Gerald Koll

Das fünfzigste Jahr (13/14)

23. Juni 2015, ein Dienstag

Ist nun Tagebuchschreiben ein Projekt? Nur bilden publizierte Tagebücher wehleidiger Erwerbsuntätiger, die sich mangels anderer Interessenten sehr für sich selbst interessieren, keine Marktnische. Anders natürlich Tagebücher von todgeweihten Größen wie Schlingensief oder Herrndorf: Schreibvermögen Voraussetzung, ein Tumor als Zusatzqualifikation günstig.

Halbherziges Stöbern in Stellenanzeigen. Den Nachmittag verbraten mit einer Bewerbung bei einem Architekturbüro. Die Bewerbung hat nur allergeringste Aussichten und bietet im günstigsten Fall eine Aussicht, die ich nicht mag. Das ist nicht eben das, was die Weisen raten, wenn sie sagen, nur genau das zu tun, was man täte, wenn man wüsste, dass man morgen stürbe.

24. Juni, ein Mittwoch

Um 16 Uhr bei Heilpraktikerin H., Seelenheilerin. Adrette Wohnung, sauber, frisch. Frau H. geht davon aus, dass ich (wie jeder andere auch) Erbe der Konflikte meiner Vorfahren bin und diese auszutragen bzw. zu lösen habe. Frage: Wenn meine Konflikte gleichsam transgenetisch über die Vorfahren zu mir kommen, gäbe es ja – da die Methode doch recht jung sei – unzählige Konflikte aus 20 und mehr Generationen, die sich in mir auftürmen. Frau H.: Nein, es geht selten über die fünfte Generation hinaus. (So haltbar sind sie denn doch nicht.)

Anlass zu Optimismus: Es würde sich in schweren Krisenzeiten ja alles zum Besseren entwickeln. Da sei ich, widerspreche ich, im Zweifel, wenn ich die Motz-Verkäufer in der U-Bahn betrachte. Sagt Frau H: Das würde sie bei mir anders sehen. (Nette Parteinahme, aber die Motz-Verkäufer gehören auch nicht zur H.-Klientel, dafür ist die Sitzung zu teuer.)

Zwischenfall: Eine Spinne seilt sich an der Liege ab. Ich krieche über den Boden, um sie zu erwischen, aber sie ist zu schnell. Irgendwann habe ich sie, aber sie ist sofort derart eingekrümmt, dass ich nicht weiß, ob sie noch lebt. Vorsichtig werfe ich sie aus dem Fenster.

Stichworte unseres Gesprächs: Ausgeschlossensein, Unerwünschtsein, Ziellosigkeit, Überwältigungs-Stau – das letzte Wort lässt Frau H. aufmerken … Anlässlich des Stichworts Überwältigungs-Stau wird der Ursprung dieses Staus ausgemacht, und zwar durch einkreisende, mechanisch und zügig gestellte  Fragen durch Frau H. Ich beantworte sie nicht bewusst, sondern liege lediglich auf der Liege und lasse meine Hände in den Händen von Frau H. Sie hebt diese Hände immerzu hoch, lässt sie gleichsam pendeln und stellt dabei Fragen. Je nachdem, ob meine Zeigefinger am höchsten Punkt nun einander berühren oder nicht berühren, ergibt das eine Antwort. Die Antworten entziehen sich meinem Wissen und Bewusstsein. Die Antworten, so die Theorie, entströmen den Speichern meines Unterbewusstseins.

