Sylvia Geist
War es ein Tag ohne Ausgang
für kleine Besorgungen, einer,
an dem nichts erledigt wurde und
du nicht sprachst, nicht verstandest,
was das Gesicht des anderen meinte,
dann noch mal runter zum Fluss.
Eine Frau schreit nach ihrer Katze,
auf dem Bordstein hockt einer und
bekennt alles dem toten Telefon:
„Millionen sind geflohen von einer
Tasche in die andere.“ Ewig habe er
keine Rechung erhalten, so sagt er
jetzt sich: „Gott hat mir vergeben“,
als wäre das besser als nichts
für nichts zu können. Gar keinem
kannst du helfen, bloß hilflos vor
dem Lasterstrom des Marine Way
auf deiner Stelle treten, um warm
zu bleiben, auf eine Lücke lauern,
Komma im Überführungsrauschen.
Überall geht es hinüber, kannst du
verlieren, was du im Auge hast,
verschwimmen sehen im Röhricht
der Kräne, gerade und verbogen,
und weiterlaufen zum Casinoboot.
Vor dir schließt das Gedränge, es
fällt dir zu, wie Stimmen stieben
aus Cafés, in denen Menschen
aus lebendig warmen Händen ihre
fort und angstvoll an sich ziehen.
10. September 2013 14:15
Sylvia Geist
am besten
so einwickeln dass es was hermacht hübsche kaliber
silber etwas wofür man bezahlt haben könnte. oder womit.
mmmmdie knöpfe an den filzjacken aber sprangen auf und
davon desertierten vorm winter vor moskau zuerst: reine ermüdung
mmmmvon material auf dem rückzug. überhaupt dieser hang von
anordnungen sich aufzulösen … durchgekautes
in lametta
gewickeltes elend der orgelpfeifen. ständig werden sie nach
gestellt die totgesagten zeiten in reih und glied verrückt
mmmmum eine fingerbreite. napoleon am stolpern das zurückgeschlagene imperium
als flachfiguren in den kaiserlichen farben der revolution oder
mmmmvollumfängliche elben helden monstren zu legionen legiert jedes volk
spielbar laut handbuch. bleibt
das geschrei
beim verbiegen – – so ungefähr. doch gleich ists überstanden.
ein ständchen das kreide gefressen hat noch zu ehren
mmmmeinbeinigen spielzeugs der schmelz von blech ein tusch zuletzt
überm scharren aus den seifenlagerstätten. und schwaches rascheln während
mmmmwas lange die linien zerwandelt seine aberrationen verteilt. abersaat
streut. die langsamen wider
26. August 2013 18:13
Sylvia Geist
Der Kopf meines Vaters
lag auf dem Wasser,
schwer von Notfallplänen
gegen die Enttäuschung,
die ich ihm bereiten musste,
und nickte im Minutentakt:
zehn, dann hast du es. Rufe
aus der nächsten Bucht,
Licht wie Heu, Ruderer
beim Wenden. Nicken.
Ich hörte auf zu zählen,
paddelte, ein Otter,
bis über die Ohren
verliebt in die Azurjungfern
an den Schildern
vorbei in die Gezeiten,
die von Kaffeedampfern
über die Havel heran
schwappten, und aus
Vaters Mund: null.
Ich wusste das nicht, aber er
sah das Schiff ins Schilf,
mein Fell davonschwimmen,
in jeder Muschel die Turbine.
29. Juli 2013 19:56
Sylvia Geist
Der Wald ist geschlossen
nach Max Ernst
Und wenn ich um Nebel bitte?
Als fiele auch Licht umso schwerer
je weiter, schlägt es,
ein Balken aus dem offenen Dach,
ins Unterholz, wo ich den Tisch decke
für die Nestlinge aus den Tannpalisaden,
immer gierig auf die weißen Krumen,
meine Asche. Keine Blöße,
die der Himmel in dieser Ecke
einem dann noch geben könnte, und ja,
es lebt sich bescheiden im Mandelkern
eines steten, strahlenden Zusammenbruchs.
