Thorsten Krämer

Holly Springs, Mississippi

Mit den Würmern kommt die Bedeutung, die expansive
Schwärze der Zeichen: We’ve never seen mushi
this far out before!

                                   Ein Spezialist aus Japan
wird eingeflogen, Narration nach Belieben. Was bleibt
sind Trübungen des Bewusstseins, ein leichter Schwindel
zwischen den Gedanken.

16. Juni 2009 22:16










Thorsten Krämer

Memphis

Hallo Parallelfahrt, hallo Plansequenz: die filmischen
Mittel schweigen still, genau wie die Kanonen: la guerre
est finie
, der Trümmerchic ist nur ein Zwischenstadium.

Wo Hoffnung ist, ist Leben; wo Leben ist, geht es
vorbei: Sieh hier den Straßenzug, den Schatten, den der
Müllkorb wirft – ist das nicht Wirkungsmacht der Immanenz?

Sei das Unkraut, sei Graffiti, überwuchere und überzieh.
Sei das, was Rest wird; sei der Anfang, der schon angefangen hat.

8. Juni 2009 16:50










Thorsten Krämer

Interiors

Das Ergebnis von fünf Tagen Arbeit: ein Jungentraum in hochauflösender Grafik. Das Bett groß genug für Vergnügungen aller Art, an der Wand ein Flachbildschirm in Leinwandgröße. Statt eines einzigen großen Fensters gibt es ein asymmetrisches Muster von mehreren Scheiben, eingearbeitet in ein Regalsystem, dessen Ablageflächen nur spärlich belegt sind: ein großformatiger Bildband, die in futuristischem Weiß gehaltene Dockingstation eines MP3-Players, als Retro-Element ein Paar Baseballhandschuhe. Durch die Scheiben hindurch schimmert die generische Landschaft. Der Lichteinfall wirkt lebensecht, die Oberflächen sind mit genügend Details ausgestattet, um das Bild auf den ersten Blick real wirken zu lassen. Das Rendering ist makellos, die Rechenleistung hinter dem Projekt kann als ein Versprechen auf das Dargestellte selbst gesehen werden: Eines Tages wird ein menschlicher Körper seinen Schatten auf dieses Bett werfen, in Dubai oder anderswo.

3. Juni 2009 18:05










Thorsten Krämer

Interiors

Der Inhalt der Schubladen von unten nach oben: Geschenkbänder, Schleifen, ca. 10 Meter Kordel, ein Paar warme Wintersocken, zwei eingerissene Papierfächer. Eine kleine Pappschachtel mit Polaroids, ein Bündel Postkarten, Plexiglasteile für ein Architekturmodell, eine zusammengefaltete Packung Heilerde. Ein Schlüsselbund, ein Umschlag mit ausgeschnittenen Briefmarken, mehrere Stopfpilze, Haargummis, ein Pflanzenführer „Was blüht denn da – in Farbe“, eine Plastikdose mit Ein-Pfennig-Münzen. Neben der Kommode liegen zwei weitere Schubladen, ausgelegt mit Butterbrot-Papier. Ansonsten ist der Raum leer. An den mit weißer Raufaser tapezierten Wänden lässt sich noch erkennen, wo Bilder gehangen haben, vielleicht auch ein Spiegel. Der Boden, Laminat, weist einige tiefe Kratzspuren auf. Das Fenster steht auf Kippe.

