Andreas H. Drescher

Auch diese Buchen
knirschen ins Buch

Unbestimmt
Bestimmte Artikel

Glattrindig und von nichts entfernter als
von ihrer Luft von nichts entfernter als

von ihrem Specht die
Töne jahresringen ein

Er
In den anderen

16. April 2016 08:58










Christine Kappe

Nordstadt

Die abblätternden Brandwände, die überall sichtbar werden, wo die Stadt aufgebrochen ist; der Himmel scheint durch und es sieht aus, als ob alles ganz einfach wär, wie aus Lego.
Zwei Jugendliche haben Bananen, Eier und Toastbrot gekauft. Jetzt essen sie jeder eine Banane und überlegen, wie sie die Sachen ohne Rucksack mit dem Rad nachhause bekommen. Das Toastbrot ist schnell auf den Gepäckträger geklemmt und deformiert. Den Eiern droht dasselbe, doch im letzten Moment siegt die Vernunft und der Junge, der sich den Rest Bananen in die Jackentasche gestopft hat, nimmt die Eier unter den Arm und eiert einhändig davon.
Vom nahegelegenen Altenwohnheim kommt einer mit Rollator herein und versucht, in der Eingangshalle des Einkaufszentrums etwas Leben abzugreifen. Aber es ist nichts los, die Polizeistation geschlossen. Nur eine alte Frau versucht hier zu sitzen, ohne etwas zu bestellen, und ich gebe Milch und Zucker zurück und dann rechnen sie falsch ab.
Ein Junge, der an der Kasse die ganze Zeit seine Mutter genervt hat, sie solle ihm was kaufen, tritt die eben erstandene Tüte mit Kleintierstreu bis sie zerplatzt.
Als ich gehe, brüllt jemand vom Balkon hinter mir her, doch ich dreh mich nicht um! Er brüllt auch hinter anderen Leuten auf der Straße her. Von der anderen Straßenseite linse ich nochmal hinüber – er hat endlich jemanden gefunden, der ihm ein paar vom Wäscheständer heruntergewehte Kleidungsstücke aufhebt und hochwirft. Eigentlich sieht er ganz sympathisch aus und unterhält sich jetzt mit dem Passanten.

16. April 2016 07:41










Tobias Schoofs

IM FALSCHEN VIERTEL

im falschen regt sich schlaf
im falschen fliegen flaschen

die zähne morsch brüllts un
gewaschen sau! im falschen
viertel halb und halb nur in

den falschen hals gekracht in
den verrenkten aus der wäsche
rausgedrehten und betreten

schweigts im falschen schlaf
du flasche: es wird schwer

14. April 2016 21:19










Mirko Bonné

Von Norden ins Dorf

Regenprasseln. Das Himmelsgeld!
Kommt wer von Norden ins Dorf,
hört man es: So klingt der Verzicht
auf das Zugrunderichten der Welt.

Kommst du von Norden ins Dorf,
trinken alle kalten Johannisbeertee
und erfinden im Glas Fische aus Licht,
damit es, ohne Bogen, Regenforellen gibt.

Wer noch Fragen hat und Antworten liebt,
öffnet Briefe im Freien, blickt versunken
auf seine Faust: Muster aus Schorf.
Wir liegen im Feld. Und lesen:

Einer ist hier gewesen,
der ist in einem fernen Meer ertrunken,
lebte davor aber lange in dem grünen Haus am See.
Komm mit! Wir laufen nach Norden, und später zurück ins Dorf.

*

13. April 2016 09:29










Karin Fellner

—>

wächst neues Kernen, die Trichter zu durchtunneln. Zerfällst durch dieselbe Kraft, von außen scheint alles rot, doch gehst hinein: grüne Auen und doppelt geladene Winde *woooosch* auf Modellfeldern, um –

zu singen, Songs über Songs über Maschen. Ein Großteil der Kanten gehört zu mehreren Maschen. Wie teilt die einzelne Masche den Druck *toktok* mit den anderen? Ist jede rechte zugleich eine linke, das heißt –

in nicht codierenden Teilen, auch dort wohnen Gnome, Genome, der ganze strudelnde Schwarm. Ameisen, Meisen, du. Demontierst eifrig Schultern, damit nicht Ach, nicht Pracht. Und das im ersten Level, *tschaka* dahinter winkt –

ein hochgestellter Stern *plopp* simuliert deinen Zustand. So gehst in Zeitlupe mit Mikrohunden, kippelst, kippst, lernst wieder zu platzen, lernst den Erwartungswert der Kanten, zweigst ab und schwenkst –>

