Björn Kiehne

Gespräche mit dem Regen

Ich erinnere mich
der halbe Mond stand
zwischen Tarifa und Tangier

ein Tanker zog
wie der Schieber eines Reißverschlusses
das Meer auf

legte den Blick auf den Grund frei

wo Atlas
neben dorischen Säulen

und gesunkenen Galeeren
im Sand schlief

das Himmelszelt
wie eine Decke
über seinen müden Körper gelegt

atmete er leise
von der Last
seiner Aufgabe
befreit

Blitze zuckten
auf die kein Donner folgte

ein feiner Schauer fiel
obwohl keine Wolke
am Himmel war

ich lag wach

hörte

den fallenden Tropfen zu

wie sie auf den Fliesen der Terrasse
zersprangen

ordnete die Gedanken
ihrem Takt unter

übte mich darin

den Himmel

abzulegen

die Hölle
und alles dazwischen

lernte eine neue Sprache

zu sprechen

zuzuhören

leise Gespräche

mit dem Regen
zu führen

12. April 2026 10:42










Björn Kiehne

La Corniche

Der Strand im Winter,

müde Wellen

bewegen die Sandkörner,

komponieren

ein feines Rascheln,

das schon auf der Uferstraße

nicht mehr zu hören ist.

Ein leichter Regen

verwischt den Horizont,

dimmt das Tageslicht,

in dem

vereinzelt Spaziergänger

über die Corniche gehen.

In Schuhen

wie Schiffe,

Sardinenschwärme

durchziehen ihre Gedanken,

die Blicke in den Pfützen,

ihre Herzen voll

Ozean.

27. Januar 2026 10:33










Björn Kiehne

Katze

Und wieder findet eine Katze
ihren Weg nach Haus.

Ihr Heimweg
auf nasse Straßen gemalt,
in Wasserfarben,
die verschwinden,
wenn der Regen
darüber wischt.

Doch sie findet
nach Haus,
zurück zur Sprache,
in der sie sich
Geschichten erzählt,

ein Katzen-Ich gibt,
das miaut
und schnurrt
und sein Fell
mit rauher Zunge
leckt.

2. Januar 2026 11:41










Björn Kiehne

Café de Paris

Arabisch,
Französisch,
Berberisch, —

Kellner balancieren sie
auf Tabletts,

mit Silben
und Tee von den Feldern,

aus Minzblättern,
noch frisch vom Tau,

den das Meer
sanft auf das Land legt.

Zeit verlieren,
durch die Lücke
zwischen den Wörtern fallen,

Wünschen beim Verklingen zuhören,

nicht mehr zur Sprache,
nicht mehr zur Welt kommen.

Das Band,
das den Abend
mit dem Morgen verbindet,

zärtlich
in der Hand halten,

als Erzählfaden
einer Geschichte,

die weiß,
dass sie zu Ende geht.

Was bleibt,
wenn alles gesagt ist?

Das weiße Blatt,
der weite Raum,

in dem die Zeilen
frei schweben —

die Stille
zwischen den Wörtern.

30. Oktober 2025 12:02










Björn Kiehne

Wilde Pferde

Trag immer

ein wenig Abschied bei dir,

wenn du über die Wiesen

zum See gehst.

 

Da kannst du sie hören –

die Hintergrundmusik,

die die Traurigkeit ist.

 

Den Schwalben

mit dem Blick folgen,

wie sie den Himmel teilen,

den Raum dahinter

freigeben.

 

In den Wald treten,

mit seinem Dämmer

und Raunen,

 

und die Lichtung suchen –

vorsichtig,

Schritt für Schritt,

 

wo die wilden Pferde grasen,

mit ihren Mähnen aus Wind.

Schau,

wie sie die Köpfe heben,

 

um zu sehen,

ob da etwas –

ob da jemand ist.

 

 

21. August 2025 10:44










Björn Kiehne

Im Spinnenhaus

Fäden, in denen sich

das Licht verfängt

und das Flüstern der Zeit.

 

Worte, die zu laut,

zu leise, die nie

ausgesprochen wurden.

 

Erinnerungen in Kokons,

Gespinste,

die von der Decke hängen.

 

Ein Gedanke, ein Geruch,

ein Geräusch,

und sie öffnen sich.

 

Geben ihr Geflüster frei,

hauchen es,

in das Halbdunkel.

 

Wir leben verwoben

in Gedichten

im Spinnenhaus.

 

Jede Regung rührt alles,

jedes Wort erzählt

die ganze Geschichte.

 

Und die Welt hängt

an allen und an

einem einzigen Faden.

 

 

 

12. Juli 2025 18:36










Björn Kiehne

Die Tauben füttern

Ich höre Drohnen über mir

im Hinterhof, der Straße, am See,

als ob ein Schwarm von Schmerzen

den Himmel verdunkeln will.

 

Im Walnussbaum vorm Fenster

bauen Tauben ein Nest,

aus den Gärten bringen sie Laub,

das im letzten Jahr gefallen ist.

 

Sie streicheln sich mit den Schnäbeln,

plustern die Federn auf, die bunt

wie Regenbögen schillern, wenn

das Licht sich in ihnen bricht.

 

Aus dem Bauchfleisch des Brötchens,

das vom Frühstück überblieb,

forme ich Kugeln und richte

auf dem Fensterblech das Buffet.

 

Sie warten, beobachten, fliegen

dann herbei – Ich will die Tauben

füttern, den Himmel offenhalten

und das Herz frei von Angst.

8. Mai 2025 12:48










Björn Kiehne

Khar Road Mumbai

Fast Mittag,

es ist heiß.

Der Fan an der Decke

dreht sich über mir

wie das Samsara,

mischt Tabla-Schläge

in die Melodie der Straße:

Hupen,

aufheulende Motoren,

Bollywood-Songs,

die aus den Autoradios torkeln

wie Betrunkene –

Lieder,

wie rückwärts gesungen

bis zum ersten Ton,

und weiter

in die Stille

dahinter.

 

30. März 2025 09:30










Björn Kiehne

Der Mond

Aus meiner Küche

habe ich den Mond

aufgehen sehen

über dem Dachfirst

vom Vorderhaus,

dahinter die Straße,

dahinter die Stadt,

dahinter die Welt,

er hat sein Licht

über alles fließen

lassen: dich, mich,

und die Entfernung

zwischen uns.

16. Februar 2025 11:13










Björn Kiehne

Das neue Jahr

Die Sonne wird auf-
und untergehen,
Ebbe und Flut
die Inseln umspülen.

Atmen, Sprechen,
Schweigen, Dinge tun,

sein lassen.

Den sicheren Ort suchen,
den Weltrettern
zuvorkommen.

Mit den Wolken steigen,
durchsichtiger,
sorgloser, klarer.

Hier die Stille,
dort die Worte,
Trittsteine im Fluss
der Zeit.

1. Januar 2025 19:40