Mirko Bonné

Zu „Veränderung“ von Sylvia Geist

Könnte ich Henry Miller einen Brief schreiben,
mit der klaren Absicht, ihn überzeugen zu wollen
von der Irrigkeit seiner Annahme, es gäbe keine
lebendigen Vergleiche naher Dichtung mehr, ich
würde ihm Sylvia Geists „Veränderung“ zitieren,

das Leben einer Eintagsfliege, o schöne Fliege,
würde ich sagen, und da bin ich, der beobachtet
sie, bezieht das kurze filigrane und vergebliche
Leben auf sich. Henry, schriebe ich, komm, bitte
sei nicht so unerbittlich. Wir versuchen unser

Bestes, und wir wissen ja, schwer ist es hier,
aber noch immer gibt es Augenblicke, in denen
ist alles anders. Begreifst du das denn nicht?
Ich weiß, sie weiß, alle wissen wir inzwischen,
wir müssen uns verändern. Ja. Hier ist die Welt.

*

6. Juni 2024 00:13










Mirko Bonné

Aus den Rimbaud-Übersetzungen

Bannières de mai

Aux branches claires des tilleuls
Meurt un maladif hallali.
Mais des chansons spirituelles
Voltigent parmi les groseilles.
Que notre sang rie en nos veines,
Voici s’enchevêtrer les vignes.
Le ciel est joli comme un ange,
L’azur et l’onde communient.
Je sors. Si un rayon me blesse
Je succomberai sur la mousse.

Qu’on patiente et qu’on s’ennuie
C’est trop simple. Fi de mes peines.
Je veux que l’été dramatique
Me lie à son char de fortune.
Que par toi beaucoup, ô Nature,
− Ah moins seul et moins nul ! − je meure.
Au lieu que les Bergers, c’est drôle,
meurent à peu près par le monde.

Je veux bien que les saisons m’usent.
À toi, Nature, je me rends ;
Et ma faim et toute ma soif.
Et, s’il te plaît, nourris, abreuve.
Rien de rien ne m’illusionne ;
C’est rire aux parents, qu’au soleil,
Mais moi je ne veux rire à rien ;
Et libre soit cette infortune.

Mai 1872.

Maibanner

An den helllichten Lindenzweigen
Verendet elend ein Halali.
Geistliche Lieder aber schwirren
Da zwischen den Johannisbeeren.
Dass uns das Blut lacht in den Adern,
Sieh nur den Wirrwarr Weinberg an.
Der Himmel ist hübsch wie ein Engel,
Azur und Wogen werden eins.
Ich geh. Falls mich ein Strahl erfasst,
Krepiere ich halt auf dem Moos.

Dass man Geduld hat und sich langweilt,
Das ist zu simpel. Bah, mein Kummer.
Ich will dramatisch mich vom Sommer
Fesseln lassen an sein Glücksgefährt.
Dass ich an dir so, o Natur,
– Nicht einsam, ah nicht nichts! − oft sterbe.
Statt dass die Schäfer, guter Witz,
Halbwegs verrecken an der Welt.

Ich will mich mürber jeden Monat.
Dir gebe ich, Natur, mich hin;
Samt Hunger und samt allem Durst.
Und bitte dich um Speis und Trank.
Nicht das Geringste kann mich täuschen;
Lacht an die Eltern, wie zur Sonne,
Ich aber will zu gar nichts lachen;
Und frei soll dieses Unglück sein.

Mai 1872.

21. Mai 2024 17:42










Mirko Bonné

Der Buëch

Er kommt dir
in der Finsternis
aus dem Schädel
gestürzt, der Fluss,

du hast die Alpen
hinter den Augen,
ihr Schiefergrauen
ein Totholzbrausen.

Die Burg von Serres
geopfert Brückenbau,
Brücken weggerissen,
Hindernis, Hindernis,

hinter deinen Augen
rauscht in dir talwärts
der gestürzte Fluss.
Das Schotterwasser.

