Gerald Koll

Das fünfzigste Jahr (142)

1. Februar 2016, ein Montag

Kopfschmerz, Verstopfung in den Nebenhöhlen. Zu viel süßes Popcorn gestern. Vor allem zu unsinniges Wie-fandst-du-den-film-gespräch. Im unerheblichsten Austausch noch melden sich Reflexe auf Über- oder Unterlegenheit. In die Karre mit diesem Mist!

Adalbert Stifters Die Mappe meines Urgroßvaters: immer wieder große Landschaftsmalerei, impressionistisch. Naturwahrnehmung als ausgelagerte Selbstentäußerung. Dort darf man spüren, was sich im gezähmten Umfeld verbietet. Stifter hätte vielleicht ganz gut Shiatsu gebrauchen können.

Eben absolvierte ich mein Glückwunsch-Telefonat mit der Schwester. War ich denn einen Augenblick dabei unbefangen und druckfrei? Nein, und die ganze Zeit war es mir bewusst und konnte doch nicht gegen an. Ich tue meiner Umwelt damit Zwang an, denn sie muss auf meinen Zwang reagieren. Eine Anstrengung. Ich sollte weniger anstrengend sein. Ich übe ja nun schon keinen Beruf aus. Vielleicht, weil alles Unanstrengende schon so entsetzlich anstrengend für mich ist, dass ich mehr Anstrengung für unzumutbar halte.

Welche Dinge wünschte ich, in meinem Tagebuch stehen zu haben? … grausliche Leitschnur, selbstgenährte Würgeschlange. Schnürt den Kopf ab. Kopfschmerz.

1. Februar 2017 09:37










Hans Thill

Siwezeh

Spring im Kreis firs Pflanza vunara
Dann, a Lotarn. Dü hesch die Johr
numma borgt, jetza nimm drei uffsmol.
Suscht koi güat, wasdr vor
d’Fiaß fallt. S zehlt a jedr Zahn. Spej
üs dia Schrüwa, trink s’Eel
bis ins Ohr owa, bis in
d’Orascha

Oberelsässische Version (Vallée de Munster) erstellt von Bernhard Thill

2. Februar 2017 11:21










Gerald Koll

Das fünfzigste Jahr (143)

2. Februar 2016, ein Dienstag

Kaum zurück vom Weißen See, wo ich morgensonnenbeschienen auf der Enten-Veranda Tina oder über die Unsterblichkeit las, bricht beim ersten Biss ins Weltmeisterbrötchen das Inlay aus dem zweiten Backenzahn oben rechts. Lokal bestimmbare Sterblichkeit. Ohne moderne Zahntechnik sähe ich aus wie 75. Die moderne Zahntechnik in Person des Zahnarztes Sch. befindet sich leider zur Zeit im Urlaub, und selbst fliege ich übermorgen nach Lanzarote. Die Helferinnen des Zahnarztes Sch. aber versprechen Hilfe und wollen meine Maul-Katakombe provisorisch verkleben.

2. Februar 2017 12:07










Markus Stegmann

Verrührt

Aprikose du Fond
Hintergrund und Körper
des Bildes mit guter
Menge Azur verrührte
Figur vielfaches Du

Verstreut in den Wind
ins Wasser verrührt
ein Wirbel mehr oder weniger
Täuschung oder Tarnung
im spiegelnden Meer

Zu: Willem de Kooning, Untitled XX, 1976

4. Februar 2017 22:51










Gerald Koll

Das fünfzigste Jahr (144)

5. Februar 2016, ein Freitag

Nachdem die hilfsbereite Arztgehilfin eine Paste in meinen hohlen Zahn schmierte, strich sie den Rest (der Paste) in eine Plastikbüchse, gab mir Zahnarztbesteck (bitte zurückbringen) und riet mir, nach Lanzarote ein Spieglein mitzuführen – dann könne ich, wenn die provisorische Füllung herausfalle (was wahrscheinlich geschehe), selbst neue Paste in den Zahn stopfen. So bin ich jetzt auf Lanzarote mit Frau S. sowie dem befreundeten Zweitpaar A+L in einem Bungalow mit Spiegeln.

