Sylvia Geist

Ich weiß, es gilt den Kosmos
der nachbarlichen Wohnung,
das Stadtbahnläuten und das
Taubengurren und das Lachen,
wenn was mit Chaplin läuft,
aber ich kann es nicht sagen.

Ich kann nicht sagen, ob Putin
Polen aus Kaliningrad angreift,
und ich kann nicht beweisen,
dass die Vögel in den Kastanien
klarer zu hören sind, wenn es
in meinem Zimmer dunkel wird.

Dabei ist die Mitte der Welt jetzt
inmitten der mitternachtsgrünen
Aurora der Baumkrone, so groß
wie eine dieser winzigen Kehlen,
sie ist tragbar, und es gilt sie
mitzunehmen für die Nacht.

5. Juli 2026 23:50










Sylvia Geist

Immern üben

Wir sitzen unter dem Walnussbaum.
Im Sommer haben wir immer unterm
Walnussbaum gesessen. Wir saßen
auf unseren steinwarmen Plastikstühlen
unter diesem Walnussbaum und sahen
dem langsamen Abend zu. Jetzt werden
wir da nicht mehr sitzen. Werden für
immer unter unserem Walnussbaum
gesessen haben, abgeernet von Wind oder
flinken, schwärzlichen Eichhörnchen,
und dort näher nebeneinander gerückt als
an irgendeinem Sommerabend nicht sehen,
wie lang wir über die mondhellen Kiesel
wachsen, raffen wir uns auf und gehen.

29. Mai 2026 00:12










Sylvia Geist

Bevor der Rabe es stahl, gab es Licht nur
in einer Hütte aus Gestrüpp und für die beiden
Menschen, die darin wohnten. Es schien durch
die Zweige, die vor nichts beschützten, selbst
aus dem Staub schien es, bevor der Rabe Staub
Gestalt annahm, um es zu stehlen und hinaus
in den Wald zu tragen, der damals rabenschwarz
und voll von lichtlosen, schlafenden Tieren war.
So erzählen es die alten Leute, die die Geschichte
geerbt haben und weitervererben, und ich weiß nicht,
wofür der Rabe steht, ob für Gutes oder Natur.
Aber ich höre seinen Morgen in die Straße strömen,
die hungrige Stimme seiner Kinder in jedem Eisen
schreien, und denke, es muss der Staub sein, der fast
ganz aus uns bestand, aus Haut, täglichem Abrieb,
und auch sein Licht hat einmal uns gehört wie unsere
eigene Geschichte und nistete im Schattengestrüpp
an den Wänden dieses Zimmers helle, so helle
Nachmittage lang, wenn wir aßen oder lagen und
sprachen oder nichts taten als zuhause zu sein.

19. März 2026 01:37










Sylvia Geist

Der Geschmack von Fadenschein

Alles wird gut im Schlafsaal der Engel. Wo unter einem Dach so blau
wie Welpenaugen die Dinge sich dem Sinn ergeben, den sie zuvor,
kraft welcher Zauberwörter immer, gemacht haben. Woanders leben

Menschen, finden Zuversicht in Gebeten oder der Gewissheit, dass
Singen den Vagusnerv beruhigt, und kommen mit der S-Bahn durch
den laufenden Monat. Hallen, Tunnelhallen unter glatten Himmeln,

vorbei an Markthallen, Lagerhallen, Hallen voll mit plattem Land.
Im Gang hält jemand eine Ansprache an die Satten, die Geizigen,
die Heuchler. Was wird eine Sprache hier, wo sie nicht mehr bittet,

die bittere? Im Bauch das Frettchen Scham, wird sie still. Ich glaube
an die Gespräche in den verrückteren Zimmern dessen, was ich meine
Sinne nenne, und wenn du von dem Tag erzählst, als die Wetterapps

eigentlich noch einen mehr auf dem Trockenen versprochen hatten,
und von dem dünnen Farbband überm Gleis, zum sichtbaren Beweis
für unser Sonnenlichtspektrum geoffenbart vom Schauer in der Sekunde,

da deine Bahn ab in den Untergrund rauschte, macht mein Mund O
wie in good oder god. Nicht weil ich sähe was du siehst, nur liegt mir
die Vokabel Fadenschein auf der Zunge und schmeckt nach Honig.

