Mirko Bonné
1
Wallenstein in Bamberg träumte von Schweden,
und hier ging Wollschläger und hatte im Kopf
den Fluss, den Fluss. Vom Hexenbrenner,
dem Fuchs von Dornheim, was blieb
von den gierigen Hasspredigern
gegen Küsse, Brüste, Lust und
den Rausch, zum Glück zu leben?
Totengeflatter. Mauern. Wer weiß, wo
der Ausgang ist. Womöglich am Eingang.
Der Erlöser mit den schönen Augenbrauen
wartet im Regen, du im Café Graupner.
2
Wider die Tausendzüngigkeit
der Freien! Den Kot ihrer alles,
jeden hinnehmenden Gelassenheit!
Gegen die Liebe, gegen die Leichtigkeit,
und eingemauert die Zuneigung! Widerstrebt
gleichgesinnt randständigen Elementen. Gegen
das Offene, die sich lebendig schimpfende
Verharmlosung der Moral des einzigen
Gottes! Gegen ihre Liebesssucht,
steht auf gegen die Widerrede-
sucht. Sie lügen! Verratet!
3
Obere Pfarrkirche, Mauer
Unserer Lieben Frau. Die Tauben
kommen zurück. Sie landen und finden
aufgeplustert Platz auf den nackten Armen
des Herrn. Und sie warten. Worauf,
dass alles endlich fliegen lernt,
abhebt und die Weite sucht?
Worauf warten, hm, Messias?
Kinder fliegen vorbei. Sie segeln
in die Gasse, die Eisgrube, stehen rum,
blödeln in der Sonne. Sie lachen und sind jung.
*
23. August 2017 00:09
Mirko Bonné
In diesen Minuten ist die zweite Schlagzeile der bundesdeutschen Presse: „Liu Xiaobo ist tot“, die erste darüber lautet: „Deutschland und Frankreich wollen gemeinsamen Kampfjet entwickeln“.
Bis zu seinem Krebstod ist der chinesische Autor und Dissident Liu Xiaobo seinen Drangsalierern nicht entkommen, selbst eine Behandlung im Ausland wurde ihm verweigert. Liu hat jedoch noch mit seinem Tod ein Zeichen gesetzt: Das chinesische Regime ist ein verächtliches, dem das Leben und die Ansichten des einzelnen Menschen nicht von geringsten Wert sind.
Der goldene Fisch hat vor einigen Jahren auf seine stille, den Fischen angemessene Weise auf Lius Schicksal und das seiner Frau aufmerksam gemacht. Man kann die Beiträge nachlesen.
Good night, and good luck, Liu Xiaobo.
*
13. Juli 2017 16:03
Mirko Bonné

Nach der Lesung
grenzenloser Jubel.
Bamberg. Juni 2017.
*
15. Juni 2017 10:24
Mirko Bonné
Der Pott, der einläuft und nur kurz
den Horizont zum Schaukeln brachte,
er spült das Geröll aus Heraklits Fluss,
toten Plunder ans Ufer: eine Matratze,
auf der Zwei schliefen und am Morgen
sich liebten, um weiterzuschlafen; die
Knochen einer Möwe, so leicht, dass
der Wind sie wegträgt. Putain, sagt
der Wind, putain, vachement! Wir
werden alles wiedersehen, denn
nichts geht je wirklich verloren, ja
könnte überhaupt je verlorengehen.
Und flüchten wir zu Schattenkabinetten,
in die Pulsflaute, zur allerletzten Adresse,
die sie nicht mehr ändern, nur löschen, es
bleibt ein Versuch, dieses Löschen, das
Tilgen und Verschwinden, denn alles
bleibt, auch das Ausradieren; aber
genauso bleibt stets das Bleiben.
*
Schlagzeile der GERALD TRIBUNE vom 29. Mai 2017:
The Most Beautiful Hombre With the Longest Nose on Earth and the Hugest Heart – Today Is His Birthday! Let’s Celebrate the End of Our Agony and Let’s Dance Thru Space Up to Saturn.
*
30. Mai 2017 10:27
Mirko Bonné
Man besah sich mit spitzem Augenwinkel den Dom.
Frauenquote auch ziemlich unermesslich.
