Sylvia Geist

Gewendetes Gelände

© Kai Geist

15. September 2009 12:02










Sylvia Geist

Serendip

Gleich hinter der Wasserfront
beginnt die Fahrt nach Indien,
übersetzt in erst gestern

der Abzweig, den man übersehen kann,
weiter die Stelle, wo es Beeren gibt
statt der ersehnten Raben.

Mit dem Aroma einer verschenkten
Mühe, genauer: von Brombeeren aber
wird es an einen Findling gelehnt leichter

Schlaf, der die Augen vergessen lässt,
dass sie geschlossen nicht sehen, und bis
heute fällt in Cambridge ein Apfel ins Gras.

25. August 2009 20:02










Sylvia Geist

Gewendetes Gelände

Gewendetes Gelände 2 © Kai Geist

© Kai Geist

18. August 2009 19:53










Sylvia Geist

Gewendetes Gelände

© Kai Geist

22. Juli 2009 19:51










Sylvia Geist

Silicium

wandwuchs als
würde morgen mit sand geflogen und auf zukunfts
asche gesiedelt. silo schwebgarten

haus: jeder
aushub ein sog der möglichkeiten negativ einer lawine.
wen ließ los was

einmal rollte?
wann? vater lehm ist gesellig in den schachteln
den wohnhalmen wankt wind.

keine frage
gibt er lieber zurück als die von kies
im zement. rieselnd. silent.

3. Juli 2009 10:09










Sylvia Geist

Bewegung des Tages

So viele hat es gegeben im Lauf der Zeit, dass man sie kaum aufzählen kann. Man hat die Arme in die Luft geworfen und in die Hände geklatscht. Manchmal hat man die auch überm Kopf zusammengeschlagen. Man hat vor offenen Schnürsenkeln gekniet, mit den Fingern Finger angestupst: „Schau mal, so…“ Man hat sich über aufgeschürfte Knie und eingewachsene Zehennägel gebeugt. Man ist über Spielplätze und Straßen gerannt, während man irgendwelche Beschwörungsformeln murmelte. Man hat die Arme ausgestreckt und kam gerade noch rechtzeitig. Man hat den Kopf in den Nacken gelegt und die Augen geschlossen. Man hat den Kopf in den Nacken geworfen und gelacht. Man hat den Kopf geschüttelt. Sich an ihn gefasst. Man hat sich den Bauch gehalten. Man hat genickt. Ratlos die Hände gehoben. Auch den Zeigefinger, das kann man nicht bestreiten. Man hat sich erst mal hingesetzt. Man stand herum und an. Man sprang auf. Man war stolz, gerührt, entsetzt, gespannt, verängstigt, mitgenommen, begeistert, erstaunt. Man blieb auf Trab und war daneben. Alles kam in Gang und ging weiter. Jetzt geht jemand los. Man steht da und hält einen Moment lang ganz still. Man stellt sich auf die Zehenspitzen. Dann hebt man zwei Finger an den Haaransatz. Man zieht den Hut.

für Kai

24. Juni 2009 12:59










Sylvia Geist

Ein, zwei Bemerkungen über die vielen Möglichkeiten, „Willkommen“ zu sagen

Um das hier habe ich mich gerissen. Unbedingt wollte ich das Vergnügen haben, Christoph W. Bauer im Goldenen Fisch willkommen zu heißen – obgleich der Geistesblitz, ihn hierher einzuladen, gar nicht von mir stammt, sondern von Mirko.
Ja, ich habe mich regelrecht vorgedrängelt, und jetzt, da es ernst wird mit der Begrüßung, stehe ich vor einem Problem. Denn wie stelle ich das nun am besten an, bei so jemandem?
Ich könnte aus einer Laudatio auf ihn zitieren: „Bauer gehört zu den Autoren, die rar sind im Lande. Er ist voller Skrupel, behelligt Menschen nicht aufdringlich mit seinen Texten.“ Und: „Diese Gedichte sind Christoph W. Bauer.“ (Anton Thuswaldner)
Ich könnte Christophs produktive Vielseitigkeit erwähnen, seine Romane, Herausgaben, Lyrik. Ich könnte über die Freude schreiben, die seine Gedichte in mir auslösen, über den Rausch beim Inhalieren der glänzenden, rasanten Wortschöpfungen, der lebendigen, hochkomplexen und dabei ganz kristallinen Syntax, über das erstaunliche Vermögen auch, Fremdwörter zu fremden Worten zu machen, zu verführerischen, coolen Sirenen, und über das, noch erstaunlicher: dermaßen leichtfüßig das „land in unsichtbaren atlanten“ abschreitende Wissen, das diese Gedichte mit dem Leser teilen wie gute Gastgeber, freigebig und so selbstverständlich, dass man sich fühlt wie zuhause.
Ich könnte erzählen, wie ich ihn, nachdem wir vor Jahren schon im Rahmen des schönen, von ihm initiierten Zeitschriftenprojekts „Wagnis“ Schriftkontakt hatten, erst kürzlich kennengelernt habe, als herrlich unkonventionellen Denkspieler und Gedicht-Gesprächspartner.
Und ich könnte – endlich! – ihn zu Wort kommen lassen, mit einem Auszug aus seinem Gedicht aus 70 Gedichten „supersonic“, aus dem Abschnitt „aprikosen“:

XVI

läufst die glieder gegossen zu klöppeln
im stirnrad der pflichten
aus dem dickicht
aufgefächerter gebärden

denen du die tage bezwingst stadtein
übern markt dir selbst feil
geboten und taub
für offerte längst wieder

verkauft zwischen geflechten voll licht
aus den sekunden gepflückt
von gesängen über
mütigen schüben ganz

plötzlich
die saftigen lieder in aprikosen
fabulierender kindersommer im mund

*

Lieber Christoph, gemeinsam mit Mirko und allen im Goldenen Fisch freue ich mich über Deine Ankunft hier.

9. Juni 2009 14:07










Sylvia Geist

Strontium

hiesige himmelsrichtungen
nach zehrschäden und heuschreckenvöllerei zu bestimmen wäre leicht
südliche lebensläufe zu unterscheiden von solchen aus unseren provinzen
    ein kinderspiel in jahrhunderten die heimat unserer leibspeisen festzustellen
gäbe es schon methoden. übrig blieben überallkarten in
knöchernem esperanto

vollständiger entschlafen
in einem künftigen smithsonian als im erdarchiv die
vor uns. niemand der sie lesen könnte – besonders nachts
    wenn du die ganze straße überblicken könntest weil niemand
dich ablenkt davon reist der glaube weit. aber
nicht allein

zu sein
ist ein zimmer im raum. im dunkel wohin
wir dauernd unterwegs sind die gezähmte landschaft ringsum auch
    die blüht ihre große rapsfeldfreude die lautstärke am mittag
und wie es sein kann mit plänen und
auf lavendeltreppen.

    Schön, dass Du hier bist, lieber Martin!  

     
5. Juni 2009 14:27










Sylvia Geist

Meer

II.

Salzgrammar, nicht erlernbar, löst das Schild,
es warnte vor Ausgestorbenem,
Geschichten, Erinnerungen alter Männer.

Geordnetes Plankton, fünfzig Seiten, das Weiße
des Wals aufzuschlagen, das harpunierte Nichts,
einmal für alle beschrieben der Nährwert

der Unart. Ganz zu schweigen vom Leviathan,
was könnte besser gelingen. Wolkencargo,
Fixsternzirkus, kein Gewerbe meiner Augen.

Mein Schiff kam auf dem Weg der Laute,
aufgeschnappt, gefressen wie Krill,
Manna, als ich Kind war. Ich hörte sie

auf Gischt, die Pequod, die Wachen,
sich ablösende, einander zugewandte
Wörter, in jeder Muschel die Turbine

Tiefe. Raum ist, was ich nicht verdränge, Kleinstes
steigt auf in vegetabilen Galaxien, friedvolle Silben,
die Bläue beginnt, der Atem zu flüstern.


Auch von mir ein herzliches Willkommen, lieber Björn.