Eingekreist und ausgemacht in diesem Fragespiel wird meine verstorbene Großmutter E. Sie verstarb Ende der 50er bei einem Auto-Unfall. Großmutter E. also sei zuständig meine geografische Orientierungslosigkeit, denn E. schlingere im Totenreich herum und könne sich seit 60 Jahren nicht dareinfinden, so vom Tode überwältigt worden zu sein. Die Lösung erfolgt, indem ich mich – gedanklich in einen imaginären „heiligen Raum“ begebe, mich mit der mir sonst unbekannten Großmutter E. „verbinde“ und einige Tropfen einspeichle, die Frau H. mit einer Pipette verabreicht. Zum Abschluss geleiten drei Engel – Barachiel, Raphael und E.s persönlicher Schutzengel (wieso jetzt so was apokryphes, wir waren doch immer evangelisch?) Großmutter E. ins Totenreich. Lautlos wiederhole ich soufflierte Sätze von Frau H.: dass E. jetzt gehen dürfe, dass zwar die anderen überlebt hätten und E. allein gehen müsse, dass jetzt aber ihr Mann auf sie warte dummdideldumm. (Nun ja, von den Überlebenden leben nur noch Wenige.)

Wie ich mich fühle, fragt Frau H. Ich empfinde, sage ich, eine gewisse Schräg- bzw. Krummlage, die Frau Hoppe als Bestätigung interpretiert: Dies sei die Korrektur der bisherigen Schräglage, die ich eben bislang irrig als austarierte Lage wahrgenommen hätte. Ganz schön gerissen, meine Frau H.

Rückweg. Besuch beim Baum im Park am Friedrichshain. Ich mach auch wirklich jede Scheiße mit. Dann sehr müde und zu Bett.

19. Juli 2016 14:48










Gerald Koll

Das fünfzigste Jahr (10/11/12)

19. Juni 2015, ein Freitag

Am liebsten würde ich bis zu dem Wunder, auf das ich warte, durchschlafen. Immer dieser zähe Klumpen im Schädel. Um 16 Uhr zur Tortenschlacht zum Babylon-Kino, der Auftakt der Laurel&Hardy-Reihe. Nette Fotos. Dann Aikido.

Kitty hat auch an diesem Tag mein facebook-Winseln nicht beantwortet. Als ich online ging, meldete sie sich ab – ich sah noch gerade den grünen Punkt verlöschen. Mit zierlicher Anmut.

20. Juni, ein Sonnabend

Ich erhielt vom Rechtsanwalt die Abschrift der eingereichten Klage gegen die Zeitung, die mich nach 25 Jahren telefonisch ohne Abfindung entließ. Meine Schreiben von eigener Hand haben sie ignoriert, den Anwalt können sie nicht ignorieren. Auch erbärmlich, wie verächtlich dieses Arbeitsverhältnis endet.

Wieso gelingt es mir eigentlich dauernd, Leute gegen mich aufzubringen? Ich dachte lange, Kitty macht mich rasend. Das ist womöglich umgekehrt. Empirisch betrachtet reagieren lauter Leute auf mich nicht ohne Grund aggressiv. In diesem Alter ADHS?

22. Juni, ein Montag

Mond ging unter, Sonne riss auf. Schon beim Aufwachen muss ich den Kopfhebel bewusst auf Entspannung stellen, damit sich die einbrechenden Existenzsorgen nicht sofort zu einer handfesten Migräne verknoten. Zum anderen aber ist alles nicht unmittelbar existenzbedrohend und die große Sorge irgendwie auch ein Luxusproblem. Die miserable Gemütsverfassung ist auch Tribut an den gesellschaftlichen Anspruch, dass es zu Zeiten der Arbeitslosigkeit nicht gut gehen darf, weil man sonst in Verdacht gerät, ein Schmarotzer und Hallodri zu sein. Schon aus Pflichtgefühl also geht es miserabel. Die Eltern fragen besorgt nach dem Befinden. Obacht, jetzt ist es soweit, jetzt wirst du ihnen peinlich! Das peinliche Berührtsein aber verschieben sie auf meinen erotischen Call-me-Kitty-Fotofilm, den sie selbst „auf gar keinen Fall ansehen“ würden, aber den ihre Enkelin bereits glaubwürdig als peinlich klassifiziert hat.

