Björn Kiehne

Ablandiger Wind

Ablandiger Wind
treibt mich aufs
Meer.

Ich schwimme
in die offene See,

hoffe auf das
Archipel der Wörter,
die Blauen Inseln,
in deren Dünen der
Ginster brennt.

Verzeih, ich kann
nie anders, als die
Ufer laufen zu lassen,
dich stehen zu lassen
am Strand.

Ich schwimme
in die offene See.

Ablandiger Wind, Du
entzündest die Dünen,
treibst mich aufs Meer.

1. Dezember 2017 10:04










Björn Kiehne

Die Mittagsblume

Ich weiß, es ist einfacher,
wenn wir uns nicht
gegen die Wellen wehren –

unsere Worte liegen wie
entfernte Inseln im Dunst,
Ponza, Palmorala, Ventotene;

in der Steinmauer öffnet sich
die Mittagsblume, die Vögel
kommen, um zu schweigen,

und mit der leuchtenden
Tinte des Thyrrenischen Meers
schreiben wir uns Zeilen,

die einander lange schon
kennen, wie, weißt du
noch, erinnerst du dich?

Bis Wind aufkommt, der
Geruch von fallendem Regen
durch unser Gespräch zieht,

die Mittagsblume sich um 
diesen Tag schließt, ihn schützt
vor dem kommenden Sturm.

3. Juli 2017 09:59










Björn Kiehne

Touristen und Kamele

Die Stadt als Meer, gelbe
Steinwellen, die von der Wüste
aus aufeinander zu rollen, um 
im Spalt des Nils zu verschwinden.
 
Am Dünenrand die Pyramiden, Trittsteine 
in der Zeit, umschwärmt von Kameltreibern,
Führern, Händlern – die toten Könige
ernähren noch immer ihre Kinder.
 
Eine Touristin lamentiert: Schade, dass
alles so kaputt ist, während sie nervös
versucht, einen räudigen Hund weg-
zustoßen, der an ihrer Tasche schnuppert.
 
Bist du das Cheops? Ein Tier heut, so hungrig 
wie einst deine Sklaven, verdammt dazu,
deine einstige Größe zu bestaunen, ohne
etwas im Magen zu haben?
 
Und während in Kairo, ein Muezzin die 
Tauben aufscheucht, beobachtet Cheops
wie ein Tourist versucht, mit dem falschen
Bein zuerst aufs Kamel zu kommen.
 
Er jault, blickt auf die Stadt, den Fluß,
die Wüste, lässt den Wind durch sein Fell
gehen, und fragt sich:  Wer ist hier dümmer,
die Touristen oder die Kamele?
 
 
                                                El Giza

30. Januar 2017 20:54










Björn Kiehne

Horus

Der Wind kommt aus der Wüste, trägt,
mit dem Staub, auch den Falken ans Meer.
Der teilt mit gerader Linie den Himmel,
sieht unter sich das Relief der Felsen,
die Schrift des Windes auf den Ebenen.

Nach Stunden erscheint der schmale
Streifen Grün, Palmen, Jasminbüsche,
die mühsam am Leben erhalten werden,
dahinter das Rote Meer, das leuchtet, als
wetteifere es mit dem wolkenlosen Himmel.

Jetzt steht der Falke still in der Luft,
ein Zeichen, scheinbar bewegungslos,
blickt er in das blinde Auge des Pools,
betrachtet die Menschen auf den Liegen,
die ihr Fleisch auf beiden Seiten garen.

Ein Kind entdeckt den Vogel, zeigt mit dem
Finger auf ihn, breitet seine Arme aus, als
wolle es fliegen, läuft über das grüne Gras
der Hotelanlage: Ob es weiß, dass er es ist,
der jeden Tag den Morgen aus der Wüste bringt?

Marsa Alam

30. Januar 2017 20:53










Björn Kiehne

Der schlafende König

Morgenlicht liegt auf den Feldern,
Schatten räkeln sich unter den
Palmen wie schwarze Katzen.

Ramses schläft im Staub,
träumt entlang des Nils,
folgt der Tonspur des Wassers,

dahin, wo die Fluten ihm Zeilen
in den Sandstein schreiben, Rätsel
für ihn, Rätsel für den König.

Alles flüstert ihm zu: das Morgenlicht,
die Schatten, alles fragt ihn nach der
Lösung; denk nach König, denk nach.

