Mirko Bonné

New Jersey

Du bist ein amerikanisches Mädchen
Rotschopf leerer Blick
Lebst wie eine Sommersprosse
Im Gesicht der Welt

Noch so ein sterbendes Kind das zu früh zu viel gelernt hat
Du bist nicht so gut wie deine Mom aber so gut wie tot
Du bist so gut wie tot New Jersey ist nicht die ganze Welt

Welche deiner Schüsse haben sich ausgezahlt?
Neunundzwanzig mit deinem Kind
Das nichts zurückgibt und frisst
Was von deiner jungen Seele übrig ist

Noch so ein sterbender Funke der zu schnell zu früh gebrannt hat
Du bist nicht so schlimm wie dein Dad aber so gut wie tot
Du bist so gut wie tot New Jersey ist nicht die ganze Welt

Lass mich nicht zu lang allein hier draußen
Nimmst du mich auch da hin mit?
Lass mich nicht zu lange allein hier draußen
Nimmst du mich auch da hin mit?

Red House Painters
Lyrics von Mark Kozelek
Demos. Outtakes. Live. 1989–1995
Disclogs, Beaverton, Oregon, 1999
Übersetzt von Mirko Bonné

*

6. Januar 2026 19:25










Mirko Bonné

Zgorzelec

Erinner dich, sage ich mir,
an Görlitz und an die Stadtteile

am anderen Ufer der Lausitzer Neiße,
die Zgorzelec hießen und in Polen lagen

unter den gleichen im Sommerwind
blinkenden uralten Kastanien.

Es ist lange her, du in Zgorzelec.
Über die Brücke bist du gegangen,

und auf einem schattigen Platz, da
stand ein Bau wie aus einem Traum,

wo alles fremd wirkte, man selbst auch.
Hundert Leute saßen darin auf Stühlen,

alt, die Menschen, Stühle, der Traum,
und vorn, in einem hellen Leuchten,

las Adam Zagajewski seine Gedichte.
Das Licht, das leise Rasseln des Laubs

und sogar die Leute und ich, wir Skeptiker
und Skeptikerinnen aus Zgorzelec, Görlitz,

von wer weiß wo, alle waren wir offenbar
ergriffen von lauter Lebendigkeit.

Eine wundersame Stunde, wahrlich
unverhofft. Erinnerst du dich?

*

23. Dezember 2025 18:09










Mirko Bonné

Die Liebesbriefe meines Vaters

Freitags machte er sich eine Dose Jax auf,
Wenn er nach Hause kam von der Mühle,
& bat mich, meiner Mutter zu schreiben,
Die Postkarten schickte mit Wüstenblumen,
Größer als Menschen. Er flehte,
Versprach, nie wieder würde er sie
Schlagen. Irgendwie war ich froh,
Dass sie weg war, & manchmal wollte ich
Die Erinnerung einfügen, dass ja Mary Lou
Williams’ „Polka Dots & Moonbeams“
Die Schwellung nie zurückgehen ließ.
Seine Tischlerschürze war immer ausgebeult
Mit alten Nägeln, ein Klauenhammer
Hing an seiner Seite & Verlängerungskabel
Wickelten sich ihm um die Füße.
Wörter kullerten heraus, wenn ich
Auf meinen Kuli drückte: Liebes,
Baby, Honey, bitte.
Wir saßen da in der schweigsamen Brutalität
Von Spannungsmessern & Rohrgewindeschneidern,
Verlorengegangen zwischen den Sätzen …
Der Schimmer eines Fünf-Pfund-Keils
Auf dem Betonboden
Zog einen Sonnenuntergang
Durch die Tür in seinen Geräteschuppen.
Ich fragte mich, ob sie lachte
& sie über einen Gasbrenner hielt.
Mein Vater konnte nur unterschreiben,
Mehr nicht, aber sah er sich Baupläne an,
Dann wusste er, aus wie vielen Ziegeln
Jede Wand bestand. Dieser Mann,
Der Rosen & Hyazinthen stahl
Für seinen Hof, stand da,
Augen geschlossen & Fäuste geballt,
Rackerte sich ab mit einem einfachen Wort, fast
Erlöst von dem, was er zu sagen versuchte.

Yusef Komunyakaa

My Father’s Love Letters“, aus: „Magic City“, Wesleyan University Press, Middletown, Connecticut 1988 (Aus dem Englischen von Mirko Bonné)

*

1. Dezember 2025 22:24










Mirko Bonné

Keine Könige mehr

Keine Könige mehr,
Männer haben abgedankt.

Wenn sie das erst begreifen,
fängt die neue Zeit an.

Endlich unbekannt.
Warum weiter Terzinen?

Jede Gewalt wird wiedererkannt.
Und alle, die sich ändern, blühen auf.

Heute sprach ich mit einem Bettler
über die Kälte in der Stadt.

Heute ist lange her, aber
ich hab da Teltower Rübchen gekauft.

Heute gab es Nachtfrost.
Das Laub rings um den schwarzen Park.

*

22. November 2025 00:43










Mirko Bonné

Margarethe Trakl

Deine Handschrift,
Grete, schrieb er,
weil er spürte, die
schwarzen Augen

der Engel blicken
aus ihren Briefen.
Sah er sie im Bett,
ihre Rage Gottes,

sah sie aus wie er.
Sie war der Regen,
wenn es ihr kam,
war er und er sie.

