Christian Lorenz Müller

WEISSES HEMD MIT WECHTENKRAGEN

Noch einmal weiß gestärkte Berge,
Spaziergänger wärmen sich
vor den gelb glühenden Radiatoren der Forsythien,
legen sich die Verdrossenheit als Schal um den Hals,
vergessend, dass vornehme Leute
in früheren Zeiten Handschuhe trugen,
dass Hüte auf Köpfen saßen
um sie vor anderen zu ziehen.
Niemandem fehlt die zugeknöpfte Höflichkeit
früherer Jahrhunderte, aber ein gebügeltes Hemd
ist hie und da nicht fehl am Platz,
weiß mit einem Wechtenkragen
gewandet es den Gaisberg für wenige Tage,
Erinnerung an eine klimatisch nördlichere Zeit
als es nicht die Ausnahme, als es die Regel war
unter selbstgebauten Sprungschanzen
Bügelfalten in den Schnee zu ziehen,
sich spazierstocksteif in die Luft zu lehnen
um einen möglichst weiten Satz zu machen
über seine eigene Angst hinaus.

31. März 2026 08:26










Christian Lorenz Müller

VON DER LIEFERUNG EINES FRÜHBEETS

Nichts anderes als eine große Kiste,
geeignet zum Transport
von eineinhalb Kubikmetern Frühsommer
in den März. In die Lieferung inkludiert
ist die Erwartung auf die feinen Flügel
der ersten Spinatblätter,
auf eine chlorophyllgetragene Zunge,
die hinüber ins Frühjahr gleitet.
Der Plexiglasdeckel der Kiste
eine liegende Tür zu einer wüchsigen Welt,
in der Same und Entwicklung
nicht bloß Metaphern sind.

Die Paketbotin allerdings heißt Gegenwart,
sie verlangt eine Quittierung,
aber nicht mit dem ersten Spatenstich,
dann läuft sie zu ihrem Transporter,
voll ist er mit Kartons, sie gehen allesamt
in die Ukraine, den Libanon, Iran.

9. März 2026 09:23










Christian Lorenz Müller

DAS PATROZINIUM DES BÄRLAUCHS

Die Bärlauchzungen
lecken nach Licht. Wie gut mir
doch die Sonne schmeckt.

Der Staub der Haseln
vergoldet den Wind. Prächtig
glänzt der Nachmittag.

Der Schal löst sich auf,
hängt als lose Volute
barock um den Hals.

Hell tabernakelt
die Sonne, Wärme wandelt
bärlauchgrün den Wald.

27. Februar 2026 10:05










Christian Lorenz Müller

BOOTSHÄUSER AM ATTERSEE

Auf hochhackigen Pfählen
stehen wir immerzu im Wasser,
warten mit nass gewordener Unterwäsche
auf ein Boot, ob Motorboot, Jolle, Yacht,
ist uns völlig egal,
wir heben unseren hölzernen Rock
für jedes Ding, das daherkommt,
wir stülpen uns voller Gier über alles
was in Bewegung ist, denn nach Monaten
des Wartens sind wir nicht wählerisch,
wir warten den ganzen Winter lang
im Wind, die Wellen belecken uns
mit kalter Lüsternheit, das Eis
ist unserer Einsamkeit ein Spiegel.
Es gibt so viele von uns
auf diesem schmalen Uferstrich,
so vielen von uns
sitzt eine Villa im Nacken,
ein Herrenhaus, ein Schloss, ein Bungalow,
wir stehen im Wasser und warten warten
auf die Sommertage, die Segelyachten,
denen sich der Wind
an die weiße Brust wirft,
dann strecken wir die Beine
weit in den türkisen Pool,
wo die Bootsschrauben wirbeln,
die Paddel das Wasser jacuzzen,
dann öffnen wir unsere Tore
und zeigen, was wir haben.

15. Oktober 2025 08:57










Christian Lorenz Müller

seenplatte

gegen abend der suchende blick zum ufer
erlen kiefern eichen erlen erlen
undurchdringlichkeit hinter einem staketenzaun aus schilf
schlechte nachbarschaft von wasser und land
die löcher lücken anfangs nicht mehr als eine ahnung
die sich erst beim näherkommen zur gewissheit auftun
zu einem streifen sand einer winzigen bucht
einem kajakschmalen durchgang zu einer grünen höhle
in der schon vor jahrtausenden menschen lagerten
sorgfältig von zweigen und zapfen gereinigt
ein fleck von zwei mal zwei metern
für die die decken schlafsäcke das zelt aus rentierhaut
aus baumwolle polyurethanbeschichtetem polyester
und die kokeligen überreste eines feuers
über dem eingeweide kochten graupen fertigsuppe
nachts das knacken und huschen im wald
die finsternis die schon im gehörgang beginnt
die dämonen geister teufel serienenmörder
die mit der kälte der frühen morgenstunden weichen
alle träume haben weite ufer
enden an erlen eichen kiefern schilf

26. September 2025 08:45










Christian Lorenz Müller

mecklenburg

nichts hindert hier den himmel daran maßlos zu sein
alles wirft sich flach zu boden steht nie wieder auf
vor der blassen mächtigkeit dieses blaus
der nüchternen majestät dieser wolken
ihre schatten bewandern die wälder
schon setzen sie ihren fuß in die ferne
gewohnt ihr weiß an keinen gipfel hügel
verschwenden zu müssen
jeder morgen ist ihnen ein kammerdiener
der tausend seen spiegelig bereithält
schwarzerlen rahmen das sanfte wasser
still duldet es von schleuse zu schleuse
stürzt nicht schäumt nicht gurgelt nicht
zeit über die ungehörigkeit der wellen nachzudenken
die bewegung den aufruhr der nahen großen stadt
der noch kein beweis für leben ist
zeit wolkig zu sein zeit vergebens nach den grenzen
von wasser und land zu fragen
ein könig unter königen zu sein
im reich der flachen ferne

