Mirko Bonné

Als Belgien furchtbar war

Als es darum ging, etwas
zu sagen. Als wir hineinstarrten
in das Himbeergebüsch. Als keine,
keine Antwort kam. Als die Nacht
nicht aufhören wollte. Als sie
aufhörte ohne Klagen. Als
die Schmerzen nachließen,
als keiner mehr etwas wusste
gegen Schmerz. Als ich wieder nur
dich liebte. Als du mich fast vergaßt.
Als die Kirchen einstürzten. Als er starb,
der Elefant, der Angst hatte vor der Umsiedlung
nach Belgien. Als wir endlich verstanden,
warum. Als einer das Gras mähte.
Als das Gras weiterwuchs.

*

16. Juni 2012 23:24










Gerald Koll

Zazen-Sesshin (24)

Da wischte sie mit der Fläche ihrer rechten Hand so schnell über ihre linke, dass ein Geräusch entstand, als schleife sie und wetze sie, als schnitte sie dem Dienenden durch seine Stirn. Zu verstehen gab sie ihm, der vor ihr stand mit Topf und Kelle, es sei genug nun, er solle weiter seine Runde ziehen und den nächsten Gast bewirten. Läge ihr Löffel in der Schale, hieße es, sie verzichte ganz. Hätte sie zu wischen verzichtet, hätte er die Schale bis zum Rand gefüllt. Diese Zeichen waren verbindlich für den Umgang ohne Worte, denn stumm war das Sesshin. Nicht aber abgemacht war, wie man wischte, ob scharf, ob sanft, wenn man sich entschied zu wischen. Es gab Gäste, weibliche Japanerinnen, die so zart die Hände aneinander rieben, als wäre es ein Fächeln und ein Kosen. Und es gab ein Wischen, dass die Schneide schliff und dessen Klarheit sich mit einer Guillotine messen konnte. Dies war das Wischen einer Russin vom Ural.
Zerschnitten waren alle Bilder, die eben gerade in der Sitzung noch so deutlich schienen in der Innenschau nach außen. Eine Jakobsleiter war gestiegen aus dem Bodenholz, ein Weisheits-Dreieck war zu sehen, und Literatur stand so zitatenklar vor ihm wie selten. Vollständig memorierte er den Text der Seite 143 in dem Buch Bis in den Himmel: „Verzeih mir, Tomomi, ja…?“ sagt ein junger Mann, der in ausgetauschtem Körper vor seiner Tochter kniet. „Wuff Wuff Wuff“ bescheinigt ihm der Hund sein wahres Wesen, und das Blätterwerk sagt „Schhhhhhh“.

16. Juni 2012 20:24










Hans Thill

Der Partisan Wiese

verschwindet in seinem Fleckchen zwischen Halmen, wo es kein frisches
Hemd gibt, keinen Frisör. Anderswo macht die glatte Donau ein Knie,
hier braucht es runde Leute, während die Panonische Ebene flache
Kämpfer bevorzugt. Das Hasental

kennt nicht einmal den Rasenpartisan. Hier spricht man feucht die Worte
wie ein Stück Fleisch, ein Wurm, den die Amsel aus der Krume zieht. Hier
näht die Norne einen Knopf am Jeanshemd fest. Partisan Wiese trägt seinen
Namen kurz, fast einsilbig, dazu eine Krawatte

aus Moos, die ihre Fortsetzung findet in einer selbstgedrehten Zigarette. Seine
Religion ist Elfenbein und die Sichel der Sikarier. Frauen kochen ihm Essen,
stellen es auf eine morsche Platane, setzen den Wein hinzu auf einen Strunk,
die Wiese ist

mager. Frauen, très differentes des animaux. Kochen ihm einen Speierling
oder einen Schierling aus Pilzen. Er wohnt mit Hummeln in einem Baum,
er lebt in einem Topf mit Bienen. Die Deutschen haben seltsame Namen,
ihre Witwen leben von Abgüssen. Sie heißen

Ute Luchterhand oder Friedeburga oder Mechthild von Milch. Lieber sollten
sie heißen: Leuchthand, Käfergold und alle sollen bei Regen Platz finden
unter einem Fliegenpilz. Die Frisöre sollen singen: Love me Love me
und eine Amsel wird sie erhören.