18. Juli 2016 10:04










Tobias Schoofs

LICHT

die stadt ist ans licht genäht so
heißt es am morgen schält sich

überall form aus dem dunkel die
burg der restauradores marquês
die stadt eine borte genäht ans

gedächtnis ein nächtliches nähen
umnähen zunähen am abend ver
schluckt das dunkel die form die

stadt ist so heißt es ein tägliches
nähen zunähen umnähen nähen

17. Juli 2016 13:52










Gerald Koll

Das fünfzigste Jahr (8/9)

10. Juni 2015, ein Mittwoch

Kitty will mit zum Geburtstag von M. (zumindest will sie nicht absagen), besteht aber darauf, am Sonntag um 15.45 Uhr zurück in Frohnau zu sein und besteht zusätzlich darauf, statt der normalerweise angesetzten drei Stunden mit sechs zu rechnen, damit sie auf keinen Fall zu spät komme. Zudem habe Freundin L. vorgeschlagen, am Sonntag zum Nacktbaden zum Heiligensee zu fahren. Keine so hübsche Aussicht: Ich sehe Kitty nur noch im Kreisrund ihrer Frohnauer Sekte. (…) Es bestehen beste Chancen, dass diese Fahrt in einer Katastrophe endet. (…)

15. Juni, ein Montag

Tja, seltsam. Wir haben uns gar nicht getrennt. Jedenfalls nicht am Donnerstag. Im Moment sieht es allerdings wieder danach aus, und sehr wahrscheinlich handelt es sich auch lediglich um den Verzögerungseffekt des Donnerstags, aber vielleicht der Reihe nach.

(…) am Freitag verlief unser gemeinsames Tortebacken sogar recht hübsch, auch wenn wir keinen Fruchtzucker fanden und fürchten mussten (wie sich herausstellen sollte: mit Recht), dass die Torte nicht schmeckt. Aber egal: Nüsse, Sauerkirschen, Quark usw. und fröhlich gebacken. Miteinander (… ) so satt vor Glück (…) und nette Ankunft in dem seriös-schmucken Weinkeller in H., wo Sangliches und Dichtkunst anhob, auch Gespräch und Scherz, nur scheiterte ich dauernd, Kitty dafür zu erwärmen (…) Kitty (…) wollte im Auto warten, einfach die Zeit im Auto absitzen (…), doch M. kam nun hinzu, bat um Bleiben, und Kitty zeigte Bleibewille, stieg in den Tanzkeller und bot aber nun das Bild einer gänzlich eingekapselten Bewegungsminimalistin im demonstrativen noli me tangere. (…) Ich völlig hilflos (…) Morgens Heimfahrt nach Berlin (…) Dann das Blödeste: H. rief an, der uralte Freund, und ich Esel raunzte ihm am Wasserturm das ganze Desaster zu, als auch schon Kitty anrief und fragte, ob sie dazukommen könne. Worauf wiederum, als man selbdritt im Crêpe Suzette den ersten Cidre glücklich schluckte, H., dieser Hund, das heikle Thema anschnitt und, getrieben von seinem Mediatoren-Ehrgeiz, alles den Bach runterging. (…) Heute morgen aufgewacht mit reißendem Kopfweh. Dann Kittys Satz, dass unsere Beziehung „für’n Arsch“ sei. Nach erstem Zögern beigepflichtet.

Beim Bäcker überlegte Kitty angestrengt, ob ihr nun die Idee einer Beziehung grundsätzlich nicht gefalle, oder ob ihr eine Beziehung mit mir nicht gefalle. Es wurde nun fast heiter, als wir die mathematischen – polygamen, monogamen – Lösungsmöglichkeiten durchspielten. Nur das Ergebnis war nicht so schön. Heute zieht sie zur Probe für drei Tage nach Frohnau.