28. Mai 2009 12:36










Thorsten Krämer

Interiors

Das Bild an der Wand wurde eigens für dieses Zimmer gemalt: Vor schwarzem Hintergrund die gelb gepinselten Umrisse von Rosenstängeln, es könnte auch Bambus sein, wären da nicht diese dornenförmigen Auswüchse. Vier Stängel sind es, die in kunstvoll ungleichem Abstand die quadratische Fläche senkrecht teilen. Dieselbe reduzierte Strenge findet sich in der Einrichtung: ein niedriger grüner Sessel aus den 50er Jahren; aus der gleichen Zeit stammt die gerahmte Fotografie auf dem Beistelltisch, ein sich küssendes Paar in Schwarzweiß, die Frau im schulterfreien Kleid, der Mann im Smoking. Daneben eine Karaffe mit Wasser, als Vase für einige grüne Olivenzweige dienend. Die Tischlampe dagegen – auf der anderen Seite neben dem Foto, als wäre es ein Tafelbild – sieht aus wie eine Vase, ist aber nur eine Tischlampe. Der Futon liegt auf einem einfachen Holzgestell; vielleicht der einzige Gegenstand in diesem sorgsam komponierten Raum, dessen Schönheit sich nur zufällig ergeben hat.

22. Mai 2009 19:04










Thorsten Krämer

Almost at the Mississippi River, Dyersburg, Tennessee

Spurenlesen auf offenem Feld, die buschlose
Weite. Als Grenze gesetzt die Reihe
Bäume am Horizont. Der Fluss nur eine Behauptung.

Wireless vor allem anderen: die Fußabdrücke
der Natur. In der Ferne die Andeutung
einer Ferne. Alles andere wäre Spekulation.

You’re only as strong, sagt der Telefonmast,
wie Spatzen die nutzlose Keramik tragend.

13. Mai 2009 16:30










Thorsten Krämer

Appellare humanum est

Während im Feuilleton, und vermehrt auch unter den Autoren, die Debatte um Google Books und Open Access tobt, gerät ein anderes, schon viel zu lange sträflich vernachlässigtes Problemfeld vollends aus dem Blick: Die systematische Verletzung, ja Aushöhlung des Urheberrechts durch Antiquariate! Besonders jene, die sich durch den Euphemismus „modern“ das Deckmäntelchen der Aufgeklärtheit anziehen, erzielen seit Jahrzehnten ihre Gewinne einzig und allein auf Kosten der Autoren und Verlage. Denn die Bücher, die sie einkaufen, verkaufen sie ja zu einem höheren Preis weiter; von dieser Differenz fließen aber null Prozent an die Urheber, mit deren geistigem Eigentum hier also auf übelste Weise Schindluder getrieben wird.
Besonders perfide an dieser illegitimen Wertschöpfung ist die Möglichkeit, dasselbe Buch nicht nur einmal, sondern wieder und wieder zu verkaufen, jede einzelne Transaktion nichts anderes als ein Griff ins ohnehin gebeutelte Portemonnaie des Autors! Doch nicht nur das: Oft werden dort Bücher verkauft, die praktisch neuwertig sind, deren einziger ‚Mangel‘ in einem fadenscheinigen Stempel, oder gar nur einem lieblos ausgeführten Strich mit dem Filzstift besteht. Kein Wunder, dass viele Buchkäufer da zu dieser preiswerten Alternative zum Neu-Buch greifen! Es ist bezeichnend, dass die Verluste, die dadurch jährlich entstehen, noch nie Gegenstand einer umfassenden Erhebung waren!
Im Falle von vergriffenen Büchern ist der Schaden durch die Antiquariate freilich noch größer: Indem sie solche Titel in gebrauchter Form verfügbar halten, verhindern sie, dass es zu Neuauflagen kommt – auch dadurch werden Verlage und Urheber um ihre verdienten Einkünfte gebracht. Ein anderer Schaden ist zwar nicht finanzieller Natur, trifft aber besonders die sensibleren unter den Autoren: Mitunter entdecken sie ihre Bücher in solchen Antiquariaten in unmittelbarer Nähe von Titeln, mit denen sie nichts gemein haben wollen – die Periodika des Fleischerhandwerks seien hier nur als besonders abstoßendes Beispiel genannt. In manchen Fällen fungieren die Bücher sogar ausschließlich als Lockangebot für der Literatur gänzlich wesensfremde Geschäftsinteressen: Vor dem Schaufenster steht dann beispielsweise eine sogenannte Bücherkiste, während drinnen gebrauchte Kinderkleidung verkauft wird!
Es ist deshalb an der Zeit, dass Autoren, Verleger und Literaturwissenschaftler nicht länger die Augen vor diesen Missständen verschließen, sondern entschlossen an die Politik appellieren, um diesem Treiben ein Ende zu machen. Die Forderung kann nicht anders als eindeutig ausfallen: Sofortiges Verbot des Verkaufs gebrauchter Bücher und Schließung aller Antiquariate!
(Wünschenswert wäre es übrigens, wenn ein solcher Appell von einem Ort wie Göttingen oder Tübingen ausginge, schon allein der symbolischen Wirkkraft wegen.)