Heute Vormittag tollten Frau S. und ich willkömmlich zum Strand und in grandiose Wellen hinein. Umgehend schnurrten lustige kleine Fahrzeuge auf dicken Reifen am Ufer entlang. Zwei zornige Badewachtmeister pfiffen uns heraus und wiesen wechselnd auf sieben rote Flaggen, die, für jeden Badegast unübersehbar, eindeutig das Baden verböten. Wir dankten fröhlich und erfrischt. Frau S. erwies sich als famos.

Der erste Wander-Ausflug führte durch karge und farblich eintönige – nämlich blass-grün-sandige – Natur. Die Insel gibt sich sparsam. Da sind Kakteen zuhauf. Auch Terrassen auf vulkanschwarzem Geröll, aus dem bemitleidenswert schüchtern angebautes Grün winkt, und mehr ist da lange nicht, bis das Auge auf eine Schnecke fällt, die an einem Stengel klebt. Danach noch eine. Und immer mehr. Stengel voller Schnecken wie weiß kandierte Traubenlollis, eine wahre Schneckenpest.

5. Februar 2017 14:15










Markus Stegmann

Zyklop

Schmaler Mund
aus leisen Linien
vor dem gasförmigen Kopf
steht eine Pupille
mittig davor

Blicklos blass
schaut sie mich an
aber sie sieht mich nicht
und ich erkenne
keine Person

Vor dem Körperkopf mit
schädelhaften Vertiefungen
schwebt einsam
die zentrale Pupille
als Zyklop

Zu: Francis Picabia, Untitled, 1946-47

6. Februar 2017 17:13










Mirko Bonné

Sauerstofflösung

Terrasse. Die Nacht, der Tabak und
Sturm seit Tagen, wieso auch nicht.
Warum ist man traurig nach einem
Zahnarztbesuch? Fischreiherbesuch.
Ich rauche, du schläfst. Töchterlein.
Dennoch wahrlich vorbei die Trauer,
die troglodytische Zeit. Schlank bist
worden, du Freund mit dem Schnabel.

*

6. Februar 2017 21:43










Gerald Koll

Das fünfzigste Jahr (145)

7. Februar 2016, ein Sonntag

Am Freitag gab es erste Spannungen anlässlich des von Frau S. initiierten „Besserwisser“-Spiels, dessen Regeln, obwohl den meisten neu, jeder zügig besser wusste als deroderdie andere. Zu Bette. Nach ergiebiger Versöhnung zu Zweien münzten wir die Zickerei zur Lernphase um und vereinbarten, künftig ansteigende Spannungskurven betablockend zu senken, indem wir dem anderen über einen geheimen Code signalisieren: ‚Achtung, hier beginnt die Lernphase.‘ Wir schuftenden Hoffnungsträger!

Gestern Abend folgte unser Quartett einer Einladung zu einem Dinner bei einem sehr gastfreundlichen deutschen Lanzarote-Auswanderer, der in unserer Bungalow-Siedlung wohnt: Dort trafen sich lauter deutsche Lanzarote-Auswanderer, die einander über ihre Lanzarote-Auswanderungs-Tristesse hinwegtrösteten. Mit Meerblick.

7. Februar 2017 10:42










Hendrik Rost

Initiativverweigerung

Alles, was jetzt noch kommt,
ist Bonus. Das Wichtigste
im Leben habe ich erreicht:
bin geboren, nicht
verzweifelt. In Teams
bin ich verloren – meine Stärken
liegen im Betrachten
der freien Stellen.

8. Februar 2017 13:37










Gerald Koll

Das fünfzigste Jahr (146)

8. Februar 2016, ein Montag

O. ist ein glücklicher Mensch. In Berlin kannte ich ihn kaum, bevor wir uns anlässlich gemeinsamer Vorbereitung zum Schwarzgurt entschieden hatten, einander zu mögen. Jetzt besteht eine behauptete Freundschaft, die nie nötig hatte zu wachsen oder sich zu bewähren. O. lebt inzwischen auf Lanzarote. Ein Mensch, der sein Glück mit lächelnden Händen bäckt.

