Nikolai Vogel
Nacht und die Stunden der Lektüre
Die Müdigkeit hat sich schlafen gelegt. Die Worte kommen heraus, besehen sich die Welt, fragen nach der Meinung.
4. Februar 2009 12:10
Die Müdigkeit hat sich schlafen gelegt. Die Worte kommen heraus, besehen sich die Welt, fragen nach der Meinung.
4. Februar 2009 12:10Weiß und braun sind die Farben des Paradieses. Wie weicher Kakao mit einem Turban aus Sahne sieht es aus, und es schmeckt nach gutem Film aus einem Spitzenjahrgang.
In Berlin wird es wahr, das Paradies, in Berlin, der Staubstadt und Zeitfressmaschine, im Mundgeruch-Moloch, in dem am Tag die Löffel zum Takt des Mischmaschinenmotors im Kaffeeglas klingeln. Doch es ist Nacht geworden und warm wie Kakao. In Regalen stapelt sich die Zeit, man kann sie zupfen: Frankreich 1973.
Ein blasser Gott regiert das Reich der Zeit, das Negative-Land heißt. Er schweigt, fragt man nach Bdelliumharz und Karneolsteinen. Will man aber „La Maman et la Putain“ von Jean Eustache, in dem in Schwarz und Weiß die Liebe und das Leben einander müde reden, bis Jean-Pierre Léaud um Gnade winselt, weiß der Gott aus seinem Kopf, dass auf dem Band die ersten vierzig Sekunden fehlen, zugegeben: fünfzig.
Treibt dich draußen der Pischon nach Osten, wird es wieder warm und braun und weiß, cremig weiße Stühle stehen da, Kakao liegt matt in Glas und Becher, Kakao gestreut auf Brot, kakaobraun ist die Haut schöner Schultern aus Paris.
Am schönsten an diesen Pariserinnen ist, dass sie kein französisch können, sie führen stummen Dialog mit dem Ambiente. In Paradiesen fehlt der Reiz, hier jedoch geht ein Schamane ein und aus, mit Sofakissen auf dem Kopf, er spricht besetzte Tische an, singt für sie Lieder, ist Schlangenbeschwörer und farbiger Klecks.
Im kakaobraunweißen Paradies bestellt ein Mann der Frau und sich je einen Cuba Libre. Schon geht die Nacht zur Neige. Der Wirt ist höflich, er gewährt die letzte Runde. Es wird halb drei. Die entzückende Bedienung zückt das Portemonnaie. Hat es geschmeckt?
Höflichkeitshalber bemerkt der Mann, die Ehrlichkeit gebiete das Geständnis, sein Cuba Libre habe nicht geschmeckt.
Höflichkeitshalber sagt die Bedienung, es läge vielleicht an der ungewöhnlichen Cola. Ja, diese Cola ändere wohl den Geschmack.
Höflichkeitshalber sagt der Mann, nein, die Cola sei bestens, wirklich, es läge vielmehr an dem Rum, ja, es sei der falsche Rum gewesen, nur als Hinweis.
Höflichkeitshalber flankiert die Frau des Mannes, es sei ja so, dass der Cuba Libre mit sechs Euro auch nicht eben billig sei.
Höflichkeitshalber sagt die Bedienung, es sei vielleicht ein anderer, sicherlich nicht ein schlechterer Rum verwendet worden, und die Zubereitung sei mit diesem wie mit jenem Rum die gleiche.
Höflichkeitshalber ergänzt die Frau es Mannes, sie hätten drüben in der Bar, gleich schräg dort gegenüber, soeben einen billigeren und, nichts für ungut, besseren Cuba Libre getrunken.
Höflichkeitshalber fragt der Wirt, was es mit dem Rum denn auf sich habe. „Havanna Club“ gehöre in den Cuba Libre, sagt der Mann und fragt höflich, welcher Rum sich denn in diesem sogenannten Cuba Libre befunden hätte. Havanna Club? Der Wirt, er lacht. Seine Marke, wehrt er höflich ab, würde ihm, dem Mann, sicher nicht viel sagen.
An dieser Stelle, eigentlich zu spät, hört die Höflichkeit auf, Worte plumpsen wie weiche Äpfel. Ins laue Blau der Dämmerung schwanken die Vertriebenen.
