Björn Kiehne

Pietà

Aus den Buchenwäldern
fließt das Gold in die Stadt.
Die Bächle tragen es auf Barken
in die Klinik, wo ich
kaum wage, die Tür zu öffnen.

Ich drücke die Klinke
gegen meinen inneren Widerstand,
blicke in den Raum dahinter.
Das Herbstlicht lässt sein Haar,
von der Chemo schütter, leuchten.

Er war aus Rumänien eingewandert,
hatte sich am südlichen Schwarzwaldrand
ein neues Leben aufgebaut,
eine Frau gefunden,
ein Kind mit ihr bekommen.

Täglich löse ich mit einem Wattestäbchen
vorsichtig die Borken von den Innenwänden
seiner rechten Augenhöhle.
Den Augapfel hat man entfernt,
da der Tumor dahinter wächst.

Irgendwoher nimmt er die Kraft,
seiner Frau den Arm
über die Schulter zu legen.
Sie lächeln beide,
während das Kind zufrieden
an ihrer nackten Brust schmatzt.

Wir ernähren ihn nun seit Tagen,
ohne Hoffnung auf Heilung.
Als starken Mann hatte ich ihn aufgenommen,
Maler und Lackierer,
der über meine Fragen lachte.
Nun halten wir ihn nur noch am Leben.

Aus dem Rahmen der Tür,
der mich sicher in der Welt hält,
betrachte ich:
Den mageren Arm um seine Frau,
sein golden leuchtendes Haar,
den friedlichen Säugling.

Wie halten, ohne festzuhalten?
Wie leben?

28. November 2024 10:07










Björn Kiehne

Türkischer Tee

Ich setze mich zu den Männern ins Café,
die Sonne wärmt den Platz und mein Knie,
das noch vom Spaziergang schmerzt.
„Jetzt bin ich alt“, denke ich bei mir.

Eine Möwe fliegt über den See, nimmt meine
Gedanken mit zu Anand, der im Tropeninstitut
an einem Virus starb, das seine Leber aushöhlte,
bis sie nichts mehr war als ein nutzloser Schwamm;

zu Nyan-Soe, der daran starb, dass er liebte.
Die Lungenentzündung nahm ihm die Luft zum Atmen,
mein Geld für seine Behandlung bezahlte die
burmesische Bestattung mit Mönch und Feuerwerk;

zu Roberto, der TikTok mit Videos füllte.
Ein Weichteiltumor, nussgroß, streute die
hungrigen Kinder in seinem Körper; vor den
Augen der Familie fraßen sie ihn langsam auf.

Die Möwe kehrt zurück über den See.
„Alle, die ich liebe, werde ich verlieren“,
denke ich bei mir, blinzle in die Sonne,
nicke dem Tod zu und trinke meinen Tee.

15. Oktober 2024 23:31










Björn Kiehne

An deinem Bett

Im Abendlicht,

das das Zimmer gelb,

und die Adern auf

deinen Armen blau wie

Flüsse leuchten lässt,

 

erinnere ich mich an dich:

du, umgeben von Rauch,

wie ein griechisches Orakel,

das Kartoffelpuffer macht,

 

wie du den Schiedsrichter

im Fernseher anschreist,

empört darüber, dass er

das Foul nicht sieht

 

und in deinem Sessel

mit langen Nadeln

bedeutungsvolle Muster

in meinen Pullover strickst.

 

Nun drückst du meine Hand,

legst die Fäden nieder,

verstrickst sie nicht,

lässt die Flüsse herzwärts

fließen und mich im Abendlicht.

 

11. August 2024 17:38










Björn Kiehne

Das Ende der Welt

Sonntagmorgen, die Clubs sind zu,

auf der Autobahn rauscht kein Verkehr,

nur die Blätter der Pappel im Hof

rauschen wie ein endloses Meer.

 

Auf dem Küchentisch liegen Wörter,

fein säuberlich geschnitten aus Papier,

bilden Sätze, Zeilen, Geschichten,

über die Welt, erzählt von dir und mir.

 

Eine Amsel singt, eine andere antwortet,

wir ahnen, wir glauben, wissen schon,

unsere Gedanken auf ihren Liedern,

die Welt, ein verhallender Ton.

16. Juni 2024 06:22










Björn Kiehne

Die unsichtbaren Flüsse

In den Morgenstunden, als ich

dein Kind war, hielt ich das Ohr

dicht an die Erde,

hörte ein Rauschen.

 

Musste lernen, allein zu sein,

um ihnen zu lauschen,

an ihren Ufern zu gehen,

die niemand sah außer mir.

 

Die Gedanken gingen mit,

dass aus mir nichts wird,

ich niemandem genüge, stecken-

bleibe in meinen Möglichkeiten.

 

Aber auch die Ahnung,

dass die Welt einen Riss

hat, durch den ein

Versprechen flüstert:

 

Da sind Flüsse,

die auf dich warten

und ein Meer.

 

Da sind Flüsse,

die auf dich warten

und ein Meer.