O. nimmt uns mit zu einer Wanderung zu Fünft am Kliff zu einer hochgelegenen Felsterrasse mit Behausung. Niemand war dort, aber O. weiß: Sie dient einem Späthippie zur Unterkunft. Die Wände sind vollgestellt mit farbig sortierten Flaschen und bemalten Steinen. Immer Meerblick, auch draußen vom grünlich verwucherten Steinbassin, gespeist von einer Bergquelle, deren Wasser über das Bassingesimse quillt. Dort ließe sich eine Episode lang leben, zusammen mit Meer, das heute der Wind fegt. Über die Dünung weht die Gischt.

8. Februar 2017 13:50










Mirko Bonné

Doppelhaushälfte

Die Eltern selbst fanden ihr Totes
im nördlichen Weilerfeld,
keine Rufweite vor den Gehöften.
Man stellte die Füchse im Hohlweg
unweit der alten Sägemühle,
zwei Geschwister,
und erschlug sie sofort.

Die Kindseltern sind in die Großstadt,
in eine Doppelhaushälfte gezogen.
Eine Adresskarte kam.
Zwischen Haus und Carport
der schöne Brennholzstapel,
von dort sprangen sie in den Boden.
Kaum dass sie den Bau noch verließen.
Die Füchse waren eingerichtet.

*

8. Februar 2017 16:47










Julia Trompeter

Lauschübung. Latenz

In Büsche huschende Buben
tuscheln Listen, husten in Schüben.
Wurschteln im Hüben, während im
Drüben dünne Cousinen was für
die Schnüffler zum Himmel lügen.
Künnten die Lümmel nur lüben,
die trüben Basen sich vergnügen.

10. Februar 2017 00:08










Konstantin Ames

La main à plume vaut la main à charrue Oder

eine ganz normale presseabteilungslyrik; wer wollte wirr redeln (vertere), wenn jeder vierte aufgab?

10. Februar 2017 12:35










Gerald Koll

Das fünfzigste Jahr (147)

10. Februar 2016, ein Mittwoch

Frau S. befiel während einer abendlichen Diskussion über das leidige Thema „Fleisch essen oder nicht“ eine mentale Übelkeit. Sie ging auf die Terrasse, ich hinterher, lockte sie auf das flache Dach: hinlegen, sterneschauen, weiteratmen.

Ich erzählte Frau S. meinen liebsten und meinen schlimmsten Traum, beide geträumt im Alter zwischen 20 und 30 Jahren: zum einen mein Heraustreten aus einem Hochhaus, dem Fahren mit dem Fahrrad auf hellem Kiesweg, dem Knirschen, dem Bretagne-Flair, dem Waldstück mit dem flachen Haus und den Liegen mit nackten Menschen mit Getränken und dem Ausruhen; und jener Traum aus wohl der gleichen Zeit: von unserer Familie in einer mexikanischen Gegend mit einsamer Kirche in windiger Steppe; mit der Schwester, die sich von der Portalspitze in die Tiefe stürzt und mit verrenkten gebrochenen Gliedern liegen bleibt, dann sich aufrappelt, wieder in die Kirche geht, wieder an der Spitze erscheint und sich wieder hinunterstürzt, immer wieder aufs Neue, so wie, so weit ich mich erinnere, auch die anderen Familienmitglieder. Das sind die bislang intensivsten Träume meines Lebens.