Hinterm Haus spielen die Kinder, streiten sich
schreiend vor der brüchigen Mauer, in jeder
Hand ein Spielzeugauto. Im Umkreis
des Hauses verwischen die Grenzen zwischen
den Grundstücken, geflickte Zäune
schrecken hier niemanden ab. Die Kinder
schleudern ein Auto durch ein Loch in der
Mauer, und sofort, ohne zu zögern, setzt das
Kleinste sich in Bewegung.
Jepsen wollte immer so sterben, und gestern ist es einer noch unbekannten Frau tatsächlich passiert. Oder vorgestern. Stehst auf der Straße und wirst erschossen, aus einem um die Ecke biegenden Wagen heraus. Täter unbekannt, Zeugen haben nichts gesehen, ging so schnell. Jepsen hatte sich eine Maschinengewehrsalve gewünscht, doch wer weiß, ob es die überhaupt noch gibt oder sind das jetzt automatische Handfeuerwaffen?
Auf der Straße ist Opa Scheel havariert, mitten im Berufsverkehr, Joachimsthaler Ecke Kant. Handkrampf im Rollstuhl mit neunzig, aber er dachte ganz bestimmt nicht an Autos, nur an die Meinekestraße. Stand eine Weile auf dem Asphalt und quakte mit Spasmen, Leute zückten Telefone, und bevor jemand kam, waren wir schon unterwegs zur Pension Lutz. Opa Scheel erzählt von der Schwester, bei der wir klingeln müssen, sie rasiere ihn sogar, und zwischendurch heult er frohblöd auf, wenn wir mit dem Rollstuhl auf dem Kudamm die Passanten abdrängeln und sie zur Achtsamkeit nötigen, wie auf der Autobahn mit Dauerlinksblinker. Jepsen hätte es geliebt. Opa Scheel quiekt auf, die Passanten misstrauisch, doch dann sehen sie uns, und er beschimpft die träge Masse, die umhertreibt und keinen Platz macht, endlich Platz macht, weil wir doch durch wollen, durch zur Pension.
Auf offener Straße erschossen, mit 23 Jahren. Tags drauf rammt einer dem Türsteher ein Messer in die Leber und rennt in den Tiergarten, andere hinterher, sticht der Kerl die anderen im Park auch noch ab. Dann wird er geschnappt. Aus Spandau. Pension Lutz sagt danke, bei Opa Scheel vertschüßen, zurück in den Verkehr.
Wir gingen nebeneinander her, der Morgen war hell und der Bürgersteig sehr schmal, gelbe Müllsäcke hingen an den Zäunen und an den Häusern die Briefkästen. Ich konzentrierte mich auf meine Schritte; ich will jetzt keinen Unfall bauen, ich muss an meine Zukunft denken. Erst kam der Tunnel, auf der anderen Seite dann der Park. Du bist immer so transitiv, alles durchgehst du nur. Er nickte: Nur schwache Verben können Objekte binden, sieh mal: flehen – floh – geflohen. Ich schaute auf den Boden zu ein paar Zweigen und Kieseln und dachte an Stammformen.
Am Bahnhof erklärte er mir ein letztes Mal die Strategie im öffentlichen Fernverkehr. Leistung erschlich er sich durch Transparenz, im Zug wurde er übersehen und zu Hause nicht gefragt.
Gegen seine Starre war Lakonie nur eine Milchglasscheibe, sie stellte Verborgenheit noch aus. Er aber war so unauffällig, dass man ihn erst zu erkennen glaubte, wenn er nicht mehr zu sehen war.
Abschiede waren leicht, denn zu ihnen konnte man sich hinbewegen, wie zu einem Punkt. Und überhaupt sollte die Welt nur noch aus Stellen bestehen, an die man sich fristgemäß und sicher abzuliefern wusste.
2. Februar 2009 10:29Die Flügel im Regen,
und Stewardessen,
mit dottergelben Händen
markieren sie Plätze,
den Ungeduldigen
zum Trotz.
Fahrbare Treppen
zeigen ins Nichts,
in der Ferne Kiefern,
Verzweiflung.
Wohin willst du?
Nach Eich
1. Februar 2009 21:32Texte des Goldenen Fisches
Januar 2004 – Januar 2009 :
Archivierung durch das
Deutsche Literaturarchiv Marbach.
Diese archivierte Textspur wird, sobald
möglich, bereitgestellt.