Björn Kiehne

Das Versprechen der Kiesel

Am Abend gehen wir an den Fluss
die Stufen hinunter an sein Ufer.

Das Wasser, aschgrau vor gelöster Schuld,
gluckst, gurgelt, rauscht –
berichtet von den Monologen der Eisheiligen.

Mückenschwärme tanzen im matten Licht,
verwischen den Blick auf das andere Ufer,
wo Vögel ihren leiser werdenden Gesang
mit Nebelschwaden auf das Wasser legen.

Und vom Grund des Flusses erneuert sich
sacht das Versprechen, das die Kiesel geben:

Es fließen Flüsse unterhalb der Flüsse,
es gibt eine Stille hinter der Stille.

4. Mai 2013 10:19










Björn Kiehne

Die Marken

Ich nehme den Bus durch Kiefernwälder
in halbschlafende Dörfer, überlasse mich
dem Flüstern leerer Häuser –
Geschichten aus dem Grenzland.

Blicke aus blinden Fenstern,
ein kalter Hauch im Nacken
wie vom Atem alter Männer.

In den Wäldern sollen Wölfe wohnen,
ich kann ihren Hunger spüren, den sie,
pendelnden Schrittes, entlang der Kanäle tragen.

Erde unter den Schuhen beim Gang
durch brache Felder, über ihren Rand
schabt der schwere Bauch des Himmels.

Ein Strommast reißt ihn auf,
von den Wolkenrändern
dringt der Ruf meiner
ungeborenen Kinder:
Geh weiter, rasch!
Von hier durch
die Marken
nach Haus.

27. März 2013 15:50










Björn Kiehne

Abendbrot

Der Abend füllt
die Küche mit Licht.

Auf dem Tisch die
Krumen des Tages.

Ein Nachtvogel
fliegt herein,

pickt sie auf, ölt sein
schwarzes Gefieder.

1. Februar 2013 10:45










Björn Kiehne

Abends am Strand

„Das Benzin reicht bis ans Meer“, sagst du.
Hitzewellen branden durch das offene Fenster,
füllen den Innenraum des Peugeot mit Lavendel, Rosmarin.
Lachend schreiben wir unsere Namen neben den des Sommers.
Du rufst: „Ich kann es riechen!“ und, da ist es.
Salzwasser dringt durch das Karstweiß der Wand,
weicht den Kalk auf, löst ihn wie deine Knochen.
Die Schwester stellt Blumen an den Strand, ihre Blüten
leuchtende Quallen über blauen Laken.
Du, streichst das Meer glatt, lächelst still,
weißt, dass es Abend werden will.

4. Januar 2013 11:56










Björn Kiehne

Märkische Seen

Es war viel Liebe in der Stadt –
ein Geruch über dem Asphalt
als gingen Gewitter nieder.

Wasserläufe unter den Plätzen –
ihre Wellen schlugen sanft
in den Endmoränensand.

Über den roten Dächern
stiegen Tauben auf –
Tau im Gefieder

und die Stille
märkischer
Seen.

12. August 2012 11:39










Björn Kiehne

still still still

nur wenige worte
führen in die stille
wie
schschsch
oder
willst du ein bonbon

zertrene muscheln am strand
zerbrochene zweige im gebüsch

schlaf jetzt
der fleck geht beim
waschen wieder raus

sag nichts
mama
nichts
papa

schschsch
ich sag nichts

still still still
weil das Kindlein
schlafen will

3. Februar 2012 17:30










Björn Kiehne

Santa Maria del Mar

Ein Tag früh im Jahr,
das Licht noch fremd in der Stadt,
der Staub auf den Fassaden gefroren.

Noch weißt du nicht,
noch ahnst du kaum.

Sie flüstert:
„Das Meer findet dich!“

Eine Böe aus den Windkammern des Ozeans,
Fische springen aus den Straßen –
Schlieren auf dem Asphalt.

Ein Grollen, Heranrollen,
hungrige Wellentiere reißen ihre Mäuler auf,
Schuhe zu Booten,
Schaukeln auf Wellenkämmen –
unter dir die Blicke der Ertrunkenen.

Und du flehst:
„Santa Maria del Mar,
sprich dein Gebet für mich,
glätte die Wellen,
treib den Wind zurück!“

Das Meer findet dich
und mit dem Meer
kommt das Salz.

25. Oktober 2011 19:40










Björn Kiehne

dass ich noch Worte finde

dass ich noch Worte finde
das Rauschen der Fontäne
die Weltweisen aus den Zweigen
das sanfte Abfallen des Ufers zum See
am Rand des Wegs
wilde Rosen, Iris, Schleierkraut
die Sonne flutet den Garten
im Schatten der Linden
gänseblümelt die Welt

30. Mai 2011 20:26










Björn Kiehne

Hundeheimat

Neu hier,
kennen weder
Straßen noch Plätze,
lauschen Schritten
auf der Treppe,
gehen vor die Tür.

Straßen treten,
Schatten treiben,
schwarze Hunde,
Tintenrunden.

In jedem Blick
eine Heimat
für Sekunden.

19. Mai 2011 10:05










Björn Kiehne

Feldweg

Wolken treiben
durch die Pfützen –
Sand,
unter deinen Schritten.

Am Ackerrand,
gebeugtes Gras –
auf deinem Weg
in den Wald.

Dort,
wartet das Schweigen,
der Geruch feuchter Erde,
gefallenes Laub.

Du trägst Laub
in den Wald,
legst Blätter
unter Bäume,
atmest die
gefallenen Jahre
tief ein
in diesen Tag.

30. März 2011 13:43