Dann Schlafen. Aber was für ein Geschlafe: ein Traum über das Haus von Helmut Schmidts Mutter (weder Haus noch Mutter sind mir bekannt). Man konnte sich diesem spitzgiebligen, grau-verputzten Häuschen auf einem schmalen Sandpfad nähern, der hinter dem Haus verlief. Man wusste, dass es Helmut Schmidts Mutter sei, die drinnen wohne. Keine erstklassige Gegend; vom Charme her eher Revensdorf. Ich wunderte mich sehr: Mitglieder der Schmidt-Familie, dachte ich im Traum, werden offenbar sehr alt, denn der verstorbene Helmut ist ja auch nicht mehr der jüngste gewesen – und die Mutter lebe also noch … so setzte ich den Spaziergang entlang der Zäune fort. Auslöser dieses Traums mag ein Foxterrier sein, der zu unserer Feriensiedlung gehört. Er heißt Loki.

10. Februar 2017 17:10










Gerald Koll

Das fünfzigste Jahr (148)

11. Februar 2016, ein Donnerstag

Aikido in Arrecife. Fotografische Aufnahmen eines nackten mythischen Wesens in insulaner Landschaft (die Adjektive sind austauschbar).

11. Februar 2017 18:23










Gerald Koll

Das fünfzigste Jahr (149)

12. Februar 2016, ein Freitag

Aufnahmen eines insulanen Wesens in nackter Landschaft. Aikido in Arrecife. (Die Tageszeiten sind austauschbar).

Nachtspaziergang.

12. Februar 2017 13:05










Tobias Schoofs

WELTEN

vom meetingraum der blick auf den
wohnblock wie unterschiedlich die
welten da und bei uns hier putzen
männer die vom dach aus abgeseilt

werden die fenster sie tragen schutz
helme da putzen waghalsige frauen
sicherungslos über dem abgrund und
kümmern sich um nichts während

unsere putzer freundlich zurück
nicken wenn der vortragende grüßt

12. Februar 2017 20:11










Markus Stegmann

Verfangen

In der Menge
des Pigments verfangene
Hälfte des Gesichts
die andere verwischt
hebt und senkt sie sich

Dein Blick blieb
dennoch darin hängen
aus der Ferne
erdiger Fleck
an der Wand

Zu: Eugène Leroy, Autoportrait, recherche de volume, 1953

12. Februar 2017 23:13










Gerald Koll

Das fünfzigste Jahr (150)

13. Februar 2016, ein Sonnabend

13. Februar 2017 12:43










Sylvia Geist

Klärung

Mitnichten sei das Schwarz der letzten Gemälde
ein Vorbote, so seine Tochter. Ihr Haar ist direkter
Nachfahre der späten Palette, ein Strich so satt,
dass er bis nach Texas reicht. Wohin es mich zog,

seit ich zum ersten Mal aufbrach vor Tagesanbruch,
vierjährig, auf dem eisblauen Sitz in schlafrotem
Pullover und in Erwartung, nicht wissend wessen.
Eine Kordel hielt die Nacht im Fenster des Fiat

und die Strähnen vom Anfang zusammen. Ich floss
ein in den Asphalt und die Wand, den Wald, Amseln
zeichneten sich ab im Gedächtnis und dunkelten nach
auf den Masten in Texas, das ein Land aus steinaltem

Tannenhonig war, eine Leinwand, die das Schwarz
aus den morgentraurigen, formlosen Dingen sog,
es schluckte wie geschmolzenen Zucker, einer Kapelle
aus Amseln zum Futter, da wo die anfangen in Texas.

13. Februar 2017 13:07










Gerald Koll

Das fünfzigste Jahr (151)

14. Februar 2016, ein Sonntag


14. Februar 2017 10:39










Gerald Koll

Das fünfzigste Jahr (152)

15. Februar 2016, ein Montag

Playa Papagayo

Dann Pizzeria

15. Februar 2017 14:42










Thorsten Krämer

Ich kann dir meinen Bart leihen, wenn

du magst, der Wind in den Dünen kann
sehr scharf werden am Abend. Andererseits
nützt es nichts, wenn ich mich erkälte, also
teilen wir uns besser den Bart. Ich habe

ihn extra wachsen lassen seit dem ersten
Tag unserer Bekanntschaft, du hast diese
Weitsicht an mir schon immer zu schätzen
gewusst. Wir werden uns ein Haus bauen

aus meinem Bart, darin verbringen wir
die dunklen Tage, deren Namen ich gerade
vergessen habe. Es ist übrigens sehr gut
vorstellbar, dass du gar kein Haus willst

so nah am Sand — auch darauf werde ich
vorbereitet gewesen sein.