10. April 2016 17:01










Sylvia Geist

Am Ameisenstrand

Die frischen Wohnhalme, die Arbeiterinnen,
die mit den unbezahlten Leben übern Trichterrand
der Siedlung rieseln, ihren kleinen grauen Löwen
Traurigkeit wecken: Alles klar wie die Skyline
hinter van Eycks Kathedralenwiese,

die bedachten Fronten, der Untergang
zwischen den Häusern. Erkennbar
hängt nichts zusammen unter der Sonne,
das nicht wäre wie ich oder du und anders
als unsere Hunde unberührbar, scharf.

Nie können wir das abzahlen, aber manchmal
trifft das Wehrlose das Wertvolle in der Leuchtschrift
über einer Kneipe, manchmal hält es wie Wörter.
Löwenmäulchen. Ameisenstrand. Manchmal
finden sich Attraktionen, Attribute wie klein, grau, arm

und -brust, Geisterdiät, diktiert von Mikroben,
Mirakel bis auf Millimeter, Mindestlohn. Streiche
klein und grau, wir finden uns am Rand und fallen
zusammen durch, bis dahin laufen wir, rieseln
berieselt von dem Monolog

unter uns oder darüber, und danken. Danken.
Kommen wir noch mal besser auf die Hunde.
Die laufen so mit als Scharren, Knarren,
die suchen und finden die Klinke, die Tür
wirft den Schatten, den wir wollen.

8. April 2016 20:30










Hendrik Rost

Das innen Hohle

Mit der Einjährigen auf dem Arm trete ich aus der Terrassentür und öffne die Schlagläden. Über den Rasen stolziert ein Vogel. „Sieh, die Dohle“, sage ich, aber sie schaut nach oben und verfolgt mit dem Blick zwei Krähen, die sich über den kahlen Baumkronen jagen. „Krah“, sagt sie und ich sage „Ja, zwei Krähen“. Ich muss ihr nichts zeigen, weil sie es schon sieht, kann es nur so benennen, wie wir, die schon länger reden, es kennen.

6. April 2016 10:37










Christian Lorenz Müller

SO FRÜH IM APRIL (Ekstase in Haiku)

Grüne Fontäne
der Weide, ein Springbrunnen
so früh im April.

Leute auf Bänken
blicken mit geschlossenen
Augen zur Sonne.

Und der erste Rock:
Fallschirm aus dem Frühjahrsblau,
gelandet im Gras.

Die Fahrradfelgen
blitzen, silberne Sonnen,
eingespeichtes Licht.

Goldregenschauer
durchnässen uns. Wir wollen
nie wieder trocknen.

Und die Gardinen,
sie lecken aus den Fenstern,
so süß ist die Luft.

Die Hunde im Grün.
Das Gras erleuchtet ihre
Mäuler und Schnauzen.

Und acht Haikus lang
ein grüner Junge sein, grün
in dem grünen Gras.

