Sylvia Geist

Kahl

mmmm mmmm„A world of bald white days in a shadeless socket.“
mmmm mmmm
Sylvia Plath

Ich schreie nicht. Kein Gott hat mich
an den Haarwurzeln gepackt und nie
hat meine Hoffnung fliegen gelernt,
richtig fliegen, wie die Krähen es tun,
achtsam mit dem Wind, die wilden
Schädel der Kastanien im Blick,
sie stürzte sich nur immer auf
in die Stratosphäre oder schmolz
auf irgendeinem Acker im Schlamm.

Kein Gott, der mich zog, Lichtbringerei,
die mich aus hunderttausend Ankern hob.
Müde Hakenwürmchen, Karabiner,
die sich lösen, Ösen, durch die Augenblicke
ihre Fäden schoben wie viel Jahr –
mmmm mmmm mmmm mmmmHeute
leben alle gleich, Brüder und Schwestern

eines Ordens der Steher, Jäger, Augentiere,
und ich mondköpfiges Mannequin
will die Toten nicht mehr zählen, kehre sie,
traurige, immer noch glänzende Berge,
zusammen, leicht wie die Erscheinungen
am Morgen, als die Krähen sich satt fraßen
am grün behaarten Dach und ich nicht schrie.

Es wird jetzt noch mal sonnig,
mit Brisen für meinen ersten sachten
Federflaum, und ich blende das Fenster,
indem ich es öffne. Picke Kastanien
aus ihren stachligen Perücken, streichle
blonde Innenfelle, Dunkelhäupter,
lippenglatt vor meinem achtsamen Verzehr.

15. Oktober 2012 17:57










Sylvia Geist

Gewendetes Gelände

© Kai Geist

16. August 2012 09:32










Sylvia Geist

Gewendetes Gelände

© Kai Geist

28. Juni 2012 20:53










Sylvia Geist

Aus Milas Garten

Viermal haben wir uns getroffen. Ich habe mehrmals nachgezaehlt, weil es mir schwerfiel zu glauben, dass es nicht oefter war. Zuletzt sahen wir uns im vergangenen Oktober in Edenkoben, und es war wieder, als machte die Zeit einen kleinen Bogen um die Momente, die wir zusammen am Tisch sassen. Sie schaelte einen Apfel aus dem Garten hinterm Haus, und die sternfoermige Anordnung, in der sie die Schnitze auf einen Teller legte, erinnerte mich an ein Kindheitsgefuehl, eine Textur aus Geborgenheit und Geheimnis. Ob auch der Kuerbis, den sie mir spaeter schenkte, aus dem Garten stammte oder aber vom Markt, weiss ich nicht mehr, wahrscheinlich fragte ich gar nicht erst danach. Irgendwie ging ich davon aus, dass sie sich dieses Edenkobener Gartens laengst angenommen hatte, so dass dort nun mit allem Moeglichen zu rechnen war, auch mit Kuerbissen.
Der Garten ist Mila Haugovás Ort, Topos vieler ihrer Gedichte, das fruchtbare Hinterland ihrer Sprache, ihr „Traum von der Form“, wie sie in ihrem Zyklus „Der geschlossene Garten (der Sprache)“ schrieb. Geschlossen, wie eben ein Garten ist, eine Anlage, durch einen Zaun von der Strasse getrennt, von Hecken, Buschwerk und Nesseln geschuetzt, mit verletzlichen Grenzen zwischen den Nutz- und Blumenbeeten, zwischen Wegen und Wiesengrund, aber offen, ja gastlich fuer den Leser.
Heute ist Milas 70. Geburtstag. Ihr Garten waechst und ist voller Gaeste.

Mila Haugová

Garten: bedrohtes Nest
voller zarter soeben abgestreifter Eidechsenhaeute
im heissen Schatten gleitest du in mich
und nimmst mich samt der ganzen Insel.
unsere Koerper entfernen sich von der Sonne
weisser Trajekt Nadelkleid Lehm
die Eidechsenhaut trage ich mit mir.
ohne Koerper kann ich nicht gut sehen.
wir sagen Zuhause zu einem fremden Ort.

