Mirko Bonné

Venceremos

Auf dem Parkplatz drüben, der Mitte
des grauen Morgens, lehnt eine Frau
mit Wintersonnenbrille an ihrem Auto.
Sie raucht hastig. Sie scheint zu warten.

Nur kommt keiner. Und es wird nicht hell.
Leichter Sprühregen, in dem sie ausharrt,
in die kahlen Wipfel zu den Krähen blickt,
auf ihre Uhr aus Gekrächz und Gekrächz.

Der Augenblick, vorbei. Der Paketdienst
liefert Pakete. Aus einem roten Reisebus
mit spanischem Schlachtruf an der Flanke
steigt ein Blasorchester. Worauf warten?

Such keinen Ausgang, such den Eingang.
Jeden erwartet viel Besseres als Träume!

*

4. Januar 2016 13:09










Mirko Bonné

Dub

Dub? Dahin geht es
bergan, bergauf, bergan,
so kommst du nach Dub.
Nur was anfangen da?
Da endet bloß alles.
Dort gibt es ja nichts,
es ist alles aus in Dub,
Dub ist selber nichts.
Es ist nicht Žrnovo.
Es ist auch nicht Brno.
Dub war noch nie Dubrovnik.
Wer nach Dub kommt, fragt sich:
Das hier also soll Dub sein,
dieses durchsichtige
dubiose Dunkel?
Duplizier Dub,
und du bekommst
nichts, du kriegst
nur Dub. Aber gut, los,
geh nach Dub! Dub wird dir
zeigen, wie es ist: Dub!
Dub ist, wie du bist.
Also bist du Dub?
Du musst Dub sein.

*

18. Dezember 2015 15:14










Mirko Bonné

Vela Luka

In den hohen Oliventerrassen,
wo Lavendel wächst, Fenchel, Majoran,
wenn du zwischen den Steinzäunen hindurch
dort in den Mittag wanderst, achte
auf den hornissengroßen Vogel
oder Fastvogel, Schwärmer,
sein Schwirren
von Blüte zu Blume,
Blume zu Blüte. Im Flug
taucht sein Schnabel in alles
bunte Offene, in jeden Lichtmund,
und es gibt für ihn keine Sonne, keine,
die zu schwach wäre. Lass Falter gaukeln!
Schwarze Raupe steigt vom Dach
des Trafostanicahäuschens
ins leuchtende Gras,
wartet auf nichts,
erwartet nichts,
geht und ergeht sich
mit einem Schwarm Luft
trinkender Fische als Beine. So
solltest du vielleicht auch gehen? Ja.
Komm und bleib eine Weile, bevor du
unten am Hafen verschwindest,
wo die Lastwagenfähre
lautlos die Bucht zerteilt und
im Schatten die Kräutergärten schlafen.

*

10. Dezember 2015 13:51










Mirko Bonné

Peinlich Gierig Dummdreist Adolf

PEGIDA NACH ALEPPO!
PEGIDA NACH ALEPPO!
PEGIDA NACH ALEPPO!
PEGIDA NACH ALEPPO!
PEGIDA NACH ALEPPO!
PEGIDA NACH ALEPPO!
PEGIDA NACH ALEPPO!
PEGIDA NACH ALEPPO!

3. November 2015 18:27










Mirko Bonné

Mittagsschlaf

Zeit war es, dass es Zeit war?
Nie war’s Zeit gewesen, nie
würde es Zeit werden. Es war
die Zeit der Spinne, der Schlange.
Sie waren Mauereidechsensekunden,
diese Minuten des Hundertfüßlers, und
wurden endlich zur Heuschreckenstunde,
zu den Zikadentagen. Im Jahr der Agave
lehnten wir schlafend in der Macchia
an einem entzweigegangenen Boot.

*

6. Oktober 2015 15:01










Mirko Bonné

Die Sommer in Rouen

Schiffe vor Anker auf der Seine
bei Rouen. Und im Gras am Flussufer
Monet, der die Frachtsegler malt,
dazu drei weitere Bilder,
links Flieder im Sonnenlicht, rechts
Flieder bei trübem Wetter, und wendet er sich
nur zwei Schritte in Richtung Giverny,
dann warten da auf der Böschung
vielleicht zwei Sommer lang
in hellstem Gegenlicht
seine Frau, Camille,
Camille mit grünem Schirm,
ja, und der Junge, Jean, das Gesicht,
den Kopf inmitten vorbeiflutender Wolken.

*

13. August 2015 11:50










Mirko Bonné

Die Stare im Mohn

Der Busch, voll schwarzer Blüten,
  mitten im Mohn, als du morgens
vors Haus gehst, in die Grasdünen,
  der sonderbar schwarze Strauch
sprüht davon, steigt auf, der Rest
  der Nacht rauscht ab in die Bläue,
    den vorüberfliegenden neuen Tag.

*

29. Juli 2015 20:47










Mirko Bonné

Trost

Im Juni nur Regen,
ein Regen, der Regen,
wie Regen, wieder Regen.
Aber dazwischen du, du,
du und du, und du, du,
du und noch mal du,
mit deiner durchsichtigen,
duldsamen, mitunter dunklen,
durch und durch weichen,
warmen und blassen
nassen Haut.

*

4. Juli 2015 14:48










Mirko Bonné

Jetzt und hier

Wenn du mit deinem Duft so
zu mir kommst, seh ich deine
jungen Augen, sehe die Zeit
und sehe darin ganz dich.
Wenn du mit deinem Duft
dich zu mir legst, atme ich ihn,
ich atme dich ein, ein Atemglück.
Dann atme ich mich mit dir zurück.
Es wird eine Zeit ohne dich geben,
eine Luftleere und Zeit ohne Atem.
Und eine Zeit wird es geben ohne
mich für dich. Jetzt sind wir hier.
Jetzt aber bin ich hier bei dir.

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14. Mai 2015 11:22










Mirko Bonné

Glück und Zufall in Köln

Immer unverblümter, diese wilde Lust,
alt zu sein! Vorauseilender Gehorsam
eines dreibeinigen Terriers im Nebel.
Man hamstert die Weisheit mit jedem
an den Gaumen gepressten Schluck.

In Köln hörte ich einen Straßenkehrer,
der Tauben fütterte, alles Gift der Welt
auf die Brut Luftratten herabwünschen.
In Abwehrhaltung, die Fäuste erhoben,
fragte ich ihn nach dem Weg zum Hotel
und stand dann im Flandrischen Viertel
im selben Zimmer wie vor zehn Jahren.

Glück oder Zufall, überlebt zu haben?
Gleichmütig flogen im leeren Innenhof
Tauben um funkelnd an einer Platane
lehnende Schlafzimmerschranktüren,
eh sie in den Spiegeln verschwanden.

Für Julia Trompeter

*

15. April 2015 11:24