3. Dezember 2025 13:38










Sylvia Geist

Gerade jetzt bellt ein Hund, draußen
wo die Vogelbeerzweige sich bewegen
gerade jetzt geht Wind, geht Schritt für Schritt
meine Mutter durch einen fernen dunklen Flur,
fast blind, wissend, gerade jetzt ist am anderen Ende
der Welt heller Tag, der Fluss nimmt die Wolken mit,
im Wald duftet noch der Regen vom Morgen, gerade
jetzt löst sich alles auf, anderswo für andere, nicht hier
gerade jetzt geht meine Mutter über einen fernen
dunklen Flur, zeigt mir das Vogelbeerblatt,
sein Grün, durch das gerade jetzt die Sonne kommt,
sein vollkommenes feines Gerippe, sagt, vergiss nicht
was das ist, gerade jetzt ist sie mit ihrem Großvater
im Garten, meine Mutter hat nichts vergessen, gerade
jetzt geht sie einen fremden Flur entlang und gibt
den dunklen Wänden Unterricht in Liebe, ihr könnt
sagt sie, nicht im Voraus trauern, gerade jetzt geht
Wind, am anderen Ende der Welt nimmt der Fluss
die Sonne mit, scheint das Vogelbeerblatt und löst
sich auf, fast blind von Morgen, in Bewegung, gerade
jetzt bellt ein Hund draußen im Wolkenwald, nicht hier

8. August 2025 03:39










Sylvia Geist

Wie ich mich freue

Danke, Mirko.

7. Juni 2024 02:13










Sylvia Geist

Veränderung

Sie ist so leicht geworden,
mein Schatten könnte sie
vom Dach retten und mir
ans Herz legen, eine hungrige
Rückkehrerin von Orten,
die ich scheue.

Zitternd fällt sie
in meinen Morgen ein,
nimmt frische Formen an,
die von Dunst, der Hügelkette,
die daraus auftaucht,
des Zugsignals (warm,
fast ein Muhen), des ersten
Schauers seit Wochen.

Ich nenne sie Eintagsfliege,
aber anders als ich
hört sie nicht mehr auf
Namen. Sie blüht nach
dem Vegetieren, hat Flügel
statt eines Mundes.

28. Mai 2024 22:23










Sylvia Geist

Auf ein Neues

29. Dezember 2023 16:57










Sylvia Geist

An dem Oktobertag sah ich Bäume.
Die Bäume umringten einen See.
Termitenstaub flirrte. Ein Spinnenfaden
wuchs aus einem glühenden Stumpf.
Das war meine Verbindung minutenlang.

Jetzt will ich lieber als Bärin weiterleben,
aber ich bin schon wieder zurück
in meiner monströsen Haut.
So viel werde ich auf dieser Welt
nicht mehr sein. Tier, Geschöpf,
das unschuldig schweigen kann, bei Trost.

Oder getröstet vom glücklichen Platz,
vom Gespräch des Wassers mit dem Licht.
Denn das ist sein Versprechen:
Stille wandert
und bricht.

14. Oktober 2023 23:54










Sylvia Geist

Samisdat

Ein Freund schreibt mir von
zwei Gedanken, beide von heute,
ich berichte ihm von meinem
zweiten Gehirn, dem im Bauch,
wo beredte Bakterien Dienst tun.

Es gebe solche, die lassen die Maus
tapfer wie ein Samurai der Katze
ins Auge blicken, einer Welt,
in der sie es besser haben werden.
Bedenkend, was von Verdauung lebt,

Irrtümer, Mut, Entscheidungen,
fiele es schwerer, von unten
und oben zu sprechen. Jede Energie
frisst die Ordnung. Mein Mitgefühl
für die Maus ist echt, ein Ausdruck

probiotischer Verhältnisse. Täglich,
schreibe ich, denke ich daran,
etwas zu unternehmen, was ich tue,
löst sich im Milieu des Satzes.
Jede Ordnung frisst Energie.

24. August 2017 07:52