15.6.2000
(deutsch von Angela Repka)

14. Juni 2012 05:44










Sylvia Geist

Yttrium

hinterm mond
ohne horizont für die dünen ohne biologie und
bildschirm verpasste ich den start. drinnen streiften sie das
mmmmnackte staunen über ihre gesichter bläulich vor dem stillstand
eines allgemeinen herzens flackerten sie mit den teuren missionaren
dem verlust

der erdenschwere
entgegen. ich war nicht dabei. sah den dandy
schwebend im raum seines lichten anzugs nicht den boden
mmmmproben den wir nie verlassen hatten. verpasste die geschichte
draußen ohne mond und horizont und ebenso kalfatert
von derselben

dunkelung durch
die es schon wieder auf uns zu flog
apollinisches projektil zurück vom ziel kleine trümmer der heimatfiliale
mmmman bord mutterkörner pechvogelgewölle. einen augenblick in den dünen
der dächer diodenjahre weiter. ich übersah die strecke nicht
die kürze.

25. April 2012 16:33










Sylvia Geist

Ohne Titel

Vielleicht in dem Schatten, der am langen Vormittag
eines Kindes in den Hof fällt. Auf das Handtuch
von Rasenstück, sonntags von einem Nachbarn,
zerbrechlich vor Leben und Haltung, gestutzt
mit einer Schere für Papier. Wo es die Halme
streicht, oder zählt, als wäre da etwas verloren
gegangen, das daran erinnerte, was es einmal wird

suchen müssen. Hinter halbgeschlossenem Fenster
Lid Gurren, Gespräch von Löffeln, später anberaumt
im Birkengefieder die heimlichen Gebäude. Es zählt,
als wärs schon verloren und wüsste, es wird vermisst
bleiben, mit dem Gesicht des Nachbarn, dem vielleicht
jedes ähnlich sieht, das ich wiedererkenne, entfallen
im Schatten, verklappt durch die Luke über dem Hof.

18. März 2012 15:57










Sylvia Geist

Wiederfund (16): Die Mittel des Thomas Palme

Unter dem Motto „Wiederfund“ poste ich für gewöhnlich Passagen aus Büchern, die ich lange nicht gelesen oder überhaupt erst für mich entdeckt habe. Der folgende Text hingegen ist ein Auszug aus einem kleinen Aufsatz, den ich vor einiger Zeit zu Thomas Palmes mehrere tausend Zeichnungen umfassender Reihe „The Grip“ schrieb und kürzlich beim Aufräumen wiederfand.
Meinen Aufhänger bildete eine Gardinenpredigt von Milan Kundera gegen einen gewissen Künstlerkitsch, in deren Verlauf er mehrfach das Sch***-Wort verwendete. Wer also Kraftausdrücke dieser Kategorie zu schockierend findet, um sie innerhalb eines feuilletonistischen Textes für tauglich zu halten, lese bitte nicht weiter und übe Nachsicht mit der Verfasserin, die das, wenigstens für diesmal, anders sieht. Kunderas Kitsch-Definition finde ich immer noch zutreffend, und obgleich ich die Passagen zum Künstlerkitsch hier auslasse, wird doch auf das vorangestellte Kundera-Zitat Bezug genommen, denn einen weniger künstlerkitschigen Künstler als Palme konnte ich mir damals schwerlich vorstellen – und kann es eigentlich immer noch nicht. Also: Herzliche Grüße, lieber Thomas P., auf die Moosalpe oder wo immer Sie gerade zeichnen mögen.

„Der Moment der Defäkation ist der tägliche Beweis für die Unannehmbarkeit der Schöpfung. Entweder oder: entweder ist die Scheiße annehmbar (dann schließen Sie sich also nicht auf der Toilette ein!) oder aber wir sind als unannehmbare Wesen geschaffen worden. (…) Kitsch ist die Verneinung der Scheiße.“
Milan Kundera

