Mirko Bonné

Die Bienen von Fuhlsbüttel

Über Nacht, so scheint es, über Nacht
sind alle Blüten gekommen. Die Bienen
schwärmen aus, sie fliegen, beschwingt
vom ersten dünnen Aprillicht über den
silbernen Rollbahnen. Wissen Bienen,
dass die schöne Saumseligkeit eine
vorgetäuschte ist?
mmmmm mmmmmFlughafenbienen!
Erhöhte Schadstoffbelastung der Luft
lässt sie in ihren Kästen bleiben, Licht,
Duft weitgereister Flugbegleiterinnen,
den Margeriten in Kübeln zum Trotz.
Fliegen die Bienen, fliegen Maschinen.
Über Nacht, so scheint es, über Nacht.

8. September 2012 05:19










Mirko Bonné

Olympiade

1-Meter-Lauf der Gartenkräuter

Zieleinlauf
Bahn 1: Pimpernelle (FRA) 5 Mon, 28 Tg, 17 h, 3 min, 26 sec
Bahn 2: Zitronenmelisse (DEN) 5 Mon, 27 Tg, 23 h, 23 min, 17 sec
Bahn 3: Schnittlauch (GER) 5 Mon, 28 Tg, 12 h, 25 min, 19 sec
Bahn 4: Kerbel (GB) 5 Mon, 27 Tg, 22 h, 58 min, 38 sec
Bahn 5: Bohnenkraut (RUS) 5 Mon, 27 Tg, 23 h, 15 min, 42 sec
Bahn 6: Petersilie (USA) 5 Mon, 29 Tg, 2 h, 5 min, 54 sec
Bahn 7: Thymian (GR) 5 Mon, 27 Tg, 22 h, 55 min, 3 sec
Bahn 8: Minze (ITA) 5 Mon, 29 Tg, 12 h, 3 min, 19 sec

Bronze: Bohnenkraut
Silber: Kerbel
Gold: Thymian

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10. August 2012 21:29










Mirko Bonné

Im Bienenkeller

Summ weiter, erzähl,
was du noch keinem sagtest,
spreiz sie, zeig
die dunkle Flügelmitte

tief in der Nacht im Bienenkeller,

dein Kind im Bett,
im Honigschlaf,
doch du bist wach, komm zeig,
was du dir erzählst.

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29. Juli 2012 13:49










Mirko Bonné

Widerstände

7 – Jürgen Becker: „Wenige Leute stehen am Ufer, schauen aus den Fenstern, warten an der Bushaltestelle, haben einen Schirm bei sich, helfen einer Dame in den Mantel, betreten sonntags ein Bergwerk, fahren eine Maybachlimousine, wollen es ungemütlich haben, schaffen es bis zur Todeszelle, bevorzugen unreife Äpfel, verwechseln die Wohnungstür, essen lieber schlecht als gut, gehen lieber im Regen spazieren, sind immer die üblichen Verdächtigen, gehen Hand in Hand über die Dünen, kennen sich noch in der Reichskanzlei aus, kaufen im Januar Kirschen, planen für die Zeit nach ihrer Wiedergeburt, sammeln Kippen von der Straße auf und rauchen sie zu Ende, trifft der Blitz, blicken hinter die Kulissen, leben als reiche wie arme Leute, wechseln zweimal am Tag das Hemd, haben eine Waffe im Haus, trinken vor dem Frühstück ein Bier, warten im August auf Schnee, sind unter den Trümmern gefunden worden, haben dauerhaft Glück beim Glücksspiel, erreichen schwimmend die englische Küste, sind ehrlich genug, gehen Holzsammeln im Wald, haben ein Fahrrad gestohlen, haben die Niederlage erhofft, lehnen die Freiheit ab, stehen am Zaun, können sich an den nächtlichen Traum erinnern, bezahlen für viele, warten noch auf fließendes Wasser und Strom, würden es wieder freiwillig tun, passen in einen Kahn, verschwinden plötzlich.“

Jürgen Becker wird heute 80 Jahre alt.

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10. Juli 2012 15:56










Mirko Bonné

Eine Levitation

Die jubelnde Frau
auf der Ehrentribüne,
in dem grasgrünen Kostüm
die Kanzlerin springt,
schwebt und hebt ab
hoch in die Luft,
ein Ball, Ballon,
ein Kohlkopfluft-
schiff über Toren,
dem Anstosspunkt,
Mittelkreis, Rasen
und dem Stadiondach
ins finstere Nichts
der Nacht und ist
in Sternbildern
und Starwolken
unbezahlbar
nirgendwo funkelnd,
nirgends mehr zu finden.