Aber das Mehl ist froh um die Zutaten
der Hände, und es gibt Vögel hier
in den Zweigstellen, Angestammte
fast, auch in den Gesprächen
der Gurremaschinen nicht zu veräußern,
Jorinden mit Hausrecht im Gewinde
der Lindenzeitrechnung, die umnachten,
oder ihre Schlafbäume sind es, die hin und
wieder zusammenrücken. Dann sehe ich,
der Wald ist geschlossen, und niemand
kommt mehr herein, der ihn lichtet.
Und wenn ich nun die Milch verschütte.
——————————————————
15. Mai 2013 10:48
Sylvia Geist
Vor zwei Jahren hat die Dichterin und Übersetzerin Catherine Hales begonnen, sich meines Gedichtzyklus´ Periodischer Gesang anzunehmen – eine schöne Erfahrung, die diese Gedichte in mehrerer Hinsicht befördert: In eine andere Sprache, und über diesen Weg noch einmal auf neue Art in mein Reflektieren über die Stoffe. Das Abgleichen zweier Fassungen erlebe ich dann oft wie eine Rückübersetzung.
Mit Catherines freundlicher Erlaubnis hier eine ihrer jüngsten Übertragungen.
Titanium
were it
possible to break slate from magmamanic rocks with
bare hands making the mineral shingle its lightness
mmmmpliancy some
harvest or
stout shoes
at least for she who’d be emerging through
aqua regia spawn ocean the other the rocket
mmmmductile opening
the valves
singing raising
with roof-strength fontanelle’s basement robber and ass’s lover
who besotted triturated keeps shingling implants gleaming sheer
mmmm saturnine in
the ring.
Titan*
aus schiefern
zu brechen wärs möglich mit bloßer hand aus
magmanischen steinen was zu schindeln das mineral leichtigkeit
mmmmgelenkigkeit irgendeine
ernte oder
feste schuhe
wenigstens für eine die über königswasser käme laiche
see die andre die rakete mit der dachkraft
mmmmdie duktile
die aufdreht
die ventile
im fontanellenkeller anhebt singt die schieberin esels lieberin
verschriebene die zerrieben weiterschiefert mit den glanzimplantaten die
mmmmschiere saturnerin
im ring.
*Erste Fassung in: Morgen Blaues Tier, zuKlampen 1997
12. April 2013 12:38
Sylvia Geist
(nach einem Bild von Max Ernst)
Und wenn ich um Nebel bitte?
Ein Riss, und der Giebel scheint
sich zu biegen, schon unterm Haar
der Berenike, glaube ich, * als fiele
auch Licht je schwerer je weiter –
– ? wieso „-„? Etwas fehlt hier, der Wald, der ja da ist, sobald man begreift, was man sieht,
also beinahe gleich, und auf / in den das Licht ein/fällt, aus der rechten Bildecke …
(Beim Versuch, es halblang zu machen, droht das Gedicht länger zu werden.)**
Das Mehl jedenfalls ist froh
um die Zutaten der Hände,
ich nehme die richtige Dosis
Honig und glaube daran,
dass es gut ist, dass der löchrige Mantel
Regen kein Wunder Rätsel be entdeckt, keine Blöße,
die der Himmel in dieser Ecke
einem noch geben könnte, und ja,
es lebt sich bescheiden im Mandelkern
eines steten, strahlenden Zusammenbruchs.
Aber es gibt komische Vögel hier, die mich umnachten,***
oder vielleicht sind es die Schlafbäume
der Schneeeulen da, die hin und
wieder zusammenrücken. Dann glaube ich,
der Wald ist geschlossen, und niemand geht
mehr hinein, der es lichten kann. – Und
wenn ich nun die Milch verschütte?
* Änderung vom 17.03.
** Anm. vom 20.03.
*** Änderung vom 05.04.
Viele Grüße, liebe Christine – wir sehen uns!
10. März 2013 13:06
Sylvia Geist
Wenn ich mich verspielte
in der schwarzweißen Allee,
sah es aus wie Zuhause
nach der Flut.