16. Februar 2017 09:01










Gerald Koll

Das fünfzigste Jahr (153)

16. Februar 2016, ein Dienstag

16. Februar 2017 09:51










Christian Lorenz Müller

DER DIE WELT ZERFLOCKT (Fotografien von Johannes Seyerlein in Haiku)

I

Etwas wie Schnefall
zwischen Stamm und Zweig, Schneefall
der die Welt zerflockt.

Und das Auge irrt
nach Konturen, erkennt nichts,
erkennt nur sich selbst.

Und die Betrachtung
wird zum Biwak. Du weißt dich
draußen, weil du frierst

II

Dann zieht sich der Schnee
auf Stämme zurück. Birken
wissen vom Winter.

Der schmelzende Schnee
schwärzt die Erde. Was weiß war
klebt an den Stiefeln.

Und das Unterholz:
Ein feuchter Verhau, der dir
all das Dunkle zeigt.

16. Februar 2017 10:12










Gerald Koll

Das fünfzigste Jahr (154)

17. Februar 2016, ein Mittwoch

Der Hochwald. Die Grottenwanderung. Die Krebse im Wasser. Der César Manrique.

Das Mirador El Rio. Die Aussicht. Der Timm Thaler. Das Essen. Die Verstimmung.

17. Februar 2017 14:07










Hendrik Rost

Beweisfoto

Schweden

Sieh genau hin: Eine Meinung wird gebrochen durch den, der sie hat,
und zeigt seine eigentliche Position.
Ich war von morgens bis mittags im Zimmer
der Sterbenden. Sie atmete nur noch aus.
Bin dann zum Essen gegangen. Es gab Huhn,
Rüben und eine Art Kartoffelbrei mit säuerlicher Soße.
Der Schokopudding hatte Altersflecken.
Als ich zurückkam, war sie gestorben. Eine Hand
lag auf der Brust.
Ich atmete ein, was von ihr noch im Raum war,
die Gardine wehte hinter ihr,
auf dem Regalbrett stand Lebenshilfe, unangerührt.
Meiner Meinung nach war ich hier und sie
war ein Körper. Beide waren wir allein.
Und ein Fasan scheucht uns durch den Staub.

21. Februar 2017 16:12










Thorsten Krämer

Schrödingers Staubsauger

Wir machen es uns im Vakuum gemütlich und machen
das Vakuum kaputt dabei. Was bleibt, ist ein ausgestopftes Gerät.

Der Präparator, ein großer, hagerer Mann, nickt
mit der Autorität dessen, der den Tod unter rein
kosmetischen Aspekten betrachtet.
In seiner Hand: ein vielfach verknotetes Verlängerungskabel.
Das Oberlicht streut methodisch.

Für das bloße Auge nicht sichtbar, liegt in der hinteren
rechten Ecke der Erklärbär und schläft. Sein Schnarchen
ist schon von draußen zu hören. Es bringt alles zum
Vibrieren: den Boden, die Wände, den Staubsauger
und sogar den aufgeblähten Beutel in seinem Innern.

In diesem Experiment sind wir nicht die Betrachter.
Wir sind die Aufgesaugten, deren Zustand kritisch ist.

Der Präparator, ein kleiner, dicklicher Mann, legt
Nadel und Faden beiseite. Er kann sich nicht erinnern,
wann er zuletzt Ferien gemacht hat.
Auf dem Tisch: die Betriebsanleitung, ein vielfach über-
schriebener Stapel Altpapier.