17. Juli 2016 10:25










Gerald Koll

Das fünfzigste Jahr (6/7)

8. Juni 2015, ein Montag

Zwischenfall beim Aikido-Sesshin am Sonntag. Zusammenprall mit Partner, final gekrönt von seinem gezischelten „Ich schmeiß dich gleich aus dem Fenster, Mann!“ Fluchtartig verließ ich das Dojo, duschte, zog mich um, ging zum Auto, kehrte um (so ein Abgang wäre allzu dumpf), wartete, zitterte, Tränen.

9. Juni, ein Dienstag

Auf dem Polizeirevier, Dienststelle 15, Eberswalder Straße. Wache hält ein rundlicher Polizist, der sich griesgrämig gibt. Ich wolle, gebe ich zart Auskunft, meine Schlüssel abholen, die gestern hier abgegeben worden seien … doch der Amtsträger wischt meine Worte aus der Luft, rudert unwirsch mit den Armen und kommandiert: „Name!“ „Danke für Ihre Freundlichkeit“, entgegne ich artig und benenne mich. Das könne er ja nicht riechen, sagt der Polizist, öffnet, weist an, wo ich zu sitzen habe und verschwindet.

Kehrt zurück. An gespitzten Fingern baumelt das Schlüsselbund, ja, sehr nah lässt er den Bund vor meinem Gesicht pendeln. Aber kaum, dass ich mit „Das ist es!“ danach greife, zieht der raffinierte Mann es auch schon zurück. Den Ausweis! „Na, dann halten Sie mir den Bund doch nicht so hin, wenn Sie ihn gleich wieder zurückziehen!“ Er: Das müsse schließlich mit ordentlichen Dingen zugehen. „Niemand“, pflichte ich kampflustig bei, „hat weniger Interesse als ich, dass Sie Ihre dienstlichen Obliegenheiten vernachlässigen.“ Er kontrolliert fachgerecht, händigt aus und setzt sein Schlusswort: „Und verlieren Sie ihn nicht wieder!“ „Ja, so wollen wir’s halten!“ Verließ ihn vergnügt.

16. Juli 2016 09:34










Gerald Koll

Das fünfzigste Jahr (4/5)

4. Juni 2015, ein Donnerstag

Aktionismus: Aikido-Sesshin am Wochenende buchen. Bewerbungen schreiben. Mit dem Fotoapparat ausziehen, mit der S-Bahn rausfahren, irgendwohin, zum Ostkreuz. Dort eine verfallene Jugendherberge fotografieren. Leider nicht besonders gut. Plansoll-Erfüllung und heimwärts.

5. Juni, ein Freitag

Arbeit und Struktur: Meditation, Bewerbung, Foto-Ausflug. Mal bei Dr. Weiglein vorfühlen, ob eine Reise nach Papua-Neuguinea zu den kannibalistischen Baumhausbewohnern denkbar sei. Nachmittags Tempelhofer Feld, das ja im Moment die große Freiwiese Berlins ist. Die Fotos teilen sehr gut mit, dass ich überhaupt nicht weiß, was ich dort wollte.

Im Zug zurück in die falsche Richtung gestiegen. Schnell raus und gegenüber wieder rein, und da kamen sie auch schon, die getarnten Kontrolleure, kamen auch sehr direkt auf mich zu. Da sagte mein Sitznachbarin sehr forsch: ‚Mich brauchen Sie gar nicht zu fragen, ich habe nämlich keine Fahrkarte, weil der Automat nicht funktionierte.‘ Darauf musste sich der Kontrolleur natürlich erst einmal einlassen, musste gleichzeitig aber auch mich kontrollieren, der ich scheinbar höchst fahrig – weil in meiner emsigen Lektüre aufgestört – meinen ungültigen Fahrschein hochhielt. Und siehe: Es hat funktioniert.