Memphis

30. Januar 2017 20:51










Björn Kiehne

مصر Miṣr – Drei Versuche über Ägypten
30. Januar 2017 20:50










Björn Kiehne

Blumen

Es gibt Gedichte,
die aus dem Asphalt aufsteigen,
von dort, wo gerade jemand stirbt.

Sie mischen das Abgas
mit den Gedanken derer,
die verschwinden.

Ich lege Blumen
in die Luft,
für alle,

die sterben;
für alle,
die töten

und nicht wissen,
dass sie selbst
ihr erstes Opfer sind.

29. Dezember 2016 05:20










Björn Kiehne

Die Bucht

Ein müder Streifen Sand,
an beiden Seiten kriechen
Hügel ins Meer, der Campingplatz
mit Pizzabude, eine Margherita
bröckelt von ihrer Wand.

Im Schlafsack heimlich noch Schokolade,
Mist, erwischt! Jetzt zum Zähneputzen
in den Sanitärblock, allein unter den
Flüsterpinien hindurch, die den Geruch
der Macchia zwischen ihren Nadeln zerreiben.

Vor dem Spiegel, die Zahnpasta ist scharf,
man muss sie gut verteilen, immer von
Rot nach Weiß putzen, bis die Zähne strahlen,
zu Elfenbeinheiligen werden im Minzdom.

Über die Bucht spannt sich die Nacht,
ein schwarzes Trommelfell,
auf das die Zikaden einschlagen
erst leise, dann lauter, immer lauter.

Auf dem Heimweg, der Kies
knirscht, etwas pirscht sich heran,
greift aus der Nacht nach mir,
zerrt an mir, zieht mich ans Meer.

Er riecht nach Tang und Salz, er streichelt
die Dunkelheit frei, lässt die Fische springen,
auf ihren Silberrücken nehmen sie mich mit.

Dorthin wo der Sand, im siedend heißen Wasser
aus den Tiefen, tanzt, dorthin, wo sie beginnt, die,
die nicht aufhören will sich immer neu zu erzählen.

Die Hügel kriechen voran, treffen sich im Rund,
bilden den Saum, die Bucht schließt sich, ein Schlafsack,
in dem das Meer wogt, das weite, das ewige Meer.

21. November 2016 08:07










Björn Kiehne

Mein Vater als alter Mann

Möwen kreisen über deinem Haus
als du geboren wirst,
schreien vor Unruhe und Hunger,
hacken dir Stücke aus der Seele,
tragen sie über das Meer.

Ich sehe dich groß werden,
zwischen den Bombennächten,
als der Himmel blutet
und die Bienen
am nächsten Morgen,
in der Linde vor dem Haus,
summen wie immer.

Ich höre deine Mutter sagen,
geh aufs Feld Junge,
les Kartoffeln auf,
die dicken Bauern haben ein paar
auf dem Acker vergessen;
ich spüre deinen Ekel
wegen des Lehmstaubs
zwischen deinen Fingern.

Dieser Staub,
der dich auf die Handelsschule trägt,
Waschmittelvertreter werden lässt,
aus dem du deinen Kindern
ein kuschelweiches Haus baust,
den Kindern,
die du immer sauber wolltest und rein.

Heute,
der Himmel stützt sich müde auf die Felder,
baust du an deinem Boot aus Staub,
baust es, um das Meer zu befahren,
den Wellen zu folgen und
dem Möwenschrei in deinem Herzen.

4. Mai 2016 14:57










Björn Kiehne

Kommt nach Haus

Die zwei Punkte am Schneehang das sind wir,
wie kleine Tropfen eingetrockneten Bluts
im kalten Stoff der Landschaft.

Früher spielten wir Fußball,
hier, wo die Feldmark beginnt.

Da wussten wir nicht, dass uns später,
alle Felder zu Schlachtfeldern werden,

dass die Steine unter unseren Schritten schreien,
die Hügel vor uns zurückweichen würden,

dass wir nicht werden warten können, unseren
Schmerz immer und immer wieder weiterzugeben.

Wer stellt uns jetzt noch die Kerze ins Fenster,
wer spricht uns jetzt noch die Einladung aus?

Krieger,
legt die Waffen nieder,
lasst den Schmerz,
kommt nach Haus.

3. Februar 2016 12:45










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