*

29. April 2024 01:16










Mirko Bonné

London 1873

London 1873 (2024)

Rimbaud kam vier Tage nach Oscar Wilde auf die Welt, Oscar am 16. Oktober 1854, Arthur am 20., der erste in Dublin, der zweite in Charleville, einer Stadt im äußersten Osten Frankreichs, auf halbem Weg zwischen Lille und Nancy. Rimbaud nannte seinen Geburtsort Charlestown, und der junge Wilde verlebte schöne Sommertage in Charleville, der irischen, wundervoll grünen Landschaft. 1854 war John Keats erst 33 Jahre lang tot. Mit 22, im Alter, als Wilde anfing zu schreiben und Rimbaud Gedichte schon als Spülwasser bezeichnete, schrieb Keats in seine Ausgabe von Miltons „Paradise Lost“ eine Bemerkung an den Rand, eine Frage, die er sich selbst beantwortet. Beide Sätze lauten: „What creates the intense pleasure of not knowing? A sense of independence, of power, from the fancy’s creating a world of its own by the sense of probabilities.“ Frage und Antwort bilden nichts Geringeres als Keats’ eigene, sogar handgeschriebene Definition dessen, was er in einem Brief kurze Zeit später „Negative Capability“ nannte – die das dichterische Gemüt kennzeichnende Negativbefähigung: Der dichterische Mensch ist imstande, Zweifel und Halbwissen nicht nur zu ertragen, sondern fruchtbar zu machen. „Was bringt die intensive Freude am Nichtwissen hervor? Ein Sinn für Unabhängigkeit, für Kraft, der daher rührt, dass die Fantasie kraft des Sinns für Wahrscheinlichkeiten eine eigene Welt hervorbringt.“ Weder Rimbaud noch Wilde kannten die beiden Sätze. Sie müssen ihren Sinn auf andere Weise verinnerlicht haben.

*

9. April 2024 11:26










Mirko Bonné

Aus den Rimbaud-Übersetzungen

À une raison

Un coup de ton doigt sur le tambour décharge tous les sons et commence la nouvelle harmonie.

Un pas de toi, c’est la levée des nouveaux hommes et leur en-marche.

Ta tête se détourne : le nouvel amour ! Ta tête se retourne, — le nouvel amour !

« Change nos lots, crible les fléaux, à commencer par le temps », te chantent ces enfants. « Élève n’importe où la substance de nos fortunes et de nos vœux » on t’en prie.

Arrivée de toujours, qui t’en iras partout.

An eine Vernunft

Ein Schlag deines Fingers auf die Trommel entlädt alle Töne und beginnt die neue Harmonie.

Ein Schritt von dir ist das Erwachen neuer Menschen und ihres Aufbruchs.

Dein Kopf wendet sich ab: die neue Liebe! Dein Kopf wendet sich zu – die neue Liebe!

„Wandle unsere Lose, sieb aus die Geißeln, angefangen mit der Zeit“, singen diese Kinder dich an. „Hebe, gleich wo, den Gehalt unserer Geschicke und Wünsche“, darum bitten wir dich.

Gekommen von je, die du wirst sein überall.

*

13. März 2024 21:04










Mirko Bonné

Wilde auf der Piazza Navona

Wilde auf der Piazza Navona (2024)

