Mirko Bonné

Drei Tauben

Immer unverblümter kommt
die komische, wilde
Lust, alt zu sein –

vorauseilender Gehorsam
eines Hundes mit drei Beinen,
auf mehr Gebrechen zu hoffen, Weisheit
des an den Gaumen gepressten Schlucks.

Einen alten Straßenkehrer in Köln,
der drei Tauben fütterte (oder vergiftete),
nach dem Weg gefragt, stand ich

im Flandrischen Viertel im selben
Hotelzimmer wie vor zehn Jahren, Tauben,
gleichgültig gegen Glück oder Zufall,
überlebt zu haben, flatterten im Hof

zwischen „Phantomschmerz“-Plakatschwarten
und Türen eines Schranks an einem Baum,
bevor sie im Spiegel verschwanden.

*

18. Juni 2009 12:50










Mirko Bonné

Liveübertragung

Am Morgen kroch wieder der Dunst über
die kaputten Wälder, die geraden Felder,
wo Rotwild herumstand, Wanderer durch
Zerstörung marschierten, Fasane fragten
nach dem Gewicht des Lichts. Espenlaub
im Nieselregen, das sauerländische Fach-
werk auf stumme Landschaft übertragen
oder umgekehrt, und Korrespondenten
Mauersegler, regennass im Lärmen der
Stille, durch die sich in lieblichem Blau
ein Laster (Frische kennt keine Grenzen)
zum Autobahnkreuz schob – alles sagte
Sieh hin, hast du im Kopf keine Augen,
genau so bist du, und du gehörst dir.

*

5. Juni 2009 22:48










Mirko Bonné

Levkoje

Wo ich gestern erst ankam, lebendig
von Neugier, riss man den Bahnhof ab
Trümmer lagen hinter Maschen-
drahtstellgittern

und im Nieseln ein Beton- und Glasflach-
bau unter Bäumen für Bäcker, Super-
markt (Wir lieben Lebensmittel.)
Kranzfachhandel

wo die Blumenverkäuferin Grün trug. Mit
dem Gewicht einer Levkoje beschäftigte sie
die Bestürzung von mir Fremden
Bahnhofslosen

bis ich mir sicher sein konnte, sie dachte
beim Binden von Gerbera, Astern, Iris
wie ich, der ihre Blumen bestaunte
an mein Begräbnis und ihres.

*

2. Juni 2009 13:34










Mirko Bonné

Bus nach Ipanema

Jesus auf dem Corcovado
hat seine Dusche angestellt:
Es regnet warm, es rauscht
auf meinen Bus nach Ipanema.
Mit Armbanduhr ein Schellfisch
verkauft Billets vorm Drehkreuz.
Aus Zellophan äugt eine Orchidee.
Und eine Frau aus der Favela Méier
steigt aus, springt und schwimmt
über die Avenida Atlântica davon.
Fahr immer weiter. So rollt die See
die Hügel hinauf, horch die Gewalt,
da taucht ein Kolibri im Mangobaum.
In mir der goldene Piranha meines Bluts,
weil ich noch, bis nach Ipanema, lebe.

*

13. Mai 2009 22:29










Mirko Bonné

Willkommen, Björn Kiehne!

Nacht an den Hafenbecken

Elektrische Kristalle,
verworfenes Licht,
Nacht an den Hafenbecken.

Schiffe liegen schweigend,
schwebende Schatten,
schwarze Löcher in den Nachtlaken.

Aus dem Asphalt strahlt Sonnenwärme,
der eingefangene Tag wird frei,
und unter meinen Schritten
birst der Kies.

Ein salziger Wind
trägt Geräusche heran,
die leise verhallen
zwischen den Stelzen der Kräne.

Mit diesem Gedicht habe ich im Sommer 2008 Björn Kiehne kennen gelernt, in einem Lyrikworkshop, der alljährlich vom Wilhelm Raabe-Zentrum in Braunschweig veranstaltet wird. Björn Kiehnes Gedichte erinnern mich in ihrem so respektlosen wie einfühlsamen Zugriff an den Ton und die Sujets des jungen Wolfgang Borchert, sie kommen aus dem Lied, führen ins Lied zurück und haben nicht selten den Wind, Geräusche, Töne und Klänge und Stimmen von Tieren und Menschen zum Thema. Dabei sind sie still, unaufdringlich, durchpulst von einer warmen verhaltenen Ironie, die um ihre Wehmut weiß.

Der Tag riecht nach nasser Erde
Eine Lerche steigt auf
Ihr Gesang zerreißt die Wolken

weit weg
irgendwo
beginnt es
zu regnen

Ich erinnere mich an eine Zeit, als es die größte denkbare Freude für mich war, zwei solche Strophen, sieben Zeilen, in ein Notizbuch zu bringen. Ich finde, wenn ich Björn Kiehnes Gedichte lese, eine Ahnung von dieser Wonne wieder, und es freut mich nicht zuletzt deshalb sehr, wenn ich nun gemeinsam mit Andreas Münzner, dem ich für sein Engagement danke, Björn Kiehne aufs herzlichste im Goldenen Fisch begrüßen kann.

*

5. Mai 2009 14:07










Mirko Bonné

50 Gedichte

4

niemand liebte dieses
er)mit seinem
von auge geklemmt
in einen fels von

stirne.Nie
mand

liebte
groß die schnelle
dicke
helle schlange von einer

stimme diese

wurzel
gleichen beine
oder
fußhände;

niemand
konnte je hatte

je liebe geliebt wessen dessen
klimmender schultern komisches zwielicht
:niemals,nie
(mand.

Nichts

E. E. Cummings

Für Arne Rautenberg

*

9. April 2009 11:26










Mirko Bonné

Kiesel

Im nächtlichen Garten zu Weißenfels
üben Gänse zu fliegen mit Ellbogensegeln.

Hardenberg spuckt, nervös, wie er ist,
ausgelassen vor lauter Vorfreude.

Friss er die Kiesel, gröhlt Tieck.
Der Arsch stopft mich mit Steinchen!

Am Waldrand blinkt das Cabriolet auf,
Charpentiers frei fliegende Sterne.

Novalis rennt los und brüllt: Alles stop,
Tiecks Kiesel rieseln aus mir raus.

*

25. Februar 2009 19:41










Mirko Bonné

Astroland

Das Meer war so laut! In der Luft Wogen,
und Himmel und See vom selben Grau:
Über den Holzpier kam bloß ein Schwarm
lachender Vögel aus dem Nebel herein.
Frachtschiffe waren zu hören, ihre Hörner
in Dunstschwaden vor Rockaway Point,
die Brandung, die Gischt, Seevögel. Leicht
flogen sie einen Bogen um das verrostete
Riesenrad bei der Mondrakete und segelten
durch die Karussells. Und der Nebel stieg
vom leeren Strand auf, hüllte Mietblocks ein,
Gondeln der Balkone, aus Feuertreppen
die Achterbahn im Coney Island der Möwen.

*

10. Februar 2009 20:12