Björn Kiehne

Das einsame Meer

Als wir schliefen
schlugen Wellen
über unsere Laken,
breitete sich das Watt
weit um uns aus,
suchte Wasser Wege
durch den Sand, Queller
erkundete neues Land.

Als wir schliefen
zogen Wildgänse
mit wildem Schrei
nach Norden,
streiften wir träumend
über die Salzwiesen,
bauten uns dort ein
Haus aus Gischt.

Als wir schliefen
entfernten sich
die letzten Inseln,
schwieg der Wind,
malten wir uns an
den Perlmutthimmel –
flüchtige Wolkenbilder
über das einsame Meer.

1. November 2020 16:28










Björn Kiehne

Die Verwaltung der Wolken

Wie ich mich wieder
und wieder verliere
im Verwalten der Zukunft,
der Vergangenheit und dem
bisschen Jetzt dazwischen.

Aber hier, während der
Himmel sich auf die Ebene
legt und Schatten von
den Berghängen fließen,
sammele ich einfach Holz.

In dieser Welt, flüstere ich
mir zu, reicht mir ein Zelt
und sichere die Mittelstange
noch einmal, schlage die Heringe
fester in den steinigen Grund.

Wie gut, zu verwildern,
nutzlos zu werden, die
Verwaltung der Wolken
aufzugeben, auszusteigen
aus dem Rennen um den
ersten Platz am Grab.

Ich mache Feuer, Funken
steigen auf, mischen sich
mit den Sternen, reden
mir gut zu: Wir geben Dich
nicht auf, Du hast noch
ein Herz, Du hast ein Herz.

22. Juli 2020 07:53










Björn Kiehne

Abnehmender Mond

Mehr ist es nicht,
nur Nachrichten aus
der unbewohnten Welt,

die Einsamkeit
der Leuchttürme,
die anstrahlt,
was Gletscher
uns freigeben:

allmähliche Wesen,
Anfänge und Enden,

den abnehmenden Mond
an unseren stillen Stränden.

15. März 2020 15:09










Björn Kiehne

Nanda Devi

Auch das gebe ich bald auf,
keine Angst vor der Stille,
all die verbrauchten Wörter
am Wegrand zurücklassen,
Spazierengehen mit Blick
auf die leuchtenden Berge.

24. Dezember 2019 07:43










Björn Kiehne

Wir hören den Wind

Die Pappel im Hof
rauscht wie das
Meer,
aus dem Himmel tropft
Blau.

Wir sitzen einander
gegenüber,
ich,
ein Archiv
unveröffentlichter
Geschichten,
du,
der Reiseführer
in eine unsichtbare
Stadt.

Wir fragen uns,
wie viele Menschen
wohl jetzt
wie wir
in der Küche sitzen,
den Herbst einsammeln,
in die Fensterbank legen,
sodass das Licht
mit ihm spielen kann

27. September 2019 11:03










Björn Kiehne

Der sechste Kontinent

Du hast ein schweres Herz
hat man mir gesagt
geh niemals schwimmen
du ertrinkst

Aber ich bin in immer
kleinere Häuser gezogen
leichter geworden bis ich
in diesem Körper ankam nur
noch den Geist als Fenster

Ich riss es weit auf!

Nun liegt er vor mir
die Inseln wie Trittsteine
in seine Freiheit
der sechste Kontinent –
das strahlende Meer.

Samos, Sommer, 2019

11. Juni 2019 10:05










Björn Kiehne

In der Gerste

Auf welchen Wegen
kam ich hier her,
was blieb von dem Jungen,
der durch die Gerste strich,
der versuchte den Wind zu lesen
im wogenden Korn.

Was bleibt jetzt zu tun,
der Körper löst sich auf,
die Pläne stolpern übereinander und lachen.

1. Die Geschichte weitererzählen,
2. ein Zuhause finden zwischen ihren Zeilen,
3. die Vögel fliegen lassen, wenn die Zeit gekommen ist.

Auf welchen Wegen kam ich hier her,
was kommt nach dem Jungen,
der durch die Gerste strich,

mit ihren Halmen
schreib ich mich
in deine schönen Hände.

Kushinagar, 2019

23. Februar 2019 07:03










Björn Kiehne

Heute Morgen am Fenster

Schön diese Zeit bevor die Stadt aufwacht,
die Sterne verabschieden sich am Himmel,
das Licht legt nicht alles offen,
man sieht noch nicht zu viel.

Auf dem Turm der alten Schule gegenüber,
zieht ein Adler den Kopf aus dem Gefieder,
blickt über die schlafenden Straßen, zögert.

Die Luft riecht nach brennenden Büchern…
Am Rand der Stadt, dort wo die letzten
Häuser sich verlieren, lodert der Wald.

Adler, breite weit deine Flügel aus,
flieg mit mir über die stillen Lande,
bring mich früh genug hier raus.

9. November 2018 07:52










Björn Kiehne

Mondscheinallee

Am Ende der Straße
liegt das Café,
der Abend ruht sich
auf der Markise aus,
ein müder Wind
weht Blätter hinein,
Briefe aus der Vergangenheit.
„Wo wir sind, ist immer Sommer“,
flüsterst du und lächelst;
„Wo wir sind…“, beginne ich
und schweige,
als der Vorhang der Nacht
sich senkt und,
aus dem Faltenwurf
seiner Stille,
der Mond aufsteigt,
mildes Licht über
die Erinnerungen gießt,
über uns, über das Café,
über all die Jahre in
der Mondscheinallee.

Für Connie

23. September 2018 12:58










Björn Kiehne

Treibgut

Im Salzwasser schweben,
Zeilen wie Nabelschnüre,
Dinge, die voreinander fliehen,
mit Tang an einander binden.

Zusammen mit dir und den Wellen
ein Lied anstimmen, verbunden
und genährt, der Sonne zu-
blinzeln wie einer Vertrauten.

Teile unserer gemeinsamen
Erzählung, treiben wir auf
dem Meer, bis die Wörter
nicht mehr zueinanderfinden.

Was geschieht, was lockt den
Sturm in unsere Bucht, was
trennt die Silben, was lässt die
Wellen zu Brechern werden?

Die Wellen sagen: Schwimm!
Streich dir das Alter aus dem
Gesicht, erinnere die Einsamkeit
wie ein vergessenes Lied.

2. Mai 2018 05:30










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