*

21. Februar 2024 19:02










Mirko Bonné

Geheimkonferenz der Hässlichkeit

Das Akronym AfD habe ich vor etwa zweieinhalb Jahren, als ich meinen Roman „Alle ungezählten Sterne“ schrieb, mit „Angst für Dumme“ übersetzt, ein Euphemismus, den ich heute, in diesem bitterkalten Januar 2024, vermiede und für den ich mich schäme. Mein Romantitel stellt seinerseits, neben seiner in der Handlung und im Denken und Fühlen meiner Figuren verankerten Metaphorik, ein Akronym dar: „Alle ungezählten Sterne“ steht, da es um die Lebensbilanz meines Erzählers geht, auch für dessen Aus.
Die Hetze der selbsternannten „Alternative für Deutschland“ hat in der aufgedeckten Potsdamer Geheimkonferenz die Hässlichkeit ihrer Fratze in aller Deutlichkeit gezeigt. Diese Alternative, das sollte nun jedem Menschen klar sein, der sehen kann, ist keine verkappt, sondern eine offen neofaschistische. Das Ansinnen dieser Leute, die keine Menschen sind, da sie nichts Menschliches an sich haben, gründet auf Herabwürdigung und Verächtlichkeit. Erbarmungslos hat sie Ausgrenzung und Abschiebung, Spaltung und Säuberung zum Ziel.
Niemand, der morgen nicht in einer Diktatur aufwachen will, sollte sich mit Beginn dieses bitterkalten Jahres schlafen legen, um schweigen zu können. Zum ersten Mal, seit ich denken kann, hat der nie vergangene, der stets latente deutsche Fremdenhass Einzug gehalten in bis heute für integer gehaltene Kreise von Kultur, Kunst, Literatur, Musik und deren Betriebe und Verwaltungen. Das braune Netzwerk breitet sich darin mühelos aus, da es überall Ansprechpartner und Ansprechpartnerinnen findet. Der endlich erwachte Widerstand durch große, wenngleich noch viel zu geringe Teile der Bevölkerung macht mir Mut und gibt mir Zuversicht. Ich hoffe, auch die Künste wachen jetzt auf aus ihrem Corona-Dämmer und Profitschlummer und stellen, ohne sich zu verleugnen und ohne sich zu instrumentalisieren, eine unmissverständlich menschliche Barrikade auf.
Erinnert sei an Klaus Mann, der vor genau 90 Jahren seinen ersten Exilroman veröffentlichte, „Flucht in den Norden“, in dem es gegen Ende hin über unser Land heißt: „Es ist so lächerlich unbegabt für das Leben, dieses Volk mit seiner dünkelhaften Extraproblematik, daß es niemals, niemals eingetreten ist in den Kreis der Zivilisation. Das ist der Grund, das ist der einzige Grund, warum es unsere Zivilisation bedroht, zu der es den Zutritt nicht hat. Und nun ist es wieder einmal aufgestanden und will alles kaputtschlagen, und alle Welt muß zittern und sich Sorgen machen und höflich sein mit diesen bösen Narren. Was für ein Volk! Pfui, es macht ja eine große Übelkeit, sich’s vorzustellen – ekelhafd ist es, an ihre Tüchtigkeit zu denken, die sich immer in den Dienst der Gemeinheit begeben hat, an all ihr Talent, das kein moralisches Rückgrat besitzt. Wenn mir ihre Professoren und Zeitungsleute einfallen, wird mir womöglich noch übler, als wenn ich mir ihre Generale und Henker ausmale, denen die Professoren eine ,Weltanschauung‘ liefern, gebrauchsfertig, in tadelloser Verpackung. Und nun, da dieses Volk endlich das dünne Mäntelchen abwirft, das es bis jetzt noch pro forma vor seine kolossalische Mißratenheit halten mochte, und da es nun hervorspringt in seiner ganzen unseligen Frechheit – warum sollte man denn da so sehr den Überraschten spielen?! Das ist keine Überraschung für einen, der zu sehen verstand.“

*

20. Januar 2024 21:04










Mirko Bonné

Ryan O’Neal

Es gab Kostüme und Kulissen,
die stärker als er selber waren.
Verloren hatte er sich aber nie.
Er fühlte nichts verschwinden.

Er liebte. Schnee seit Love Story.
Am Meer bei Malibu erfand er sich.
Er war der Driver, der verstummte,
und blieb doch immer Barry Lyndon.

Was war da, fragte er sich über drei
Jahrzehnte, 17 Filme lang, wer trug
Duelle aus mit Kindern, seinem Blut,
um sich danach nicht mehr zu finden.

Er mit gepuderter Perücke in Berlin.
Zum Flackern einer Kerze abgefilmt
im Zimmer eines Rokokogemäldes
– als wäre Welt nicht schon zu viel.

Vielleicht war Zeit für Kubrick Speed.
Das sollten Klügere als er ergründen.
Er fühlte nichts. Seit 1775 gab es kein
Entrinnen, keine Tür für Ryan O’Neal.