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26. Juni 2012 13:52










Mirko Bonné

Als Belgien furchtbar war

Als es darum ging, etwas
zu sagen. Als wir hineinstarrten
in das Himbeergebüsch. Als keine,
keine Antwort kam. Als die Nacht
nicht aufhören wollte. Als sie
aufhörte ohne Klagen. Als
die Schmerzen nachließen,
als keiner mehr etwas wusste
gegen Schmerz. Als ich wieder nur
dich liebte. Als du mich fast vergaßt.
Als die Kirchen einstürzten. Als er starb,
der Elefant, der Angst hatte vor der Umsiedlung
nach Belgien. Als wir endlich verstanden,
warum. Als einer das Gras mähte.
Als das Gras weiterwuchs.

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16. Juni 2012 23:24










Mirko Bonné

Willkommen, neuer Fisch!

Nach langer Zeit, liebe Leserin und lieber Leser, kann DER GOLDENE FISCH Zuwachs vermelden. Ich freue mich, die 1980 in Mannheim geborene Lyrikerin Carolin Callies in den Schwarm einladen zu können. Ihre Gedichte klingen nach Konkreter Poesie, vielleicht Wiener Schule, doch sind bei genauerem Lesen und Hinhören ganz neu und anders, voller Verweise auf Erinnerungen und Sinnlichkeit, dabei stets dialogisch und deshalb von fruchtbaren Zweifeln und verblüffendem Witz getragen. So Carolin Callies‚ „kopien vom mähen“:

du hast kopien vom mähen gemacht,
ordnungsfanaktiker, der du bist
& hast mir dabei schwierigkeiten eingehandelt:
sie handeln von obst & unbeholfenen orten,

die teilten wir in beschnittne gebiete – durch linien, blau & rot & anämisch gleich.
da blieb nicht viel, nicht viel an belohnenden ressourcen.
bis hierhin: wenns noch langweiliger wäre, schnitten wir es einfach raus
& fädelten es neu auf – als koordinaten in den halmen.

Ich freue mich sehr, Dich bei den Fischen zu wissen. Herzlich willkommen, Carolin!

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11. Juni 2012 13:13










Mirko Bonné

Schilder

Lass uns langsam die Tage zählen,
die zu zählen bleiben.
Du deine bei den Tieren,
den Schildern,
die du ihren Namen gemalt hast,
Glanzstare, ich
zähle die Tage der Namen,
von allen Robinien herausgerufen
und flüsternd im Gras.
Die Bücher und ich,
wir haben sie übersetzt
für dich bei deinen Schildern.

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8. Juni 2012 10:47










Mirko Bonné

Widerstände

6 – Farhad Showghi: „Die Stille war eine Hosentasche und keine Lüge und ist kurz da gewesen. Jetzt aber fahren Autos vorbei aus allen erdenkbaren Gründen, es legt sich ein Rauschen dazu, Kinder rufen und ich habe nur noch eine Hosentasche und eine Hand. Ich werfe einen Blick in den Himmel, ziehe einen Pullover an. Der Pullover hat die Wahl Pullover zu bleiben oder rechts Wolke mit Birken auf Brücke zu sein. Wäre ich jetzt selbst Pullover, würde ich die Entscheidung hinauszögern bis zum Horizont. Und ich frage mich, was aus der anderen Hand geworden ist. Hätte ich doch schon Wolke mit Birken auf Brücke an. Läge mir die Stille den Unterarm.“

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2. Juni 2012 14:14










Mirko Bonné

Widerstände

5 – Peter Handke: „Er suchte zwar den ganzen Platz ab, blickte in die anfahrenden Autos, aber das war nur noch eine Formsache. Das nicht Ausdenkbare war um so fürchterlicher wirklich. Er wollte sofort wahnsinnig werden, als sei das die letzte Rettung. Nur im Wahnsinn wäre alles rückgängig zu machen, und DIE TOTEN WÜRDEN WIEDER LEBENDIG WERDEN! Man könnte für immer mit ihnen zusammen sein, ohne Todesgedanken … Doch statt daß es ihm gelang, sich in einen Wahnsinnigen zu verwandeln, stellte er es sich nur ohnmächtig vor. Er blieb gräßlich wach. Seine Händen tasteten selbsttätig, mit einem unbekannten Genuß, überall im Gesicht die Knochen ab. Er nannte dem Parkwächter ruhig und besonnen, wie dieser später sagen würde, seine Adresse, sagte, er wolle die Polizei verständigen, und machte sich auf den Weg quer durch die Stadt nach Osten.“

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Siehe dazu auch: Die weiße Seite

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Im Andenken an Käte Mint, 22. Mai 1920 – 12. Januar 1998

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22. Mai 2012 21:07