„(…) Strenggenommen ist Schmerz ein Phantom. Gemessen an den Ansprüchen, die die Naturwissenschaft an die Existenz eines Phänomens stellt, gibt es ihn eigentlich nicht. Es gibt die Amputation und verlorene Gliedmaßen, die Operation und die Blinddarmnarbe. Dagegen kann man Schmerz so wenig beweisen wie Gott. Der Nachweis von Stresshormonen im Blut sagt weder etwas über seine Beschaffenheit noch über seine Qualität, nichts darüber, wie stark er ist und wie dauerhaft, oder wie widerstandsfähig gegen Betäubung. Schmerz ist ein Geheimnis, das ein Leidender dem anderen nicht enthüllen kann, gleichgültig, wie aufrichtig und kenntnisreich das versucht werden mag, gleichgültig auch, wie ähnlich der Schmerz des anderen dem eigenen von einer objektiven Warte aus gesehen wäre – wenn es denn eine solche gäbe. Doch dazu müsste es erst einmal eine Maßeinheit geben.
Umso schwieriger ist es, gegen ihn anzugehen. Die Pharmazie tut ihr Bestes. Die Psychologie tut ihr Bestes, die Philosophie natürlich auch. Hypnotiseure und Exorzisten tun ihr Bestes. Die Kunst tut, was sie kann.
Sie hat keine Macht, sondern ihre Grenzen, dieselben Grenzen wie der Schmerz. Sie existiert sozusagen hinter demselben Vorhang, da, wo die unmessbaren Dinge sind, und an dieser Stelle beginnt sie zu wirken, nämlich wie ein Placebo. Das Placebo ist die Antwort, die dem nicht messbaren Wesen des Schmerzes womöglich am besten entspricht, jene Stimulation durch Simulation, die Kunst wie kein anderes Mittel entfalten kann. Es ist vielleicht die einzige Antwort auf den Weltschmerz, dessen Haupteigenschaft ja gerade darin besteht, dass seine Ursachen am wenigsten zu beheben sind.
Die Zeichnungen Thomas Palmes sind hochwirksame Plaecebos. Sie sind gnadenlos und laut, sie zeigen den Schmerz so, wie ihn jeder, der nur mal eine Zahnvereiterung erlebt hat, kennt: als Feind des Glücks, als Gewalt, in deren Zugriff wir uns nicht aus freiem Willen befinden. Dafür steht der programmatische Titel dieses Bildwerks aus tausenden Werken: The Grip. Es zeigt die ganze allgemeine, unpersönliche und darum umso schmerzlichere Scheiße unseres einzigen kurzen Lebens mit seinen kleinen und großen Niedrigkeiten und seinem finalen Skandalon, seinem Ausgang ins Nichts, es brüllt diesen Gegebenheiten völlig angemessen sein kill the pain! entgegen, es fordert das Unmögliche und stimuliert den Mut, mit dem wir manchmal den Rücken straffen und sagen können: Doch! Auch dafür steht The Grip: Get a grip! Die Quelle solcher Wider- und Aufstandskräfte findet Palme zwischen Transzendenz und sinnlicher Welterfahrung, in einer hochwirksamen Verbindung zwischen Mystik und Kunst oder, um nur zwei der zahlreichen Porträts der Werkreihe zu nennen, überall zwischen Edith Stein und Johann Sebastian Bach.
Dabei verweigern die scharfkantigen, ausgezehrt wirkenden Gesichter und Körper der Palme-Gestalten, diese finsteren Geliebten, jeden falschen Heroismus. Sie tragen ihr Kreuz gern auch als Emblem auf der Haut, aber sie lächeln nicht ergeben dazu, das Kreuzsymbol ist hier ein Tattoo des Protests, und sollte es ein Muss geben, dann das des Lebens, zu dem der Schmerz als unerbetene Zugabe der Natur in Kauf genommen wird. Palmes Zeichnungen stellen keine Gegenentwürfe dar, noch bieten sie Ausblicke auf eine Alternative. (…)
In seiner überaus geräumigen Zweidimensionalität und schwarz auf weiß bietet der Weltanbau von The Grip Raum für: Einsamkeit, Zweisamkeit, Ausgesetztheit, Enttäuschung, Furcht, Hässlichkeit, Trauer, Beschämung, Zorn sowie für das Wissen darum, dass es nach den Regeln der Schwerkraft nur noch schlimmer kommen kann. Palmes schwarze Sonnenturbinen, seine schwindelerregend kreisenden Strichstrudel und rasenden Schatten, seine Gesten aus Kohle und Blei nehmen das Schmerzliche unserer Unannehmbarkeit in ihre Mitte und deuten sie in diesem Akt als zentrales Movens der Existenz. Sie verneinen die Scheiße nicht, die es bedeutet, ohne Aussicht auf etwas anderes als das Sterben vorher noch leiden zu müssen, sie erkennen das Leiden, das wiederum aus diesem Bewusstsein folgt, als wirklich an, in seinem vollen, d.h. sinnlosen Ausmaß, doch sie erkennen ihm keine Legitimation zu.
Stattdessen bejahen sie den Leidenden in allen seinen Reflexen und Verstörungen, als Traurigen oder Zornigen, als Geschlagenen oder Zurückschlagenden. Es ist ein sisyphoshaftes Aufbegehren in diesen Zeichnungen, nicht verwunderlich also die wiederkehrende Bewegung des Kreisens, des Trudelns in ihnen. Das ist die Spur des Steins, der nur deshalb immer wieder abwärts rollen kann, weil einer ihn ebenso oft aufwärts gerollt hat.“