Denn so ist das Gesetz der Wiese, festgenäht mit Fleisch und an die Halme
gebunden, es sind Gebote, schweigsam wie das Wort Gras. Das Blatt entrollt
sich und wird von Insekten eingerollt. Der Partisan spart das Gift. Er hat keine
Schlangenarmee

und eine Levitation der Wiese braucht auch andere Leute. Partisan Wiese
und Partisan Salzig verschwinden in einem Fleckchen Dornen, einem Tropfen
Donau. Die Kälte ist groß wie lange nicht mehr …

für Mila Haugova

14. Juni 2012 08:02










Hans Thill

Mila Haugova

Mila Haugova in Bratislava

14. Juni 2012 08:00










Sylvia Geist

Aus Milas Garten

Viermal haben wir uns getroffen. Ich habe mehrmals nachgezaehlt, weil es mir schwerfiel zu glauben, dass es nicht oefter war. Zuletzt sahen wir uns im vergangenen Oktober in Edenkoben, und es war wieder, als machte die Zeit einen kleinen Bogen um die Momente, die wir zusammen am Tisch sassen. Sie schaelte einen Apfel aus dem Garten hinterm Haus, und die sternfoermige Anordnung, in der sie die Schnitze auf einen Teller legte, erinnerte mich an ein Kindheitsgefuehl, eine Textur aus Geborgenheit und Geheimnis. Ob auch der Kuerbis, den sie mir spaeter schenkte, aus dem Garten stammte oder aber vom Markt, weiss ich nicht mehr, wahrscheinlich fragte ich gar nicht erst danach. Irgendwie ging ich davon aus, dass sie sich dieses Edenkobener Gartens laengst angenommen hatte, so dass dort nun mit allem Moeglichen zu rechnen war, auch mit Kuerbissen.
Der Garten ist Mila Haugovás Ort, Topos vieler ihrer Gedichte, das fruchtbare Hinterland ihrer Sprache, ihr „Traum von der Form“, wie sie in ihrem Zyklus „Der geschlossene Garten (der Sprache)“ schrieb. Geschlossen, wie eben ein Garten ist, eine Anlage, durch einen Zaun von der Strasse getrennt, von Hecken, Buschwerk und Nesseln geschuetzt, mit verletzlichen Grenzen zwischen den Nutz- und Blumenbeeten, zwischen Wegen und Wiesengrund, aber offen, ja gastlich fuer den Leser.
Heute ist Milas 70. Geburtstag. Ihr Garten waechst und ist voller Gaeste.

Mila Haugová

Garten: bedrohtes Nest
voller zarter soeben abgestreifter Eidechsenhaeute
im heissen Schatten gleitest du in mich
und nimmst mich samt der ganzen Insel.
unsere Koerper entfernen sich von der Sonne
weisser Trajekt Nadelkleid Lehm
die Eidechsenhaut trage ich mit mir.
ohne Koerper kann ich nicht gut sehen.
wir sagen Zuhause zu einem fremden Ort.

15.6.2000
(deutsch von Angela Repka)

14. Juni 2012 05:44










Mirko Bonné

Willkommen, neuer Fisch!

Nach langer Zeit, liebe Leserin und lieber Leser, kann DER GOLDENE FISCH Zuwachs vermelden. Ich freue mich, die 1980 in Mannheim geborene Lyrikerin Carolin Callies in den Schwarm einladen zu können. Ihre Gedichte klingen nach Konkreter Poesie, vielleicht Wiener Schule, doch sind bei genauerem Lesen und Hinhören ganz neu und anders, voller Verweise auf Erinnerungen und Sinnlichkeit, dabei stets dialogisch und deshalb von fruchtbaren Zweifeln und verblüffendem Witz getragen. So Carolin Callies‚ „kopien vom mähen“:

du hast kopien vom mähen gemacht,
ordnungsfanaktiker, der du bist
& hast mir dabei schwierigkeiten eingehandelt:
sie handeln von obst & unbeholfenen orten,

die teilten wir in beschnittne gebiete – durch linien, blau & rot & anämisch gleich.
da blieb nicht viel, nicht viel an belohnenden ressourcen.
bis hierhin: wenns noch langweiliger wäre, schnitten wir es einfach raus
& fädelten es neu auf – als koordinaten in den halmen.

Ich freue mich sehr, Dich bei den Fischen zu wissen. Herzlich willkommen, Carolin!

*

11. Juni 2012 13:13










Gerald Koll

Zazen-Sesshin (23)

Der Blick hat sich wieder verbohrt in die Dielen: Dünen aus Sand rollen auf beiden Seiten einer Schlucht. Im tiefen Graben der Fluss. Im tiefen Graben des Sitzfleischs schaufelt das stehende Sitzkissenrad. Beichten, beichten! Gefälschte Neigungen, gestohlene Stunden, so Vieles gibt es abzubüßen. Das rektale Purgatorium wird ohnehin vollstreckt. Könnte man es nicht verrechnen mit eilig nachgeschobenen Geständnissen? Ein Garten liebäugelt hinter einem Rokokotor aus efeuberanktem Gestänge. Es regnet an diesem 29. Nachmittag im Dezember, jeden Tropfen kann man hören, als würde jeder einzelne mit spitzen Fingern auf die heiße Platte meines Kopfes geschnipst.

10. Juni 2012 14:32










Mirko Bonné

Schilder

Lass uns langsam die Tage zählen,
die zu zählen bleiben.
Du deine bei den Tieren,
den Schildern,
die du ihren Namen gemalt hast,
Glanzstare, ich
zähle die Tage der Namen,
von allen Robinien herausgerufen
und flüsternd im Gras.
Die Bücher und ich,
wir haben sie übersetzt
für dich bei deinen Schildern.

