Martin Piekar

KomainVers

Flüchtlingsheime sind leichtentzündlich
Wenn wir sie weiterglimmen lassen
In direkter Demokratur besorgter Bürger
Wie ich da nur schreiben kann? Ich fühle mich
Als totes Gewicht auf den Tasten
Ich kann mich nicht alle zwei Tage
Ins Koma saufen
Wut und Gedichte sind nicht kompensierbar

ISIS und AfD polieren die Hirnklinke
Irgendwann vertausch ich die beiden noch
Teilzeitbelagerung – ein Tropfen
Auf der heißen Tastatur
Meinen Mittelfingern juckts
Wut und Hassprediger sind nicht kompostierbar
Liebe Dichter*innen, ich brauche Hilfe
Wie schreibt man
Gegen einen Brandanschlag an?
Denn die Welt ist zu groß
Um allen auf die Fresse zu haun

#meinenMittelfingernjuckts
Aber bloß nicht aus Verzweiflung anfangen
Mit Utopien rumzumachen
Entschuldigung, entschuldigung, ich werde
Kein zähneknirschendes Buffering bleiben.

28. März 2016 09:04










Christine Langer

Spring

Ich trage den Schatten der Linde
Lasse trockenes Laub
Zurück

Aus dem Mosaik der Zweige
Folgen mir Stimmen keimender
Lust

27. März 2016 20:37










Karin Fellner

–>

die Leine, das scharfe Leuchten der Nachrichtenzweige. Wie ging das *lülalü* mit dem Aufbruch nochmal? Der Eizahn wächst bekanntlich langsam, im Überlastfall wirst geschleudert durch –

Gischt, wirst umdefiniert und durch Matrizen gezogen, die *zack* jedwede Ansicht dir präparieren: ein Spektrum aus Doppelbutzen, Spektakulum, zunehmend dicht, stöbernde Basenpaare, Schalen ohne –

Gewölk, Intarsien eher. Schätzt das auf μ Komma μ und legst dich dazu, während Bohnen entfallen, Geschwindigkeit *ho* nach Norden. Zellen interagieren, kräuseln, plus minus plus, derart –>

27. März 2016 15:04










Markus Stegmann

Treffer!

Gemäss syrischem Fernsehen kämpfe Herr Ulrich gegen den IS, wenngleich Frau Glas den Nachschub an Schnapsbohnen gefährdet sehe und daselbst im Kampf gegen das Leben selbst stehe, indes Herrn Ulrich vor sich sehe, wie er seinen Kampf nichtsdestotrotz aufrecht erhalte, während sie, Frau Glas, Frau Atnan telefoniere, um über die Übertragungen des syrischen Fernsehens zu orientieren. Frau Atnan hingegen weiss, dass Herr Ulrich solange durchhalte wie sie, Frau Glas, sich in der Lage sehe, den Schnapsbohnennachschub sicherzustellen. Ausser Lage, telegrafiert Frau Glas zurück, sie sehe sich ganz und gar ausser Lage, Verantwortung zu übernehmen. Treffer! Herr Ulrich simst durch alle Nachrichtenverwirrung hindurch: Treffer! Doch Treffer für oder Treffer gegen?

27. März 2016 00:24










Karin Fellner

–>

ins Summen gehst, ins Wurzeln der Operatoren, vorbei an Plastikkot in den Zweigen, an *grmbl*, suchst Knospen zu tragen, schwer, und Formeln ziehn und Lichtschädel vorüber, stehst strahlend in zu engen –

Blablablasen *aaargh* à la Schaumzikaden durchwuchern dich, Stickiges kann, versteht sich, genauso verschränkt werden wie jeder Zustand. Jetzt bricht eine Schwalbe aus einer der Blasen, sagt: nimm dein Kopfblueten an –>

26. März 2016 19:11










Christian Lorenz Müller

BEGRÜSSUNGSTEXT FÜR KARIN FELLNER

Karin Fellner überrascht uns immer wieder, zuletzt mit wuchernden, mooshaft in alle Ritzen und Spalten der Wahrnehmung eindringenden Texten über den Böhmerwald. Sie ist eine Poetin, die ihren Intellekt und ihre Emotionen, ihre Skepsis und ihre Hingabefähigkeit auf höchstem Niveau Sprache werden lässt. Von professoralem Wissen und studentischer Lässigkeit zugleich, überzeugt sie als Lektorin und Leiterin von Schreibseminaren. Persönlich kennengelernt haben wir sie im Münchner Literaturhaus (Christine) und während einer Schreibwerkstatt im Lyrikkabinett München (Christian).

Herzlich willkommen, liebe Karin, im „Goldenen Fisch“!

26. März 2016 19:00










Andreas Louis Seyerlein

~

MELDUNG. Tief­see­e­le­fan­ten, 68 hupende Rüs­sel­ro­sen, kurz vor Lata­kia gesich­tet. Man befin­det sich in zir­ku­lie­ren­der Bewe­gung. – stop

> particles

25. März 2016 20:07










Tobias Schoofs

BRIEF

lieber herbert · jetzt ist alles
furchtbar ich höre nichts von dir
wir haben bald zweimal am tag
alarm da muss man laufen und

die stelle hab ich auch nicht mehr
ich muss jetzt in die produktion
zum steno bleibt da keine zeit
die einzige freude ist an dich

zu denken und die schönen tage
als du hier warst letztes jahr
am abend les ich alte briefe
und schreibe oft gedichte ab

20. März 2016 20:23










Christian Lorenz Müller

AUCH WENN

Auch wenn dieser Winter
kein richtiger Winter war:
Wie gut es doch tut
die Krawatte der Kälte
zu lockern, den Schal.
Plötzlich ist es nicht mehr nötig
die Dinge mit Handschuhen anzufassen,
ein Brückengeländer zum Beispiel
oder den Griff des Fahrradlenkers,
schwarzen Moosgummi,
der die Sonnenwärme ansaugt.

Die Symbiose, die die Reißverschlussseiten
miteinander eingegangen sind, löst sich auf;
Knöpfe finden den Weg
aus ihren Knopflöchern.
Hie und da bereits ein Rock,
der über die Knie gerutscht ist.
Blasse Beine schlanken
aufs frisch gekehrte Pflaster,
allein noch in den kalten Ecken
knirscht der Streusplitt
unter den Schuhen.

18. März 2016 09:59










Christian Lorenz Müller

KABBELIG ERSTARRTES

Wieder Regen. Salmans Schuhe
schmatzen durch den Schlamm,
er patscht durch Pfützen zu dem Stand
an dem es Obst und Käse gibt.

Seit gestern liegt Aisha,
sie isst nicht, trinkt nicht,
starrt auf jenen Strand
auf den der Schlauchboot-Wal sich warf.
Die Leute, die ins Wasser stürzten
schlugen um sich, Flossen,
als die Brandung sie zurück
ins Tiefe zog.

Und nun die Zelte:
Ein unabsehbar weites,
kabbelig erstarrtes Meer,
und drüben, an der Grenze,
zu Stacheldraht versteifter Gischt.

18. März 2016 09:56