Christian Lorenz Müller

DEHYDRIERT ZU KILOBYTES

Am Ende bleibt jedes Gedicht
für sich allein.
Vor dieser Erkenntnis
steht seine Sehnsucht
nach einer Seitenzahl,
die Sehnsucht nach einer Bindung
an achtzig, neunzig Andere.
Die Sehnsucht, einmal Augen
auf sich zu spüren, einen Blick
der nicht nur kurz verweilt.
Nicht wenige Gedichte
senken dann die Lider,
verziehen das Gesicht
oder schauen böse drein,
und doch verzehren sie sich
nach diesem Blick, verzehren sich
und ahnen schon den Spott voraus
und die Häme, oder, schlimmer noch,
das Schulterzucken oder laues Lob
oder hündische Loyalität
und peinliche Bewunderung.

Ja, ein Gedicht bleibt am Ende
immer für sich allein.
Es vereinsamt zwischen den Seiten
oder es dehydriert
in einem elektronischen Archiv
zu ein paar Kilobytes.

So wie dieses hier.

13. Dezember 2016 11:51










Gerald Koll

Das fünfzigste Jahr (112)

13. Dezember 2015, ein Sonntag

Frau S. hatte Geburtstag. Liquidrom, Japanischessen, Sopranosgucken, Aikido, Lachen. Und Staunen über meine neuen Augen, die aus dem Winkel misstrauisch auf die alten Augen in der Schatulle in der Schublade des Schranks im alten Speicher blicken, in die alten zum Sprung bereiten Augen, die auf Höhe mit den Augen der Anderen sind, die sich die Augen reiben.

13. Dezember 2016 11:19










Tobias Schoofs

ARABY

langsam gehen die lichter aus
und die markthallen verkleinern sich
oder werden sie größer? zwischen

fetzen von geschmack und sport
artikeln zwischen desinteressierten
verkäuferinnen und müder logistik

zwischen rückenschmerz und waren
wirtschaft weckt eine werbung für
mundwasser vielleicht oder tabak

noch einmal eine hoffnung damit
die unerfüllbarkeit auch morgen als
überraschung in dein leben tritt

12. Dezember 2016 00:13










Markus Stegmann

Absence

Absence steht im Gesicht der Wörter.

10. Dezember 2016 11:28










Hendrik Rost

Adaption

Ein Ort, den es schon gar nicht mehr gibt und den ich nie vergessen kann, ist der Arbeitshühnerstall von Rutger Kopland. Hier in diesem Verschlag in seinem Garten, einem langen und schmalen halb verwilderten Stück der Niederlande, saß er in einem vollständig durchgesessenen Ledersessel. Es gab einen öligen Schreibtisch, Bücher an den Wänden und Zeitschriften, die nach einem komplexen Chaosprinzip aufgeschlagen auf jeder freien Fläche lagen. Drei große Fenster zeigten nach Westen, Norden und Osten. Ein uralter Holzofen bollerte halb übellaunig, halb gutmütig. Kopland sprach immer mit Bedenkzeit – er hörte schlecht, aber er wusste auch, dass es wichtig ist, sich jede Antwort kurz durch den Kopf gehen zu lassen. Wenn er von anderen Autoren sprach, dann aus Bewunderung. Wenn nicht Bewunderung, dann Respekt – vor den Hühnern, die früher hier gegackert haben, dem Bahndamm hinterm Haus, auf dem die Menschen dahinreisen, dem Abdruck eines zwiespältigen Gedichts in Ausgabe XX der Literaturzeitschrift von 1987. Für den professionellen Traumforscher ist es selbstverständlich ein Stilprinzip, die calvinistische Vernunft und die nächtlichen, mitunter bedrohlichen Gespinste, eigene und die anderer, wertzuschätzen. Dieses lebenslange Lesen und Schreiben so vor sich hin ist sicher eine Remedium gegen den allgemeinen Hang zur Ablehnung. Ich hatte die ganze Zeit das seltsame Gefühl, eine lange und tiefgreifende Kränkung zu erleben, die mit dem Leben zusammenhängt und seinen Anforderungen, Fehlschlägen und literarischen Hackordnungen. Und diese Kränkung war allmählich zu einem Teil des Erfolgs geworden, zu zahllosen eigenen Büchern und zu einer Grundhaltung, die aus einem alten, sterbenden Dichter einen bewundernswerten Schelm macht.

9. Dezember 2016 14:25










Gerald Koll

Das fünfzigste Jahr (111)

7. Dezember 2015, ein Montag

Am Sonnabend nachmittag kam Frau S. aus Frankreich zurück. Abend und Nacht verliefen traulichinniglieblich, doch wie wühlt alles in meinem Kopf, wenn ich das Fotoalbum öffne – wie eine Flasche, aus der die Dschinnis der Vergangenheit strömen.