16. September 2025 09:13










Christian Lorenz Müller

CHOR DER ZANGEN

Wir sind überall, wo Daumen und Zeigefinger
nicht mehr weiter wissen,
ich, die Spitzzange, die selbst das Winzelnde fasst,
ich, die Flachzange, die das heißeste Blech erschnabelt,
ich, die Rohrzange, die das Runde gewindig dreht,
ich, die Sprengringzange, die gekröpft die Löcher sucht,
ich, die Rundzange, die den Federstahl kurvig formt,
ich, die Beißzange, die so vieles zwickig trennt,
wir sind überall dort, wo hilflos plumpe Hände
nicht mehr weiter wissen,
zweihebelig gehen wir gegen die Grenzen
des Körpers vor, wir spitzen spezialistig,
sind allumfassend im konkreten Sinn,
suchen uns ins Winkelige, wir ecken,
wir kurven, sprialen, spreizen und kappen,
sind ein stahlgewordenes Verb,
wir bewegen uns stets um die simple Achse
der Greifbarkeit, wir differenzieren die letzten
Probleme des Seins in unseren vorderen Enden aus,
wir erfassten selbst Gott, gäbe jemand
den entsprechenden Auftrag an eine Werkzeugmacherei,
wir erfassten in Sekunden den Sinn
des menschlichen Lebens, wir experten überall dort,
wo Zeigefinger und Daumen
ratlos stumpf gegeneinanderstehn.

22. Juli 2025 08:42










Christian Lorenz Müller

HECKEN

Stets in Reih und Glied,
halten sie Grundstücksgrenzen
gegen heranstürmenden Verkehr,
sie weichen nicht, wenn Artilleriegeschosse
aus Coladosen krepieren, Splitterbomben
namens Bierflaschen geworfen werden,
Kampfgifte dem Hundekot entweichen,
sie strammen überall, die Kompanien
aus Hainbuchen, Berberitzen,
ihre Wurzeln überleben jahrelang
in winzigen Betonbunkern, in Rabatten,
nur ihre Unteroffizierin fürchten sie,
die Heckenschere, sie zerblitzt
selbst vorsichtig ausgestreckte Fingerspitzen,
zerschneidet die grünende Hoffnung
der Frühjahrestriebe,
grimm hat er zu sein, der Liguster,
die Eibe muss dienen, bis sie hundert ist,
bis der beschützte Rasen moosig wird,
die verteidigte Terrasse zu bröseln beginnt,
irgendwann, nach einem Menschenleben,
kommt die Ablösung, frischer Kirschlorbeer
stellt grüne Bajonette aus, neue Thujen
benadeln sich mit schusssicheren Westen,
alles beginnt von vorn.

8. Juli 2025 08:47










Christian Lorenz Müller

AN DER FEUERSCHALE

Glutrundes Ziffernblatt.
Die Zeiger zittern, rücken nicht vor.
Stillstehend gart die Zeit
Käsekrainer, röstet Brotscheiben.
Wer die Würste vom Stock isst,
macht die Jahre seit der Kindheit
ungeschehen. Alle Abenteuer
schleichen wieder nächtig
durch den nahen Wald.
Erst weit nach Mitternacht
mahnt der untergehende Mond,
eine sich spiegelnde Feuerschale
voll von aschigem Licht.
Wir rücken noch einmal näher
an den Glutrest Gegenwart,
wärmen uns die Gesichter.

Kalt sitzt die Zukunft
in unseren Nacken.

Dann steht jemand auf,
kommt mit dem Wasser.
Alle Zeitlosigkeit verzischte,
verdampfte geisterhaft ins Nichts,
wäre da nicht der raue Geruch
in den Kleidern am Tag da
rauf.

9. Mai 2025 08:30










Christian Lorenz Müller

DIE SIPPE DER ÄXTE ERKLÄRT SICH

Keilförmig und scharf wie wir sind,
sagt man uns ständig spaltende Tendenzen nach,
das Trennende, meint man, sei unser Metier.
Tiefer als der Mensch versteht uns das Feuer,
es ermuntert uns zu spanigen Kanten,
zu vielfach Gebrochenem, rauen Oberflächen
an denen es mühelos lecken kann.
Keine Flamme, die nicht voll warmer Wertschätzung
für uns ist, wenn sie Scheit um Scheit verzehrt.
Der Mensch allein hat längst vergessen,
wie er sich einst damit mühte,
Äste mit der Hand zu zerbrechen,
wie er in kalten Nächten davon träumte,
ganze Stämme zu Brennholz zu machen.

Dann erfand er unsere Ahnin, die Steinaxt.
Ach, wie ungern erzählte sie die Geschichte
mit dem ersten geteilten Schädel!
Nicht der frische Saft eines Baumes taufte sie,
sondern warmes Blut. Sie wollte wieder zurück
zwischen die Felsen, wollte nichts weiter sein als Geröll,
aber sie war in der Welt, sie hinterließ Verwüstungen,
wo immer der Mensch sie hintrug.

Wir geben zu, es erleichterte uns,
als das Schwert erfunden wurde, das Katapult,
das Gewehr, als die Raketen und Panzer kamen.
Nun überlässt man uns weitgehend wieder
unserer Freundschaft mit dem Feuer,
wir fahren auf Rundlinge nieder,
wir sorgen für alles Spanige, Schiefrige,
wir zerteilen, zerscheitern, was stämmig war,
wir machen die Muskeln des Menschen
müde und zufrieden, er geht dann zu Bett
ohne an seine Demütigungen zu denken,
an Rache, Vergeltung und dampfendes Blut.

15. April 2025 08:54