Sylvia Geist

Floralsatire

Hinterher fanden sie mich halb versunken neben einer
Parkbank, Dreck im Pelz und zwei rote Nelken in den Augen.

Der andere kannte mich nicht, aber morgen beweisen sie,
ich war Spielmann, Wolfsbändiger, bockböser Nachtschaden,

am Ende hungernder Eintänzer. Doch selbst versetzt mit Alkohol
und Salz bin ich ein Brutkörper, voller Leben. Es hängt an mir.

Mädesüß sprießt es in den Hotspots der inneren Besichtigung,
blüht im Thorax auf, sprengt das Cranium, es wimmelt

wie von Sommerschnee in meiner aufgesägten Laube, wie früher,
als ich noch mit Löwenzahn eroberte. Eine Menge habe ich

auch mit Blumensträußen erreicht, die ich irgendwohin warf,
und Juli kam mit Rose, dann Iris, Jasmin, Erika usw.

Von meiner Art sind nicht mehr viele. Hundeplätze grassieren und
Inkasso. Und die Besserungsphrasen an kranken Betten, Nelken –

im Ernst, meine Jagd ist heut ein Comicstrip auf altmodischen Vasen,
denen sie die Mäuler mit Nelken stopfen. Für mich keine.

noch mal für Arne, nach dem Gedicht „Der Nelkenherr“ von Rautenberg

5. August 2016 10:47










Sylvia Geist

Von anderswo

In der Auslage der Kurzwarenhandlung hält
eine Prozession Elefanten, Schwarzwaldmädeln,
balinesischer Tänzerinnen. Almdudler umzingeln
die Delfter Windmühlen hinter den Mönchsbergen
der Schneekugeln. Nadeln, Garne, Borten fehlen,
statt Knöpfen sind Köpfe erhältlich, Sissis ganz
natürlich im Romylook, Mozarts auf zwei Tellern.

Hinter Swarowskis, Starbucks´, H&Ms Botschaften
ist das die Wechselstube, die dir den übrigen Schein
aus dem Gedächtnis in härtere Währung tauscht.
Der Kurs ist logisch, enttäuschend und repräsentativ:
Sissi erinnert an Paris, Mozart an eine Reise nach Prag
(auch an Hüftgold), alles ans Typische von sonstwo,
an das du überall kommst außer in einem Geschäft

mit Kurzwaren. Über der Menge, wie sie gestrandet
und vertrieben von den großen Handlungen, hängt
mit Blick auf die Pferdeschwemme ein Einhorn aus
einer violenten Saga – du nähmst es mit, um anderswo
daran zu denken, existierte der Laden noch. Anderswo
ist ein Putsch, eine Sage von Entfernung und Verlangen,
erzählt in der Transitzone (diesmal Salzburg, wirklich

mit Salzach und Burg und den abgesoffenen Gäulen
in den Brunnen), in einer bankrotten Filiale Arkadiens,
versteckt in den vernünftigen Arkaden, die Knöpfe
nicht verkauft, aber birgt, wenn im Näherbedarf
die erloschenen Schubkästen hinter dir wieder
aufgehen, in schöne fremde Münzen für die einen,
für die Konquistadoren in brüchiges Horn.

10. Juni 2016 18:26










Sylvia Geist

Nähen auf salzburgisch

10. Juni 2016 18:26










Sylvia Geist

Am Ameisenstrand

Die frischen Wohnhalme, die Arbeiterinnen,
die mit den unbezahlten Leben übern Trichterrand
der Siedlung rieseln, ihren kleinen grauen Löwen
Traurigkeit wecken: Alles klar wie die Skyline
hinter van Eycks Kathedralenwiese,

die bedachten Fronten, der Untergang
zwischen den Häusern. Erkennbar
hängt nichts zusammen unter der Sonne,
das nicht wäre wie ich oder du und anders
als unsere Hunde unberührbar, scharf.