*

8. Juni 2012 10:47










Andreas H. Drescher

DER GEHEIME VERWIRRUNGSRAT

 

Der Geheime Verwirrungsrat ist

ein ganz ausgezeichneter Beamter

Unter dem Schreibtisch her

verkauft er seine Stempel an

dich und dich und wieder dich

Wer einen solchen Stempel hat

dem zieht er in die Hände und

kommt bald in der Augenfarbe

wieder als die immer rechte

deines aufgefrischten Blicks

 

Ja

seine Stempel kennen sogar

Kissen

 

8. Juni 2012 09:46










Hendrik Rost

iDiot

Das Monster lebt ganz sicher nicht mehr. So nannten wir den Mann mit dem Kehlkopfkrebs, der auf unserer Station lag. Sein Hals war eine große offene Wunde, die auf ein Lätzchen nässte, das er um den Nacken trug. Wenn wir im Fernsehzimmer saßen und er heranschlürfte, um zu rauchen!, flohen wir aus dem Raum. Der Anblick war unerträglich: ein Sterbender, der sich die Kippe direkt an ein Loch im Kehlkopf hielt und keuchend inhalierte.
Wir lagen zu sechst im Zimmer. Auf unsere Station gab es nur Patienten mit Problemen vom Hals an aufwärts. Die Ärzte waren alle plastische Chirurgen, auf Rekonstruktion spezialisiert, die zugleich Zahnärzte waren. Keiner von uns war aus kosmetischen Gründen hier. Im Bett neben mir lag ein Mann mit zertrümmertem Kiefer. Er hatte beim Fußball ein Knie ins Gesicht bekommen. Seine Frau brachte ihm jeden Tag stumm und treu Suppe, eine köstliche, pürierte orientalische rote Linsensuppe, von der auch wir anderen kosten durften. Sie ging leicht durch den Stromhalm, mit dem wir unsere Nahrung aufschlürften. Vom Krankenhaus bekamen wir meist Pudding, ganze Karaffen voll. Nur die Schmerzmittel dämpften den Hunger etwas.
Bei sechs Leuten mit verdrahtetem Kiefer im Zimmer klingt es wie in einem Bienenstock, ein ständiges Nuscheln oder Gesumme. Das heißt, wir waren nur fünf. Der andere Patient hatte einen Tumor hinterm Ohr, und er war der einzige, der normal essen durfte. Wir möchten ihn nicht, und seine Mahlzeiten waren begleitet von unseren gierigen Blicken und der schlürfenden Stille, wenn der Pudding durch die Halme gezogen wurde. Er hatte die nervtötende Angewohnheit, den Halbliterbecher Kefir, den seine Frau ihm jeden Tag brachte und den er zu jeder Mahlzeit trank, ausgiebig zu schütteln. Das war sein Ritual.
Einmal öffnete sein Bettnachbar den Aludeckel nur ein kleines Stück und bog das Blech zurück, so dass der Becher ungeöffnet aussah. Der Esser nahm den Becher hob an zu schütteln und spritzte sich von oben bis unten voll mit Kefir. Wir lachten verdruckst durch die Drähte – und er war einfach nur perplex, wie hatte er nur vergessen können, den Deckel schon geöffnet zu haben.
Sein Bettnachbar, unser Krankenzimmerclown mit Turbanverband, hatte sich bei einer Motorradfahrt in Thailand den Schädel, alle Kiefer, das Jochbein, die Hand und noch etwas gebrochen. Er war bekifft nachts ohne Helm unterwegs, musste einem Lkw ausweichen und kollidierte mit einer Palme. Sein Kopf war auf die doppelte Größe angeschwollen und transportfähig war er keineswegs. Aber er kaufte sich ein entsprechendes Attest und flog mit den kaputten Knochen nach Hause, weil er, so sagte er, in Thailand so oder so gestorben wäre im Krankenhaus. Er wurde mit einem Schlauch durch die Nasenlöcher ernährt. Manchmal bat er mich, seine Pfeife zu halten, damit er trotz der verbundenen Hand Gras rauchen konnte. Bier goss er sich im Waschraum durch einen Trichter in die Nase. Ich weiß nicht, wie er noch leben könnte.
Einmal schlich ich mich abends aus der Klinik und machte einen Spaziergang im Park. Ich ging und hörte ein leises Klacken, das mich begleitete. Ich drehte mich um, niemand da. Kein Steinchen im Profil der Sohle. Nach einer Weile merkte ich, woher das Geräusch kam, und es lief mir kalt den Rücken herunter. Ganz leicht stießen bei jedem Schritt die losen Unterkieferstücke gegen den Oberkiefer. Es waren meine Zähne, die mir dumpf und haltlos im Munde klapperten. Ich war nichts als mein eigenes Gespenst, das um die Häuser zog.

8. Juni 2012 09:25