20. Mai 2009 12:12










Sylvia Geist

Kennwort Aprikose

Wenn ich an Aprikosen denke, erinnere ich mich an den Aprikosenbaum, den meine Tante aus einem Kern gezogen hat. Inzwischen trägt das Bäumchen schon selbst Früchte, kleine gelbe, angenehm kühl und fest in der Hand liegende Aprikosen, die mehr nach Gartenluft als nach Obst duften. Bei einigen lässt sich der narbige Stein darin leicht öffnen, springt fast von selbst auf und gibt den fruchtbaren Kern frei, die Mandel, ein Flämmchen wie der Kern des Wortes „Aprikose“, apricus, „sonnenbeschienen“, womit die erinnerten Aprikosen mich nun daran denken lassen, dass sie wirklich eine Übertragung von Sonne sind, von Strahlung ins Stoffliche, in Haut, Fleisch und Stein der Frucht, so wie ein Wort seine Übertragung ins Physische erfährt, sobald es gesprochen wird, wenn es Atem wird, Schallwelle, bewegte Luft.
Höre ich das Wort „Aprikosen“ , wandelt es sich, enthält plötzlich mehr als seine Ethymologie, das gehörte Wort führt weiteres mit und wird damit selbst ein Weiteres, es echot im Klang buchstäblich ein Anderes, das selten gewordene Verb „kosen“.
Das althochdeutsche chosôn war ein reich entwickeltes Wort, das mal als Adjektiv, mal als Verb auftretend und in zahlreichen Kombinationen die Vielgestaltigkeit menschlicher Rede bezeichnete: als chôsîg und chleinchôsîg bedeutete es „beredt“, flankiert vom Hauptwort chôsîgî für „Beredtsamkeit“, als vilichôsîg hieß es „geschwätzig“, als argchôsôn „übelreden“, „verlästern“, als widarchosôn „widersprechen“. Diese und noch andere Formen und Bedeutungen umgeben wie Faserschichten, wie Fruchtfleisch, den Kern von chosôn. Über ihn lässt sich eigentlich nur noch spekulieren, doch es wird angenommen, dass er vom lateinischen „causari in seinem späteren Gebrauche für das schleppendere alte causam dicere u. ä., vom Reden vor Gericht“ herrührt. Dafür sprächen romanische Wörter wie das altfranzösische choser – „zanken“, „tadeln“ – oder auch chausar im Sinne von „sein Recht geltend machen“.
Diese Annahme gefällt mir, führte sie mich doch über einen ausgedehnten Bogen zurück zu der Kreuzung zwischen Sprache und Gerechtigkeit, wie sie Peter Waterhouse in seinen, ebenfalls im oben erwähnten Band enthaltenen, Ausführungen zu Carl von Linnés „Nemesis Divina“ betrachtet. Linné, so erfährt man, schöpfte aus allen erdenklichen Quellen, aus dem Buch Hiob wie aus Senecas Schriften und Vergils Hirtengedichten, er zitierte aus den Psalmen und Lucullus´ Sieg über die Parther herbei, sogar eine Revolte in Russland, und das Zusammenstellen und -führen dieser Zitate aus derart weit voneinander entfernten Orten und Zeiten diente keinem anderen Zweck, als seinem Sohn, der ebenfalls Carl von Linné hieß, einen Einblick zu geben „in die ausgleichende Gerechtigkeit der Welt“ – als wäre es nicht nur möglich, Recht zu sprechen, um es zu üben, sondern, wer weiß, gar nicht anders als unter dieser Voraussetzung möglich! Dieser Gedanke hätte einiges für sich, vor allem die fast utopische Vorstellung, im Bewusstsein der Schnittstelle zwischen „reden“ und „Recht sprechen“ die „Rede“ weniger als rhetorisch denn als moralisch definierte Sprechhaltung aufzufassen.
Doch ganz so einfach war der Zusammenhang zwischen chosôn und causari nicht beschaffen, man sieht immer noch erst den Stein der Frucht, sieht noch einige der ihn umlagernden Bedeutungsfasern, nicht aber den Kern, das Flämmchen der Mandel. Die Bedeutungen des lateinischen und des deutschen Wortes stimmten nicht eins zu eins überein, deshalb glossierte das deutsche recht differente Wortfelder, die – wie zum Beispiel bei gichôsi für oratio – mit einem Zusatz besonders bezeichnet werden mussten: dingchôse für das Reden vor Gericht stand zum lateinischen rhetorico syrmate offenbar in keiner verwandtschaftlichen Beziehung. Also doch nur Rederei, aber keine Gerechtigkeit in chosôn, geschweige denn der Funke einer nemesis divina? Aber, oder vielmehr wieder nein: „Was für causari spricht, ist der merkwürdige Umstand, dasz lat. causa früh volksmäszige Aufnahme gefunden haben musz, nach kôsa (…) causa, Rechtshandel in deutsche Begriffe übersetzt, die Streitsache eines Zweikampfes (…) Das musz aus römischem Rechtsleben auf deutschem Boden entstanden sein, und zwar sehr früh, vielleicht noch vor der Wanderung.“
Darum ding-chôse, nach der Rechtssache, ja, aber mehr noch nach der „Sache“ selbst, chose, wie sich auch im älteren, ursprünglichen sahhan für „streiten“ die sahha spiegelte, und an dem Punkt berührt man endlich den Kern, zieht seine dünne Schale ab, unter der nun auch die Möglichkeit der causa sichtbar wird, ihre Kraft, kausal zu werden, Ursache von etwas. „Den Germanen müszte das gewandte Reden der Römer vor Gericht einen solchen Eindruck gemacht haben, dasz sie danach kunstvolles Reden, Streiten, Unterhandeln benannt hätten, dann Zwiegespräch überhaupt, auch trauliches“, heißt es weiter bei Grimms.
Das ist also die ganze „Aprikose“, mit ihrer sonnenbeschienenen, sonnengelben apricus-Haut, darin der reiche Klang von „kosen“ und der Stein, das widerspenstige chosôn mit seinen vielen angrenzenden Bedeutungen, und in ihm die flammenförmige Mandel mit ihrer Fruchtbarkeit, der Causa, wo sich reden mit rechtsprechen trifft, sprechen mit traulich reden. Ausgerechnet sein zartester, am wenigsten begründbarer Teil ist der widerständigste Rest des Wortes, ihn höre ich mit, wenn ich „Aprikose“ höre. Niemand weiß mehr genau, wie sich reden, selbst traulich reden, in kosen wandelte, wieso es in jüngeren Sprachzeitaltern nur noch Berührung meinte, Bewegung, bewegte, streichende Luft, doch es würde mich nicht wundern, wäre da, irgendwo im Verborgenen, das Wandelwort aber am Werk gewesen, über das ich zu den Aprikosenbäumen gelangt bin.

(Strahlung Sprache / Notizen)

17. März 2009 13:59