Nie können wir das abzahlen, aber manchmal
trifft das Wehrlose das Wertvolle in der Leuchtschrift
über einer Kneipe, manchmal hält es wie Wörter.
Löwenmäulchen. Ameisenstrand. Manchmal
finden sich Attraktionen, Attribute wie klein, grau, arm

und -brust, Geisterdiät, diktiert von Mikroben,
Mirakel bis auf Millimeter, Mindestlohn. Streiche
klein und grau, wir finden uns am Rand und fallen
zusammen durch, bis dahin laufen wir, rieseln
berieselt von dem Monolog

unter uns oder darüber, und danken. Danken.
Kommen wir noch mal besser auf die Hunde.
Die laufen so mit als Scharren, Knarren,
die suchen und finden die Klinke, die Tür
wirft den Schatten, den wir wollen.

8. April 2016 20:30










Sylvia Geist

Fotobeweis

20. November 2015 11:22










Sylvia Geist

How a Poem …

—> Happens
William Carpenter im Gespräch

mit herzlichen Grüßen an Mathias

22. Oktober 2015 11:29










Sylvia Geist

Schatzsucher

Als Kinder waren wir wild
auf Katzengold und Flint, sammelten gelbe, rote
Ziegelstifte von Baustellen und glatte Parkwegkiesel,
auch die Scherbenjuwelen, die beim Supermarkt wuchsen,
am Schotterstrand der Zufahrt, wo die Lieferanten Kartons
mit Konserven aufstapelten. Manchmal schenkte ich dir

meinen Neid auf einen Splitter, der im Wasser funkelte und
den du wegwarfst, sobald er getrocknet war. (Dieses Suchen,
Verwerfen und Suchen, erbt man das, wird man angehalten
zu Fingerübungen des Aufgebens und Besitzens, ist es eine
Sehnsucht, sich endlich zu erinnern?) Ich fand einen Bernstein
vom Umfang meiner Daumenkuppe und war für Minuten selig

über etwas, das ich mir nie gewünscht hatte. Ein andermal
beglückte mich eine Kalkkröte, bevor sie als Briefbeschwerer
in Vergessenheit geriet und schließlich verschwand. Sagte ich
erinnern? Schön wäre es, von Merkwürdigkeit zu sprechen.
Dass alles eine besäße und diese Übermacht zu Entscheidungen
zwänge, die die Hände träfen. Tatsache ist, sie heben auf

und lassen los, oder halten fest, um dann loszulassen und
etwas anderes zu halten, das sich in sie fügt wie ein Pendant.
Das stecken sie in die Jackentasche, und wenn sie es finden,
später, merken sie es kaum, Steine unter Steinen, ohne das
was Steine wahren. An einer Küste im Süden glänzen sie,
die von der Brandung jährlich um eine halbe Fingerbreite

geöffneten Kartons mit Vorräten gepresster, gesalzener Sande,
umwickelt mit Seilen aus Quarz. Du kannst sie unmöglich
verfehlen. Fahr nach Hoëbaai, mach Rast mit den Büschen,
dann folge dem Trampelpfad, der über den Hügel schlängelt.
Von dort siehst du sie schon, aufgestapelt vor dem rollenden
Mauerwerk See, die zum Bersten vollen Kisten.

1. September 2015 12:55










Sylvia Geist

Die unsterbliche Taube

Die heute auf der Ulica Poselska hat ihren Kopf
ans Pflaster gelehnt wie an die Brust eines Kindes.
Ihr halbgeschlossenes Auge kennt mich, die Linie
ihres Flügels, ein flüssiger Schriftzug, sagt: Es gibt
keinen Frieden, und nichts geht mit dir zu Ende.

Stimmt, Pusteblume mit der Potenz einer Streubombe
jeder, so rutschen wir durch die Ritze Leben
der Welt aus dem Rachen, ihr unsterblich
übles Gerücht. (Apropos, ob Jack the Dripper Pollock
während seiner blauesten Periode in Peggys Kamin

pinkelte, ist fraglich, als unbestreitbar gilt jedoch,
dass die CIA seine freie Art zu schätzen wusste.)
Wir sind überraschend wie im Rankenspiel
einer Gardine die Blätter und bedeutend
wie die Amplitude eines gesunden Diktatorherzens

oder dieses Kleine, das blindlings auf die Taube tritt.
Freilich, solche wie sie bekleckern Hüte, Fahnen
und Markisen, es gibt sie als Button, Aufkleber,
Souvenir. Nichts zu wollen ist auch keine Lösung,
sagen manche, andere nennen es Erfolgsgeschichte.