4. April 2016 08:34










Andreas Louis Seyerlein

~

0.18 – Für sei­nen Sohn, der gerade fünf Jahre alt gewor­den ist, hat sich Gus­tav L. etwas Beson­de­res aus­ge­dacht. Er ist in den Kel­ler gestie­gen, um dem klei­nen Lukas einen Dra­chen zu bauen, ein Geschenk von eige­ner Hand. Im Kel­ler lager­ten Holz und Sei­den­pa­piere in rot und blau, und Schnüre, davon feine Sor­ten und etwas kräf­ti­gere Gewinde. Im Kel­ler waren außer­dem Werk­zeuge zu fin­den, Sägen, Fei­len, Häm­mer, Cognac, alles das, was man so braucht, einen wun­der­baren Flug­d­ra­chen zu bauen. Es ist ein schö­ner Okto­ber­tag. Man zieht kurz nach Voll­endung des Kel­ler­wer­kes los auf die nächste Wiese, die schön blüht, Mar­ge­ri­ten vor allem. Lukas ist stolz auf den Dra­chen und der Vater ist es auch. Aus dem Dra­chen einer rei­nen Vor­stel­lung ist ein wirk­li­cher Dra­chen gewor­den, den man berüh­ren kann, ein drei­stö­cki­ger Kas­ten­dra­chen, der knis­tert. Gus­tav fühlt sich wohl, es ist ihm so rich­tig warm gewor­den, er hat sich gut ein­ge­pegelt. Einige Bie­nen flie­gen zick­zack herum. Ein star­ker Wind geht, der Dra­chen fliegt hoch hin­auf. Der Sohn und der Vater hal­ten ihn gemein­sam an der Schnur. Sie ren­nen über die Wiese. Ein­mal hebt der kleine Junge ab, der Vater erwischt ihn gerade noch am Fuß. Dann fällt der Vater um. – stop

5.06 – Schwierig sei, sagte Yolande, dass sie eine Großmutter habe, die in Armenien geboren wurde, und einen Großvater, der in Usbekistan lebte, und dass ihre Mutter ihre Kindheit in der Türkei verbrachte, dass sie ihren Mann in Griechenland kennenlernte, dass sie zwei Töchter gebar in Deutschland im Jahr 1995, dass die Sprache ihrer Mutter nicht Deutsch gewesen sei, dass sie selbst zunächst aber die deutsche Sprache lernte, dass sie in dieser Sprache träume, das sage man doch so, und dass sie über einen deutschen Pass verfüge, dass sie aber zugleich dieses dunkle Haar trage und ihre Augen von der Natur schwarz und mandelförmig gestaltet worden seien, weswegen sie sich stets anhören müsse, wie gut sie integriert sei in Deutschland, und wie gut sie doch die deutsche Sprache sprechen würde, so gut, dass man fast meinen würde, dass sie eine Deutsche sei, wo das aber doch nicht möglich ist, weil sie doch diese ihre Augen trage, und ihre Haut etwas dunkler sei auch im Winter, und dieses Haar, denkt man, sagte Yolande am 16. März des Jahres 2016 um kurz nach zehn Uhr abends, als sie gerade eben in einem Zug Platz genommen hatte. – stop

> particles

2. April 2016 21:39










Christine Kappe

… Der Film war gut, aber schrecklich, er rüttelte uns alle wieder wach, beunruhigte, faszinierte uns. Er handelte von einem jungen Schwarzen, der hochschwanger war und durchdrehte. Mitten auf der Autobahn hielt er an, stieg aus seinem Auto und lief auf die Fahrbahn. Er verursachte einen schlimmen Auffahrunfall mit mehreren Toten und wollte sich am Ende selbst umbringen. In dem Moment ging die Sonne auf und er schaute in die Sonne, schöpfte wieder Hoffnung und ließ von seinem Tun ab. (Auf dem Plakat sah man den Mann mit einer Weltkugel als Bauch, die Weltkugel reflektierte das Sonnenlicht.) Mensch, das war eine tolle Art mit dem Thema umzugehen, aber niemand verstand es, und wir verstanden nicht, dass es niemand verstand und irgendwie doch, das war halt das Drama, alles war zu nah dran, wir mussten erst ein paar Jahre warten, und eigentlich hatten wir den Film ja gedreht, in unseren Köpfen, in unseren Träumen, und eigentlich wussten wir da auch die Wahrheit und konnten angemessen handeln, aber verdammt, wir lagen im Bett, wir waren im Bauch, wir spürten die Wärme, ein Funken Hoffnung, an Handeln war nicht zu denken, und da war ja noch der ganze Anfang, den ich weggelassen hatte, die Fahrt zum Kino, den Stau, unseren Übermut, das Schwitzen, die Eitelkeit, den teuren Sekt, die unglückliche Liebe, die kaputte Familie und die Angst vorm Altwerden …

29. März 2016 10:44