Sylvia Geist

Der Geschmack von Fadenschein

Alles wird gut im Schlafsaal der Engel. Wo unter einem Dach so blau
wie Welpenaugen die Dinge sich dem Sinn ergeben, den sie zuvor,
kraft welcher Zauberwörter immer, gemacht haben. Woanders leben

Menschen, finden Zuversicht in Gebeten oder der Gewissheit, dass
Singen den Vagusnerv beruhigt, und kommen mit der S-Bahn durch
den laufenden Monat. Hallen, Tunnelhallen unter glatten Himmeln,

vorbei an Markthallen, Lagerhallen, Hallen voll mit plattem Land.
Im Gang hält jemand eine Ansprache an die Satten, die Geizigen,
die Heuchler. Was wird eine Sprache hier, wo sie nicht mehr bittet,

die bittere? Im Bauch das Frettchen Scham, wird sie still. Ich glaube
an die Gespräche in den verrückteren Zimmern dessen, was ich meine
Sinne nenne, und wenn du von dem Tag erzählst, als die Wetterapps

eigentlich noch einen mehr auf dem Trockenen versprochen hatten,
und von dem dünnen Farbband überm Gleis, zum sichtbaren Beweis
für unser Sonnenlichtspektrum geoffenbart vom Schauer in der Sekunde,

da deine Bahn ab in den Untergrund rauschte, macht mein Mund O
wie in good oder god. Nicht weil ich sähe was du siehst, nur liegt mir
die Vokabel Fadenschein auf der Zunge und schmeckt nach Honig.

3. Dezember 2025 13:38










Sylvia Geist

Gerade jetzt

bellt ein Hund, draußen
wo die Vogelbeerzweige sich bewegen
gerade jetzt geht Wind, geht Schritt für Schritt
meine Mutter durch einen fernen dunklen Flur,
fast blind, wissend, gerade jetzt ist am anderen Ende
der Welt heller Tag, der Fluss nimmt die Wolken mit,
im Wald duftet noch der Regen vom Morgen, gerade
jetzt löst sich alles auf, anderswo für andere, nicht hier
gerade jetzt geht meine Mutter über einen fernen
dunklen Flur, zeigt mir das Vogelbeerblatt,
sein Grün, durch das gerade jetzt die Sonne kommt,
sein vollkommenes feines Gerippe, sagt, vergiss nicht
was das ist, gerade jetzt ist sie mit ihrem Großvater
im Garten, meine Mutter hat nichts vergessen, gerade
jetzt geht sie einen fremden Flur entlang und gibt
den dunklen Wänden Unterricht in Liebe, ihr könnt
sagt sie, nicht im Voraus trauern, gerade jetzt geht
Wind, am anderen Ende der Welt nimmt der Fluss
die Sonne mit, scheint das Vogelbeerblatt und löst
sich auf, fast blind von Morgen, in Bewegung, gerade
jetzt bellt ein Hund draußen im Wolkenwald, nicht hier

8. August 2025 03:39










Sylvia Geist

Wie ich mich freue

Danke, Mirko.

7. Juni 2024 02:13










Sylvia Geist

Veränderung

Sie ist so leicht geworden,
mein Schatten könnte sie
vom Dach retten und mir
ans Herz legen, eine hungrige
Rückkehrerin von Orten,
die ich scheue.

Zitternd fällt sie
in meinen Morgen ein,
nimmt frische Formen an,
die von Dunst, der Hügelkette,
die daraus auftaucht,
des Zugsignals (warm,
fast ein Muhen), des ersten
Schauers seit Wochen.

Ich nenne sie Eintagsfliege,
aber anders als ich
hört sie nicht mehr auf
Namen. Sie blüht nach
dem Vegetieren, hat Flügel
statt eines Mundes.

28. Mai 2024 22:23










Sylvia Geist

Auf ein Neues

29. Dezember 2023 16:57










Sylvia Geist

An dem Oktobertag sah ich Bäume.
Die Bäume umringten einen See.
Termitenstaub flirrte. Ein Spinnenfaden
wuchs aus einem glühenden Stumpf.
Das war meine Verbindung minutenlang.

Jetzt will ich lieber als Bärin weiterleben,
aber ich bin schon wieder zurück
in meiner monströsen Haut.
So viel werde ich auf dieser Welt
nicht mehr sein. Tier, Geschöpf,
das unschuldig schweigen kann, bei Trost.

Oder getröstet vom glücklichen Platz,
vom Gespräch des Wassers mit dem Licht.
Denn das ist sein Versprechen:
Stille wandert
und bricht.