Kein Ziegel mehr am Abend,
Lagune unter Terpentin, das Wolkenöl
von einer Wand gewaschen, Schimmel
für den hohlen Zahn des Campanile,
krumm wie mein Urgroßvater
ihn nie gesehen haben kann –
alles fand sich im Gemälde
über dem Klavier
verkehrt und trieb
mit den zerschlagenen Puppen
der Töne den Tauben zu, den Stillen
ans Fenster. In sich
verkehrt und wunderlich,
die Stadt im Ordovizium, wo er
in einer Gondel lebte, in seinem selbst
gemachten Anzug und in Taubentönen
das Gesicht. Vernünftige Farben
hatte er keine, Rot kostete das nasse Brot,
Grün behielt Gott – oder Blatt – schau,
sagte er mal zu seiner Jüngsten und
ich glaubte ihm. Natürlich haben wir
nicht geredet, doch ruderten wir manchmal
die Barena hoch in einem Lied,
klarte es auf über dem Boot.
9. Februar 2013 15:29
Sylvia Geist
überschreibt Christine Kappe einen Absatz in einem Text Über das Verschwinden: „Auch die Menschen, die hier wohnen, verschwinden. Besonders augenfällig im Eintrachtweg, ungerade Seite, wo die Namen so stokelig aus dem Russischen transkribiert sind, dass sie nie wieder ins Kyrillische zurückfinden. Hier ist keiner auf der Straße. Ein einziges Mal bin ich, bei Nummer 9, einer Frau begegnet, die kam neben mir aus der Hecke und hatte nur einen Schuh an. Wie ein Zitat.“
Die Rede ist von einer Straße in Hannover, einer kurzen, wie ich annehme. Sicher bin ich nicht, ich wusste nicht einmal, dass es hier einen Eintrachtweg gibt, geschweige denn, dass es sich dabei um einen quasi-magischen, etwas unheimlichen Standort (oder -punkt) handelt, an dem verschwunden wird.
Dabei ist das eigentlich nicht so überraschend – deutet nicht schon der Name darauf hin? Verschwinden die Dinge in Eintracht nicht besonders leicht, dort, wo sie einander durch die Flüchtigkeit des Blicks zum Verwechseln ähnlich werden, bis sie in Eintracht verschwimmen, oder aber in Eintracht mit meinen Sehgewohnheiten nur mehr dahindämmern? Christine Kappes Sprache kündigt Eintracht immer wieder auf, sukzessiv und subversiv biegt sie vom Gewohnten, Erwarteten ab und trifft die Dinge in den so alltäglichen wie merkwürdigen Allianzen an, in denen sie wieder sichtbar werden: „Wenn ich auch nur 10 Minuten später dort bin, ist der Geräuschpegel anders …, laufen weniger Kaninchen vor der Einfahrt von BASF weg – der Stadtteil (…) stellt sich quer, zerreißt wie eine billige Kopie …“
Ich freue mich, liebe Christine, künftig auch hier von dir zu lesen. Sei herzlich willkommen im Goldenen Fisch!
26. November 2012 15:25
Sylvia Geist
Geht Wind, reicht das
für den Anschein von Strand.
Wir halten uns
an den Stillstand unter Einfluss
von Benzin und Fotografie,
werden wahlweise
verwandt und relativ,
können hinüber mit etwas anderem
Verstand, mit einer Vergangenheit
in neuem Licht, einem Gran Wal.
Eine Hügelkette gibt nach, reißt ab
wie ein Gespräch über Gravitation,
Cumuli drängen zu Tal, hochbeinige
Fluchttiere aus Chlorophyll.
Wir können auch lieben.
14. November 2012 11:40
Sylvia Geist
Vom Wasser ist es eine neblige Phrase
über Tannen, mit Tannen überschrieben,
ohne Licht für Dickicht,
bis ein Hubschrauber uns einzelne
ans Ufer flößt, mit glatten Rümpfen
kopfloses Holz. Der Umschlagplatz
ist noch ein Geheimnis, nur ein Schluss
das Leck am Rücken
des Hangs. Du kannst das nicht
fühlen als schüttere Stelle in der Kühle,
Fell oder in einer Astgabel den Specht
deines Pulsschlags, schon aus
dem Sinn, der Sund, wie
wenn etwas aufgehört hat gerade
als du es wolltest.
(Mit herzlichen Grüßen aus einer anderen Bucht, lieber Hendrik.)
31. Oktober 2012 11:46