*

18. Oktober 2025 19:39










Mirko Bonné

Jeanne Hébuterne

Es gibt nur Balkonrosen.
Weiße, rote und violette.
Es gibt nur Balkonrosen,
wo sie zwei vorbeifliegen,

es gibt nur Balkonrosen,
Amedeo mio, mon trésor,
es gibt nur Balkonrosen,
hörst du, was ich dir sag,

es gibt nur Balkonrosen.
Wohin fliegen wir, Modi,
es gibt nur Balkonrosen,
warum bist du nicht hier.

*

5. Oktober 2025 17:10










Mirko Bonné

Das Fräulein Wieck

Wie eine Blüte in einer
Sommernacht, nur dass
die linde Sommernacht
gespenstisch ist. Erst

Triller, dann Phrasieren,
Schaben, Schurren, Stop.
Leicht verzögert, immerzu
aufs Neue Kinderspiele.

Sitzt es so am Pianoforte
und spielt, scheint es ihm
durch Laubwerk zu hüpfen,
als huschten da lauter Vögel.

Das Kind spielt sechzehn Mal
berückender als er Beethoven.
Zur Klaviersonate f-moll, der
Appassionata, lächelt sie.

Nur einmal beißt sich Clara
im Allegro assai in die Hand,
der Bruchteil einer Sekunde,
in der die Zeit

                   Keiner, nur er
spürt den Hauch Stillstand.
Da zersplittert sein Glaube,
er wüsste etwas von Musik.

*

23. September 2025 22:13










Mirko Bonné

Frances Brawne Lindo

Es schüttet im Park,
durchs Zimmer gehen
Kerzengeflacker und

das Prasseln. Fenster
sind keine Wände. Sie
will noch einen Schluck

von dem dunklen Tinto,
da lächelt Señor Lindo.
Meine Liebe, flüstert er,

unvernünftiger Schatz.
Der Diener schenkt ein.
Aber sie will ja gar nicht

trinken, nur denken, sie
hört ihre Mutter und John,
weil beide wieder leben.

Mom ist nicht verbrannt
nach dem Gartenfest, ihr
Taftkleid fing nicht Feuer,

denn es goss in Strömen,
der Regen war ein Engel.
In den letzten römischen

Briefen, todkrank schon,
ertrug es Mr Keats nicht,
ihren Namen zu nennen,

deshalb schrieb er XXX.
Aber las die Mutter ihr vor,
so sagte sie immer Fanny

an den Stellen mit Kreuzen.
Sie taucht den Zeigefinger
in das Glas Wein und spürt

das Leben und seine Fülle,
sie zeichnet mit der Finger
-spitze drei schwarze, rote

X aufs Tischtuch. Wandern
Tote durch unser Herz, Lindo,
oder sind sie der Kerzenwind.

*

24. August 2025 14:35










Mirko Bonné

Platzwechsel

Ich schick dir den grauen Himmel,
den du mir geliehen hattest,
hiermit zurück. Aus Zlín.

Wo ich bin, steht die Luft.
Die Hitze ist ein Herzstillstand,
und das Gras überlegt ernsthaft,

zu brennen. Beendet ein Freund,
beendet er eine Freundschaft,
ohne Gründe zu nennen?

Offenbar. Das Gras plant
augenscheinlich wirklich,
in Flammen aufzugehen.

Wohin ist der Mensch, der
die letzten Tage immer schlief
im Schatten des Altglascontainers.

Ich fahre über die Dřevnice und
bin ein anderer. Sie lacht grün,
sie funkelt. Sie und ich in Zlín.

*

5. Juli 2025 20:17










Mirko Bonné

Vogelbeeren in Reillanne

Noch immer blinkt das Blätteraluminium
der Pappeln im Wind, immer noch kommt
grasgrün das Gras zurück. Die kleine blaue
Feder schwebt in den Müll, und ein Schwarm
Stare stiebt auf und ist einen Atemzug später
der Punkteschatten über der sonnenbefluteten
Straße. Weil wir befreundet sind, erklettern wir
Krater gemeinsam. Und oben, lachen wir es aus,
das Feuer, mein Lieber, ehe wir zurückschlendern
ins Tal, um im nächsten Dorf ein, zwei kühle Glas
Empedokles zu zischen. Es gibt nur ein einziges
Leben, und das ist endlos. In der Augusthitze,
in den Gewittern und der alles überdauernden
Kargheit, verrückt sich der Alltagsballast und
verliert an Gewicht. Hörst du, Tschaikowskis
Melodie klingt durch die Violinen der Zikaden.
Mit dem guten Recht der Dörfer erklär dich
zum Mittelpunkt deiner Welt. In den Städten
gibt es keine Unterschiede mehr. Hölle gleich
Himmel, beide nur Zellophan. Aber weiter blinkt
im heißen Wind das Pappellaub. Grillenbratschen.
Hör dein Herz, du brauchst dazu kein Stethoskop.
Es hat eine Melodie. Sei hier, bei dir, in Reillanne.
Sieh sie dir an, hör hin. Die Vogelbeeren sind rot.

*

12. Juni 2025 11:01