14. Oktober 2023 23:54










Sylvia Geist

Samisdat

Ein Freund schreibt mir von
zwei Gedanken, beide von heute,
ich berichte ihm von meinem
zweiten Gehirn, dem im Bauch,
wo beredte Bakterien Dienst tun.

Es gebe solche, die lassen die Maus
tapfer wie ein Samurai der Katze
ins Auge blicken, einer Welt,
in der sie es besser haben werden.
Bedenkend, was von Verdauung lebt,

Irrtümer, Mut, Entscheidungen,
fiele es schwerer, von unten
und oben zu sprechen. Jede Energie
frisst die Ordnung. Mein Mitgefühl
für die Maus ist echt, ein Ausdruck

probiotischer Verhältnisse. Täglich,
schreibe ich, denke ich daran,
etwas zu unternehmen, was ich tue,
löst sich im Milieu des Satzes.
Jede Ordnung frisst Energie.

24. August 2017 07:52










Sylvia Geist

Klärung

Mitnichten sei das Schwarz der letzten Gemälde
ein Vorbote, so seine Tochter. Ihr Haar ist direkter
Nachfahre der späten Palette, ein Strich so satt,
dass er bis nach Texas reicht. Wohin es mich zog,

seit ich zum ersten Mal aufbrach vor Tagesanbruch,
vierjährig, auf dem eisblauen Sitz in schlafrotem
Pullover und in Erwartung, nicht wissend wessen.
Eine Kordel hielt die Nacht im Fenster des Fiat

und die Strähnen vom Anfang zusammen. Ich floss
ein in den Asphalt und die Wand, den Wald, Amseln
zeichneten sich ab im Gedächtnis und dunkelten nach
auf den Masten in Texas, das ein Land aus steinaltem

Tannenhonig war, eine Leinwand, die das Schwarz
aus den morgentraurigen, formlosen Dingen sog,
es schluckte wie geschmolzenen Zucker, einer Kapelle
aus Amseln zum Futter, da wo die anfangen in Texas.

13. Februar 2017 13:07










Sylvia Geist

„working wood“

heute früh
wieder, da war es
schon beinahe hell: Holz
unter den Bedingungen der Bucht.
Ächzend, einsilbig, januarklar.

Ich suchte danach, in meiner Sprache,
doch es lässt sich nicht hören in ihrem Überfluss
an Silben. Arbeitendes Holz ist so hässlich
wie wirkendes schief.

Erst im flachen Schlaf knistert, was ich nicht mehr erlebte,
der große Petroleumkauf der Teppichweber von Kujan-Bulak
für die Trockenlegung des Sumpfs, dem das Fieber entschwirrte,
und die langwierigen Fragen der Leute unterm lodernden Dach
an Buddha, ob es wirklich brenne hier oder nicht doch woanders.

Während ich träume,
sie verloren geben zu können, anstatt sie verlieren zu müssen,
knarrt es vom Dachstuhl her von Versäumnissen (wieder
nicht, noch und noch
), lässt die Fensterläden versagen,
arbeitet an der Tür, gegen die ich gestern antrat,
dass sie nicht mehr schließt, während ich träume,
es ist besser als die biegsame Sprache im Traum,

redet es lange,
nachdem man es schlug,
den Zerfall des Hauses herbei.

30. Januar 2017 11:52










Sylvia Geist

Floralsatire

Hinterher fanden sie mich halb versunken neben einer
Parkbank, Dreck im Pelz und zwei rote Nelken in den Augen.

Der andere kannte mich nicht, aber morgen beweisen sie,
ich war Spielmann, Wolfsbändiger, bockböser Nachtschaden,

am Ende hungernder Eintänzer. Doch selbst versetzt mit Alkohol
und Salz bin ich ein Brutkörper, voller Leben. Es hängt an mir.

Mädesüß sprießt es in den Hotspots der inneren Besichtigung,
blüht im Thorax auf, sprengt das Cranium, es wimmelt

wie von Sommerschnee in meiner aufgesägten Laube, wie früher,
als ich noch mit Löwenzahn eroberte. Eine Menge habe ich

auch mit Blumensträußen erreicht, die ich irgendwohin warf,
und Juli kam mit Rose, dann Iris, Jasmin, Erika usw.

Von meiner Art sind nicht mehr viele. Hundeplätze grassieren und
Inkasso. Und die Besserungsphrasen an kranken Betten, Nelken –

im Ernst, meine Jagd ist heut ein Comicstrip auf altmodischen Vasen,
denen sie die Mäuler mit Nelken stopfen. Für mich keine.

noch mal für Arne, nach dem Gedicht „Der Nelkenherr“ von Rautenberg

5. August 2016 10:47