6. August 2015 16:31










Sylvia Geist

Die Liebe in Zeiten des Aberglaubens

Die blaue Schüssel
voller Licht. Riesige Zerbrechlichkeit.
Welcher Atlas hält das fest?

Auf der Nachtseite der Kugel funkeln
die Waffen des vierzehnten Jahrhunderts.
Verzierte Messer, frühe Gewehre, und in unserem
Museum ruhen Artemis‘ Hunde noch auf dem Leib
einer Armbrust. Gib auf, sagen die Instrumente,
die Narben ihrer Intarsien: Wir wurden geliebt.

Helle Verzweifachung und
Frühling. Vollgesogen mit Bläue
schreit der Whiskey-Jack auf der Stromleitung
gegen den singenden Müllwagen an,
die Plastiktasche, Baumschmuck seit dem Herbst,
geht auf im Wind, eine Blüte so durchsichtig
wie der verschüttete Frühstückskaffee. Wahrer Jihad,
so der Vater eines toten Attentäters auf CTV,
das ist die liebende Sorge für die Familie.

Bete und geh auf
den Markt, einkaufen für ein Lieblingsgericht
in ayurvedischem Vermilion: carrots, pumpkin, pepper
in der Farbe der Sonne überm Morgenverkehr stadteinwärts.
Über Richmond glitzert die Luftbuswolke. Reines biscuit,
blaues china. In den Alpen sammelt man sich
nach der Rettung eines Flugschreibers. Denk daran, überall

lassen sich die Algorithmen deiner Fragen entschlüsseln.
Wisch die Rorschachflecken vom Zettel, lösch die Liste,
bete im Rythmus von Algen. Auf Miso. Und vergiss nicht
die Kokosmilch, den Curry aus Bombay! Jihad ist das
Lieblingsgericht. Die Kassenschlange im Marktparadies.
Küsse auf die goldenen Zehen eines Take-away-Buddhas
beim massenhaften Entern der Hochbahn.

Gib nicht auf. Dieses Seelending ist ein Kugelfisch
reinsten Wassers, voller Gift und Köstlichkeit.
Mach es richtig. Umarme die Schüssel,
full of gifts, mit dem, was du träumst,
in Wirklichkeit. Heavens of china.

Schneide den Kürbis, die Karotten, den Fisch
mit Liebe, poliere den Tafelaufsatz. Geh auf die Knie
um dieses Fußbodens willen. Bitte
für den Seelenfrieden der Piloten.

30. März 2015 02:32










Sylvia Geist

Golems in Weißensee

Wenn er ihr seine Handschuhe reicht im geweißelten Raum
der Anlage, ist es das Ritual vor einer Notoperation,
Vorbereitung einer Arbeit zur Erforschung der Lage:

Steine, Spätwintersonne, die kurze Selbstvergessenheit
der zwei. Sie könnten ein Paar sein, das sich auf der Suche
nach Verwandtschaft verlaufen hat, stundenlang

an einer Mauer entlang im Kreis wieder und wieder
Hoffnung schöpft, bis eines von ihnen eine Stelle erkennt,
ein im Efeu gekentertes Grab, einen Giebel jenseits der Mauer,

ein Tor, hoch wie zwei Männer mit Speeren gegen die
Erinnerungen der Toten, die Geister der Lebenden.
Er hat Ideen, Tickets für Reisen in Zeiten nach oder neben ihnen.

Sie denkt an eine Leiter. Einmal klettert er hinüber, verschwindet
auf der anderen Seite der Straße, während sie wartet,
seine Handschuhe in den Händen, und als er zurückkommt,

hat er für sie nichts Besseres als ihre Verwunderung. Ein Passant
hört sie und ruft die Polizei, doch die findet den Weg nicht.
Wir werden noch, scherzen sie, bei diesen Knochen enden.

Oder es ist in der Mitte – aber da irren sie schon, ernsthaft,
als wären sie mehr als Lehm auf Füßen, ins rauschende Herz
des Geländes, vom Dunkel gefasst wie die Lampe am Eingang.

9. März 2015 17:51