15. Juli 2016 15:19










Gerald Koll

Das fünfzigste Jahr (3)

2. Juni, ein Dienstag

Dass der 2.6.2015 ist, ist mir keine Selbstverständlichkeit. Ich habe kalendarisch die Orientierung verloren. Geografisch nicht. Aber ich bin auch die ganze Zeit zuhause. Außer heute morgen. Da war ich beim Bäcker, beim Kiosk mit Post-Shop und auf dem Spielplatz, um zu lesen. Las und schlief. Das leblose Arbeitslosenleben. Ist man offiziell arbeitslos, verkörpert man einen sozialen Mangelzustand. Ein Mensch, dem ein Arm fehlt, ist immerhin ein Einarmiger. Das ist mehr als ein Keinarmiger. Niemand nennt ihn einen Zweiarmlosen.

So eine Zeit verführt dazu, mit dosierter Selbstironie das Dasein als prekärer Geisteswissenschaftler zu beschreiben. Narzisstisches Klagebuchschreiben und dabei Henscheids „Vollidioten“ lesen. Aber da sind ja auch vertretbarere Pläne: in Nordkorea rumwandern; Baumbewohner auf Papua-Neuguinea besuchen, hin zum Titicacasee oder entlang dem Pacific Crest Trail. Läse sich gut in einer Biografie.

Kitty. Wenn ich sie ansimse, was sie so mache, kommt umgehend „Kuscheln“ zurück. Klar geht das – beim Aufwachen liegt oft ihr Smartphone noch in der Hand.

14. Juli 2016 07:56










Gerald Koll

Das fünfzigste Jahr (2)

1. Juni, ein Montag

Dies ist also nach unzähligen Jahren der erste normale Montag ohne Arbeit, ohne die Filmübersicht, ohne die Ordnung der Papiere, die Anrufe beim Cinemaxx, das Warten auf die Programme und das Erstellen der Einträge. Nicht, dass ich es geliebt hätte. Aber ich habe mich daran gewöhnt. Es gab doch das Gefühl einer bezahlten Arbeit, also eines Wochenbeginns, der leidlich die Woche finanzieren würde. Das ist nun vorbei, da die Seite zum 1.6. eingestellt wurde, wie mir Ressortleiter Bockemühl Ende April telefonisch mitteilte.

Immerhin aufgewacht neben Kitty. Aber kein Sex. Sehr seltsam. Zunächst bekam Kitty ja gar nicht genug davon. Es wurde ja schon lästig. Immerzu Sex. Wie eine Prüfung. Nun, sehr plötzlich, ist dieser Quell versiegt, und Kitty möchte zunächst ihr Vater-Projektions-Problem lösen. Da findet nun seit Wochen, bestimmt zwei Wochen, nun rein gar nichts mehr statt. Erst zu viel, jetzt zu wenig – und das ist untertrieben. Außerdem ist da dieser erklärte „Kuschel-Freund Armin“, der sie dauernd anklingelt und auf dem Kitty besteht, und ich weiß absolut nicht, ob ich vor diesem Herrn irgendeinen Vorsprung habe und wohin das führen soll, wenn nicht in die allersinnloseste Irre.

Schnell die Hausaufgaben erledigen: Reserviert und klargemacht werden soll die anstehende Juni-Wanderung in der Sächsischen Schweiz mit Klemens, die die gescheiterte Mai-Wanderung mit Kitty kompensieren soll. Ochelbaude reservieren, Villa Anna reservieren. Außerdem: Zahnarzttermin, nachdem ich ja die kürzlichen Termine habe sausen lassen, weil der infragestehende Zahn partout schmerzfrei blieb – eben bis ich den Termin platzen ließ. Am 26.5. wäre der Termin gewesen, am 29.5. meldete sich der Zahn zurück. Nun muss ich bis Juli warten, denn vorher sind keine Termine frei.

