Björn Kiehne

Santa Maria del Mar

Ein Tag früh im Jahr,
das Licht noch fremd in der Stadt,
der Staub auf den Fassaden gefroren.

Noch weißt du nicht,
noch ahnst du kaum.

Sie flüstert:
„Das Meer findet dich!“

Eine Böe aus den Windkammern des Ozeans,
Fische springen aus den Straßen –
Schlieren auf dem Asphalt.

Ein Grollen, Heranrollen,
hungrige Wellentiere reißen ihre Mäuler auf,
Schuhe zu Booten,
Schaukeln auf Wellenkämmen –
unter dir die Blicke der Ertrunkenen.

Und du flehst:
„Santa Maria del Mar,
sprich dein Gebet für mich,
glätte die Wellen,
treib den Wind zurück!“

Das Meer findet dich
und mit dem Meer
kommt das Salz.

25. Oktober 2011 19:40










Björn Kiehne

dass ich noch Worte finde

dass ich noch Worte finde
das Rauschen der Fontäne
die Weltweisen aus den Zweigen
das sanfte Abfallen des Ufers zum See
am Rand des Wegs
wilde Rosen, Iris, Schleierkraut
die Sonne flutet den Garten
im Schatten der Linden
gänseblümelt die Welt

30. Mai 2011 20:26










Björn Kiehne

Hundeheimat

Neu hier,
kennen weder
Straßen noch Plätze,
lauschen Schritten
auf der Treppe,
gehen vor die Tür.

Straßen treten,
Schatten treiben,
schwarze Hunde,
Tintenrunden.

In jedem Blick
eine Heimat
für Sekunden.

19. Mai 2011 10:05










Björn Kiehne

Feldweg

Wolken treiben
durch die Pfützen –
Sand,
unter deinen Schritten.

Am Ackerrand,
gebeugtes Gras –
auf deinem Weg
in den Wald.

Dort,
wartet das Schweigen,
der Geruch feuchter Erde,
gefallenes Laub.

Du trägst Laub
in den Wald,
legst Blätter
unter Bäume,
atmest die
gefallenen Jahre
tief ein
in diesen Tag.

30. März 2011 13:43










Björn Kiehne

Küchenuniversum

Die letzte kalte Nacht – vielleicht.
Eisblumen,
Tisch und Stuhl,
Bananen,
Licht, das durchs Fenster fällt –
arktische Klänge aus dem Kühlschrank,
siedendes Wasser im Topf,
der Geruch von Reis und Pril.
In diesem Küchenuniversum
sitzt Du,
Du,
mit den Märzaugen,
dem Aprilgesicht,
dem Maileuchten auf der Stirn.

10. März 2011 12:04










Björn Kiehne

Advent

Über Schneefelder geht der Wind,
Stille breitet sich aus,
das Heu wartet auf das Kind,
Kerzen leuchten uns nach Haus.

Der Himmel zündet Lichter,
friedlich ruht der See,
über müde Gesichter
streichelt der kalte Schnee.

Ein Engel kommt herbei,
spricht zu deiner Angst,
daß nur soviel Hoffnung sei,
wie du hoffen kannst.

11. Dezember 2010 15:11










Björn Kiehne

Und vor unserem Fenster die Nacht

Meine Zunge fährt den Lauf der Elbe nach,
lässt das Wasser über die Ufer deiner Schenkel treten.
Der scheue Reiher im Schilf, das Lied der Regenamsel,
Fische springen, die Nacht pirscht sich heran.
Aus dem Auwald treten drei Wölfe, flüstern:
Hab Acht, hab Acht, hab Acht –
der Reiher breitet seine Flügel aus,
vor dem Fenster wartet die Nacht.

27. Juni 2010 04:30










Björn Kiehne

Ehre dem Vater

Manchmal weißt du nicht
wohin mit all den Straßen
und den Wiegenliedern
im Gepäck. Leb meinen
Traum, hat er gesagt,
und ließ dich allein.
Du irrst durch die Stadt,
untertitelst den Regen in
einer Sprache, die du
nicht verstehst. Wohin
treiben die Wolken, wohin
treibt dieser Tag, wo
enden die Straßen, wo
endet dein Vertrag.

26. März 2010 01:24










Björn Kiehne

Berlin, claro!

Er geht in deinen Falten spazieren,
trinkt salzschweren Schweiß, den du ihm reichst.
Er staunt, wenn du die Himmel weitest
und der Sehnsucht große Straßen baust.
Kampfplatz und Friedenswiese,
Stillstand bis zur Raserei,
wenn du, mit Asphalthänden,
seine Atemlieder jäh zerreißt.
Und zwischen hoch aufgetürmten Gräbern
verpasst er den Bus, die S-Bahn, die Welt,
geht unter deinen Himmeln spazieren,
trunken, stolpernd, zögernd er selbst.

28. Januar 2010 11:41










Björn Kiehne

Ein und aus

Jetzt steht das Auto endlich still.
Das Garagentor schließt sich,
diese dunkelrote Muttertür –
ich, embryogekrümmt im Bauch des VWs.

Suche noch immer das gelbe Tuch,
das du mir schenktest.
Du trugst es drei Tage lang um den Hals.
Es roch nach dir,
und als du gingst, blieb mir dieses Tuch und
dein Geruch zwischen meinen Fingern.

Nun atmet die Stadt endlich leiser.
Der Balkon löst sich vom Mietshaus,
ein Schiff mit Margeritensegeln –
ich, unterwegs in die Nacht.

Taste noch immer nach der Frage,
die in mir flüsterte.
Sie war so unaussprechbar klar.
Sie sprach mit dir.
Und als ich allein war, blieb mir diese Frage
im dunklen Raum zwischen Zunge und Gaumen.

Jetzt füllt die Stille endlich den Raum.
Auf deinen Anruf warten,
blitzende Satellitensignale –
weiter atmen, ein und aus.

11. Dezember 2009 14:14