Jede Autostrada führte aufs Meer,
und von da nach Rom.
Im Spiegel der Ätna, eine Katze, er.
Man weinte um die Wette mit Möwen. Unvergesslich.
*
13. Mai 2017 09:51
Mirko Bonné
Solche Tage nehmen deinem Leben
Jahre. Mülltonne Tag. Ewigkeiten
Nieselregen, in denen du die dunkle
Wohnung durchquerst. Du starrst
ins Innenhofgrau, blickst über deine
Straße hinüber zum Goldbarren der
letzten Bäckerei der Welt, deren Licht
am Mittag erlischt. Pourtant, lass sie,
diese Enttäuschung, nicht so ein Herz
in der Brust zu haben, wie sie sagen,
jeder müsste es. Also bist du schlecht?
Bah, du kennst Eine, die geht täglich
an den schlimmsten Gräben spazieren,
während du, ja, einkaufst, skrupellos
lachst du hinauf in Krankenhausfenster,
wo die Alten sitzen und dich ansehen.
Schlapper Rebell! Du müsstest, und so
müssten wir, aber was? Überall sein.
Lieben, was uns zu lieben ist geblieben.
Könnte ich eine Wahrheit formulieren,
Getrommel, dass sie durchs Blut pochte,
vielem gerecht wäre und übrigem etwa
etwas Zuspruch verschaffte. Was soll es,
am Ende ein Könner zu sein auf einem
winzigen, anderen gar nicht mitteilbaren
Gebiet? Auch darüber, lass sie, deine
Enttäuschung. Widerstand, ja vielleicht
muss er unformulierbar sein, Gedicht,
während er in deiner wilden Liebe lebt.
*
26. April 2017 00:03
Mirko Bonné
endlos die Treppen vom Olgaeck
hinauf zur Zimmermannstraße.
Bestimmt war das früher mal ein
Weinberg, und Weinbergpferde
trotteten hier so wie jetzt wir.
Es ist Liebe hatte jemand dünn
an eine Betonwand gesprüht. Da,
ein weißer Engel, der beugte sich
über einen Brunnen ohne Wasser.
Asia-Imbiss und Nagelstudio. Felder
mit wilden Birnbäumen voller Disteln
lagen hier mal. Schiller im Gras. Und
der junge Hölderlin mit blonder Mähne
bis sonstwo. Diese silbernen Sommer.
Aber wohl kaum schöner, wie auch.
Das Gras war dasselbe. Das Grau
oben am Himmel. Die Zärtlichkeit,
die fehlt, bis du sie spürst, bis du
spürst, du lebst, sie war dieselbe,
die Abgestorbenheit ist nur Gerede.
*
26. März 2017 00:50
Mirko Bonné
Four Courts! Museum!
Liffey! Heuston! James’s!
Fatima! Rialto!
Grand Canal! Suir Road!
Goldenbridge!
Drimnagh! Blackhorse!
Bluebell! Kylemore! Red Cow!
Kingswood! Belgard!
Cookstown!
Hospital! Tallaght!
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23. März 2017 21:42
Mirko Bonné
ich weiß
dich und die
Schneewehen
überall dort in
Tschuwaschien.
Ajgi, ich weiß, du
bist gestorben, nur
was heißt das denn,
weiß ich dich doch da,
beim Schach im Park,
oder wie du schreibst:
Samoskworetschje.
Du weißt, entgegen-
kommend dir halte ich
ein Leben lang Ausschau
nach allem, ja nach allem.
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6. März 2017 00:10
Mirko Bonné
Die Eltern selbst fanden ihr Totes
im nördlichen Weilerfeld,
keine Rufweite vor den Gehöften.
Man stellte die Füchse im Hohlweg
unweit der alten Sägemühle,
zwei Geschwister,
und erschlug sie sofort.
Die Kindseltern sind in die Großstadt,
in eine Doppelhaushälfte gezogen.
Eine Adresskarte kam.
Zwischen Haus und Carport
der schöne Brennholzstapel,
von dort sprangen sie in den Boden.
Kaum dass sie den Bau noch verließen.
Die Füchse waren eingerichtet.
*
8. Februar 2017 16:47