 

Da sind Flüsse,

die auf dich warten

und ein Meer.

Dedicado a Moisés Gutiérrez Medina, +2024, que partió en busca de los ríos invisibles.

8. April 2024 07:50










Björn Kiehne

Für einen Freund

Wenn alle gehen,

bleiben nur wir übrig

und der Wunsch,

einen sicheren Ort

im anderen zu finden.

 

Wir können dann nah

am Meer leben und

den Wellen erlauben,

unsere Herzen

zu überspülen nur,

um sich gleich

wieder zurückzuziehen.

 

Wir finden einen Ort,

an dem Platz für dich und

mich und die ganze Welt ist,

und bitten die Wellen,

uns ihre salzige Tinte zu leihen,

um von uns zu erzählen.

27. Januar 2024 02:28










Björn Kiehne

Trost

Einmal werde ich sicher sein,

dass es einfach ist,

dass in der Tasse vor mir,

Nord- und Ostsee zusammenfließen

und Dampf aufsteigt wie Nebel

in den Dünen,

einmal werde ich sicher sein,

dass hier und jetzt alles und alle

anwesend sind, auch du, mit

den herantreibenden Wolken

im Blick und Strandhafer im Haar,

wie du mit deinen Kiefernhänden

Salz aus dem Wind kämmst

und uns das Meer herbeirufst,

einmal werde ich wissen,

dass es einfach ist.

 

27. Oktober 2023 13:00










Björn Kiehne

Die Freundlichkeit einer Fremden
Ich will mehr auf die kleinen Gesten achten 

die scheinbar selbstverständlichen, 

den Regen, der die Blätter vom Staub befreit, 

den Wind, der über den See streicht, 

egal, wer in ihm schwimmt, 

die ganze Großzügigkeit dieses Planeten, 

Erde, Feuer, Wasser, Luft, die sich 

finden, nur um einander zu verlieren. 



Wer würde nicht zärtlich werden bei dem 

Gedanken, dass wir alle sterben müssen: 

Gib ihr alles zurück, erst Haare, Zähne, Knochen, 

Flüssigkeiten, das Gewebe, das dich zusammenhält, 

dann die Gedanken, die Gefühle, deinen Namen, 

stirb, bevor du stirbst, jetzt, zärtlich 

in den Armen ihrer Großzügigkeit, 

der Freundlichkeit einer Fremden.



17. Juli 2023 08:24










Björn Kiehne

Ein anderes Licht

Da hinten im Bild das bin ich
unsicher, ob ich vortreten soll,
mein Großvater, mit leicht
angezogenen Arm, neben mir.

Die Lindenblätter über uns
färben die Szene grün,
entrücken sie in das Flüstern,
in dem ich aufwuchs.

Ich halte ängstlich seine Hand,
denn eine Kugel wandert durch
seinen Arm, kann jederzeit am Herz
ankommen und ihn mir entreißen.

Den Schlosser, der sanft lächelt,
und an den Straßenrändern
Löwenzahn für die Hasen sticht,
in ihren dunklen Käfigen.

Ich spüre noch seine Hand im Rücken
vor den ersten Metern ohne Stützräder
auf dem kleinen blauen Fahrrad,
auf das ich so stolz bin.

Die Hand, die später das Sackband
knotet, das ihm den Atem nimmt,
als das unsichtbare Mädchen erscheint,
ihn fragt, was er im Krieg getan hat.

Eine Kugel wandert durch meine Geschichte,
lockert ihr Gewebe, trennt Faden von Faden,
lässt Licht in den Raum hinter den Bildern,
ein anderes Licht.

21. Mai 2023 18:31










Björn Kiehne

Im Haus des Erzählers

Ein Sommerhaus wartend
mit weit geöffneten Fenstern zum Meer,
Möwen, die den Himmel teilen,
Katzen, die auf geheimen Wegen
die Insel durchstreifen,
hoch zur griechischen Kirche,
an die sich die Gräber drängen
wie uneingelöste Versprechen,
runter zum Hafen, wo die Schiffe
nach Kadıköy warten, jedes ein
Abschied, jedes eine Bitte,
uns die nicht zu nehmen,
die wir lieben.
Worte in den Wind gesprochen,
den Salzatem des Marmarameers,
den Zigarettenhauch Istanbuls,
die das Haus umflüstern,
flüstern in der Kammer unterm Dach,
flüstern in das Ohr des Erzählers,
der zum Hafen hinunter sieht,
die Kais absucht, den Blick
zurück auf die Geschichte lenkt,
die langsam vor ihm wächst,
deren Figuren er begrüßt
wie alte Freunde, um wieder
aus dem Fenster zu sehen:
wartende Schiffe,
Möwen, die den Himmel teilen,
Katzen, die die Insel durchstreifen,
zurückkehren in die Erzählung,
Zuflucht suchen in der Stille
zwischen ihren Zeilen.

Für Emre, Burgazada

5. März 2023 12:23