Björn Kiehne

Die leuchtende Stadt

Ich brauche stärkere Medikamente,
etwas, das die Risse in den Fassaden
kittet, oder sie ganz niederreißt.

Ich sehe sie aus dem Fenster eines
Flugzeugs, nachts, Licht, das wie Lava
aus der schwarzen Erdkruste quillt.

Ich laufe ihre labyrinthischen Treppen
auf und ab, die sich in wahnsinnigen
Kombinationen aneinander reihen.

In ihren Auditorien trage ich meine
Lieder vor, ernte Applaus und Spott,
werde ein und wieder ausgeladen.

Dann sehe ich mich in einem Garten,
zwischen Ruinen, mühsam und müde
der Trümmererde etwas Gemüse abringen.

Ich brauche stärkere Medikamente, etwas,
das mich über die Grenzen der Stadt bringt;
Licht dringt aus den Rissen ihrer Fassaden.

2. Mai 2022 16:22










Björn Kiehne

Winterweizen

Die Hügel tragen schwer am
Schneehimmel, grüne Fäden
liegen auf den Äckern;
wenig führt so aus der Zeit,
wie der Weg nach Haus.

Das Dorf im Schiefermantel zieht
seine Schultern höher, lässt
die Linden, in die der Wind
so viele Versprechungen flüstert,
die Höfe allein bewachen.

Und morgens in der dämmrigen Küche
muss der Kaffee stark sein, um die
Gespenster zu vertreiben, die nachts
hinter den Bildern hervorkriechen
und an den Fäden der Geschichten ziehen,
die wir uns über uns selbst erzählen.

Nachmittags, spazieren in der Feldmark,
die Wolkendecke reißt auf,
Lichtfinger streichen entlang der
Reihen Winterweizen,
wie an Leitfäden aus der Geschichte
in eine Freiheit ohne Raum und Zeit.

9. Januar 2022 00:26










Björn Kiehne

Schlachtensee

Noch vor dem Licht
erwachen die Vögel,
Amseln, Drosseln, ein Specht,
der dem Tag seinen Takt gibt.

Vom Bahnhof fließt die Wiese zum
Ufer hinunter, hält ihre Halme
in den See, den der Wald
hütet wie sein Geheimnis.

Ein Haubentaucher zieht
Linien ins Wasser, schreibt:
Wenn Du willst ist alles
Botschaft, wenn Du willst,

kannst du mit jedem Kleidungsstück,
das Du an den Holunder hängst, etwas
aufgeben, weglassen, aufhören
jemand zu sein – verletzlich,

nur die Haut zwischen Dir und
dem See, breitet der Vogel,
der Dein Geist ist, seine Flügel aus,
fliegt heran und findet ein Zuhaus.

Für Joseph

1. September 2021 15:03










Björn Kiehne

Famara

Wissen wir, woher die Winde kommen,
die auf den Ozean einschlagen und
Wellen vor sich hertreiben wie
Herden wilder Pferde?

Dünenzüge, Täler und Berge,
gepeitschte Steppen, ganze
Gebirge kilometerlang,
dann Land, unser sicheres Land –

Sand unter ihren Hufen, zutreten,
sich strecken, sich aufbäumen,
wiehern mit Gischt vor dem Maul als
Kliff- und Strandbrecher heranstürmen –

sieh, wie das Leben in ihren Mähnen schäumt.

18. April 2021 11:03










Björn Kiehne

Kraniche über der Stadt

Da ist nichts, und du weißt das auch,
nur dieser nächtliche Spaziergang
durchs Viertel und dein Name an der
Häuserwand, der abblättert, denn du
weißt es auch.

Nichts als Gespenster, die vor ge-
schlossenen Läden Schlange stehen,
versuchen, sich zu erinnern, wie
es war als ein Einkauf genügte,
um das Ich abzusichern.

Wahrnehmen, Werten, Empfinden, Tun,
Handlungsfäden spinnen, Tuchgarn für
den rosigen Säugling, den blassen
Leichnam, Bindfäden, mit denen du
dich ans Leben knotest.

Da, ein Geräusch am Himmel, ein
atlantisches Gefühl, das anbrandet,
die Knoten löst, in seinen Schaum-
kronen die Gewissheit bringt: Ah!
Kraniche über der Stadt.

23. Januar 2021 11:23










Björn Kiehne

Das einsame Meer

Als wir schliefen
schlugen Wellen
über unsere Laken,
breitete sich das Watt
weit um uns aus,
suchte Wasser Wege
durch den Sand, Queller
erkundete neues Land.

Als wir schliefen
zogen Wildgänse
mit wildem Schrei
nach Norden,
streiften wir träumend
über die Salzwiesen,
bauten uns dort ein
Haus aus Gischt.

Als wir schliefen
entfernten sich
die letzten Inseln,
schwieg der Wind,
malten wir uns an
den Perlmutthimmel –
flüchtige Wolkenbilder
über das einsame Meer.

1. November 2020 16:28










Björn Kiehne

Die Verwaltung der Wolken

Wie ich mich wieder
und wieder verliere
im Verwalten der Zukunft,
der Vergangenheit und dem
bisschen Jetzt dazwischen.

Aber hier, während der
Himmel sich auf die Ebene
legt und Schatten von
den Berghängen fließen,
sammele ich einfach Holz.

In dieser Welt, flüstere ich
mir zu, reicht mir ein Zelt
und sichere die Mittelstange
noch einmal, schlage die Heringe
fester in den steinigen Grund.

Wie gut, zu verwildern,
nutzlos zu werden, die
Verwaltung der Wolken
aufzugeben, auszusteigen
aus dem Rennen um den
ersten Platz am Grab.

Ich mache Feuer, Funken
steigen auf, mischen sich
mit den Sternen, reden
mir gut zu: Wir geben Dich
nicht auf, Du hast noch
ein Herz, Du hast ein Herz.

22. Juli 2020 07:53










Björn Kiehne

Abnehmender Mond

Mehr ist es nicht,
nur Nachrichten aus
der unbewohnten Welt,

die Einsamkeit
der Leuchttürme,
die anstrahlt,
was Gletscher
uns freigeben:

allmähliche Wesen,
Anfänge und Enden,

den abnehmenden Mond
an unseren stillen Stränden.

15. März 2020 15:09










Björn Kiehne

Nanda Devi

Auch das gebe ich bald auf,
keine Angst vor der Stille,
all die verbrauchten Wörter
am Wegrand zurücklassen,
Spazierengehen mit Blick
auf die leuchtenden Berge.

24. Dezember 2019 07:43










Björn Kiehne

Wir hören den Wind

Die Pappel im Hof
rauscht wie das
Meer,
aus dem Himmel tropft
Blau.

Wir sitzen einander
gegenüber,
ich,
ein Archiv
unveröffentlichter
Geschichten,
du,
der Reiseführer
in eine unsichtbare
Stadt.

Wir fragen uns,
wie viele Menschen
wohl jetzt
wie wir
in der Küche sitzen,
den Herbst einsammeln,
in die Fensterbank legen,
sodass das Licht
mit ihm spielen kann

27. September 2019 11:03










 1 2 3 4 5 6 7