Ellenbogens
blankes Material,
wie die Uhr
in dein Gesicht schlug
scharfkantige Süße.

Es ist aus. Nie wieder.
Niemals.
Prinzessin.

21. November 2011 21:04










Andreas Louis Seyerlein

~

12.58 – Nehmen wir einmal an, eine noch nie zuvor gehörte Sprache wäre während der Nacht während ich schlief wie Regen vom Himmel gefallen und hätte sich in meinem Gehirn versammelt, in dem sie alle dort gestern noch vorhandenen Wörter und Wendungen ersetzte. Und wie ich nun erwache, sehe ich einen Lampignon, eine Lampe, aber ich denke ein Wort, das ich nicht kenne. Und so wundere ich mich, und auch das Wundern selbst wird mit seltsamen Geräuschen bezeichnet. Da ist ein Kühlschrank, und da sind eine Computermaschine und ein Telefon, je Erscheinungen ohne Wort. Ich kann sie sehen, ich kann sie berühren, aber nicht bezeichnen. Dagegen finde ich Wörter für meine Augen und meine Nase und meinen Mund. In dieser ersten Stunde des Tages mit neuer Sprache vermag ich nur zu deuten, ich kenne weder meinen Namen, noch könnte ich mich vor dem Staunen mit einem Gedanken von Länge behaupten. Ja, nehmen wir das einmal an, merkwürdige Sache.

> particles

23. November 2011 08:24










Andreas H. Drescher

LITERATUR UND KÜNSTLICHE INTELLIGENZ

INTERVIEW ZUR LITERARISCHEN K.I. „MALDIX“.

24. November 2011 20:32










Hans Thill

Die Beamten des Himmels (Agamben)

II Politik der Akklamation

1
In der Sphäre übersetzen sich die Rufe der
Wesen, sie klingen in unseren Ohren wie
ein gefährliches Geräusch. Einer von uns
möchte den Rocksaum des Fürsten
gesehen haben

2
doch warten wir seit Tagen vergeblich
auf die Waffen der fliegenden Geister
mit ihren Fahnen und Kraftliedern
vom Aufstand der Welt. Eine alte
Zwischenrevolte, Laune des Lichts,

3
zu bannen auf irdischem Papier.
Gleich reisst sich die Luft in Stücke,
wir auf Knien, gescheit wie Ministranden.
Wer jetzt schweigt, wird nie mehr
Freundschaft schließen

4
mit dem Mangel. So geht es drei zu drei
wie beim Kampf mit dem Engel oder wenn die
Feuerwehr am frühen Nachmittag ihre
Schläuche trocknet. Noch nie brannte ein
Kopfschmerz so unterm Haar,

5
noch nie waren unsere Körper so schwer
in ihren Klamotten. Das ist der Staub
der Schmetterlinge in einem dänischen
Tal. Inger, damals war dein Glas bereits
neun mal leerer und leerer und die Kellner
der Ultrawelt steckten

6
bis zum Hals im Feierabend. An
diesem Abend fielen die Stunden
in einen Briefschlitz, hinter dem sich
die Dunkelheit einrollte wie ein Stück
Stoff oder der Mantel eines Rumänen,

7
denn fahl ist die Haut der Beamten.
Eine Jupitersonne kann keine Abhilfe
gegen den schlechten Atem der Altengel
sein, und ihre Stimmen klingen wie
Greisinnen auf dem Rückweg vom
Konvent: Wir hatten Blei in den Venen als
wäre es Ingwer,

8
waren wund von den Schnäbeln des
Vogels Lop

26. November 2011 13:03










Andreas H. Drescher

LITERATUR UND KÜNSTLICHE INTELLIGENZ II

ZWEITES INTERVIEW ZUR LITERARISCHEN K.I. “MALDIX”.

30. November 2011 21:46