Holte Kitty also Frühstück, und sehr artig strichen wir die von Doris zum Geburtstag übereignete Erdbeer-Rhabarber-Marmelade auf die frische Schrippe. Dann ein Paket abholen, ein Geburtstagspaket, das der faule Postbote, statt es im Hause abzuliefern, ins Postzentrum in die Schönhauser Allee spediert hat, was doppelt dumm ist, denn der Weg ist weit, und im Paket ist das Parzinger-Buch von Susanne, das ich mir ja auch gewünscht hatte, allerdings ohne zu wissen, dass Rainer mir es auch schenken würde. Nun brauche ich es nicht mehr, aber ich kann’s nicht zurückgehen lassen, denn im Geschenk steckt auch ein Brief von Susanne. Ich hab’s also doppelt. Und es regnet.

Weil es regnet, fahren wir in den Park und stellen uns unter den Baum, die Eiche, die ich ja in der Geburtstagsnacht auf Anraten Frau Hoppes umarmt hatte – als ich das  am Sonnabend Abend Irina erzählte, bog sie sich krumm vor Lachen. Unter der Eiche wich die etwas gereizte Stimmung zwischen Kitty und mir (sie fragt mich andauernd, was ich denke, und meistens denke ich höchstens Gedankensplitter; aber kaum, dass ich sie dann ausplaudere, macht sich Kitty den allerblödesten Reim darauf und versaut die Stimmung), man lehnte sehr schmieglich traulich, man ging sogar noch ein Eis essen, aber dann ging Kitty doch.

Deshalb dann ja auch kleinlaut in die Wohnung, dumme Emails checken und jene Emails, die die normale montägliche Arbeit betreffen, zuckend weglöschen. Dann zu Bette, gegen 13 Uhr. Schlechte Träume: von einem Räucherstäbchen, das abbricht und von dem ich argwöhne, es werde das Bett entzünden.

13. Juli 2016 13:23










Thorsten Krämer

Ein Sommerabend:
das Aufflattern der Motten
aus dem Biomüll.

13. Juli 2016 11:11










Gerald Koll

Das fünfzigste Jahr (1)

29. Mai 2015, ein Freitag.

In einigermaßen gedämpfter Stimmung startete ich in diesen Geburtstag, obwohl ich immerhin neben Kitty erwachte. Aber was sollte er bringen in dieser allzu dummen Zeit, in der soeben die Einnahmequelle versiegte, die Zukunft offen bis leer, die Projekte ohne Zahl (nämlich null) und die Wohnsituation nur leidlich (Fortsetzung der Untermiete) gelöst ist? Nichts ist vorbereitet, keine Party, keine Einladung.

Kitty sagte: Lass uns laufen. Also gingen wir laufen. Ein guter Start, obwohl wir ja den Baum, den wir – eine dringende Empfehlung Frau Hoppes bei der vortägigen Sitzung bei Behandlung nach kinesiologischer und familienaufstellungstechnischer Methode – zu Mitternacht gemeinsam sehr inniglich und lange umarmt hatten, partout nicht wiederfinden wollten. Wohl eine halbe Stunde irrten wir dort im Volkspark Friedrichshain umher, bis wir ihn doch noch fanden, eine Eiche – einen Zweig nahm ich mir gleich mit nach Hause.

Dort wieder angelangt, zogen wir zum Frühstück aus, in die „Bekarei“, diese ja sehr lustige portugiesische Lokalität mit ihren nussigen und eiigen Gebäcken. Mittags also entschieden, doch noch ein Dutzend zu einem Picknick in den Park am Weinbergplatz einzuladen. Aber dann …

Kitty ihrerseits ging backen, denn mein Wunsch, die Fassbinder-Ausstellung aufzusuchen, war nun allzuweit von ihren Interessen entfernt. Also allein zum Gropius-Bau. Geradezu hindurchgerannt, denn nur eine Stunde war Zeit, um anschließend zu einer Lesung zu kommen. Im Schnelldurchlauf war klar: Vieles interessiert mich nicht, schon gar nicht die Fassbinder-Impulse im Werk der Nachgeborenen. Aber die Manuskriptseiten von eigener Hand, die Tonbandprotokolle für „Berlin Alexanderplatz“ (78 Stunden am Stück eingesprochen!), die Monitorwand mit dem früh gealterten – ja eher unappetitlichen Rossbärtigen -, dazu die frühen Bewerbungsschreiben beim dffb, seine Lederjacke, sein Breitner-Trikot, die Set-Fotos, all das warf mich doch sehr zurück in die längst verblichen geglaubte Faszination für diesen Energiemenschen, diesen unbedingten Mann.

