Hans Thill
Zettel

in jener nacht
siezte er sich
erstmals selbst
er saß am tresen
im silberbecher
ein künftiger könig
der schnee ächzte
am berghang und
unterm hermelin
vom seeufer kam
der blässhuhnpfiff
er folgte ihm wortlos
ohne wappen ohne garde
24. November 2025 09:34Keine Könige mehr,
Männer haben abgedankt.
Wenn sie das erst begreifen,
fängt die neue Zeit an.
Endlich unbekannt.
Warum weiter Terzinen?
Jede Gewalt wird wiedererkannt.
Und alle, die sich ändern, blühen auf.
Heute sprach ich mit einem Bettler
über die Kälte in der Stadt.
Heute ist lange her, aber
ich hab da Teltower Rübchen gekauft.
Heute gab es Nachtfrost.
Das Laub rings um den schwarzen Park.
*
22. November 2025 00:43Arabisch,
Französisch,
Berberisch, —
Kellner balancieren sie
auf Tabletts,
mit Silben
und Tee von den Feldern,
aus Minzblättern,
noch frisch vom Tau,
den das Meer
sanft auf das Land legt.
Zeit verlieren,
durch die Lücke
zwischen den Wörtern fallen,
Wünschen beim Verklingen zuhören,
nicht mehr zur Sprache,
nicht mehr zur Welt kommen.
Das Band,
das den Abend
mit dem Morgen verbindet,
zärtlich
in der Hand halten,
als Erzählfaden
einer Geschichte,
die weiß,
dass sie zu Ende geht.
Was bleibt,
wenn alles gesagt ist?
Das weiße Blatt,
der weite Raum,
in dem die Zeilen
frei schweben —
die Stille
zwischen den Wörtern.
Deine Handschrift,
Grete, schrieb er,
weil er spürte, die
schwarzen Augen
der Engel blicken
aus ihren Briefen.
Sah er sie im Bett,
ihre Rage Gottes,
sah sie aus wie er.
Sie war der Regen,
wenn es ihr kam,
war er und er sie.
*
18. Oktober 2025 19:39Auf hochhackigen Pfählen
stehen wir immerzu im Wasser,
warten mit nass gewordener Unterwäsche
auf ein Boot, ob Motorboot, Jolle, Yacht,
ist uns völlig egal,
wir heben unseren hölzernen Rock
für jedes Ding, das daherkommt,
wir stülpen uns voller Gier über alles
was in Bewegung ist, denn nach Monaten
des Wartens sind wir nicht wählerisch,
wir warten den ganzen Winter lang
im Wind, die Wellen belecken uns
mit kalter Lüsternheit, das Eis
ist unserer Einsamkeit ein Spiegel.
Es gibt so viele von uns
auf diesem schmalen Uferstrich,
so vielen von uns
sitzt eine Villa im Nacken,
ein Herrenhaus, ein Schloss, ein Bungalow,
wir stehen im Wasser und warten warten
auf die Sommertage, die Segelyachten,
denen sich der Wind
an die weiße Brust wirft,
dann strecken wir die Beine
weit in den türkisen Pool,
wo die Bootsschrauben wirbeln,
die Paddel das Wasser jacuzzen,
dann öffnen wir unsere Tore
und zeigen, was wir haben.
Es gibt nur Balkonrosen.
Weiße, rote und violette.
Es gibt nur Balkonrosen,
wo sie zwei vorbeifliegen,
es gibt nur Balkonrosen,
Amedeo mio, mon trésor,
es gibt nur Balkonrosen,
hörst du, was ich dir sag,
es gibt nur Balkonrosen.
Wohin fliegen wir, Modi,
es gibt nur Balkonrosen,
warum bist du nicht hier.
*
5. Oktober 2025 17:10Heute lief die Welt mir zu
bat um ein Stück Brot
bat um eine Stunde Ruh
Atempause in der Not
27. September 2025 20:15gegen abend der suchende blick zum ufer
erlen kiefern eichen erlen erlen
undurchdringlichkeit hinter einem staketenzaun aus schilf
schlechte nachbarschaft von wasser und land
die löcher lücken anfangs nicht mehr als eine ahnung
die sich erst beim näherkommen zur gewissheit auftun
zu einem streifen sand einer winzigen bucht
einem kajakschmalen durchgang zu einer grünen höhle
in der schon vor jahrtausenden menschen lagerten
sorgfältig von zweigen und zapfen gereinigt
ein fleck von zwei mal zwei metern
für die die decken schlafsäcke das zelt aus rentierhaut
aus baumwolle polyurethanbeschichtetem polyester
und die kokeligen überreste eines feuers
über dem eingeweide kochten graupen fertigsuppe
nachts das knacken und huschen im wald
die finsternis die schon im gehörgang beginnt
die dämonen geister teufel serienenmörder
die mit der kälte der frühen morgenstunden weichen
alle träume haben weite ufer
enden an erlen eichen kiefern schilf