*

Zum Tod von Ryan O’Neal (1941–2023)
Erschienen in
Traklpark
Schöffling & Co., Frankfurt am Main 2012

*

9. Dezember 2023 15:34










Mirko Bonné

Turners großes Rangeln mit Wasser

Yusef Komunyakaa

Turners großes Rangeln mit Wasser

Wie du siehst, hat er erst Licht gemeistert
& Schatten, Gesichter, huschend zwischen
Gras & Stein, die zur Arche watenden Tiere
& daraufhin dann Der Untergang Karthagos,
bevor er auch Rottöne von Vulkanen einfing,
eines Tages aber, bei Wind & Regen lief er
die Themse lang, meinte er, eine Hanfleiter
in eine Schiffskombüse hinunterzuklettern,
mit Fluchen, einem Haken & Schöpfkübel
runter in den gedunsenen Wanst des Tiers,
ins Wimmern & Heulen, in Pisse & Scheiß.
Er sah Böen Segel & Masten wegpfeffern,
während die Deckmatrosen Sklaven tot &
halbtot in verfinstertes Gestrudele walgten.
Da war es, ächzte. Zerstochen & zerkratzt
wurde das Wasser, bis es sich aufwarf &
blutgeil auch die Haie unterwegs waren.
Doch du irrst nicht, ja, da ist noch Licht,
das die Kluft zerbricht & brodelt um die
Ecken des dick vergoldeten Rahmens.

(Aus dem Englischen von Mirko Bonné)

*

15. November 2023 12:54










Mirko Bonné

Utopie

אוטופיה
״זוכרת איך זה היה פעם,
כשהשמש מילאה את השמיים?
… הימים האלה לא ייגמרו לעולם.״
רוברט סמית

הַבִּיטִי, הַשַּׁחַר
חוֹשֵׂף אֶת הָעִיר מִן הַלַּיְלָה
בְּרוּחוֹת קַלּוֹת,
בִּזְהִירוּת אַרְכִיאוֹלוֹגִית מֻפְלֶגֶת.
שְׁלוּלִיּוֹת עֲכוּרוּת עוֹלוֹת אֶל הָאוֹר
בְּשִׁירוֹ.
וְשֶׁלֶג, מַבּוּל מִתְפּוֹצֵץ שֶׁל רךְֹ.
זִמְרָתָן הַפְּרוּצָה שֶׁל הַצִּפֳּרִים מְנַבֵּאת
בְּקָרוֹב תִּתְפַּתַּח שֶׁמֶשׁ חֲדָשָׁה,
לֹא כֶּתֶם בַּעֲרָפֶל כְּמוֹ
טְלַאי מְכעָֹר.
מִישׁוֹרֵי הַפְּרִיחָה וְהַיָּמִים הָאֵלֶּה לֹא יִגָּמְרוּ לְעוֹלָם.
מִי שֶׁרָצִינוּ לִהְיוֹת,
הַשָּׁנִים הַמִּתְאַמְּצוֹת אֶל אֵיזֶה סוֹף,
מֵתוּ.
עַכְשָׁו אֲנַחְנוּ יְלָדִים.

„Weißt du noch damals wie es war
als die Sonne den ganzen Himmel ausfüllte
… diese Tage hörten nie auf.“
Robert Smith

Schau, die Dämmerung,
mit archäologischer Sorgfalt
schält sie bei leichtem Wind
die Stadt aus der Nacht.
Pfützen steigen ins Licht,
sein Gedicht.
Und Schnee, eine sachte Sturzflut.

Der brüchige Vogelgesang prophezeit
das Anwachsen einer neuen Sonne,
kein Nebelfleck wie
ein hässlicher Aufnäher.
Die blühenden Weiten und diese Tage hören nie auf.
Die wir sein wollten,
einem Ende entgegenstrebende Jahre,
sind gestorben.

Jetzt sind wir Kinder.

Shimon Adaf

(Aus dem Hebräischen von Mirko Bonné)

*

9. Oktober 2023 20:02