26. März 2009 16:07










Thorsten Krämer

Die Interessen der Verlage können nicht die Interessen sein, die Lina Braake hat

Ein Gespenst geht um in Europa, das Gespenst von der Abschaffung des geistigen Eigentums. Diesen Eindruck bekommt zumindest vermittelt, wer sich die Kampfschriften anschaut, die in den letzten Wochen in den angestammten Print-Medien zu den beiden Stichwörtern Google Books und Open Access veröffentlicht wurden. Gegen beide Initiativen regt sich massiver Widerstand, durch einen Kollegen wurde ich zuletzt auf eine Petition von textkritik.de aufmerksam gemacht, deren zum Teil namhafte Unterzeichner die Politik auffordern, der Unterhöhlung des Urheberrechts endlich einen Riegel vorzuschieben.
Was als erstes an dieser Debatte irritiert, ist die Verwendung des Begriffs „Urheberrecht“: Dieses Recht besagt nämlich in erster Linie, dass der Urheber eines Werkes als solches zu kennzeichnen ist, seine Urheberschaft nicht übertragen werden kann und sein Werk nicht entstellt werden darf. Sollen also bei Google Books Bücher anonym veröffentlicht werden, ohne Hinweis auf ihren Verfasser? Keineswegs. Vielmehr geht es um die Nutzungsrechte, also die Rechte, die gewöhnlich der Autor eines Werkes an den Verlag abtritt bzw. einräumt (was natürlich viel angenehmer klingt). Diese sprachliche Ungenauigkeit ist sicher kein Zufall: Denn die Rede von der „Abschaffung des Urheberrechts“ schürt gerade bei den Urhebern Ängste (wer möchte schon gerne um seinen Ruhm gebracht werden, der nun einmal untrennbar mit dem Namen verbunden ist!) Spräche man stattdessen von den Nutzungsrechten, lenkte man die Aufmerksamkeit darauf, dass in der gegenwärtigen Lage Urheber ohnehin schon sehr viele Rechte abtreten, an die Verlage nämlich.
Worum geht es dann eigentlich? Um die Interessen derjenigen, die diese abgetretenen Rechte vertreten, die Verwerter also. Insofern stimmt es schon nachdenklich, dass sich die Autoren, die zu den Unterzeichnern der genannten Petition gehören, so anstandslos vor den Karren der Verlage spannen lassen. Um die Sache ein wenig transparenter zu machen: Bislang verdient der Autor eines belletristischen Werkes zwischen acht (bei einem Taschenbuch) und zwölf (Hardcover und großzügiger Verleger) Prozent vom sogenannten Nettoladenverkaufspreis eines Buches. Fairerweise muss man sagen, dass die meisten Verlage Vorschüsse zahlen, die üblicherweise etwas über dem kalkulierten Verkaufsanteil liegen. (Allerdings kenne ich auch Autoren, die Teile ihres Vorschusses wieder zurückzahlen mussten.) Zum Vergleich: Der Buchhändler bekommt 30-35 Prozent, und das bei einem weitreichenden Remissionsrecht, d.h.: anders als andere Zwischenhändler muss der Buchhändler seine Ware nicht einkaufen, sondern bezahlt sie erst, wenn er selbst sie verkauft hat – und wenn er das nicht schafft, schickt er sie einfach wieder an den Verlag zurück. Das ist, wie gesagt, der Ist-Zustand, der meines Wissens noch nie Gegenstand eines Appells an die Politik war.
Ein anderes Beispiel: In der Petition auf textkritik.de heißt es: „Es muß auch künftig der Entscheidung von Schriftstellern, Künstlern, Wissenschaftlern, kurz: allen Kreativen freigestellt bleiben, ob und wo ihre Werke veröffentlicht werden sollen.“ Im Moment besteht diese Wahlfreiheit darin, sich selbst einen Verlag zu suchen, das stimmt freilich, bedeutet aber in der gängigen Praxis: Hat ein Autor erst einmal seine Nutzungsrechte abgetreten (also einen Vertrag geschlossen), ist es der Verlag, der entscheidet, ob und bei welchem Verlag zum Beispiel eine Taschenbuchausgabe des Werkes erscheint, oder ein Hörbuch, oder welche Produktionsfirma die Rechte an der Verfilmung bekommt – wenn der Autor da mitreden kann, dann allenfalls aus Kulanz, rechtlich gibt es in diesen Fällen keinerlei Wahlfreiheit, da er genau diese Freiheit ja mit seiner Unterschrift unter den Verlagsvertrag aufgegeben hat (finanziell wird er natürlich beteiligt).
Es ließen sich noch mehr solcher Unstimmigkeiten zeigen (etwa die Tatsache, dass nur die allerwenigsten Autoren allein von ihren Verkäufen leben können, sondern Honorare für Lesungen, Stipendien und Preise stets mit in die Kalkulation gehören), die von denjenigen, die jetzt gegen Google Books und Open Access trommeln, interessanterweise nicht thematisiert werden, obwohl sie sich doch für die Interessen der Urheber einsetzen wollen. Was den Schluss nahe legt, dass es allein die Vermittler und Verwerter sind, die sich verzweifelt an das gute Leben klammern, das sie selbst auf Kosten der Urheber lange gelebt haben. Dass aber die Autoren, die von den Krumen leben müssen, die von den Buchhandels- und Verlagstischen fallen, nun in dieses Klagen einstimmen, zeigt nur das Maß ihrer Abhängigkeit.