Dann aber los zur Lesung des Herrn Jang, eines Nordkoreaners, der einstmals Hofpoet und wichtiger Mann im Propagandaministerium des Geliebten Führers war, bis er immer näher an diesen Geliebten Führer kam, sogar mit ihm die Gläser klingen ließ und dabei aber merkte, dass zwischen hochtoupierter Frisur und Plateausohlen ein sehr kleiner, ein sehr flacher Mensch übrig blieb, der Subjekt mit Prädikat verwechselte und gar nicht so charismatisch war, wie es die Doktrin vorschrieb. Da floh Herr Jang über einen Fluss und sah, dass in Südkorea die Vögel freier zwitscherten und der Himmel blauer war. Ob er, aus Nordkoreas Sicht ein Verräter, denn nun in Gefahr sei, wollte ich wissen. Er habe durch Südkorea Personenschutz, ließ mich Herr Jang wissen.

Fraglich, ob es gut ist, in ein Land zu reisen, dessen emotionale Kraft und Psyche darauf geeicht ist, entweder zu bewundern (den Geliebten Führer) oder zu hassen (den westlichen Gast). Wie soll da Begegnung funktionieren, nur weil man selbst die Ideologie außen vor lässt?

Dann also in den Park, bestückt mit vier Flaschen Sekt. Dort zunächst allein. Mit Rainer telefoniert, dessen Gratulation nach einigen Informationen über die letzten Ereignisse eher zu einer Kondolation wurde. Etwas traurig in den Himmel geschaut. Dann Ablenkung: Jascha und Luis waren schon da. Dazu kam Lucile. Später Klemens. Sektlaune. Sehr aufgeräumt. Ich als Zeitzeuge, der Fahrt aufnahm, um über Fassbinder und Schlingensief auszukünftlen. Was da alles hoch kam! Meine Zeiten mit Schlingensief, diesem Menschen zwischen Genie, Herz, Provokation. Sekt regt ja entschieden an. Regen schien zu kommen, kam aber nicht. Nur einige Tropfen. Man holte Döner. Man aß und spaßte sehr unverdrossen in die Dunkelheit hinein. Und dort, im Dunkel, bewegte sich ein Kerzenschein. Mein Verdacht – Das musste Kitty sein – erwies sich als richtig. Flankiert von Diesem und Jenem bahnte sie sich ihren Weg durch den Park, hin zu uns, zu mir, mit einer entzückenden Mandarinentorte, verziert mit Grün und Fußballtoren und Fußballspielern. Dazu ein Plakat mit ihrem legendären Hintern. Dazu einen silbrigen Abguss ihrer Büste! Wie nett das alles war, bis wir uns sehr glücklich gegen Mitternacht voneinander, und Kitty & ich gingen nach Hause, schliefen bald.

Einziger Nachteil: Irgendwann meldete sich unten rechts ein Zahnweh. Dort, wo er sich die ganze Zeit, als der Termin bevorstand, nicht gemeldet hatte. Jetzt ist der Termin verstrichen, und der Zahnweh ist wieder da. Hält sich zudem irgendwie bis zum Zeitpunkt der Niederschrift (30.5.2015, 20 Uhr), und das ist nun ein wirklich unfassbarer psychosomatischer Unfug. Aber sei’s drum.

12. Juli 2016 11:40










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