6. Februar 2012 16:09










Sylvia Geist

Ted Hughes

Septemberlachs

Zurück vom Meer mit Ruhm,
nobel, nur sein Aufgebot im Sinn,
ignoriert er das Gerangel am Wehr. Ignoriert
die Schranke, die den langen Diphtong
des Teiches fallen lässt. Ignoriert
das festliche Leuchten der Insekten.

Er dient seiner Nachkommenschaft. Und seine Hommage
sind Geduld, Erfüllung, Langsamkeit, die Lähmung
des vielstimmigen Herbstes
im umgedrehten Käfig eines Baums.

Beneidet er die sesshaften Aale und die Elritzenbastarde?
Er wird ein Gott, ein Baum
der Liebe, mit Moos gesegnet.

Manchmal verirrt er sich auf Tage in sich.
mmmm mmmm mmmm mmmm mmmmMittmorgens,
an der treuen Angel der Sonne,
kannst du den Boden seiner Kapelle sehen.
Dort wendet er sich zur Stufe,
eine Seele, die schwebt,
von Zauberformeln und Düften befeuert.

Über seinem Himmel der Moskitoverkehr, gelenkig
und gelenkt. Er steigt auf, schmilzt
am Gaumen des Quecksilberlichts oben,
fügt seinen Lehm hinzu.

7. Dezember 2011 15:27










Sylvia Geist

Inside Passage I

Kein Archiv für den Vogel.
Für den hellen Fleck auf dem Dunst,
seinen Kopf, den nickenden Wipfel,

als er abhob,
zwischen drei, vier Flügelschägen
das lostuckernde Boot vielleicht.

Gedächtnis verliert, Gegenwart wird
die Verbrennung und das gelöste Eisen
in dir, wenn die nackten Fächer der Hände

von einem anderen Motor an
seinen Herzton erinnert, sich auftun.
Aufgehoben in seiner Nussschale wie du

in deiner schlingernden
Erfindung, träumt das Gewebe,
dass du die Finger von der Reling löst.

11. November 2011 13:39










Sylvia Geist

Ruperts Piaf

Rauscht an. Rasselt, flattert auf den Eibenzaun und
die zwei alten Frauen auf dem Weg vorbei, über die
Parkenden zwischen Zellers und 7-Eleven, kreist, dreht
ab zu einem musealen Stück Rangiergeleise, hinunter
zum Ponton, von dem es fett ins Hafenwasser rinnt
und hallelujablau, wie Haut und die von Ort und Stelle
ausgeputzten Innereien des Halibuts in roten Händen sind.

Von allen Variationen ihres Lebens ist es die, in der sie
abends gegen sieben im Zierbeet ihres Rosenkleides
mit dieser Stimme vor den Rabatten steht. Mund
auf die Zähne gemalt, das dünne Haar toupiert
vom Wind, steht sie, für eine Stunde beäugt und
unbehelligt, mit vorgestreckten Armen, eine Statue,
die der Bucht den Segen gibt – es lebe der Abend!

unter dem das Nest wie eine Beute liegt, schon kalt und
von überall weggezogen unter der Harschdecke Blinken;
im Schlepptau der Tide der Fährenpalast, der erste Zug
nach Süden, der zum Vergessenwerden lang und leise
in den Uferfichten hält, die Entfernung, die sich verstellt
und alles mit Nebel begleicht und verbindet, der Nebel
lebe, wo wie in einem unbestimmten Vertrauen die Dinge

weiterlaufen, leben. Neben ihr auf seinem Hocker
der Rekorder spielt das Rauschen ab, die Regenbänder
Lieder, spult und blinkt – done, done. Acht gleich, aus
dem Wäldchen von McClymont jagt die Dunkelheit
noch ein paar Gäste vor sich her, eine neue Runde
Blechbackgammon auf dem Platz, gleich kommt auch
sie los, stellt sich, Ende meiner Vorstellung, dem Haus.

5. Oktober 2011 16:09