23. März 2009 09:26










Thorsten Krämer

Interiors

Ein leer geräumter Wintergarten: Den Blick auf den Garten versperrt eine Mauer, aber bis vor kurzem gab es auch gar keinen Garten; jeder freie Meter wurde genutzt, hinter dem Anbau ein weiterer Anbau. Der wurde als Werkstatt konzipiert, die Reste des Fundaments lassen noch die Raumaufteilung erkennen. Die Mauer ist aus Ytong-Bausteinen: billig, aber effizient. Für Ästhetik hat erst die nächste Generation wieder einen Sinn. An der anderen Wand steht eine zusammengeklappte Leiter, daneben ein ungeöffneter Sack Grillkohle. Die Lichtorgel sieht aus, als sei sie damals teuer gewesen: nicht nur die drei Standard-Leuchtelemente, sondern ein kleiner Turm, etwas über einen Meter hoch, mit diversen Strahlern, die alle einzeln ausgerichtet werden können. Rechter Hand die gestückelte Glaswand: zwei Holzfenster, die Tür in einem Aluminiumrahmen. Auf dem weiß gekachelten Boden ein ordentlich zusammengefegtes Häuflein aus feinem Baustaub, genau in der Mitte.

20. Februar 2009 18:53










Thorsten Krämer

Full springtime in Chattanooga, Tennessee

Hinterm Haus spielen die Kinder, streiten sich
schreiend vor der brüchigen Mauer, in jeder
Hand ein Spielzeugauto. Im Umkreis

des Hauses verwischen die Grenzen zwischen
den Grundstücken, geflickte Zäune
schrecken hier niemanden ab. Die Kinder

schleudern ein Auto durch ein Loch in der
Mauer, und sofort, ohne zu zögern, setzt das
Kleinste sich in Bewegung.

3. Februar 2009 10:19