*

gerlach en koop, Gebalgde stofzuiger (Stuffed Vacuum Cleaner), 2015

23. Februar 2017 14:07










Gerald Koll

Das fünfzigste Jahr (155)

25. Februar 2016, ein Donnerstag

Bin wieder in Berlin. Etwas bedauerlich, dass ich das Ladegerät nach Lanzarote mitzunehmen vergaß, denn innerhalb der Doppelpaar-Dynamik ergaben sich immer wieder Vibrationen. Das Zweisamkeitsbedürfnis von Frau S. ist höher als meines. Das andere Paar, spürbar länger verpaart als wir, geriet in wunderliche Reizbarkeiten, angespornt durch unterschwellige Konkurrenz.

Lanzarote liebenswert zu finden, ist nicht schwer. Es hat Kliffe, Berge, Vulkane, Küsten, Grotten, eine Ortschaft namens Nazareth und viele Bewohner namens Jesus. Einer davon ist Aikido-Lehrer und betreibt ein sehr schönes und warmherziges Training.

Auf Lanzarote hat übrigens jemand anders mehr zu sagen als Jesús. Das ist César. Lanzarote steht fest im Bann des Lanzarote-Erfinders César Manrique. Um ihn wird ein seltsamer Kult betrieben. Seine obsolete 70er-Jahre-Kunst definiert das (künstlerische) Selbstverständnis der Insel. Manrique gilt als Vorreiter des naturverträglichen Tourismus, stak aber so tief in den 70ern, dass sein „Garten der Krebse“ heute irgendwie verhunzt wirkt. Ein echtes Scheißmuseum mit furchtbaren Räumen voller Diagramme und verblichenen Erklärungen. Hinwiederum apart: Kellner mit altmodischen Westen, womöglich vom Meister selbst geschneidert. Sie bedienen an Tischen mit monströsen Aschenbechern, die Generationen von Rauchern überleben werden. Fraglich, ob Lanzarote Manrique verträglich fand. Auch ohne ihn verfügt diese sehr wüste und verschüttete Insel über eine erfrischend robuste Natur: mondhafte Gesteinsfelder, pompöse Gischten, abenteuerliche Versandungen.

Peinlichkeit beim Bezahlen im Verwalterbüro. Die Vermieterin verlangte mehr, als unser Kontaktmann und Wahl-Lanzarotiner O. (auch er liebt übrigens einen Mann namens Jesus) gesagt hatte. Wir hatten also zuwenig dabei, nörgelten halbherzig, und man vertagte sich schmallippig auf den nächsten Tag, um die Nachzahlung zu leisten. Zu unserem Unglück kam aber unser Wahl-Lanzarotiner O. ins Gehege und wollte die Sache klären, schritt forsch aus unserem Bungalow ins Büro, schritt bald forsch aus dem Büro in unseren Bungalow und verkündete forsch, wir müssten tatsächlich nachzahlen. Zu dem unliebsamen Termin erbot sich Frau S., die ich aus einem unsinnigen Galanterie-Reflex heraus begleiten wollte, um als Adjutant meine Kavaliers-Pflicht zu erfüllen. So also betraten wir beide am Folgetag das Verwalterbüro, Frau S. flötete Entschuldigungen gegen die deutlich angepisste Vermieterin, die nun leider kein Wechselgeld hatte, sodass Frau S. zum Geldwechseln in den Supermarkt musste und mich, der ich als unsinniger Schattenmann hinter ihr gestanden hatte, als Geisel zurückließ. In dieser Wartezeit, bestimmt fünf Minuten lang, schwiegen die Vermieterin und ich, taten aber auch sonst nichts, sondern tasteten lediglich mit unseren Blicken die leeren Wände ab. Diese Zeit gehört zu den großen, ja: unvergesslichen Momenten der Verlegenheit.

Der Rückflug verlief ohne Erbrechen.

25. Februar 2017 18:30










Gerald Koll

Das fünfzigste Jahr (156)

26. Februar 2016, ein Freitag

Heute leitete ich meine erste eigene Aikido-Stunde. Die Hälfte aller Schüler habe ich selbst mitgebracht: das war Frau S.

26. Februar 2017 13:37