7. Dezember 2016 12:34










Hendrik Rost

Die Luftfreunde

Deine Freunde schreiben dir Wolken
aus den Ländern, in denen sie vielleicht
wohnen. Dem Regenland und dem Land
der Physik. Sie schicken in Tropfenform
kleine Gemeinsamkeiten: das Wasser,
das den Weg allen Wassers geht.
Sie schreiben dir, das Ende endet nie.
Es beginnt an einem beliebigen Punkt
in den Luftbriefen oder den Kapillaren
der Bäume. Du kannst uns ja lesen,
schreiben sie in Kumuli. Lies bitte,
was wir über die Wiese hinterm Haus
wissen. Lies auch den Angstwald
zwischen den Schulterblättern. Schreib
zurück von deiner Suche mit dem Gesicht.
Deinen zweifelnden, wissenden Augen,
denen wir trauen. Hier, das Liebeswürdige.
Deine Freunde schreiben dir Leben,
schreiben, weil es dich gibt. Ameisenähnlich
prickelt’s dich im Fuß – dein Herz,
es erhebe sich. Sie schicken dir Zuversicht
ohne Grund, diese Freunde. Diese Luft,
in ihr findest du Wetter, Briefe und Physik.
Du kannst ja lesen. Du kannst ja, wissen Wolken.

6. Dezember 2016 13:29










Gerald Koll

Das fünfzigste Jahr (110)

4. Dezember 2015, ein Freitag

Interview mit einer Drehbuchautorin eines offenbar satt budgetierten Spielfilms über Franz Osten und seinen 1925 gedrehten Die Leuchte Asiens. Mein eigener Dokumentarfilm darüber liegt knapp 15 Jahre zurück. Wissens-Rausverkauf. Zuvor ein galliges Erwachen mit jenem chronisch fiesen Nebenhöhlen-Druck, der mir das Liegen verleidet. Laut HNO-Arzt eine Nasenscheidewandkrümmung, laut HNO-Arzt operabel, leider, denn zu so einer Operation habe ich keine Lust; lieber wäre mir der Bescheid, dagegen sei die Medizin leider machtlos.

Dazu eine mitrauschende Unruhe, die ich auf das Digitalisieren von Familienfotos zurückführe. Sie lösen mehr aus, als von bewusster Erinnerung registriert werden könnte. Diese Bilder verströmen kleinste Erinnerungspartikel an Pullover, an Momentgefühle, an Gummispielzeuggeruch, an Angst vor Schmalzbrot, an Strumpfhosenkratzen, an damals nicht nennbare und denkbare Zwänge, an lauter Sekrete, die das Gift des Lebens bilden. Gerade höre ich die Sinfonie von Edgar Elgar. Furchtbar. Plötzlich steht die eigene Sterbestunde vor Augen, und der letzte Wunsch (…).

4. Dezember 2016 13:00










Gerald Koll

Das fünfzigste Jahr (109)

3. Dezember 2015, ein Donnerstag

Eine ungestillte, nicht zu bändigende und zu bremsende Wut bricht sich nachts Bahn. Zwei Nächte mit Träumen aus Wut, wütend geschlafen, wütend erwacht, ganz aus Wut bestehend. Jetzt gleich zum Zahnarzt.

Vom Zahnarzt zurück: Da fiel das Wort „Wurzelbehandlung“. Er erwähnte es „nur für den Fall“. Gleichzeitig (und offenbar angelegentlich) mahnte er, gründlich Zähne zu putzen, und zwar „nicht nur zwei bis drei Minuten, sondern fünf bis sechs“. Wie ein Pennäler steht man da. Ob er das auch gesagt hätte, wenn er wüsste, dass ich inzwischen in Weissensee wohne? In Weissensee wird man schneller alt als man Zähne putzen kann. So sehr ich aus ethischen Gründen die Altersvielfalt in Weissensee begrüße, so lästig schlägt mir hier der rapide Verfall entgegen: Panoramen meines bevorstehenden Siechtums.

3. Dezember 2016 15:15










Gerald Koll

Das fünfzigste Jahr (108)

2. Dezember 2015, ein Mittwoch

Immer diese verschwendeten Mittwoche: Behördengänge und Formalitäten. Aber dann ein Moment freudigen Aufmerkens, als die Mitarbeiterin in der Agentur für Arbeit vom Gang zum Jobcenter abriet: „Da machen Sie sich nackt.“

2. Dezember 2016 13:54